Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Victor von Scheffel: Episteln - Kapitel 28
Quellenangabe
typeletter
authorVictor von Scheffel
titleEpisteln
editorJohannes Proelss
correctorreuters@abc.de
senderh.guhl@stafag.ch
created20080105
Schließen

Navigation:

6. Castell Toblino.

»Es war an einem heissen Sommernachmittage,« würde eine Novelle im alten Stil beginnen, »als zwei junge Männer in einem einfachen einspännigen Fuhrwesen auf staubiger Heerstrasse in die Gebirge einfuhren, die sich zu beiden Seiten des wilden Sarcatales als letzte Ausläufer südtirolischer Alpen der lombardischen Ebene entgegenstrecken. Der Sommernachmittag war noch fortdauernd heiss, als die Strasse, die Sarca zur Linken lassend, an einen See führte, der in massigem Umfang die Breite des Tales ausfüllte. Aus diesem See stieg auf felsig emporragendem Terrain, das durch schmale Landzunge mit der Strasse verbunden ist, ein wohlerhaltenes Castell mit Turm und hochaufgebautem vielstockwerkigem Wohnhaus sonnenbeschienen empor zu den fahlen oder mit spärlichem, ewigem Grün bewachsenen Bergwänden, die sich senkrecht über ihm emportürmten, einen pittoresken Seevordergrund bildend. Der unterste Bergabhang war von einer reichbebauten Vignenanlage mit Maulbeerbäumen und Oliven ausgefüllt, ein halb Dutzend schwarzgrüner alter Cypressen hob sich als finstere Zierrat aus dem freundlichen Grün des Gartens. Die zwei jungen Männer bogen mit ihrem Fuhrwesen von der Strasse ab und fuhren auf der Landzunge längs schilfbewachsenen Seeufers dem Castell entgegen.

Eine mit Zinnen und Schiessscharten wohlversehene Ringmauer umschloss den Burgfrieden; ein offener, nicht allzuhoher Torbogen gestattete die Einfahrt.

Das Fuhrwerk hielt im Hofe. Auf den Zügen der Neuangekommenen drückte sich eine ungewisse gespannte Erwartung aus. »Werden wir hier das gewünschte Obdach und Gelegenheit erfrischender Villeggiatur finden? Wer wird der Herr und Meister dieses mittelalterlichen Anwesens sein? Ein alter Landedelmann, der mit vorsündflutlicher Verachtung auf landfahrend fremdes Volk niederschaut? Eine junge Witwe? Ein mit Welschkorn und Olivenöl grosse Geschäfte machender possidente, wie sie in diesen Regionen so häufig vorkommen und in ihren kurzen Camisolen und abgebrannten Kostümen eine so eigentümliche Mitte zwischen galantuomo und Strolch darzustellen wissen? ... »Chi lo sa!«

»Wir wollen rekognoscieren!« sprach der eine der beiden.

Und sie schritten den schiefrigen Felspfad empor und standen bald vor dem Portal des Castells. Verblichene Malerei eines Wappens war unter einem einfachen Erker sichtbar. Ein finsterer Gang führte ins Innere der Behausung; alte, rauchgebräunte Säulen, denen als Fussboden der unzugehauene, verwitterte Felsboden diente, standen als Träger einer geschwärzten russigen Halle vor einem offenen inneren Hofe; an der einen Wand eine rissige römische Inschrift eingemauert, an der andern Reste von Arabesken und freskogemaltem heraldischem Getier, eine luftige leichte Loggia, von zierlichen toskanischen Säulchen und Rundbogenstellungen überbaut, zog sich um das zweite Stockwerk ... ein Stück blauer Himmel schaute sparsam auf den dunkeln Geviertraum.

