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Victor von Scheffel: Episteln - Kapitel 23
Quellenangabe
typeletter
authorVictor von Scheffel
titleEpisteln
editorJohannes Proelss
correctorreuters@abc.de
senderh.guhl@stafag.ch
created20080105
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Gedenkbuch über stattgehabte Einlagerung auf Castell Toblino im Tridentinischen.

Juli und August 1855.

1. Von der Stadt Venetia und Gründen, dieselbe zu verlassen.

Sofern der Mensch nur Inhaber einer Seele wäre, die aus Betrachtung der Denkmale alter Zeit und Vertiefung in preiswürdiges Kunstwerk vorhergegangener Meister ihre beste Nahrung schöpft, so wäre es schwierig, Gründe dafür zu erdenken, dass einer, der nicht muss, der ehrenwerten Stadt des heiligen Marcus mit Wohlbehagen den Rücken zuwenden kann. Denn so mannigfalt Grosses auch anderwärts in weiter Welt zu finden ist, etwas Schöneres und Absonderlicheres wüsst' ich doch nicht aufzuzählen, als einen mondscheinumglänzten nächtlichen Gang durch die Säulenhallen des Marcusplatzes, wenn der seltsam verzieratete Dom mit seinen Rundbogen und Kuppeln und Säulenbündeln und Mosaiken wie ein Traum des Orients emporragt, die langen Kolonnaden des Dogenpalastes mit ihrem einfach-schweren Oberbau sich hinausstrecken bis zu dem marmorgemauerten Ufer der Lagune, wo der geflügelte Löwe und Sanct Theodor mit dem Drachen auf ihren einsam stolzen Säulen Hinausschauen in den Silberflimmer des Mondes auf dunkelnder Salzflut, und wenn der grelle Schimmer moderner Gaslaternen auf dass Gewoge spazierenwandelnder Venetianerinnen fällt, die mit ihren blassen, grünfahl leuchtenden Wangen und dem herzversengenden breiten Blick einherschreiten wie Töchter des Meeres. Und in solchen Momenten – oder bei abendlicher Gondelfahrt durch den canal grande, wenn die üppigen Gestalten, wie sie Tizian und Paul Veronese dereinst gemalt, lebendig in Fleisch und Blut und mit hörbarem Schäkern auf den melancholischen forestiere niederschauen – oder bei stillem Gang durch das Labyrinth von Mosaik und Marmorschätzen, die die heilige Marcuskirche in ihrem Innern birgt, – oder bei luftigem Hinausrudern nach einer der Laguneninsel, die gleich silbergefasstem Edelgestein sich emporheben aus dem barkendurchwimmelten schimmernden Gewässer – in solchen Momenten wär' es ein Verrat an der ewigen Schönheit, sich auf die Zeit zu freuen, wo all diese Pracht in fernem Nebel rückwärts eines davonreisenden Mannes verschwindet.

Aber sofern es die Natur geordnet, dass der Mensch auch Inhaber eines sündigen Leibes, als dessen Hauptbeschäftigung die Naturgeschichte in guter Schulzeit die Funktionierung der fünf Sinne, Sehen, Hören, Riechen, Schmecken und Fühlen angiebt ... und sofern der konkrete Inhaber eines solchen Leibs ein Deutscher, und die Zeit, wo er dessen Funktionen ausüben soll, der Monat Juli, so mag es doch zutreffen, dass auch in Venedig sich eine Stimmung in ihm festsetzt, die ihren Ausdruck nur in dem bekannten Ruf: »Naus! und nix wie naus!« finden kann. Denn was zu viel ist, ist zu viel!

