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Victor von Scheffel: Episteln - Kapitel 17
Quellenangabe
typeletter
authorVictor von Scheffel
titleEpisteln
editorJohannes Proelss
correctorreuters@abc.de
senderh.guhl@stafag.ch
created20080105
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Rom, den 18. Novembris 52.

Caput IV.

Eyne Zwischenred, worinnen die Gründ dargelegt werden, aus denen die Fortsetzung dieses Berichts inner acht Tagen brach gelegen.

Eyne genaue und gelahrte Besichtigung von Roma ist eyn hart Stück Arbeit, massen die puncta memorabilia, mit Einschluss derer osterien auf viele Miglien Entfernung von eynand liegen und unsere frummen Vorväter das alt Rom so verruiniert haben, dass die neu Stadt an ganz anderen Plätzen angelegt worden. Ist daher, so sich eyner bei guter Tageszeyt aufmachet und Umschau haltet, hernachmalen aber sachgemäss eyne Herberg aufsuchet, nit möglich, des Abends rechtzeytig an seinen Schreibtisch zu kommen. Und hab ich die letzt Wochen viel namhafter Arbeit durchgemacht, also dass der Bericht in Stockung geraten, was eyn löblicher Engerer zu gut halten wird, wann ich die Hauptergebnis notier. Hab also, seyt caput III niedergeschrieben wurd:

1) Eyn Entdeckungsreisen, der via Appia entlang, unternommen, wo die Begräbnissplätz der alten Römer in schöner Ordnung aufgedecket sind und viel namhafter Monument an der alten Heerstrassen stehen; – auch alldort zwey bedeutende inventiones gemachet, nämlich die Familiengrabstatt der berühmten gens der Cacurier, mit den Laren der berühmtesten des Namens, in Sonderheyt des Cacurius Cacus; sodann eyn merkwürdig Marmorplatten, so eyn sicherer Valerius drey freigelassenen Frauenzimmern, der Baricha, der Zatcha und der Akiba gesetzet; und ist aus denen hebräischen Namen dieser Liberten zu schliessen, dass besagter Valerius nach der Erstürmung Hierosolymas sich selbige zugeleget und nach Italien transferieret, in spätern Tagen aber wegen erwiesener Treu und Anhänglichkeyt manumittieret und sie nach ihrem Abscheyden sehr betraueret, – und wäre die Geschicht dieser drey Hebräerinnen und des toleranten Valerii eyn guter Stoff für eynen deutschen Schreibersmann. Item in der Osterie »zu den zwey schwarzen Kettenhunden«, mit Campagna-Fuhrleuten und Schäfern etzliche Foglietten getrunken. Item desselben Abends mit viel braven deutschen Malern eyn Erinnerungsfeyer an die harte Zeyt, so wir im Juli und August in Albano durchlebet, abgehalten – so sich bis Morgens 3 Uhr verlängert hat. Wurde eyn Fässlein Landwein und 12 Korbflaschen »Est est« getilget.

2) Des andern Morgens aus Zweck derselbigen Feyer eyn Frühstück abgehalten. Item des Nachmittags eynen Doctorem Böblingensem, so wild frembd nach Rom gekommen, an die Tyber hinausgeführet, demselben den montem sacrum gezeiget, wo die Plebejer eynst eynen blauen Montag gemachet, aber durch Menenii Agrippae eindringliche Red und Gleichnis vom verdorbenen Magen zu ihren Meistern zurückgeführet worden. Item denselben an den Anio geführet, wo Narses den pontem nomentanum gegen die Goten aufgerichtet, und in der Osteria bei derselben Brücken mit besagtem doctori eynige Kapitel aus der Geschicht derer Ostgoten und Byzantiner abgehandelt; so lang anhub, massen der Wein dort in eynem alten Grabmal kühl und frisch aufbewahrt wird.

3) Die Pyramiden des Cestius genau besichtiget, und massen es in der Grabkammer sehr feucht gewesen, sofort an den montem Testaccium gegangen. Und ist dies eyn sehr löblicher Berg, so von lauter Scherben und Schutt seyt den römischen Königszeyten sich angehäufet und derohalben von sehr fester substantia, so eyn besseren Schutz gegen Eyndringen des scirocco und schlimmer Luft gewähret, als eyn poroses Erdreich. Sind daher auch viel tiefer Gäng in besagtem Scherbenberg gegraben und eyn ganze Fortifikation von Weinschenken ringsum angeleget, geleget, und heisst man selben Wein vino delle grotte, und geniesst derselb mit Recht eyn ganz vorzügliches Ansehen unter dem römischen Getränk. Darum am Testaccio ein weit längeren Aufenthalt gemacht als an der Pyramid des Cestii.

4) Die Villa Farnesina besichtiget, allwo Meister Rafael die Sääl mit kunstreichen Malereyen geschmücket und die Geschicht von Amor und Psyche, item die Galatheam mit Meermännern und Meerweiblein in wundersamer Anmut geschildert. Und ist auf selbem Thybrisufer auch die Stell, wo Sankt Petrus den Martyrtod erlitten, und in den Gärten oben, bey der Villa Spada eyne sonderbare Osteria; – sind nämlich die Weg zur Zeyt der Belagerung Roms, so dort und an porta Pancrazie namhaft getobet, verruiniert und seyther nit reparieret worden, als dass man in selbe Osteria, so tief unten in eynem Garten liegt, nur mittelst eyner hohen Leiter hinabsteigt; – was kein vorteilhafte Konstruktion ist, da, wie eyn fachkundiger Architekta bemerkte, es dadurch unmöglich wird, auch in den dringendsten Fällen eynen unbequemen Gast hinauszuwerfen. Wein gut, und von goldgelber Farb, so selten.

Item, solcher perlustrationes hab ich noch etzlich vorgenommen, massen noch immer warm, frisch Wetter, und es von Nöten, die guten Tag zu nutzen, denn der schändlich Scirocco wirkt oft taglang auf den germanischen Menschen, als dass ihm der Wein wie Tinten schmecket und er in seinem Dichten und Tun vermeinet, es sey ihm ein schwer Brett vor den Kopf genagelt, jetzt aber schreit ich zur continuatio des Berichts selber.

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