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Epipsychidion / Introibo

Stanislaw Przybyszewski: Epipsychidion / Introibo - Kapitel 3
Quellenangabe
typenarrative
booktitleDe profundis und andere Erzählungen
authorStanislaw Przybyszewski
year1990
publisherIgel Verlag
addressPaderborn
isbn3-927104-04-3
titleEpipsychidion / Introibo
pages73-76
created20040216
sendergerd.bouillon
firstpub1900
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Helle Nächte

Und wieder einmal kam die blaue Stunde, die Stunde der großen Sehnsucht, da das Meer das hohe Lied von Dir und Mir, das düstere Leid unseres Gramgeschickes singt.

Alles verschwimmt in meiner Seele; der Traum meiner Nächte fließt in den wachen Tag über; in tiefem Dunkel blühen auf nackten Bäumen schwere, goldene Blütendolden; rings auf den Felsen schlafen schwarze Schicksalsvögel, und Milliarden von Sternen säen fahles Licht in die Meeresgründe hinab.

 

Nie hab ich Dich so traurig gesehen.

 

So traurig sah ich einmal die schwarzen Felder am Allerseelentag. Der Wind fegte das faulende Laub vor sich hin, pfiff in dem dürren Gras der bereiften Wiesen, dunkel brütete die Nacht über den Gräbern, dunkel geisterten die nackten Pappeln am Wege, und durch die irre Finsternis mühte sich der winzige Schein eines fernen Hüttenfensters.

 

So traurig sah ich einmal die Sonne an einem Herbstabend untergehn. Den ganzen Tag troff der Regen. Unablässig rieselte er und schluchzte, löste die Seele in unruhiger Schwermut, und darüber lastete bleiern der Himmel in hoffnungslosem Brüten. Es dämmerte, aber man sah nicht die Sonne, nur ein schwaches, schmutziges Leuchten kroch am Himmelsrand hervor und verschwand.

 

So traurig hört ich einmal ein Lied, zerfetzt vom eisigen Winde, am Grab eines Kindes. Trockene Schneemassen wirbelten in der Luft; der schneidende Frostwind köpfte die dürren Kronen der jungen Bäume, und auf den kleinen Sarg fielen die gefrorenen Klumpen der harten Erde, fielen und stöhnten das letzte Wiegenlied.

 

Und so traurig sah ich einmal eine flügellahme Möwe gegen die Zeit der Meeresflut auf dem Riff einer Felseninsel sitzen. Schon wälzten sich die Wogen über das felsige Gestein, schon zerspritzte ihr Schaum an dem winzigen Riff; langsam tauchte die Insel unter in dem schäumenden Gewoge, und mit todesbanger Traurigkeit sah die Möwe den Untergang nahn. Noch einmal flog sie auf, noch einmal fiel sie kraftlos zurück, schob den Kopf zwischen die Flügel und erwartete den Tod.

 

In der blauen Stunde, in der letzten Glut des blutigen Widerscheins der versunkenen Sonne hab ich Dich gesehen einen Augenblick lang, denn schon flogst Du wie ein Erdschatten über den Himmel und tauchtest in das dunkle Schweigen der Nacht hinein.

Du verflogst wie ein flüchtiger Erdschatten. Nur einen schweren Blick hast Du mir noch zugeworfen, einen Blick voll weinender Sehnsucht, innig und so hilflos wie die stammelnde Bitte eines Kindes.

Und ich trug Deinen schweren flehenden Blick in meiner Seele wie das Echo fernster Glückserinnerung, wie den verhallenden Klang einer gesprungenen Saite und suchte Dich, suchte ...

 

Auf allen Meeren irrt ich herum, aber mein Schiff konnte Deine weiße Mondlichtsheimat nicht finden. Durch viele Länder bin ich gegangen, aber nie konnte ich Deinen Blick fassen, der mir in meinem Herzen wie eine blaue Wunderblume blüht.

 

Gib mir Deine Hand!

 

Einstens ehrt ich die Menschenhand. Die fernsten Räume hat sie nahe gerückt, eiserne Regenbogen über klaffende Abgründe geworfen, Berge hat sie durchbohrt, die Erde durchwühlt und ihr Gewässer in neue Betten geleitet. Den Marmor hat sie mit Leben durchglüht und in dem harten Granit ein Gewebe der zartesten Spitzen gehauen, alle Schönheit hat sie erzeugt und alle Sehnsucht erfüllt, –

aber was ist mir die allmächtige Menschenhand gegen Deine zarte, schmale Hand, wenn sie sich leuchtend im Dunkel vorschiebt, wie ein schwermütiger Harfenakkord sich um mein Herz legt und über das bange Zwielicht meines Lebens die sternenselige Pracht deiner goldenen Haare breitet!