Und was wir in dieser Sommerhitze zu Venedig erleben mussten, war zu viel. Die Cholera war als ein schwarzer Würgengel eingezogen und fügte ihre Schrecknisse zu den Bedrängungen der heissen Jahreszeit. Und was ein Tag venetianischen Lebens inklusive der Nacht an leiblichen Annehmlichkeiten dem Menschen gewährt, mag aus folgender fragmentarischer Schilderung entnommen werden:

»Item am 12. Juli morgens nach schlafloser Nacht müd und schweren Hauptes aufgestanden. Vom palazzo Canal längs des stagnierenden Lagunenwassers in einer Schwefelwasserstoff- und stickstoffdurchschwängerten Atmosphäre zum traghetto des campo San Barnaba gewandelt, um in der Gondel nach dem Marcusplatz zu fahren. Unterwegs einer Frau begegnet, die jammernd nach einem Arzt für ihren erkrankten Mann lief. Am traghetto mit dem Gondolier wegen Fahrpreises einen gröblichen Wortwechsel bestanden, der Veranlassung war, trotzig zu Fuss nach San Marcus zu gehen. In dem engen Gewinkel zwischen San Barnaba und der eisernen Brücke über den canal grande eine solche Fülle verschiedener pestilenzialischer Wohlgerüche bestanden, dass ich eine Orange einkaufen musste, um die Nase zuzuhalten. In der calle della misericordia der schmale Durchpass durch eine Gruppe sich laufender Damen gesperrt, denen ein Fischer von Burano etliche Körbe halbverwester Meerfische zu billigen Preisen feilbot.

»Im Café Mendel am Marcusplatz von der schönen Frau Mendel mit der Nachricht empfangen, dass gestern die Magd an der Cholera erkrankt. Um dem Geist anderweite Ideen zuzuführen, Gespräch mit einem österreichischen Leutnant angefangen, der erzählt, dass heute nacht ein Piket Soldaten, die in der Giudecca im feuchten Gras geschlafen, sämtlich die Cholera bekommen. Dem auszuweichen, nach dem Giornale di Venetia gegriffen, um nach telegraphischen Depeschen zu sehen. Statt dieser auf die Rubrik gestossen: Bolletino del cholera. Casi nuovi 36, morti 20, guariti 6 u. f. w. ... Hierauf ärgerlich von dannen gegangen, um in der Münsterschen Buchhandlung etwas Neues zu lesen zu holen. Auf gut Glück ein Buch mitgenommen, betitelt: »Aus Venedig. Vom Verfasser des Naëmann.« Beim Fortgehen darin geblättert und schon auf dem Marcusplatz die Entdeckung gemacht, dass der Verfasser ein Basler Pietist. Sofort zurückgetragen. Einen Spaziergang ans Ufer der Schiavoni gemacht und mit Befremden wahrgenommen, dass das triestiner Dampfboot, was sonst regelmässig leer, heute über hundert Passagiere bringt. Nachricht, dass in Triest die Cholera so wütend ausgebrochen, dass man Hals über Kopf von dannen fliehe. Einer Prozession verschleierter Frauen und barfuss gehender Kinder mit Wachskerzen begegnet, Abwendung der Krankheit bezweckend. Schweissgebadet wieder zu Haus angelangt und wegen schwüler Sonnenglut etliche Stunden tatlos auf dem Sopha verträumt. Abends im vapore das vorschriftsgemässe diätetische Mahl, bestehend in Reis und einem Fragment Kalbfleisch, nebst einem Minimum von Rotwein eingenommen. Nach dessen Genuss die seit etlicher Zeit sich regelmässig einstellende Übligkeit verspürt und ein Knurren im Magen, als hätt' ich ein Buch von Oskar v. Redwitz verschluckt.

»Eine Gondelfahrt an Strand des adriatischen Meeres gemacht, um im Seebad Erquickung zu suchen. Angekommen am Lido keine Badeanstalt mehr getroffen und vom marinaro in Kenntnis gesetzt, dass die Sanitätsbehörde alles Baden für gefährlich erklärt. Die ganze Luft mit elektricitätsschwangern Sciroccowolken gefüllt, draus ein blaues, dunstiges Wetterleuchten unheimlich hervorblitzt. Verstimmt heimgefahren. Wegen unartikulierten Gesangs in der Nachbarschaft, wo zum hundertsten Mal der venetianische Refrain andar in gondola per respirar ... misstönig misshandelt wird, und wegen Knistern des statt einer Matratze untergeschobenen Laubsackes Unmöglichkeit zu schlafen. Die Nacht mit Rauchen eines Rattenschwanzes gekürzt. Erst lang nach Mitternacht Versuch einzuschlummern ... Schauerlicher Traum – am Eck des inneren Zirkels in Karlsruhe dem Ministerialrat F. begegnet, der in wohlklingendem Italienisch sprach: »felicissima notte!« und sofort aufgewacht, von den leissummenden Schnaken, die in Venedig »zanzale« heissen, durchstochen, dass Schulter und Arm aussehen als wären sie dem aussätzigen Lazarus entlehnt.

