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Victor von Scheffel: Episteln - Kapitel 14
Quellenangabe
typeletter
authorVictor von Scheffel
titleEpisteln
editorJohannes Proelss
correctorreuters@abc.de
senderh.guhl@stafag.ch
created20080105
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Rom, den 10. Novembris 52.

Allhie hebt an der Bericht selbst – von allerhand Fahrt, Erlebnis, Zehrung, Trinkung, Herberg und sonst – in welschen Landen, seyt May dieses Jahrgangs.

Caput I.

Von Florenz im Toscanischen und diversem etruskischem Wesen und Landbrauch.

So eyner es vermeiden kann, seinen Fuss in der Hafenstadt Livorno ans Land zu setzen, so soll er es kecklich tun und wird es nit bereuen. Denn es ist zwar kein Kleines, eyne Nacht bei unruhiger See auf dem mittelländischen Meer herumzufahren, und wie ich in die Kajüt eyntrat, sprach ich denselben Spruch, den bereyts eyn märkischer Graf Itzenplitz in das Beschwerdenbuch auf der Post zu Langensalza mit Unterschrift seines Namens eyngetragen: »Pfui Teufel, wie stinkt's hier!« – lieh mir also eynen rauhhaarigen Schiffermantel und legte mich die Nacht auf das Verdeck und schaute zu den Sternen, und wurde mir sehr klar, dass die Erd sich um die Sonne drehe und nit still stehe, und wurde mir auch das alte Lied von Hennecke dem Knecht klar, wie selber in Bremen Schiffsdienst genommen, aber gar balde sich zurückgesehnet nach dem festen Land, »wohl zwischen Distel und Leine.« Dennoch ist aber im Seehafen von Livorno der erst Wunsch nit nach eynem festen Frühstück und sonstiger Atzung eynes seemüden Leichnams – vielmehr nach eynem knorrigen Hagedornstock, um all den Tagdieben, so dort wie eyne ägyptische Landplag über den fremden »Gastfreund« herfallen, eynen verdienten Rekompens auszuzahlen. Und wannen eynmal die gross Rechnung in der Welt abgetragen wird, so wären in Livorno mit Hagedorn zu berücksichtigen: der Gondolier, so vom Dampfschiff bis in Hafen rudert, – die Facchini, so den Reiseranzen von dort in die dogana tragen, die ganz Zollwächterei in selbem »Freihafen,« die Facchini, so den Reiseranzen von der dogana an den Fiaker tragen, die Fiaker selber, der Wirt zum albergo reale samt seinem Oberkellner und dem vornehmen Hausknecht, so die Päss in der Welt herumträgt, – die ganz Zollwächterei am andern End desselben »Freihafens«, so eynen zum zweyten Mal visitieren, – item die Plombierer vor dem Eisenbahnhof, so eynen zum drittenmal molestieren, item die Facchini, so von dort das Gepäck auf die waggones tragen. Und hab ich schliesslich nit anderes mehr gesprochen, als was der Engere als Gruss nach Frankfurt geschickt hat, und bin schleunigst nach Pisa gefahren; und sassen allerhand Passagiere in dem Wagen, so man zwischen Weingarten und Untergrombach nit anzutreffen pflegt, z. B. eyn armenischer Geistlicher mit langem Bart, ein Griech mit Frau und Kind und eyner Abyssinerin, item zwey Türken, so sich als echt auswiesen und nit wie der königlich sächsische Hoftürk auf der Industrieausstellung aus der Gegend von Leitmeritz waren.

In Pisa ist eyn schiefer Turm, teures Fuhrwerk und alles öd; auch halten sich in den Cascinen grosse Trampeltier, Dromedar, Dragomänner und anderes afrikanisches Getier auf, so auf dem heissen, ausgebrannten Erdreich sich sehr wohl befindet. Bin darum bald weiters gen Florentia gefahren, allwo ich mich dreyer Wochen sehr stolz umhergetrieben, viel Schönes erschauet, und viel güldene Dukaten und silberne Francesconi eingebüsset habe.

