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Victor von Scheffel: Episteln - Kapitel 15
Quellenangabe
typeletter
authorVictor von Scheffel
titleEpisteln
editorJohannes Proelss
correctorreuters@abc.de
senderh.guhl@stafag.ch
created20080105
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Caput II.

Von eyner Fahrt durch Etruria und Umbria gen Rom, – so sechs Tag angedauert.

Über die Schlechtigkeit derer Landkutscher in Italien, so man Vetturini nennet, ist schon von namhaften Gelehrten so viel Papier verschrieben worden, dass ich allhier kein Wasser ins Meer tragen will. Genügt zu sagen, dass Sergio Rochetti, so mit mir den contractum in 15 Artikeln über meinen Weitertransport gen Rom abgeschlossen und mit Handzeichen bekräftiget, gleichfalls eyn ganz schlechter Hallunk gewesen, – seine Versprechungen so wenig gehalten wie Ludovicus Napoleon seinen Eid auf die Konstitution, uns behufs grösserer Ersparnis, dieweilen er die Verköstigung übernommen, an namhaften Städten vorbeigeführt und in Dorfkneipen eynquartieret, allwo bei saurem Landwein und giftigem Flohstich wir Passagier dasassen, gleich Hiob und seinen Freunden. Benahm sich übrigens mehr als »Freund« und Direktor der Reise und hatte das gewöhnlich Fuhrmannsgeschäft eynem Untervetturin übertragen, so ebenfalls eyn würdiger Biedermann war.

War dieser letztere eyn stolzer Römer, so behauptete, Roma sey caput mundi, Florenz aber nur eyn elend Nest, hatte eyn durchtrieben Gesicht, eyn schwarzen Zwickelbart und den Hut schief auf dem Kopf sitzen; und waren in seiner Vergangenheyt etzliche Jugendfehler und errores in politicis vorgekommen, also dass die Rückkehr nach Rom für ihn mit eyniger Schwierigkeyt verbunden, hatte nämlich dorten seyner Zeyt, wie eyn stolzer römischer Fuhrmann, Anteil am republikanischen Wesen genommen und den Grund des Übels in den goldbesetzten Kardinalskarossen gefunden, also dass er an deren Verbrennung eifrig mithalf; hernachmals unter Garibaldi gedient und trug noch eyn Stammbuchblatt an sich, so ihm die Franzosen an der Bresche des Tors Pancrazio geschrieben, nämlich eynen Bajonettstich im Knie und eynen Schuss im Arm. Führte den Wagen deshalb nur bis zur Grenz am Trasimener See, war aber in seinem toskanischen exilio noch nit auf anderweyt Ansicht verfallen, sondern trieb als Fuhrmann die politicam in alter Weis weiter, also dass er die zwey alten Rösser am Wagen Carlo Alberto traditore und Pio nono getauft hatte und mit der Peitsch auf deren Rücken den ganzen Groll eynes Verbannten ausliess.

Ist aber zu bemerken, dass er am letzten Tag, als es der Grenz des Kirchenstaats zuging, seinen Rössern andere Namen aus dem gewöhnlichen Pferdskalender gab, auch seinen krächzenden Gesang aus weiland Garibaldis Lager nit mehr anstimmte.

Item, so war noch eyne Signora im Wagen, so Sängerin am Theater zu Livorno gewesen und schön sang als wie eyne Nachtigall; und vergass der arciprete von Urbino, so gleichfalls mitfuhr, öfters sein Brevier ob deren Getriller. War dieselbig aus Rimini, wo schon zu Dantes Zeyt allerhand unglückliche Lieb sich zugetragen und bekanntlich der Francesca da Rimini es sehr übel von ihrem Ehgemahl vermerket worden, dass sie mit ihrem Hausfreund das Buch von Lancelot und Ginevra alleyn, zur Nachtzeyt und mit Unterbrechung zu lesen versuchte. (Dante Inf. V.) War zwar unserer Signora das Schicksal dieser ihrer Landsmännin nit näher bekannt, also dass ich in eyner gelehrten Exposition, zu der der arciprete von Urbino moralische Anmerkungen machte, ihr dasselb des breiteren darlegte: schien aber dieselb auch etwas von der Statur besagter Francesca inzuhaben, massen sie eynes Engelländers, Sir Alfred Mitchell, in ihrem Gespräch so oftmalen und ganz ex improviso erwähnte, mir auch eynen Brief vorzeigte, den ihr selber auf englisch geschrieben und den sie nit verstehen könnt, also dass zu vermuten stand, sie mög denselben zu Livorno ebenso freundlich aufgenommen haben wie die Frauenspersonen zu Padua eynst Herrn Schwertlein, unseren Landsmann.

