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Victor von Scheffel: Episteln - Kapitel 20
Quellenangabe
typeletter
authorVictor von Scheffel
titleEpisteln
editorJohannes Proelss
correctorreuters@abc.de
senderh.guhl@stafag.ch
created20080105
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Roma, den 6. January 1853.

Anderweyter Bericht des Doctoris Scheffel, wie derselbige umb Weyhnachtszeyt in das Sabinergebirg gewandert, item mit eyn paar guten Gesellen hoch oben in Olevano eyne Neujahrsfeier celebrieret, item nach diverser Fahrt und Abenteuer die Stadt Tivoli beaugenscheinigt hat.

Als das seltsamlich Jahr 1852 sich zu seinem Untergang neigete, geschah es, dass zu Rom im Facchino etzliche deutsche Biedermänner beim Vespertrunk sassen. Der Wein, so der brave Antonio ihnen vorsetzte, war von eyner neuen Qualität und hiess vino di Martha, aus der Region vom monte Fiascone, und schmeckte lieblich als wie Sirenensang und erste Lieb; dazu verzehrten sie eyne mortadella, so ungefähr dem germanischen Schwartenmagen gleichzustellen ist.

Und wurden allerhand Klagen und motivierte Beschwerden über die Stadt Rom laut, als z. B. dass die Besichtigung der unendlich vielen antiquitates, Kirchen und Bilder den Menschen müd mache als wie eyn Lasttier, item, dass die Franzosen eyn sehr strenge Polizeistund kommandiereten, massen man schon zwey Stund nach Ave Maria unchristlicherweis' in dieser Adventszeyt aus den Osterien vertrieben werd, item dass auch das Aufsuchen eynes guten Getränks vor den Thoren mit viel Beschwerlichkeyt verbunden sey, massen uns neulich bei der Heimkehr von ponte molle die porta del popolo vor der Nasen zugeschlossen ward, und wann ich nit aus gelehrten studiis über die römischen Stadtmauern und diverse Belagerungen aus der Gotenzeyt eyn Schleichweg an der Thybris und eyn schwache Stell der Befestigung gekannt hätt, durch die eyn nächtlich eynsteigen ermöglicht ward, so hätten wir selbige Nacht vor Rom können liegen bleiben wie unser frommer Landsmann Totilas; item dass der schlecht Scirocco Husten verursache, – und dergleichen mehr. Und wiewohlen auf den Neujahrsabend eyn grosse Festivität im Verein der deutschen Maler angesagt war, allwo zierliche Darstellungen von Gruppen und Schildereyen, so man lebende Bilder benamst, veranstaltet, auch in üblicher Weise eyn solennes Symposium abgehalten werden sollte, wobei eyn jeder conviva in eyner toga und mit eynem Eppichkranz auf dem Haupt erscheint: so wurden doch etzliche eyns, um diese Zeyt aus Rom auszuziehen und auf dem rauhen Sabinergebirg sich frischer Luft, eynes unverfälschten Weines und freundlicher Menschen zu erfreuen. Und wird eyne nähere Beschreibung der Männer, so diesen Beschluss fassten, unten nachgetragen werden.

Mir selber aber war mein Sinn und untadlig Gemüt schon lang gen Olevano gerichtet, und war ich auch wohl ganz eynsam wieder zu meinen sabinischen Freundinnen hinausgewandert, denn so weit ich auch seithero in welschen Landen umhergefahren, so hab ich doch nirgends eyn fürtrefflichere Herberg gefunden als auf selbigem Felskamm in der casa Baldi, wo der Mensch wie aus eynem Adlerhorst hinausschaut gen der Kampagne von Valmontone, und nach den Hügeln von Paliano und den hoch getürmten, fernen Bergen der Volsker und den vulkanischen Albaner Rücken, und hob dort im Monat Oktobris bei der dicken Regina schier die besten Tag und die besten Gedanken gehabt – also dass nit viel gefehlet, so war damals die poësia wieder über mich gekommen, so ich schon lang verabschiedet hab.

Derohalb hatt ich auch heim Abschied, wie wir mit dem alten Sang: »Muss i denn, muss i denn zum Städtele naus?« den olivenbeschatteten Felsweg zum letztenmal hinunterstiegen, derselbigen Regina hoch und ernst versprochen, dass ich auf Neujahr mich wiederum bei ihr eynstellen werd; und es hätt somit bei mir der schlechten Kost und Atzung von Rom nit bedurft, um mich von der »weltschuttführenden« Thybris südwärts zu lenken.

Also stand am Morgen des 28. Dezembris eyn wohlgerüsteter vetturino auf dem barberinischen Platz, wo der steinerne Triton das Wasser durch seine Meermuschel bläst, und zwar nit der ordinare Vetturin Raganelli von Genazzano, denn diesen schlechten Cujon, der uns im Oktobris wie die Häring in eyne Tonne eingepackt, hatten wir selbesmal schwer offendieret, dieweil, als er die übliche buona mano forderte, sämtliche acht Passagier eynen Kreis um ihn formiereten, eynen Ringeltanz anhuben und dazu das keltische Lied: »Ha – Ha'm – Ha'mmer dich emol, an bei'm verrissenen Kamisol, du schlechter Kerl!« ohnablässig und mit unzweydeutigen Gesten absangen, also dass er trinkgeldlos und sehr fluchend abzog.