Betrachtungen über die Unterschiede von Idealem und Realem, angeknüpft an frühere Vorstellung von »venetianischen Nächten«.

... Und wer in wiederkehrender Reihe der Tage solches fortwährend erdulden muss, dem wird alle byzantinische Kunst und alle Handschriften der Marcusbibliothek und alle Malerei der Venetianischen Meister und alle Poesie und Prosa des genialen Strolchen Pietro Aretino, mit dem ich dazumal des Näheren beschäftigt war, gänzlich gleichgültig und er denkt, seinen Bündel zu schnüren. Und wiederum eines Morgens schaute ich mich im Spiegel an, da war mein Antlitz hohläugig und eingefallen und blassgrün, und zuckte ein ganz fremdartig böser Zug um die Backenknochen. Da ging ich schleunigst hinunter und nahm eine Gondel und fuhr auf die Polizei, deren Beamte mit einer rühmenswerten Artigkeit fremde Männer behandeln, und forderte meinen Pass. Dieweil aber meine Studien mannigfach auf den alten Tizian zielten und es mich sehr gefördert hätte, einen Augenschein seiner Heimat in den cadorischen Alpen zu gewinnen, die ich so oft in duftiger Ferne abendlich jenseits der Insel Murano begrüsst, liess ich als Ziel der Fahrt »Pieve di Cadore« drauf schreiben und ging mich zu rüsten.

Und wie ich von Dr. Richetti Abschied nehmen wollte, sprach er: »Pieve di Cadore? Dort ist die Cholera viel heftiger als hier, in Belluno sind ganze Strassen ausgestorben – was fällt Ihnen ein?« Da ward mir's zumute wie dem Kaiser Maximilian, als er den venetianischen Gesandten zurief, jetzt könnten sie mit ihrer ganzen Republik ihm u. s. w. und ich ging als ein ratloser Mann nach meinem palazzo und wusste nicht, wohin mich wenden. Und in solchen Zuständen körperlicher Abspannung wird auch der Geist versimpelt und träg und ist keines Entschlusses mehr fähig und dem Verwelken nah. Der Weg nach Rom auch durch Cholera versperrt, Padua, Verona u. s. w. nicht minder choleratisch, Triest desgleichen, östlich das adriatische Meer, und der Zweck meiner Reise: »Vergnügen«;

– es war, um einen Salat von Akanthusblättern und Disteln zum Frühstück zu verzehren. Aber wenn ein Feldzug in Oberitalien misslingt, bleibt immer noch der Rückzug ins Tirol offen, und wie ein Stern in der Nacht stieg ein Bild vor meinen Augen auf, das ich in flüchtigem Vorbeifahren einst erschaut – – da waren riesige Bergwände und ein stiller tiefgrüner See und ein altersgraues Schloss, auf schmaler Landzunge dem Gewässer entsteigend ... und langsam vermischte sich alle Sehnsucht nach schlafgesegneten Nächten und guter Luft mit dem Bild jenes Schlosses.

»Sie sind noch hier?« fragte mich mein Reisegefährte, der treffliche Meister Anselmus.

»Ja wohl,« sagte ich, »ich geh' nicht nach Cadore, sondern nach Castell Toblino.«

»Castell Toblino? Aber wissen Sie auch, wer dort haust, ob der Mensch dort wohnen kann, was dort los ist?«

»Nein,« sagte ich.

»Ich gehe mit,« sprach er. Denn es war auch für ihn die höchste Zeit, den schnakenstichbesäeten Leichnam dem tückischen Lagunennest zu entrücken; und wiewohl ihn die tizianische Assunta mächtig fesselte, beschloss er, der Akademie der Schönen Kunst Valet zu sagen, – und dass wir vom Ziel unserer Fahrt nichts Näheres wussten, war ein Grund mehr, schleunigst hinzugehen.

Also liessen wir die Pässe nach Riva am Gardasee visieren.

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