Item, so kam gleich am ersten Tag der Reisen eyn sehr difficiler Punkt vor. Hatte uns der spitzbübisch Vetturin statt nach der feinen etruskischen Stadt Arezzo zum Nachtlager in das eynsame Haidewirtshaus Poggio bagnoli geführt, so in eyner rauhen Hochebene, unter zwergigen Eichen, gar öd und wie eyne Räuberherberg daliegt. Wurden inzwischen eyn paar magere Hühnlein geschlachtet und sassen wir beim Vesperimbiss noch lang plaudernd beisammen, und hatten sich die Wirtsleut schlafen gelegt. Wie aber der arciprete von Urbino durch grossmächtig Gähnen das Zeichen zum Aufbruch gab, so war weder für ihn noch für die Signora eyn besonder Licht oder candela vorhanden, vielmehr hatte der versimpelt Wirt von Poggio bagnoli eyne Lampe hergesetzt, so zwar drey Armleuchter befass, aber an eynem eynzigen und unteilbaren Stück. Also warf sich die nicht zu beseitigende Frag auf: Was ist zu beginnen, wann durch Fügung des Schicksals und Unverstand derer Wirtsleut in eyner eynsamen etruskischen osteria der arciprete von Urbino, die zweyt Sängerin vom Theater in Livorno und eyn deutscher Doktor genötigt find, mit eyner eynzigen dreyarmigen Lamp in Bett zu gehen? –

Und war diese Frag so difficil, dass ich nit umhin kann, sie als quaestio Poggio bagnolensis dem Engeren zur Erwägung in pleno zu unterbreiten und mir eyne instructionem für ähnliche Vorkommnis auszubitten, sintemal als schon die mannigfach Lösung, so wir damals selber versuchten, eyn argumentum dafür ist, welch verschiedentlicher combination dieser casus unterlieget.

Schlug nämlich die Signora vor, der arciprete, als der sprach am besten kundig, solle mit der Lamp ins untere Gebäud gehen, sehen, ob er in eyne Kammer der Wirtsleut eynfallen vermocht und dort anderweyte Beleuchtungsinstrumente beschaffen. Allein hiegegen opponierte der arciprete mit Grund: abgesehen von der sehr wahrscheinlichen Möglichkeyt, dass gar keine anderweytigen Lichter in dieser elenden Herberg seyen, könne er pro primo ohnmöglich dazu beitragen, die Signora mit eynem giovane professore, so ihr soeben die Geschicht der Francesca da Rimini erzählet, im Dunkeln zu lassen, pro secundo aber könne eyn ungefährer Luftzug oder Wind ihm in währender Expedition auch noch das eynzige und letzte Licht ausblasen, und pro tertio wisse er kein Bescheyd in dieser Spelunken, also dass er, mit der Lamp durchs Haus schleychend, missgeschickterweise an eyne Magdkammer und in böse suspiciones geraten könne. – Worauf er, um seyn eigenen weysen Rat ersucht, proponierete, man soll ihm die gross Lamp geben, damit er sich selber könnt zum Schlafen rüsten, er woll dieselb sodann vor die Tür seiner camera zu dispositionem der andern stellen, so sehen möchten, wie sie damit weiter fertig würden; wurde aber ex argumento primo seyner eygenen vorigen Red und als grober egoïsta, so keine Rücksicht auf Damen nähme, widerlegt.

Also erläuterte ich selber (und bin begierig, zu erfahren, ob der Engere meine Ansicht approbieret): Die Rücksicht auf die Signora erheische, dass sie nit im Dunkeln bleibe, anderseits sey es aber zu hart, wenn zwey Biedermänner, wie der arciprete und ich, wegen ihr in Finsternis zu Bett tappen müssten, sey vielmehr eyn Gebot der Menschlichkeit, diese calamitatem auf eynen eynzigen zu beschränken, wogegen die Signora sich auch wieder in die consequentias zu fügen habe, so die Eygenheit des Falls mit sich brächt. Solle daher die Signora entscheiden, wem von uns beyden sie eyn Anteil am Schlafengehen mit der Lamp wollt zukommen lassen; und wen es eben traf, der mög es als Fügung des Schicksals von Poggio bagnoli hinnehmen. – Und wiewohlen eyn leis Lachen über das Antlitz der Sängerin von Rimini flog, so bin ich doch ausser stand, zuzufügen, wie etwannen bei ähnlichen controversiis derer alten Juristen: »Et Neratii sententia magis placuit,« massen der arciprete von Urbino, so wohl die Eventualitäten eynes solchen Wahlrechts erwogen, sehr grob sich dagegen expektorierete und zu wiederholtenmalen ausrief: »O che pensieri etruschi!« woraus ich mit Befremdung ersah, dass in Urbino und ganz Umbrien eyn etwas leichtfertiger Gedanke »un pensiero etrusco« geschimpft wird, und woraus ich auf die alte Geschichte derer Etrusker und ihr Verhältnis zu ihren anderweytigen italischen Nachbarn und Nachbarinnen belehrende Schlüsse zog.