War diesmal der »grosse Rotbart« – il gran Barbarossa der padron der Lohnkutsche. Die vier deutschen Männer aber, so mit diesem Barbarossa gen Palestrina verakkordiert hatten und eynstiegen, waren: Herr Wilhelm Heydt, ein Doctor der Gottesgelahrsamkeit und Repetent am Stift zu Tübingen – und ist damit genug gesagt. Ist dieser zur Zeyt der eynzig Vertreter des schwäbischen Stamms in Rom, – zwar nit aus Böblingen, aber aus Markgröningen, eyn fester, ehrenwerter und schwerfälliger Herr, so Italien also gründlich bereist, als wär jede Stadt eyn paragraphus in eynem compendio und wörtlich auswendig zu lernen, – und steigt derselbe in Rom, bis an die Kravatte zugeknöpft, und mit eynem grossen Rohrstock, den ihm bereits im Fuchsensemester eyn Kollega verehrt hat, so ernsthaft eynher, als ging er aus eynem philosophischen Kollegio in die Eyfferthei zu Tübingen zum Braunbier. Hat aber viel Kenntnis von alten und mittelalten Dingen – und sind ihm die preussischen Theologi »scheisslich zuwider« – was auch eyn gute Eigenschaft ist.

Der zweyt war Herr Andrée aus Frankfurt, so weiland beim Kollektivknab in Weinheim zum Mensch herangebildet worden – und war derselbig nach allerhand fatis eyn Maler geworden und mit eynem kecken und leichtfertig salisch-ripuarischen Wesen begabt, so der Bücherweisheyt schnurgerad entgegenstrebt. Hatte deshalb auch der schwäbisch Magister viel Unrecht von ihm zu leiden. Derselbig Andrée war erst kurz in Welschland – fresco, wie man zu sagen pflegt – und hatt derohalb noch mannigfach unklare Begriff von Land und Leuten, und war sein Hauptstreben, eynmal »tief in die Abruzzen« hineynzuschauen – denn alle Berg hinter Rom hiess er Abruzzen, wiewohl ihn Meister Heydt mannigfach zu belehren suchte, wo die Sabiner, und wo die Aequer und Hernici und die rauhen Volsker gehauset.

Der dritt war mein junger Landsmann Klose, eyn stiller, sinniger Landschaftsmaler, so schier eyn halb Jahr in Olevano gelegen und Berg und Wald fein abgeschrieben hat, ohne jedoch des Landweins und Saltarelltanzens zu verachten.

Der viert war ich selber; und hatt wieder meinen grauen Schlapphut aufgesetzt und meinen steineichernen Malerspiess zu Händen genommen, und war mir – wiewohlen mich in Rom schon mancherlei Melancholey beschlichen – wieder so wohl und frisch ums Herz, wie immer, wann ich hinauszieh in die weite Welt.

Item so fuhren wir an der lateranischen Kirch vorbei und zur alten porta maggiore hinaus, wo der Bäcker Marcus Vergilius Eurysaces durch seyn plumpes, zunftstolzes Grabdenkmal auf die Fachwelt übergegangen ist, – und waren sofort in der öden Campagna. Von der Campagna hab ich eyn andermal zu berichten, wann ich auf ernstere Ding zu reden komm, denn dies weit Stück Land, so durch vulkanische Kräft dem Meer abgezwungen ward, mit seinen Cannafeldern, Rissen, Schwefelseen, mit seinen Tuff-Felsen und ohnzähligen alten Trümmerstücken, heidnischen Gräbern und labyrintisch unterirdischen Katakomben ist mir schier grossartiger wie die ganz Stadt Rom – und hab deshalb, zu Tag- und auch zu Nachtzeyt schon manchen festen Gang hinaus gemacht. Diesmal war nit viel zu schauen – als etwannen das Mausoleum der heiligen Helena in eyner Vigne draussen – und hernachmals eyn von basaltigen Felsen umschlossener, alter und längst pensionierter Krater, so, nachdem er ausser vulkanischen Dienst gekommen, auch eynmal als See Karriere gemacht, und hiess damals lacus Regillus und war an ihm, als die Römer noch mehr Strauchdieb und Heckenreuter als Weltherrscher waren, eyne Bataille mit ihren Gebirgsnachbarn, worüber indes eyn sicherer Niebuhr des Näheren nachgelesen werden kann.

Elf Miglien von Rom, wo die letzten Ausläufer des Albanergebirgs zur Ebene niedersteigen, steht eyn eynsam Wirtshaus, la Colonna, wo ich früher einmal eyne Gesellschaft »Gestalten« mit Flinten angetroffen, mit denen ich keine Prisen Tabak zusammen hätt schnupfen mögen.

In selben »Haidekrug« fielen wir diesmal eyn; und war eyne charaktervolle Spelunke, also dass, wenn ich nit schon an Tor di Metze via an der appischen Strass und in eyner Kneipe zu Marino, wo noch eyn umgestülpter Heuwagen, dessen Fuhrmann die Zech nit zahlen konnt, in der Stuben pfandrechtlich aufgepflanzt war, noch Absonderliches erschaut hatt, ich sie schon eynem näheren Beschrieb unterziehen möcht; denn da eyne solche Stuben zugleich der Durchgang zum Stall ist, und da Hühner und Katzen und grosse Hund eynträchtig mit den Menschenkindern darin hausen, auch Bank und Stuhlwerk eynes primitiven Zustands sich erfreuen, so sind hier allerhand kulturgeschichtliche contemplationes anzustellen. Das Frühstück bestand aus eynem Hammelbraten und Büffelkäs, und die Unbekanntheyt des Meister Andrée mit Italienischen Genüssen bewirkte, dass er zum Nachtisch zwey Bündel Lauch oder Sellerie bestellte, so allerdings vom Campagnolen roh aufgezehret wird, für eynen germanischen Magen aber nit wohl passt, abgesehen von der symbolischen Bedeutung dieser schätzenswerten Pflanz in der italienischen Blumensprach, – denn so eynem die Wirtin eyn solch Sträusslein kredenzt, so heisst das so viel, als was die Gräfin in dem schönen Volkslied zum jungen Zimmermann gesungen – und hat sie deshalb eynen bösen italienischen Zunamen, den ich hier nit hersetzen kann. Wurde übrigens unserem Frankfurter Gefährten hierüber eyne naturgeschichtlich und allegorisch durchgreifende Belehrung erteilt und demselben, da er aus Hartnäckigkeit diese vegetabilische Atzung verschlang, ascetische Grundsätz eingeprägt, auf dass sich in Palestrina kein conflictus erhebe.

