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Victor von Scheffel: Episteln - Kapitel 19
Quellenangabe
typeletter
authorVictor von Scheffel
titleEpisteln
editorJohannes Proelss
correctorreuters@abc.de
senderh.guhl@stafag.ch
created20080105
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Caput VI.

Von eyner anmutigen Villeggiatur, io ich in Albano abgehalten, – von dem schlechten Wirt Calpini – item von allerhand Fahrt und Lebensweis in dortigem Gebirg.

Im Monat Julius bin ich auf der neuen appischen Strass durch die öd Campagna gen Albano gefahren, so fünfzehn Miglien von Rom entfernt in dem Gebirg liegt.

Ist eyn sauber Städtlein und spürt man die frisch Bergluft allsogleich, so dass die Lung beim Atmen sich förmlich ausweitet und man froh ist, dem Dunstkreis von Roma Valet gesagt zu haben. Hat sich dort allmählich eyn Häuflein deutscher Maler angesammelt, und bin ich mit selben in Berg und Thal vergnüglich umhergezogen – und ist ringsum gar schön Land – und war mir jedesmal von neuem wohl ums Herz, wann ich des Abends heimkam und die Sonn im Meer, fern über dem monte Savello und der weiten Ebene hab untergehen sehen. Sind auch viel anderer Städtlein und paësen dort im Gebirg, Ariccia, so schon der König Porsenna mit etruskischer Heeresmacht überzog, aber nit erobern konnt, Genzano, so eynen ganz vorzüglichen Wein pflanzet, Civita Lavinia, wo der Trojaner Aeneas um die latinisch Prinzessin gefreiet, – item nach der andern Seit Castel Gandolfo mit merkwürdig schönen Frauenzimmern, Rocca di Papa, Frascati und viel anderweit gute Ortschaften; und kann hier nit näher beschreiben, wie ich mich in jeder derselbigen herumgetrieben, massen es zu weitläufig wäre. Genügt zu sagen, dass einem die wundersam Schönheyt des Lands Italia hier überall leibhaftig vor Augen gestellet ist, und dass eyn gut deutsch Gemüt hier Horatii Spruch »carpe diem« sich leicht eynzuprägen vermag.

Ist auch viel Altertums ringsum zerstreut – und lässt sich in dem vulkanischen Wesen des Gebirgs und der Campagna auch manch guter Blick in die alt Werkstatt der Natur thun. Und hab ich mich hier so zu sagen leiblich und geistig gehäutet, denn wie ich eynmal unten am Albaner See bad, so erschau ich eynen grossen, ganz runden Seekrebs, so in schiefem Zickzack sich unter den Steinen promenierte, und bin demselben lang, ausgezogen und sonder Kleidung, nachgestiegen, und hat mir damals die welsch Sonn so scharf auf den Rücken gebrannt, dass ich eynen Sonnenstich davongetragen, der sich so weit verbreitet, dass mir mein Zimmernachbar nach drey Tagen die ganze Haut am Rücken stückweis wie eyner Schlangen abgezogen hat.

Bin übrigens sonder Molesten von diesem Sonnenstich davongekommen und hab hernach, mit eynem Zwilchrock bekleidet, eynen grossen Rachezug gegen die verfluchten Seekrebs abgehalten, der so erfolgreich ablief, dass ich eyn ganz Dutzend derselbigen zum Mittagimbiss heimgebracht.

Item, auch mit Schlangen, grossen Eidechsen, Unken und sonst allerhand Kurzweil erlebet. Und ist unter das bös Geziefer auch der Wirt Calpini zu rechnen, so uns die Herberg gab. Denn dieweilen wir als lang anwesende Gäst eynen contractum mit ihm abgeschlossen und uns für 6 paoli täglich eyne Stuben, eyn Mittagessen und eyne cena, item bei jeglicher Mahlzeyt eyne Flaschen Wein auf den Kopf ausgedungen und somit dem Wirt die Gelegenheyt, uns wie reisende Engelländer zu prellen, von vornhereyn abgeschnitten, so behandelte uns derselb so miserabel und zwackte uns die Bisslein am Mund ab, gab auch sonderbare exempla aus der höhern Geometrie zu lösen, z. B. wie 2 elende Hühnlein als Braten unter 7 Personen zu verteilen wären, und zeigte sich bei Heraufschaffung der kontraktmässigen Flaschen Weines so träg und saumselig, also dass eyn guter Humor und erklecklich Grobheyt zu Ertragung erforderlich war. Wurde ihm aber nichts geschenket, – und dieweil, wenn auf eyner Platten nur eyne arme Kartoffel übrig blieb, er das nächst Mal gewiss eyn Dritteil weniger aufstellete, waren wir genötigt, jedesmal alles wurzweg aufzuzehren – und sprach eyn kleiner Berliner namens Schlegel jeweils: »Es muss alles verruiniert sein.«