Item die zweyt Nachtherberg war zu Passignano am Trasimener See, – so eyn schön, felsig Städtlein, und ist der Trasimener See gar anmutig, dem Chiemsee im Bairischen zu vergleichen, liegt auch eyn Klösterlein auf eyner Insul wie dorten. Und ist in der ganzen Gegend noch viel vom alten Hannibal die Red, als wenn denen jetzigen Italienern die Köpf noch wackelten von denen Hieben, so ihre Vorfahren von den Puniern darauf erhalten, und wusste mir sogar eyn Zollgardist am monte Gualandro das Schlachtfeld strategisch zu beschreyben, – dort, wo am Bach Sanguinetto das römisch Lager stund, dort an der torre d'Annibale, wo die Elefanten herüberstiegen, und dort das Dorf Tuori, wo der alt karthagisch Feldherr den Göttern nach dem Sieg eyn Stieropfer brachte. Scheint überhaupt der Karthager das Italien gründlicher verrunginiert zu haben als der Goth und Vandal und Normann, massen ich auch später in den Albanerbergen, auf den campi d'Annibale am monte Cavo gefunden, dass er jetzt noch selbst bei Bauersleuten, Ziegenhirten etc. in gutem, frischem Andenken steht, wie der Schwed bei uns. Und hatte sogar der Wirt von Passignano auf eyner grossen Wand noch eyn Monument in breslauischer Malerart aufpinseln lassen, »den heldenmütigen Gefallenen, die hier durch »tradimento« und karthagisches Schwert den Tod fanden, der trauernde Trasimenus.«

Item, so waren zwar hinlänglich Lichter in Passignano, also dass jedwedes separatim in seine Schlafkammer abgehen konnt, aber so schlechte Herberg und Flohstich, dass die Sängerin von Rimini den Text: o indegno vetturin – »o unwürdiger Lohnkutscher« durch verschiedentliche Tonarten mit schöner Modulation der Stimm und heftiger Leydenschaft absang. Und musst ich mit eynem andern Passagier in eyner Stuben schlafen; vermied zwar den arciprete und gesellete mich zu eynem Caméenhändler aus Rom, der inzwischen zur Reisegesellschaft gekommen. War aber aus der Scylla in die Charybdis geraten, weil selber so gewaltig schnarchte, als wenn eyn karthagischer Elefant ihm als Alp über dem Hals läge.

Item am dritten Tag sind wir mit eynem Vorspann von drey weissen Ochsen in Perugia eyngefahren, so eyne merkwürdige Stadt ist und guten Rotwein hat. Verfügte mich sofort nach dem Frühtrunk in das etruskische Museum und hab dort benebst viel andern antiquitates und alt etruskischer Haken- und Keilschrift eyn kolossalen sarcophagum angeschauet, so erst kürzlich gefunden worden. Ist auf demselben eyne Emigration des ganzen etruskischen Stammes dargestellt, in uralten Typen gleich denen ägyptischen, und ziehen König und Priester, Krieger, Weib und Kind, Gefangene und Stiere – alle fort, »nix wie 'naus« – und ward mir sofort klar, dass dies eyn Denkmal des Auszugs nach Graubünden sey, und dass die ganze Bande sich Berninawärts bewege. Hab auch eynigen professoribus der Akademie von Perugia dies exponieret, so aber weder von Ardeez noch von Fuldera jemals eyn Wort gehöret und mir kein Glauben schenkten.

Mir aber hat die Sach um so mehr geschienen, als auch die alten Stadt der Etrusker, insbesondere Cortona und Perugia mit ihren Cyclopenmauern ganz so auf Bergabhängen da liegen wie die Flecken im Unter-Engadeyn, und behalt mir vor, hierüber meinem lieben Begleiter auf rhätischen Fahrten näheres mitzuteilen, so nit in diesen Bericht gehöret.