In dieser Bergstadt Palestrina nämlich ist kein Gasthaus, – kommen auch nit viel Reisende hin – sondern ist Brauch, dass, so man dorten eynreitet, man eynen der honoratiores um Gastfreundschaft anspricht, so dann anständig vergütet werden muss. Und bin ich aus früheren Fahrten bereits dort bekannt worden und hab im Hause Nino des capellaro oder Hutmachers eyn Unterschlupf gefunden und wusste, dass es zur Erhaltung von gutem Imbiss und Trank sehr förderlich ist, so man sowohl der alten, geizigen capellara als ihrem schönen Töchterlein mit feinen und schmeichelnden Redeweysen begegnet; – dürft aber gefährlich sein, die Grenzlinie eynes Gastfreunds bei besagter Tochter zu überschreiten, massen das Haus eyne Schar autochthonischer Hutmachergesellen beherbergt, und man nit nur rauhe Bergweg hinabgeworfen, sondern auch schwqarz und blau gefärbt werden könnt.

Item, so zogen wir des Abends in Praeneste eyn – und ist eyne merkwürdige Stadt, von der schon Hannibal und Pyrrhus gen Rom hinübergeschaut haben, ob sich's wohl packen liess oder nit. Und trotz des ungeheuren Tempels der Fortuna ist des Unglückes eyn reiches Füllhorn über dies Nest ausgeschüttet worden, seit die Kerntruppen des Marius mit samt den Bürgersleuten dort von den Syllanern zusammengehauen wurden – und ist Palestrina immer auf der Oppositionsseit gegen Rom gestanden und hat sich weder von den Päpsten noch vom Cola Rienzi kommandieren lassen, weshalb es aber auch mit Feuer und Schwert ruiniert worden, und sind die Palestriner wilde und trotzige Leut, so noch an ihren alten Geschichten nagen – und wie ich im vorigen Herbst dort mit den Hutmachersleuten am Herd gesessen, haben sie mir gar böse Sachen erzählt von alter Treu zu ihren Herren, den Colonnas, und wie der Kardinal Vitelleschi gekommen und ihnen schlecht gelohnt, und vom grausamen Papst Bonifacius, und wussten auch noch, wie selbiger zu Anagni von französischem Stahlhandschuh eyne schwere Ohrfeige erhalten, worüber sie gar kein Kummer oder Beileid trugen, – stellte sich auch heraus, dass die Palestriner zu Garibaldis Zeiten eyn sehr unpäpstlich Wesen getrieben.

Im bekannten Hause, wo der rote Kardinalshut von Blech für uns der Wirtsschild war, fanden wir auch diesmal gute Herberg, wiewohl in Winterszeyt keine fremden Zugvögel dort streichen – und die alt Capellara war nit daheim, also dass ich mit leichter Müh der Tochter ans Herz legen konnt, uns eyne gute cena zu bereiten; ging dieselb auch über die Strass zu eyner Freundin, deren sposo der Vogeljagd mit Erfolg oblag; und brachte acht grosse Drosseln als Auszeichnung für die fremden Gastfreunde. Wie aber kaum die insalata auf dem Tisch stand, kam das Eheweib Nino des Capellars nach Hause und trug sich an diesem Tag mit eynem grossen Schmerz, massen vor Jahren unter diesem Datum ihr Sohn gestorben; und hielt ich derohalb eynen weichen und frommen Zuspruch, als wenn ich selber hätt eynen Feldwebel begraben helfen; – allein die alt Capellara vergass darob die Sorg für das zeytliche Gut so wenig, dass ich trotz aller Salbung nit nur keine bessere Qualität Weines erlangen konnt, sondern auch das tragische Geschick erlebte, dass die Capellara, als ihre Tochter die 8 gebratenen Drosseln, das Zentrum der ganzen Mahlzeyt, aus der Küch bringen wollt, selbiger unter unklaren, im Dialekt gesprochenen Worten die Platt abnahm und 4 der Vögel auf die Seit praktizierte, – was den doctorem Heydt zu der ethnographischen Bemerkung veranlasste, dass in Bezug auf Drosseln bei den sabinischen Bergbewohnern das Prinzip des »Selberfresso« das der patriarchalischen Gastfreundschaft verdrängt zu haben scheine. – Item, so übte Meister Andrée an dem Tübinger Doktor noch eyne Bosheit aus, massen er unter dem Prätext des Losziehens über die Schlafgemächer demselben den kürzesten Halm zuschusterte, also dass selbiger eyn schlimmes, kaltes Dachkämmerlein beziehen musst, dieweil wir in eyn grosses, ausgemaltes Gemach zu liegen kamen.