Und die jungen Männer sprangen fröhlich die breite Treppe hinauf, denn solch ein Gebäu schien lediglich für sie und mit Beziehung auf sie in den grünen See hineingestellt ... und sie stiessen einander an und sprachen: »die Sache macht sich!«

In der Loggia oben sass allerhand fremdartig aussehendes Volk, und ein neugierig schmuckes Frauenantlitz schaute ihnen entgegen. »Dove il padrone di casa!« fragten sie, und man wies sie in einen hohen, luftigen Saal, zu dessen Fenstern glänzte der See in tiefgrüner Farbe herein, am einfachen Tisch waren Messinstrumente gelagert und tranken etliche vorüberstreifende Geometer ihren Wein, und bei ihnen ging, die Hände auf den Rücken gekreuzt, im weissen, hausväterlichen Negligéekittel der Alte, von dem unser Schicksal für die nächsten Wochen abhängen sollte. Der Alte hatte ein dunkel gefärbtes Antlitz, das weniger von südlicher Sonne gebräunt als von südlichem Wein gerötet schien ... halb Schlauheit und halb Wohlwollen lag auf seinen Zügen ... um den Mund aber ein Vertrauen erweckendes Schmunzeln.

Die zwei jungen Männer nahmen eine prüfende Position ein und bestellten einen Trunk vino santo, den man ihnen als der Gegend preiswürdigstes Erzeugnis gepriesen. Wie aber der vino santo mit seinem goldbraunen Feuer ihre Lippen erwärmt, da waren sie im Innern eins, dass hier nur im Fall evidentester Unmöglichkeit an einen Rückzug zu denken sei – und eröffneten dem Alten ihr Begehr und Absicht der Einlagerung. Und Giacomo Sommadossi der Alte musterte sie mit einem sachverständigen Blicke und sprach das grosse Wort »hm! hm?!« und ging mit rückwärtsgefalteten Händen und grossen Schritten im Saal auf und nieder.

Da glaubte einer der beiden, ihm noch nähere Aufklärung über Zweck und Art ihres Lebens geben zu müssen und sagte: »wenn auch keine forestieri hier beherbergt zu werden pflegen, wir werden keine Störung ins Haus machen, siamo artisti ...«

»Pittori?« sprach Sommadossi der Alte, »ah! hm?!« es klang sehr bedenklich. Er fand nicht für gut, einen Bescheid zu erteilen und wandelte hinaus in die Loggia.

Es trat eine lange Pause ein; die beiden jungen Männer hatten ihren vino santo getrunken, der Vetturin kam herauf um nachzusehen, ob er das Gepäck zu bringen habe, da ging der eine wieder auf Suchung des padrone. Er stand in einem Eckfenster und schaute in den See.

»Ebben, Signor padrone, come sta la nostra combinazione?«

»Un caso singulare,« sprach Sommadossi der Alte.

»Singulare ... perchè?«

»Figliuole in casa ... donne giovinette in casa!« sprach er, »e pittori?!« Sommadossi der Alte schien seine eigenen Ansichten über den Fall zu haben, da Maler und junge Mädchen unter ein und demselben Dach zu leben kommen ... Aber wie noch ein grosser Sturm auf sein zweifelndes Gemüt gemacht und erklärt war, dass deutsche Maler und Jünglinge überhaupt die brävsten Leute der Welt seien und keinem Kind, geschweige einem im Castell Toblino wohnenden Mägdlein das geringste Leid zuzufügen imstande ... da erweichte des Alten Herz und er sprach »vedremmo!« – Nach fünf Minuten sahen die jungen Männer, dass in einem grossen Zimmer neben erwähntem Saal eine Anzahl Kisten mit gelber roher Seide, die herumhing, verpackt und geschlossen wurden ... nach zehn Minuten stand ihr Gepäck und sonstige fahrende Habe in diesem grossen Zimmer, und sie waren Bewohner des Castell Toblino.

»In pochi giorni saremmo come figli di casa,« sprach des Abends einer der beiden zu Sommadossi dem Alten.

»Ringrazio!« sprach er schmunzelnd. – Ringrazio kann in diesem Fall bedeuten 1) ich danke für das Kompliment. 2) ich danke dafür! – In welcher Bedeutung Sommadossi der Alte es nahm, war nicht zu ermitteln.

 << Kapitel 27  Kapitel 29 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.