Item die dritt Nachtherberg war zu Toligno, und hat uns dort die Signora von Rimini verlassen, und hab ich ihr zum Abschied gesagt, wenn sie eynsmalen ihren Triumphzug auf deutschen Bühnen halten wollt, so würde es mir eyne angenehme Erinnerung sein, meinen Landsleuten zu erzählen, dass ich ihre Nachtigallenstimm schon in eynem schnöden Vetturinwagen so schön hätt erklingen hören. Und wiewohl mein Sermon nit fehlerfrey aufgefasst war, so wurde er doch in Gnaden aufgenommen.

Und tauschten wir dafür eynen Inspektor der administratione cointeressata de Sali & Tabacchi eyn, so eyne Dienstreise gemacht hatte, um zu sehen, ob nirgends anderweyter Tabak fabrizieret würde, als der, womit der schnöde Torlonia die italischen Raucher und Schnupfer als Monopol heimsucht. Hatte sogar eyn paar armen Kapuzinerklösterlein das Handwerk geleget, ihren Schnupftabaccum künftig selber anzufertigen. Rauchte aber persönlich eyne tadellose defraudierte havannam, wie solche den employés dieser Gesellschaft zukommt. Und soll eyn Donnerwetter die ganze società cointeressata verschlagen, denn in meinen ersten Tagen zu Rom, wo ich bona fide eynen zigaro forte gerauchet, ist mir so schwindlig geworden, dass die Zigarre von Brennbichel sich in der Erinnerung ganz verkläret hat, und konnte mein eygen Haus nit mehr finden, wurde vielmehr von eynem mitleidigen Cafetier, so vornehm bemerkte, conosco – è ubriaco, in seine bottega aufgenommen und mit alten Mitteln, so man bei eynem Trunkenen anwendet, café nero und Schnapseynreibung wieder zur Lebenskraft zurückgerufen und war dazumal kein Tropfen Weines über meine Lippen gekommen.

Item so fuhren wir noch drey Tag – kamen bei Terni und Narni über fährliche Apenninenpäss und verrufene Gegend, also dass wir eynen Räuberangriff für nit unwahrscheinlich zu halten hatten – kamen aber wohlbehalten durch, mit Ausnahme schmaler Kost und Atzung – und bei Castel Borghetto hab ich zum erstenmal den caeruleus Thybris begrüsset – ertönete auch in eyner Scheuer eyne Art Musika, wie wenn man eynen kupfernen Hafen abschlaget, und wurde von denen Bauersleuten eyn fremder Tanz aufgeführt, so aber der italienische Haupt- und Nationaltanz saltarello war. Und hat mir dazumals auch nit geahnet, dass ich wenig Monat später oben im Sabinergebirg mit der dicken Regina und der schwarzbraunen Geltrud und der rosenwangigen Pepina mich desselbigen keltischen Tanzes emsig würde befleissen.

Und waren wir von da ab schon in der römischen Campagna, so vulkanischer Natur ist, und wo die Weibspersonen als wie die Männer überzwerch auf dem Pferd sitzen. – Am sechsten Tag wurd noch in eyner wilden und schlechten Kneipe, zugenannt la storta, Station gemacht, und hatt alles eynen gar fremden Charakter, kamen grosse Ziegenherden, Ochsen und Büffel gezogen und wilde Campagnolen mit ihren Spiessen angeritten, und war eyn eynfacher Trinksaal daselbst – und fand an dessen Wand zwey inscriptiones, so entschieden auf deutsche Herkunft wiesen: war eyn Gesicht hingemalt mit der Unterschrift »Saupeter« – und stund an eynem Pfeiler: »O Heidelberg.«

Ging sodann noch über etzlich Hügel und Flächen, so streckt sich wie eyn ferner Punkt die Kuppel von Sankt Peter herfür – und glänzete noch ferner das Meer – und »evviva Roma!« rief die ganz Vetturingesellschaft, und der arciprete von Urbino, bei auch noch nie die heylig Stadt gesehen, drohete mich zu umarmen. Und war der eynzig gut Vorschlag, den ich je von ihm gehöret, auf der nächsten osteria anzuhalten und zum Gruss der Weltstadt eyns zu trinken.

Und wie wir dem monte Mario näher kamen, so bot sich auch im schon erwähnten Ponte-molle-Wirtshaus eyn schickliche Gelegenheyt, und hab ich also – was der Engere gewiss billiget – angesichts von Rom eyn gross, voll Glas Orvieto hinabgestürzt und gesprochen: Quod felix faustumque sit. Flogen auch eyn paar Geyer zur Rechten auf, was ich als gut augurium angenommen – und also ging's zur porta del popolo hinein, – evviva Roma!

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