Item, um unsern contractum grundsätzlich aufrecht zu halten, wurde auch jeweils die per Kopf bedungene Flasche Weines getilgt, und weil eyn paar kranke Genremaler dabei waren und später auch etzlicher deutscher Damen der Kolonie sich anschlossen, so hatten wir andern redlich zu arbeiten, um den contractum, quoad vinum, dem Calpini zum Spott und zum Verdruss zu wahren. Geschah dies aber so accurate, dass, wann je aus Versehen eyn Quantum Weines übrig blieb, solches in eyne grosse Kürbisflaschen gefüllet und behufs eynes Frühtrunks mit fort genommen wurde.

Item, war eyn biederer deutscher Maler Willers bei uns, so auf vierzehnjährigem Aufenthalt in Rom gelernet, wie man den Italiener traktieret, auch eyne vollständige Kollektion sämtlicher Flüch auf italienisch inhatte; und wann die Beschwerden über schmale Zehrung sich gehäufet, so sagte derselbig – als wie eyn Patriarch, so für die Seinen sorgt: »Ich werde eynmal mit dem padrone reden.« Kam aber dann eyn solch Donnerwetter über besagten Calpini, und gewürzt mit den besten Grüssen, z. B. che vi piglia un accidente: »mög Euch die fallend Sucht in die Glieder fahren!« oder: figlio d'un cane oder: cazzo matto etc. also dass derselb wieder etzlich Tag lang eyn ganz copiose Mahlzeyt herrichtete. Und ist überhaupt der Italiener nie höflicher und redlicher, als wann man ihm eynen Fusstritt ad posteriora applicieret – so man ihn aber lobet oder die Herberg preist, so glaubt er, er hätt zu viel gethan und der forestiere sei es so gut nit gewöhnet – und setzt das nächst Mal alles um eyn Namhaftes schlechter her.

Item so hat mir obenerwähnter Calpini beim Abschied eyne gedruckte Kart verehret und mich gebeten, ihn anderwärts zu empfehlen, was ich hiemit, unter Beilegung der Kart, pflichtschuldigst will gethan haben.

Dennoch aber hat uns allen die Sommerszeyt zu Albano so bass behaget, dass wir uns lang in selbiger Region aufgehalten. Und sind auch viel stolzer Ausritt gemacht worden; – und wurde eynsmals eyn grosser Heereszug auf den montem Cavum und an den See von Nemi unternommen. Und zogen wir die andern Maler, so in Ariccia beim Vater Martorelli, so übrigens auch eyn Dujon ist, hausten, und etzlich italienischer pittori, mit denen eyn gut Eynverständnis herrschte, an uns, also dass der gesamte Haufen sich auf 18 oder 20 Mann belief. Und ritten wir alle zu Esel, und war eyn stolzer Zug, hatten auch die Malerspiess mit – und eyn gross Hifthorn, so mächtig durch den Wald schallete. Also ging's frisch durch den grünen Wald, dem Albaner See entlang nach Rocca di Papa und über das Hannibalsfeld auf die von grauem Altertum her noch mit gewaltigen, vieleckigen Steinen gepflasterte Strass, so weiland zum Tempel des Jupiter latiaris führete, und wo die Konsuln ihre Triumphzüg auf eygene Faust abhielten, wann der römisch Senat es nit verstatten wollte.

Steht aber itzt auf den Fundamenten des Tempels eyn Kloster der Passionisten, so eyne Art Trappisten sind und sechs Tag in der Woch nit reden dürfen. Halten auch strenge Klausur – und ist nur eyn klein Stüblein aussen am Kloster zu notdürftiger Bewirtung der fremden Pilgersleut hergerichtet.