Item ist Florenz die sauberste Stadt, so mir in Welschland vorgekommen, und liegt noch eyn Hauch aus der kunstreichen Medizäerzeyt über dem ganzen Wesen, und hat mit seinen burgartigen Palästen und dem bildnisgezierten Platz am Stadthaus und den alten Brücken am Arno eine Erinnerung an kraftvolles Mittelalter und Gedeyhen städtischen Lebens, im Streit mit Signorien und andern Republiken. Und ist viel Merkwürdigkeyt alter Kunst und Wissenschaft und viel schöner Frauengesichter mit feurigen Augen in Florenz – und tragen die Florentiner Töchter grosse, niedere Strohhut, so eynem wie zum Gruss entgegen nicken, und hab ich am lung Arno und draussen in den Cascinen zu Fuss und zu Wagen so mannigfaltiger Frauen und Jungfrauen vorbeipassieren geschauet, dass mich schier bedünken wollt, die italienisch Sonn verstünd das Auskochen der Menschenkinder besser als die deutsch. Und als wie eyn sinniger Gruss derer florentinischen Weibervolke an den Fremden sind an den namhaftesten Plätzen der Stadt artliche Jungfrauen, so eynem unverhofft und ohne Erwartung eynes Entgelts eynen Blumenstrauss zuwerfen, – tragen selbe auch die grossen, wackelnden Strohhut und heissen fiorajen.

Und wie ich überhaupt in Florentia stolz und wie eyn Engeländer umhergegangen, auch das toscanisch Geld nit zu schätzen verstanden, also hab ich mannigmal in die Westentasch gegriffen und eyner fioraja eyn oder zwey paoli zugeworfen – und hat mich dies in ihrer Affektion sehr hoch gestellt – massen mich auch eynstens eyne gar feine fioraja, wie ich vor dem café Donay gesessen, teilnahmvoll angeredet, warum ich stets mit der faccia severa und melanconica mich trüg, und hat ihr gesagt: gravi pensieri seyen schuld daran, worauf sie eynen langen und sachverständigen discursum de amore anhub, welcher insgemein die giovanotti ernst und nachdenkend mache – und konnt ihr nit in allem Unrecht geben. Wurde mir aber seit selbigem discursu grosse Aufmerksamkeit geschenkt, also dass ich mannigmal eyn Seitengässlein am Palazzo Strozzi eingeschlagen, um nit mit allzuviel Reiten und Lavendelsträuss behelligt zu werden.

Item, wie ich endlich früh morgens in Vetturin steig, um gegen Rom zu fahren, so sind schon drey meiner blumenspendenden Freundinnen auf der Strass, um dem »forestiere melanconico inammorato« Addio zu sagen, und werfen eynen ganzen Hagel von Blumen in den Wagen, so dass ich nit ohne Rührung von dannen zog, massen es gar wohltuend in wildfremden Land ist, beim Abschied auch noch was anderes – als trinkgeldfordernde Spitzbuben vor Augen zu haben.

Von eygentlicher Trinkung ist in Florenz nichts vorgefallen, dieweilen es mir an fachkundigen Notizen über die richtigen Ortschaften und Tafernen gänzlich gemangelt, bin somit darauf eingeschränket gewesen, mit dem Küster der alten, merkwürdigen Kirch San Miniato eynes Abends etzliche Korbflaschen auszustechen, so schier bis gen Mitternacht gewähret. Und sind damals viel Leuchtkäfer auf dem Berg von San Miniato herumgeflogen.

Hab auch aus alter Pietät eyn sauren Gang zu Florenz gemacht; begab mich nämlich in den grossen, gewölbten Büchersaal des Klosters San Lorenzo, allwo auf schnitzwerkgezierten Pulten viel seltener manuscripta und Codices gleich wie wilde Tier an Ketten liegen; alldort hab ich der alten Pandektenhandschrift, um die weiland die Pisaner mit Amalfi und die Florentiner mit Pisa gerauft, meine reverentiam erwiesen, so sich aber auch nur auf eyn kurzes Zitat aus Goethes Dichtungen reduzierte; – hab auch im Original den Titel de regulis juris aufgeschlagen und den Satz meines Freundes Strümpell von Schöppenstedt: »quod ab initio vitiosum est tractu temporis convalescere nequit,« mit Rührung nachgelesen, in summa aber eyne wehmütige contemplationem über dies und das, womit sich die Jugend in Altdeutschland beschäftigen muss, angestellet. Hat mich die alt Handschrift noch ein namhaft Trinkgeld an den custode gekostet, so ich vielleicht auch besser irgendwo selbst vertrunken hätt.

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