Des andern Tages schritten wir frisch marschierend weiter, gen Cari und Genazzano. Zu Genazzano haben die Colonnas Schloss und Herrschaft, und muss eyn keck ritterlich Geschlecht gewesen sein, und steht der hohe Palazzo mit seiner Loggien-Reihe und Säulenhalle, Hof und Waffenplatz und eynem Park mit stolzen Steineichen als tüchtig monumentum vergangener Zeyten da; sind auch an Kirch und Rathaus und anderweit Gebäu viel reich verzierte Spitzbogen, so man sonst in Mittelitalien nit sieht, und ist anzunehmen, dass der Widerstreit derer Colonna gegen päpstlich und ander Autorität sogar in ihre architectura eyn Weg gefunden. Führte uns aber mein brav Landsmännlein durch allerhand eng Berggassen in eyn Gebäuw, so ein grossen Lorbeerbusch ausgesteckt hatte – und sassen dort mannigfalt sabinische Trinker ums Ofenfeuer und grüsseten uns freundlich, massen unser junger Genoss dort in Sommerszeyt mit eynem Holländer manche Fogliette mit ihnen ausgestochen und im Morraspiel auch verloren hatte. Der Wirt aber steckte eyn Dutzend salsiccie an den Spiess und briet sie am Kaminfeuer, und waren diese Genazzaner Würstlein so schmackhaft, als wären sie zu Nürnberg in dem blauen Glöcklein oder zu Ulm im schwarzen Ochsen angefertigt, – und nötigten uns insgesamt eyne Hochachtung ab, an die wir die notitia knüpften, dass dieses territorium der Colonna nit nur in seiner Architektur, sondern auch in seinen Würsten eynen ghibellinisch-germanischen Geschmack habe.

Zogen sodann gemach fürbass, und war uns die Sonn schier beschwerlich, und nach drey Stunden waren wir den steilen Bergrücken, so Olevano trägt, in allerhand Windung und Kreuzweg, durch Vignen und Olivenwälder hinangeklommen; und wie wir oben an die fontana vor dem Städtlein kommen, so war die dick Regina und die klein Lala zufallshalber dorthin spazierengegangen, und auf einmal erhebt sich eyn scharf Rufen: Sir Giuseppe! Sir Guglielmo, – und kommt unser freundliche, dicke Wirtin, schier wie eyne Windsbraut daher gesprungen, und war des Händedrückens und Begrüssens kein End – und drohte mir schier eyne Umarmung; – und oben auf der casa Baldi stund die dienende Magd Geltrude und rief ihr sabinisches; »-' rella mi!« herab – und hängten sich die zwey Frauenzimmer uns an Arm, und wurden wir als wie in eynem Triumphzug am Städtlein vorbeigeführt, dieweil dies eyn grosse Ehr war, dass die amici forestieri in so ungewohnter Zeyt aus Rom, wo der Papst wohnt und alle Herrlichkeyten der Erd beisammen sind, in das verlassen Nest herausgezogen waren. – Und wie wir oben in der casa Baldi unsern Eynzug hielten, da war noch alles, wie wir's verlassen; da kam der Hund Joly und die schwarzgefleckte Rondina und sprangen wedelnd an uns hinauf, da hing noch das Bild des Kardinals Borghese und der schwarzäugigen Signoras, die hier eynst Villegiatur gehalten, – da stund noch der Amor mit der zerbrochenen Nase und die wurmstichigen Prachtsessel aus guter Zopfzeyt – und wie wir beim Mahl sassen, da kam auch er geritten auf seinem somaro – er, der Düsseldorfer Landschafter Sir Giulio, dem die Wechsel ausgeblieben, und der statt römischer Studien seit fünf Monaten oben festsitzt, als fressendes Unterpfand, und noch kein schief Gesicht von den Leuten gesehen hat; – und war er an diesem Tag nach dem Berg Serrone geritten, um sich das seltene Vergnügen zu machen, mit eynem kultivierten Menschen wieder eynmal zu plaudern, und hatte den arciprete von Roiate besucht und war nit übel erstaunt ob seiner Landsleut.

Und kamen sofort unsere ragazzini, die uns im Herbst so oft die Mappe getragen und die Mahlzeyt auf die Felsen der Serpentara und in die Schlucht von San Quirico gebracht, und die wir scherzweise unsere »Sklaven« hiessen, und machten ihre Aufwartung; und holte die Regina ihr grosses Tamburin aus der Küche und schlug die schellenklingenden Töne des saltarello, die auch dem germanischen Menschen seltsam elektrisch in die Knochen ziehen, und wurden wir all in den Wirbel des Tanzes gezogen, und auch der zugeknöpfte Repetent von Tübingen ward von der »Kêr und vom schwarzen Verhangnus« ergriffen und drehte sich – aber in strenger, pastoralisch langsamer Würde, als wie der Planet Uranus, der 84 Jahr zu seinem Sonnenkreislauf braucht, um die braune Geltrud – und Meister Andrée zog sich eynen Schurz an und hüpfte wie eyn verrucktes Irrlicht um die sabinischen Damen, die ihn ob seines frankfurtischen Wesens für mezzo matto erkläreten – und dann wechselten sie die Art des Tanzens und huben den sospiro d'amore an, und wie eyn Höllenrichter sass wiederum der Gastfreund von Markgröningen auf dem alten Lehnstuhl des Kardinals, während ihn das welsche Kind Lala in schlangenhaften Sprüngen lachend umkreiste, und auch unser Landesfreund, der caprar von Olevano, war den Berg heraufgekommen und renkte seine Füsse in antiker Tanzform; und so mir eyn Wunsch ans Schicksal freigestanden, so hätt in instanti sub no. 20317 mein Collega Schachleiter im Bureaufrack von zwey Engeln aus Bruchsal entführt und auf unsern Berggipfel getragen werden müssen, – und auch er wär dem Kirkezauber des Tamburins nicht entgangen und hätt eynen saltarellum getanzt, wie ihn die sabinische Erde seit den Schöpfungstagen nicht erschaute.

