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Victor von Scheffel: Episteln - Kapitel 24
Quellenangabe
typeletter
authorVictor von Scheffel
titleEpisteln
editorJohannes Proelss
correctorreuters@abc.de
senderh.guhl@stafag.ch
created20080105
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2. Von der letzten in Venedig zugebrachten Nacht.

Und alles war gepackt und besorgt, wie solches bei eines Junggesellen fahrender Habe nur allzuschnell vollendet zu sein pflegt; und blieb mir von niemand Abschied zu nehmen übrig, denn wiewohl die Venetianerinnen mit einer eindruckmachenden Schönheit begabt sind, war mir doch nicht zu teil geworden, in dem Spinngeweb meergrüner Blicke als armes Mücklein gefangen zu werden, so dass die Losreissung Mühe und Thränen gekostet. An diesem lieblosen Zustand in Venetia war aber niemand schuld als ich selber, denn wer mit ungewichsten Schuhen über den Marcusplatz ins abendliche Gewimmel schreitet anstatt mit gefirnissten Stiefeln, wer sein schlichtblondes Haar unadonisiert über die Schläfe hangen lässt und schweigend drein schaut, anstatt die Gaben des Friseurs mit denen des Schöpfers an seinem Haupt zu vereinen, wer endlich die Stunden der Nacht lieber bei einem Glas cyprischen Weines sitzt, als in einer Loge des Theater Fenice, der muss sich's gefallen lassen, wenn Venedigs Töchter mit mitleidiger Fächerbewegung an ihm vorüberstreifen. Die grosse Signora Antonini aber, die einmal einen starken Anflug nahm, es lieb und gut mit ihm zu meinen, hatte ein leises Schnurrbärtlein ... und soll überhaupt hier von jener am Ufer der Schiavoni bestandenen Tentation nicht weiter die Rede sein.

Darum schritt ich mit gleichmässigem Herzschlag im leeren Saal des palazzo Canal auf und nieder, und war niemand, der mein Herz rührte beim Fortgehen, als die breiten Schildkröten, die getreulich die Einsamkeit der Region San Barnaba mit mir geteilt. »Wie vergänglich ist alles Irdische,« sprach ich zu ihnen – »kaum 3 Wochen, dass Ihr der niederen Behausung entrückt seid, in der Luigi Perisotti, der Stiefelwichser und Schildkrötenhändler und Kuppler, Euch schnöden Gewinns halber erzog, kaum 3 Wochen, dass Ihr in diesen Saal versetzt wurdet, wo einst venetianische Nobili auf dem mosaikgezierten Fussboden wandelten und jetzt ein deutscher Meister lobesamer Kunst seine Zeit zwischen Nichtstun und Tabakrauchen harmonisch einteilte. Welche Welt von Gefühlen mag in Euch aufgestiegen sein, da er zum erstenmal Euch pfeifend den grünen Salat als Atzung in Euren Winkel brachte, da er mit zartem Strohhalm Euch unter dem Krokodilhals kitzelte und Euch Euer langsam sich vorstreckendes Antlitz im Krystallspiegel von Murano zur Selbstbeschauung vorhielt – und was habt Ihr geträumt, da Euch das schlanke Menschenbild liebevoll in seine Rocktaschen steckte und mit Euch spazieren ging durch die hohen Gemächer?!

Die Zeiten neigen sich ihrem Ende zu ... und morgen vielleicht schon kommt der Tag, da die böse padrona, die längst einen Groll auf Euch brave tartarugen hegt, Euch ergreift und hinausschleudert in die stinkende Flut des canalazzo, wo in finstern Löchern die scheusslichen Spinnen und Krebse hausen und Strassenjungen den Fischfang treiben.

Aber wähnet nicht, dass ich undankbar sei wie Bacchos, da er die Ariadne heimlich verliess auf Naxos. Mein Weg geht nordwärts ... dort welkt alles, was im Süden lustig aufwächst, und wie Fernows schöne Angiolina in Weimar würdet auch Ihr sagen, wenn ich Euch hinübertrüge, über die Alpen: »es ist so dunkel und so kalt hier!« Glück und Unglück, es muss nebeneinander sein. Das Fatum schütze Euch! Addio Skindlödra, Skindâsa addio!«

Die beiden Schildkröten krochen wehmütig und schweigend wie immer ihren wälzenden Gang um mich herum und ihrem Winkel zu ... ich habe sie nie wiedergesehen.

