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Victor von Scheffel: Episteln - Kapitel 27
Quellenangabe
typeletter
authorVictor von Scheffel
titleEpisteln
editorJohannes Proelss
correctorreuters@abc.de
senderh.guhl@stafag.ch
created20080105
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5. Von beginnender Wiedergenesung und von Ponal.

Im bairischen Gebirg bei Lermoos ward mir's seiner Zeit zu teil, fünf Knechte zu Mittag essen zu sehen, und ich lachte über die Schnelligkeit, mit der sie ihre riesenhaften Schüsseln getilgt hatten, ohne die drüber hingebeugten Häupter zu erheben. Wenn die fünf Knechte mich über dem späten Mittagsmahl in Riva erblickt, sie hätten Grund gehabt, mir das Lachen heimzubezahlen. Monate lang im Cholerahalbsold gefastet ... und jetzt, der bösen Atmosphäre entronnen, bei einströmender gesunder Seeluft, reichliche Gelegenheit, einzuhauen ... Die Mahlzeit von Riva hätte mich in Venedig drei Tage lang ernährt.

Und wie wir des andern Morgens mit dem Haussohn des Giardino in stattlichem Kahn hinausruderten in die wundersam blaue Flut, da kam's über uns, als hätten wir einen langen bösen Traum geträumt und kämen itzt erst nach Italien, und wir warfen uns in die läuternde Woge und plätscherten angesichts der schauerlich hohen, schöngezackten Berge und der mit wahrhafter Frechheit in die schwindelnde Höhe hineingebauten Felsstrasse mit fischhaftem Behagen umher. Und die Sonne war so warm und die Ufer so unnahbar und die Kultur so fern, dass wir, wieder eingestiegen ins Schiff, gar keine Anstalten machten, unsere Toilette auf das Niveau europäischer Verhältnisse zurückzuführen. Und fuhren von dannen, ich im Hemd, Unterhosen und Stiefeln, der Meister Anselm lediglich im Hemd, der Haussohn des Giardino aber, wie ihn die Natur erschaffen. Und wiewohl er noch ein gar junger, tölpelhafter 17jähriger filius familias war, so waren doch schon gewisse Entwicklungen sehr stark und hausknechtsmässig an ihm vor sich gegangen, also dass es eines kolossalen Feigenblatts bedurft hätte, ihn für einen Antikensaal zu kostümieren. Da wir jedoch der Ansicht waren, dass ihm als Landeseingeborenem zukommen müsse zu wissen, wie weit das Minimum an Gewandung bei einer Fahrt auf dem Garda herabgestimmt werden dürfe, so unterliessen wir, ihm Bemerkungen über die Gesetze des Anstands zu machen, und liessen ihn in seiner grande tenue gewähren. Und wie sich in Italien so vieles von selbst macht, ohne dass es planmässig vorgesehen wird, so ruderten wir, statt nach Haufe, vorwärts längs dem felsumdämmten Ufer. An einem kleinen gestrüppbewachsenen Abhang stand ein behauener Stein wie ein Meilenzeiger. Weil nirgendwo Gelegenheit eines Weges ersichtlich, befragte ich, was der Stein bedeute. – »Von dort an,« sprach der nackte Haussohn und deutete südwärts, »darf man Singvögel fangen und totschiessen, bis hieher ist's streng verboten.«

»Warum das?« fragte ich weiter. »Weil hier die Grenze zwischen Deutschland und Italien ist,« sprach er. Ich dachte an das Schicksal so manches deutschen Poeten, und fand es sonderbar, dass man es hierlands als Kennzeichen Deutschlands betrachte, dass auf deutschem Boden die Singvögel nicht gefangen werden dürfen ...

»Wir wollen noch bis zum Ponal fahren,« sprach der Jüngling von Riva und ruderte mit Macht ins italienische Seegebiet. Der Ponal ist eine verlassene Uferstation, wo einst die Männer aus dem Ledrotal ihre Schiffe in kleiner Höhlenbucht anlegten und ihre Bergpfade hinaufklommen, eh die neue Strasse gezogen ward ... jetzt steht das Haus und die Schiffslände verlassen, die Mauern in Trümmern, üppiges Strauchwerk und Feigenbäume wuchern drüber, enges Tal gleich einer Kluft spaltet die senkrecht himmelanstürmenden Kalksteinwände, ein Bergstrom braust hervor und stürzt, von braunen Felsen überdämmt, in schäumendem Wasserfall in den See.

Und ohne an weiteres zu denken, sprang ich aus der Barke und stieg hinauf in das wildgewaltige Schauspiel der Natur, und beugte mich hinab, den Wassersturz zu erschauen, da stand ein Regenbogen, wie ihn die Göttin Iris mir einst in sonniger Jugend am Fall des Velino beim ersten italischen Pilgerzug schimmernd aufgebaut, und alles glänzte im tauigen Flimmer schief einfallender Sonnenstrahlen ... dieweil ich drunten jubelndes Geschrei der Gefährten hörte, die mit der Barke einlaufen wollten in den tosenden Kessel des Falles und vergeblich mit kräftigem Ruderschlag ankämpften wider die entgegen brausende Flut.

Aber ein klagender Aufschrei weiblicher Stimme schreckte mich aus meiner schweigenden Freude auf; hoch oben auf selten beschrittenem Saumpfad ward, getragen von sicherem Maultier, ein gewürfeltes Damengewand sichtbar und ein breitrandiger Florentiner Strohhut ... andere Maultiere, andere Gestalten, noch ein Schrei und ein dritter, und alles wandte sich und verschwand. Ich schaute empor und schaute zum See und beschaute mich selber ... eine furchtbare Ahnung stieg in mir auf; die Ahnung ward zur Gewissheit; ich mass das Terrain mit sicherem Blicke – der Ponal steht in Murrays rotem Buch – von oben haben sie heruntergeschaut – ein Mann fröhlich in Unterhosen und Stiefeln an den Trümmern des Stationshauses – in See haben sie geschaut, da kommt die Barke aus dem Felsenkessel hervor, ein Mann im blossen Hemd sitzt auf der Ruderbank ... die Barke gewinnt das Freie, der Jüngling aus dem Giardino blank wie ein Meergott am Steuer ... Unglückselige Tochter Albions, was magst du an jenem Tage in dein Tagbuch eingetragen haben?! Unglückselige Tochter Albions, ich begreife die drei Schreie. –

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