Item am letzten Tag des alten Jahres ritten unser schwäbischer und unser Frankfurter Genoss auf steinigen Bergpfaden hinüber ins Thal des Anio gen Subiaco, wo die zwei Benediktinerklöster Santa Scholastica und San Benedetto wundersamlich von ihren Felsen in die Schluchten des Anio herunterschauen, – und hatten wir anderen, die bereits sattsam dort oben herumgestiegen, dem Gelehrten von Tübingen sehr eyngeschärfet, seinem Begleiter die Stell gehörig zu demonstrieren, wo Sanct Benedictus die grosse tentatio carnalis ausgehalten und zur Abwehr gen schlimme Teufelsgedanken sich nackten Leibes in Distel und Dornen gestürzet, die in späteren Zeyten Sanct Franciscus in dienstfreundschaftlicher, frommer Erinnerung zu Rosen umwandelte, deren eyn jegliches Blatt die Schlange der Versuchung eyngepräget hat; und brachten uns dieselbigen auch als Wahrzeichen ihrer Pilgerfahrt eynen Rosenstrauss mit, von dem ich eyn schlangengezeichnetes Blatt zur sachdienlichen Nachahmung des Beispiels Sanct Benedicti, so eyner meiner Heydelberger Freund im Wildbad oder anderwärts von gleicher tentatio heimgesucht werden sollt, beilege.

Wir selber suchten jenes Tages viel altbekannte schöne Plätz auf und schauten vergnüglich ins weite Land, und wie wir in die Vigne des Belvedere, so gen Paliano zu gelegen ist, eintraten, so war der padrone dort, – und der Bauersmann ist allerwärts gastfreundlich, wann eyn fremd Menschenkind seinen Grund und Boden betreten hat; also sprach er: favorisca! und führete uns in seinen Keller, wo auf behauenen Steinplatten, die er von eyner alten Römerstrasse ausgeführt, mannhafte Fässer lagen, stülpte seinen Spitzhut eynwärts, stach eyn Fass neuen Weines kunstgerecht an – und kredenzte uns eynen Frühtrunk, so mir sehr eynleuchtete; dabei setzte er uns wehmütig die vielen metamorphoses auseynander, die der sabinisch Landwein zu erdulden hat, bis er in Rom auf den Wirtstischen wieder zum Vorschein kommt, wie der carettiere, so ihn auf dem zweyrädrigen Ochsencaretto abführt, die Brunnen an der Heerstrass nit unbenutzt lässet, um das, was er mit dem Cannarohr aus dem Spundloch unterwegens herausgezogen, wieder zu supplieren; wie dann der gross Weinkäufer in Rom ihm die solenne Wassertauf erteilet, als wenn er eyn Heid wär, – und wie des Bleyzuckers und Schnapses mannigfalt dem Sohn der Provinz zugekuppelt wird; und ist mir schier die Frag aufgestiegen, ob unser gepriesene Kultur und Kirch und Staat auf den Menschen nit auch eynwirken, wie die carettieri und osti auf den Sabinerwein – hab aber solche dem braven vignerol nit zur Beantwortung vorgelegt.

Item, wie wir des Abends bei warmer Kohlenpfanne im Saal sitzen, kommen unsere zwey subiacentischen Männer auf ihren Eseln mitten hereyngeritten, und wurde mit ihnen, beritten wie sie waren, unter Vortragung des Kohlenbeckens und Tamburinschall eyn solenner Umzug um den grossen Tisch gehalten; und wie die erst Ausruhung und Atzung vorüber war, entspann sich eyne gelinde, aber ausdauernde Trinkung, und brachte die preiswürdige Regina eyne schwere Pfann vino caldo, dessen Zubereitung, so früher in diesen Regionen unbekannt war, sie vor langen Jahren der alte Meister Willers von Oldenburg kunstreich gelehret.

Und zog eyne heitere Stimmung in unsere Gemüter, wie sie sich ziemt, wann germanische, des Trinkens kundige Männer auf eynem fernen welschen Berggipfel beisammen sitzen, und wurde im Lauf verschiedentlichen Diskurses eyne Vergleichung angestellet, ob der gross Haufen deutscher Genossen, so heut im palazzo Simonetti zu Rom den letzten Abend des Jahres erschlüg, sich grösserer Kurzweil zu freuen hab. Und weil selbige an kunstfertig gestellten lebenden Bildern sich zu ergötzen beschlossen hatten, entstand allhier die Proposition, desgleichen zu tun. Also ward der Saal geräumet, aus grossen Tischen eyne Schaubühne errichtet, das ganz Kleidwerk derer Weibspersonen aus Schränk und Kasten unbarmherzigerweis beigeschleppet, item von Bettdecken, Vorhängen eyn starker Vorrat, auch der Lorbeer- und Olivenbäum vor dem Haus viel Gezweiges abgerissen; – und übernahmen der Düsseldorfer Maler, der jung Meister Klose und der Tübinger Repetent die erst Darstellung. Wir andern aber setzten uns hinaus in die Küchen ans warme Kohlenfeuer des Herds und schwatzten mancherlei, und war eyn schwer Ding, die sabinischen Frauenzimmer zu belehren, dass wir nit samt und sonders übergeschnappt seyen, massen sie von so tollem apparatus und der ganzen Bedeutung solchen Bildwesens sich keine klare idea formieren konnten.