Wie ein Nachtwandler kam indes in weisses Linnen gehüllt der Signor Hugo durch die Vorhalle geschritten. »Könnet Ihr auch nicht schlafen?« frug er. »Nein.« »Dann wollen wir die letzte Nacht zusammen verplaudern.« – Der Signor Hugo war ein deutscher Architekt, der neben uns wohnte; er lebte so still, dass wir erst in der dritten Woche nach dem Einzug entdeckt hatten, dass er vorhanden, und in der vierten, dass er ein Deutscher! Er war bei der Preisbewerbung um die gotische Votivkirche in Wien durchgefallen und seitdem leidenschaftlicher architektonischer Theoretiker und Kritiker geworden. Er wohnte in einem freskogeschmückten Saal – an der Wand war Horatius Cocles gemalt, wie hinter ihm die marmorne Tiberbrücke mit Holzäxten abgehauen wird, und Ähnliches ... des Tags über lag er auf seinem Sopha und schrieb Bemerkungen über die Philosophie der Baukunst in sein Tagbuch, die ihm dereinst viel gute Freunde und Gönner erwerben werden, wenn sie gedruckt sind. Er hatte die Gewohnheit, diese Bemerkungen regelmässig am Abend ihrer Entstehung seinen Bekannten vorzulesen, ohne dazu aufgefordert zu sein.

Daher hatte ich gegründete Besorgnis, des Signor Hugo nächtliches Wandeln bezwecke, uns noch schleunigst von einigen neuen Ideen über den Baustil der Zukunft in Kenntnis zu setzen! Aber es war in jenen Tagen so heiss gewesen, dass er selbst das Philosophieren unterlassen hatte.

Und wir richteten ein grosses Matratzenlager in einem unsern Säle und erzählten uns Geschichten. Und die eine Geschichte des Signor Hugo, wie er als Bauaufseher auf des Baron Sina Zuckerfabrik bei Raab unter die ungarische Nationalgarde gekommen, den Feldzug mitgemacht und, als Spion gefangen, vors Kriegsgericht gestellt, von den Magyaren nach der Schlacht bei Acs wieder befreit, wie er dann in die deutsche Heimat zurückgerufen von Wien nach Prag gefahren, im Elbedampfschiff, das ungarische Kostüm tragend, zu Dresden am Abend des 5. Mai 1849 ankam und dort, ohne zu wissen warum, noch die Dresdener Revolution mitgeniessen musste ... diese Geschichte war ein so vortreffliches Stück von Abenteuern eines Friedfertigen, dass ich mir vorbehalte, sie in spätern Tagen einmal des Nähern zu erzählen, auf dass man ersehen möge, was alles einem Untertan des Ministers Hassenpflug und Kf. hess. Baupraktikanten passieren kann.

Aber es wurde noch unendlich mehr erzählt, und war mir auffallend, dieselbe Erscheinung zu beobachten, die mich bei den Märchen von 1001 Nacht wie bei Boccaccios Novellen schon zum Nachdenken veranlasst ... dass nämlich im Lauf des Erzählens die Geschichten immer saftiger und der Tabak immer stärker wird. Und wurde mit zunehmender Schwüle und Schnakenbedrängnis ein so klingender Glockenton angeschlagen, dass alles, was in den Archiven des Engeren zu Heidelberg über verwandte Fächer aufbewahrt liegt, zu puritanischem Choralgesang zusammenschrumpft, was ich seiner Zeit mit einer Geschichte von einem Kutscher, der sich bei seinem Herrn wieder einschmeicheln wollte und a. m. darzutun mich getraue ... Ob nun diese Wendung in der Tonweise des Erzählens, die ganz organisch und sozusagen von selbst eintrat, mit demselben Gesetz zusammenhängt, was auch der Völkerentwicklung zu Grund liegt, dass nämlich vor dem Ende notwendig der Verfall kommen muss ... darüber ward ich nicht klar! – Item, auch diese venetianische Nacht ging glücklich herum, und wie ich eben die Erzählung vom Bankier Hohenemser und der Überreichung des Kreditbriefs in seiner Einfahrt beendet, war die Sonne schon aufgegangen, und ein Mann im blauweissgestreiften Kittel war leise heraufgekommen, und weil er glaubte, wir schliefen, stampfte er in der Vorhalle dreimal mit dem Fuss aufs Pflaster, uns zu wecken, und sprach: »Signori, è tempo!«

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