Item so stossen wir dreymal ins Horn, und erscheint eyn stummer Klosterbruder – und wird selbem bemerklich gemacht, dass unser Sinn auf ein namhaft Frühstück gerichtet stund. Also winkt der Klosterbruder, in das ausser Stüblein zu treten. Und ist dort eyn Schiebfenster, so nach eynem Klostergang führt, und dauert auch nit lang, so wird dasselb geöffnet und eyne Platt mit Schinken, item eyne mit Sardellen, item eyn massiger Steinkrug Weines stumm herfürgeschoben. Und war dies eyn rechtschaffen Frühstück; wie aber der Krug leer geworden, so wurd ans Fenster geklopfet und gerufen: altro vino! So erschien aber der Mönch und winkte mit der Hand, indem er zweymal mit erhobenem Zeigefinger langsam und würdig unter dem Kinn horizontal auf- und abfuhr – und dies bedeutet auf italienisch: es wird nit mehr verzapft; ist auch für alle andern Fäll, wo man eynem »abwinkt« – eyn verständlicher gestus, und seither von mir, so eyner eyn Trinkgeld begehret, oft mit Erfolg angewendet.

Item so ritten wir durch hohen Ginsterwald gen Nemi hinunter, und ist dort eyne Osteria mit eyner offenen Loggia und wunderfeinem Blick auf den stillen, grünen See und das Meer, wo schon der englische Poëta Lord Byron sich lange aufgehalten, auch deren Lob in eyner schönen Strophe celebrieret hat. Und hat der Wirt eyn ungeheures pranzo hergerichtet – und haben die Italiener den alten Brauch, beim convivium zwischen jeder Schüssel eyns zu singen – und sangen auch – aber sehr unflätiger Lieder – und erhub sich eyn scharfes Trinken, und hat der Lärm vom Singen und das hitzig Getränk bewirket, dass etzliche, sowohl deutscher als italienischer Nation, unter den Tisch zu liegen kamen. Und hab ich mich damals an der Seit des wackern Meister Willers mannhaft gehalten, – und da selbiger bei solcher occasion gewöhnlich an eynem gewissen »Nachdurst« zu leiden hat, so sind wir wie alte Recken auf der Totenwach gesessen, also dass unsern jungen Leuten, so dem Wein erlagen, von denen Italienern kein Leids widerführe, – und haben miteynand die letzt Flaschen getrunken, als kein Welscher mehr Bescheid thun wollte.

Item so war das Heimreiten sehr beschwerlich, massen eynige der Leitung ihres Esels nit mehr mächtig waren und überhaupt eyn gross rumorem durch Berg und Wald verführeten. Und war dies die schärfste Trinkung, so ich seit meiner Abfahrt aus Deutschland erlebet – hab mich aber tapfer durchgefochten und bin – mit Ausnahm eynes kleinen erroris, nämlich dass ich aus der Schenke zu Genzano, wo wir noch in später nächtlicher Weil eynen Vespertrunk nahmen, auf der Strass eyn Stück weit gen Neapolis anstatt gen Albano fortgeritten, – ohne Fährlichkeyt wieder in Albano angelanget.

Item, so seh ich, dass mein Bericht sich über die Massen aisdehnet, – und hab ich die feinsten puncta, z. B. eyn Besuch bei den Franziskanern in Palazzuola, und eyn vierwöchentlichen Aufenthalt in dem Bergstädtchen Olevano, bei der fürtrefflichen Regina, item eyne Fahrt in das steile, flohreiche Cervasa, – item allerhand Zoologica noch gar nit berühren können. Dieweil aber inzwischen das Briefporto in die Heimat sehr ermässigt worden, auch eyn regelrecht End so bald nit abzusehen, so brech ich hier ab, hoffend, dass dem löblichen Engeren dies Papier nit als unnütz verschrieben erscheint, und dass er daraus absieht, wie ich in welschem Land an Erweiterung von dessen relationes gewirfet.

Und so er aus obigen datis eynige Kurzweil schöpfet, so bitt ich mir eyn baldigen aviso über Empfang und etwaige continuation aus, wünsch, dass alle Mitglieder sich eynes fröhlichen Wohlseins erfreuen und mich seithero nit vergessen haben, und dass es mir vorbehalten bleib, im nächsten Winter durch persönliche Interpretation allerhand weitern Aufschluss zu erteilen. Und so mein biederer Freund, der Meister Willers, der gegenwärtig nach Deutschland gereist ist, auf seiner Rückkehr im Februario oder Maerzen Heydelberg berühren sollt, so will ich ihn dem Engeren angelegentlich empfohlen haben.

Also schliess ich mit eynem herzlichen »Bhüet Gott« das 6. Kapitel und vorläufig diesen Bericht; – und werd in der Neujahrsnacht, allwo ich mit andern guten Gesellen in Olevano eynen deutschen Trunk zu thun gedenke, der lieben Stadt Heydelberg und ihrer Inwohner nit vergessen. Addio.

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