Und nach eyner Viertelstund wurden wir in Saal gerufen, da stand auf hohem Tisch, als wie aus parischem Marmor gehauen, der Böblinger Magister und schaute regungslos nach der Decke und krampfte in seiner Faust eyn schlangenartig Gewind, so aus sabinischen Schärpen und Kopftüchern geflochten war, und rechts und links suchten sich in gebückter Stellung die zwey Genossen der Schlangen zu entledigen, – und lag eyn antiker Schmerz über der ganzen Gruppe, wiewohlen die Wirtin Regina ihr judicium aestheticum in den schlimmen Worten aussprach: ma che brutta cosa? Und hatten wir zwey andern erst eyn stummes Ansehen, bis die Erschütterung des innern Lachens mächtig herausplatzte, und erklärte ich sofort dem Frauenzimmer, dass dies der alt Laocoon sey, der arciprete von Troja – nit zu verwechseln mit dem arciprete von Roiate – und dass damals die Schlangen noch grösser gewesen, wie hier, wo sie auch schon zu sechs Fuss Länge anwachsen, und diesen Laocoontem samt seinen zwey Söhnen aufgezehret, weil er die Götter gekränket, – und konnt nit fortfahren in der Erklärung vor Übermass des Lachens, dieweil jedwede Betrachtung ergab, dass die zwey Maler, so sich jetzt als Söhne im Schlangenkampf wanden, den Vater Laocoon scheusslich ausstaffieret hatten, – hatten ihm nämlich das rot Mieder der Regina über den schwarzen Leibrock als wie eynen Panzer geschnürt und aus schwerem Leintuch eyn lang nach hinten abfallenden Priestermantel formiert, item trotz der germanischen, schwarzen Hosen eyn Gewind von Lorbeer und Ölzweig um seine Hüften gelegt, – und so stand er trotz Mieder und Lorbeer in der Brandung des Gelächters starr und schmerzlich und verzog keine Miene.

Ille simul manibus tendit divellere nodos
perfusus sanie vittas atroque veneno.Er nun ringet zugleich mit den Händen, die Knoten zu lösen,
Ganz durchströmt an der Binde von Eiter und schwärzlichem Gifte. (Vergil, Aeneis II, 220-221)

bis dass er unter Darreichung eynes Schluckes Glühwein herabgezogen ward in Kreis der tollen Trojaner.

Item, so schickten der Meister Andrée und ich den Laocoon mit samt seinen Söhnen in die Küchen und formiereten eyne zweyte Gruppe, so auch der Plastik des Altertums entnommen war, den Amorem und die Psychen, – und mag auch eyn heiter Werk gewesen sein, massen der Amor Bruchstücke vom Gewand des olevaneser Ziegenhirten und die Psyche eynen landesüblichen Unterrock trug.

Item pro tertio kamen wieder die Ersten an die Reihen, und zu Beurkundung des studii neuer Meister ahmten sie das Bild des Meisters Riedel nach, so unter dem Namen »die napoletanisch Fischerfamilie« männiglich bekannt ist. Und war wiederum eyn herzschneidend anmutiger Blick, wie die zwey losen Maler den Vater Laocoon umgewandelt hatten, denn itzund sass er als italienisch Fischerweib am Strand, mit farbigem Kopftuch und Schurz, und hatten ihm das gypserne Engelsbild mit der zerbrochenen Nasen, so von altersher die Stuben ziert, als Säugling an die Brust gelegt, und schaute nun mit unverrücktem Mutterblick auf selbes herunter, dieweil sich vorn der lang Lazzaroni reckte und das Tamburin schlug, – und unsere Hausdamen erklärten die Darstellung für molto bella, vermeinten aber, es sey die Grossmutter, so ihren Enkel hielt, und nit die säugende Mama.

Pro quarto ward noch der alt Belisarius aufgeführet, so seinen jungen, erstorbenen Führer auf den Schultern träget; war aber die Mitternachtsstund nah herangerücket und der Scherz zu Ende, dieweil um solche Zeit eyn ernst Insichgehen und Schauen in Vergangenheyt und Zukunft sich gebühret. Also hülleten wir uns geisterhaft in weisse Leintücher, nahm jeder stumm sein Glas Glühwein zur Hand, und schritten hinaus in die Winternacht. Und wie wir auf der Felsplatten stunden, lag tief und still die Welt unter uns, massen es in Italien nit üblich, in dieser Nacht ein besonderen rumorem anzuheben – und eyn funkelnder Sternenhimmel war ausgespannt über den dunkeln Bergen, und hub ich eynen Spruch an, so sich an die Sentenz des türkischen Gesandten in Berlin anknüpfte: wai Mohamed! demonstratione scandalorum! omnia futsch! und hab sicherlich viel Schönes und Tiefes gesprochen, so aber die Winde verweht haben, und wurd um Mitternacht hell mit den Gläsern zusammengeklungen und auch nordwärts eyn Gruss in die Heimat, ins liebe Altdeutschland hinübergerufen, – und mög uns allen das neu Jahr Glück und Gedeihen bringen! –

Item so war an zerbrochenem Hausrat, so in diverser Art diese Nacht ruiniert worden, zu bezahlen: 1 Teller, 1 Flasche, 2 Gläser, 1 vaso nocturnale und 3 Stühl. –

Item so ritten wir am 1. January auf Eseln über den Felsberg von Civitella nach dem Klösterlein San Francesco und gedachten bei denen Mönchen, so wir in früheren Zeiten bereits um eyn paar Steinkrüg Weines gekränkt, wenn thunlich eyn Frühstück zu erpressen. Zogen auch die Glocken scharf an und harreten in kalter Luft, dass aufgetan werde; – ward aber nit aufgetan, also dass wir schier dastanden wie Kaiser Heinrich im Hof von Canossa; – und waren nüchtern und froren, stellete sich auch eyn linder Jammer eyn, also dass sehr unziemliche Redensarten laut wurden und wir mit eynem wohlgemeinten »Kreuzdonnerwetter!« zum Klosterhof hinausritten. Und so ich an meine guten Freund, die Franciskaner in Palazzuola am Albanersee denk, mit denen ich manch Krüglein geleeret und manch Schelmenliedlein Gesungen, so möcht ich diesen sabinischen Thorverschliessern schier die Kränk auf den Hals wünschen.

Kommen sodann in das Felsnest rocca di san Stefano eyngezogen, so führt uns das gut Glück den pizzicarol von San Stefano in die Händ, und hatt derselbig in Vorahnung der Dinge eyn paar Tag zuvor am Meer unten eyn paar Fässlein gesalzener Meerfisch heraufgeholet, und stand eyn lieblich Fass Sardellen, so strahlenförmig eynmariniert waren, in seiner bottega, also dass Meister Andrée, so vom Jammer am schwersten molestiert war, dem pizzicarol eyn dreymaliges, feierliches Heil! zurief und ihm mit seinem roten Seidentuch, so er an eynen Spiess gebunden, grüssend zuwinkte. Und auch Laocoon der Alte zehrte sechs schwer gesalzner Fisch auf und sprach: »non c'è male!« Und war der Körper- und Seelenzustand der fünf Männer in kürzester Frist gebessert, und ritten in scharfem Eselstrab heimwärts, so im Sabinerland bei dem schlechten Zustand von Sattel und Riemen und gänzlichem Abmangel des Steigbügels schier eyn halsbrechend Stück ist. Hatte aber die Regina zum Abschied eyn herrliches Mittagsmahl bereitet und mir und dem Sir Guglielmo aus besonderer Hochachtung eynen zweyjährigen Rotwein, eynen wirklichen vino capitale vorgesetzt, und werd ich ihr diese Aufmerksamkeit zeytlebens gedenken.

Item so frag ich die braun Lala, was ich ihrem Freund, dem Sir Otto in Rom ausrichten soll, so sagt sie, wie sie's oft im Ritornel gesungen hat:

Quante stelle stann' al cielo
Tanti bacci ti darò,
Non abbasta uno solo
Per poter mi consolar.So viel Sterne stehn am Himmel
So viel Küsse geb' ich dir –
Nur ein einz'ger bringt ja doch nicht
Trost in meiner Liebe mir.

und damit ich's nicht vergesse, will sie anheben, mir selber eyn paar herzhafte Küss zu geben, die ich dann wieder geeygneten Orts abgeben sollt. Hat mich aber diese naive welsche Manier schier gerühret, und hab daraus meinem Tübinger Freund die ethnographische Notiz abstrahieret: dass die Sabinerinnen, beim Abmangel der erforderlichen Schulkenntnis zur Abfassung von Liebesbriefen, sich seltsamer Surrogate zu bedienen wissen, also dass etwannen der Bot von Schwetzingen fragen könnt: Schreibt man hierzuland den Leuten die Brief ins Gesicht?

Des andern Tags hat Scherz und Spiel eyn End genommen und sind wir insgesamt von dannen gezogen und haben eyn grossen Gebirgsmarsch gemacht. Und stiegen durch die Schlucht von San Vito und liefen eyn Stück in der Irr herum, und war schlimme Bergwildnis und schlimme Bauernjagd, und wie wir an etzlichen Sabinern mit ihren verrosteten Flinten vorbeikommen, knallt's von weitem, wo so eyn welscher Petermann nach eynem Waldspecht oder eyner Drossel geschossen, und fahrt der Schrotschuss neben uns in die Hecken, also, dass es nit sehr geheuer aussah und Meister Andrée erklärte, er könne sich jetzt bald vorstellen, wie es »tief in den Abruzzen« zuging. Verzogen uns darum schleunigst aus deren Bereich und gingen über den Bergkamm von San Vito und das elend Dörflein Pisciano in eyn Seitenthal des Anio hinunter, – und war zwar die Gegend wildschön und ragten die hohe Menturella, wo der Einsiedel haust, und von der andern Seit die kahlen, steilen Mamellen stolz in die Niederung herab – der Weg aber hörte auf, und war morastig Erdreich, so am Stiefel hängen blieb; und machte uns so unwirsch, dass Meister Andrée schier dem Pfaff von Pisciano, so mit seinem Brevier am Weg stand und über die fremden Wandersmänner, die »zu ihrem Vergnügen« am 2. January des Wegs kamen, lachte, seinen Hut angetrieben hätt; war auch von itzt an über die Abruzzen völlig beruhigt, zumal da er, ob unkundigen Eselsritts am Tag zuvor, sich mit eynem Wolf zu schleppen hatte, und gab ihm der württembergisch Gelehrt mit naturgeschichtlicher Zergliederung von Wesen und Art »des Wolfs tief in den Abbruzzen« die erlittene Unbill mannigfach zurück. Besserte sich hernachmals unter dem hohen Nest Siciliano die Strass merklich, und ergingen wir uns in vielfach archäologischer Betrachtung über Trümmer am Weg, massen hierlands die Villa des Horatius ungefähr gelegen, tauften auch eynen Brunnen »zum bandusischen Quell«, war aber die Pietät für den alten poetam nit so gross, dass wir aus gesagtem Quell getrunken hätten.

Erschauten auch auf den Hügeln am Anio viel grosse cyclopische Grundmauern und Ruinen, die Rest der Städte Empulum und Sassulae, und stand eyne eynsame Osterie am Weg, mit antikem Gemäuer und eynem Grabaltar, das Casal von Ampligione, und war die Strass öd und menschenleer, und sassen am schmalen Eichtisch drinnen etzliche wüste Gesellen, und wiewohl Ernst Förster so schön sagt: »Selten oder nie wird man in Italien eynen Betrunkenen finden,« so hatte der Wirt doch bereits eynen grossen Brand, und wie er das Brot auf den Tisch stellt, fahrt er mit seinem spitzen Boviemesser eynem von uns am Leib vorbei, mit dem unzweydeutigen Gestus des Aufschlitzens und sagt: così si ammazza la gente. Wurde durch diesen Gruss die Gemütlichkeit also erhöht, dass wir uns in gedeckter Stellung an die Wand rückten, die Malerspiess zur Hand nahmen, im Sack nachfühlten, ob der Dolch noch gute Springfeder habe, und den sauren Wein mit eyner gewissen Schnelligkeit austranken. Zahlten auch die Zech nit in Silber, sondern in halben Baiokstücken, und machten uns baldigst fort.

Item so kamen wir durch das grossartig schöne Thal der Aquädukte, deren alt, zerstört Gemäuer im letzten Abendsonnenstrahl erglänzte, gen Tivoli und nahmen im Hotel »de la Sibylle« Einkehr.

Und hier war bald zu vermerken, dass eyn rechtschaffen Wirtshaus wie das in Olevano in Welschland so selten ist wie der Diamant Cohinur unter den Gesteinen; – sammelte sich bald viel Gesindel, so sich für morgen zum Führer anbot, vetturini, so sich Konkurrenz machten, item so war der erst Wein, so auf den Tisch kam, nit zu trinken und wurde mit Indignation zurückgewiesen, desgleichen der zweyt, weil der, in anderer Art und Farb, gleich schlecht sich erwies; erst der dritt, nachdem mit dem Wirt nach dem Vorbild des alten Meisters Willers »geredet« worden, war besser; – und wie der schlecht Ziegenbraten abgenagt war, kommt der Hausknecht und fragt, ob die Herren Fremden vielleicht eyne kleine Illumination des Sibyllentempels draussen mit bengalischem Feuer befehlen? Jetztund war aber das Mass voll, und griff ich eynen Feuerbrand aus dem Kamin und erklärte dem facchino, hiemit liesse sich, wenn wir's wollten, nit nur der Tempel illuminieren, sondern ihm selber auf eyne Weise zum Saal hinausleuchten, dass er morgen seinen culo mit Essig reiben könnt – worauf der Tempelerleuchter spurlos verschwand. Und hat dieser eygentlich Unrecht von mir leiden müssen; denn an all der Verhunzung von Italien sind die verdammten Engländer schuld, die continent travellers und die reisenden Evelinen, die sich derley dumm Zeug in ihr Tagbuch notieren wollen; und es soll mir nit leid tun, wenn ich Zeyten des nächsten Carnevals eyn paar scudi los werd für Orangen und Zitronazzen, denn ich gedenk diesen Insulanern trotz ihres germanischen Ursprungs meine Hochachtung in ganz absonderlicher Weis an ihre harten Schädel zu werfen. – Wurde darum in unfeinen Reden von diesem Tibur, wo Horatius seine Lebenstage zu beschiessen wünschte, gesprochen; da hub zum Trost Meister Heydt an, dass mir nit die eynzigen seien, denen zu Tivoli schlecht mitgespielt werd, und hatten schon die römischen »Stadtzinkenisten« in grauem Altertum hier Unrecht leiden müssen. Es begab sich nämlich, als Rom noch eyn starke heidnische Republik war, dass der Senat sämtlichen musicis von Rom, den tibicinibus, symphoniacis und cymbalistis ihr herkömmliches grosses Festmahl im Tempel des Zeus weigerte; mutmasslich weil damals schon der bekannt Musikantendurst eyn Loch im Staatshaushalt verursachte. Also packten alle Flautisten Cimbalspieler ihre Instrument zusammen und hielten, als grosse und übliche Demonstration, eynen Auszug nach Tibur, und soll damals in Tibur auf den Strassen eyn Gedudel entstanden sein wie jetzt hier im Dezember, wenn der Pifferaro anrückt. Sprach der Gemeinderat von Tibur: »Wie schaffen wir die Kerl wieder hinaus?« und liess die Sibylle kommen! Sprach die Sybille: »Gebt ihr ihnen das Festmahl, das die Römer weigern, und so ich recht in die Schicksalsbücher schaue, so wird eyn jeglicher rechtschaffene römische Stadtmusikant so viel Landweines tilgen, dass er nimmer weiss, wie ihm geschieht. Dann fuhrwerkt sie gen Rom.«

Also geschah es; und am Morgen nach besagtem Festmahl standen etzlich Dutzend zweyrädriger Ochsenwagen auf dem Forum zu Rom, und lagen auf jedem zwey tibicines, und hatte keiner von ihnen das Basaltpflaster der via Tiburtina knarren gehört; und lag eyne Rechnung an den römischen Senat dabei, und wurden statt des notwendigen Frühstücks und salzenen Harungs mit Ruten gestrichen – und ergab sich allerhand Moral heraus. –

Item so wurden wir durch diese wehmütig Stadtzinkenistengeschicht merklich getröstet; und hielten des andern Tags eyn grosse Umschau in und ausser Tivoli; und hätt ich noch allerhand zu erzählen von Wasserfällen und Höhlen und Klüften des Anio, und von Tempeln und antiken Villen und alten Olivenbäumen und herrlichem Blick auf Gebirg und in die Campagna, von dem Gartenpalast derer von Este mit seinen gewaltigen Cypressen, mit seinen Laubgängen und Fontänen, unter denen sich eynstmals Ariosto vergnüglich erging und neuerdings der Franzos gehaust hat – aber ich sorg, die Epistel werd zu lang, – und feiern heut die Römer ihre befana, und ziehen nit nur die jungen, sondern auch die alten Kinder mit eynem Gepfeif und Geblas aus hölzernen Trompetlein in den Gassen herum, dass dagegen auch die normalste Katzenmusik, so eyner vor vier Jahren in der Heimat hören könnt, zu eynem leisen Seufzer zusammenschwindet. Will deshalb schliessen und mir auch eyn Trompetlein kaufen und den Welschen eyns blasen.

Bhüet euch Gott all zusamm in Heydelberg, – und den Neckar und das alt Schloss lass ich auch schön grüssen.

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