 

Oh, gib mir Deine Hand!

 

Und sieh mich an!

Alle Schönheit dieser Erde hab ich gesehen. Im Schoß der Ewigkeit hab ich die ungeheuere Sonne liebend umfangen, als sie in die nackte Erde das flammende Blut des Feuers goß; die Wunder des Edens hab ich durchlebt und mich in dem Glanz gesonnt, den meine Königskrone von einem Pol zum andern in die Welt strahlte. Pyramiden hab ich gebaut und auf tausende von Meilen das Wasser der Meere in die Wüsten geleitet, – ich habe die grausige Schönheit des Ozeans gesehen, als er sich über die Himmelsränder in den Weltraum zu ergießen schien, und die Erde sah ich sich aufreißen und das All in kochender Sintflut versinken, –

aber was ist mir alle Schönheit und alle Macht gegen Deinen Blick, diesen traurigen Blick, da er in der blauen Stunde auf meine Seele fiel, die Wunderblume in ihr weckte, die mit weitgeöffnetem Kelch die Sehnsucht und das Verlangen trinkt.

Oh, sieh mich an, wie einmal schon am weißen Strand in der Dämmerung ...

Wir schwiegen, aber unsere Seelen wuchsen, flochten sich ineinander und träumten, träumten:

von der ewigen Stille, da man die Strahlen der Sterne wie verzitternde Saiten hört, –

von der endlosen Klarheit, da der Himmelsrand die Erde nicht berührt und das Auge endlos und körperlos durch alle Weltenräume schweift, –

von der vergessenen Pracht uralter Sarkophage, in denen stolze Königsleiber durch Jahrtausende modern, –

von stillen Meeren, die abgestorben in spiegelglatter Ruhe sinnen, –

von schweigenden Vögeln, die lautlos mit ewig gebreiteten Flügeln durch sonnenlose Weiten ziehen, –

von toten Städten, die in schattenlosem Schweigen vom Widerscheine leben, den unsichtbare Sterne jenseits der Meere werfen.

 

So saßen wir versunken, dem Leben fremd, und träumten von jenen Dingen. Denn es gibt keine größere Schönheit als die tote Pracht, vom Spinngewebe umsponnen, als alte, rostzerfressene Kronen und den fahlen Glanz, den abgestorbene Dinge strahlen.

 

Und sprich mit mir!

 

Gern hört ich, wenn einst, auf der Terrasse meines Palastes im Mondenschein die fremde Sklavin mit silbernen Stäbchen die Zither schlug und eintönige Lieder sang, – Lieder, wie sie Palmen in einsamen Wüstenoasen weinen oder schlanke Zypressen an zerfallenen Gräbern bluten. Mit stählernen Flügeln rauschte mein Herz, wenn mein Heer in der todesverachtenden Wucht der Zimbeln und ehernen Hörner an mir vorüberstampfte. Lange Stunden saß ich am Meer und ließ seine königsstolzen Ewigkeitsrhythmen meine Seele durchschauern, –

aber was sind mir alle Klänge, aller Rausch, und Glut und Sehnsucht dieser Lieder gegen die Musik Deiner Stimme, wenn sie sich mit der verfließenden Röte abendlicher Schwermut in meine Träume verwebt und purpurne Kränze später Herbstblumen in mein Denken verflicht!

 

Komm! Sprich mit mir!

*

Traum, Traum, Alles nur Traum!

Ich sah im roten Frühlicht mein endloses Reich im Morgennebel zerfließen; die Sonne schmolz auf meinem Haupte die stolze Königskrone; in alle Winde zerstieben meine schwarzen Krieger; im goldenen Sonnenstaub lösten sich auf meine Paläste und meine Gärten, und wieder bricht sich die Brandung zu meinen Füßen, wieder ist es Nacht, die dunkle Nacht über dem Meer.

[...]stert aus dem schwarzen Gewoge; zwei Sterne mühen sich mit fahlem Licht durch die Nacht und versprühen glitzernden Reif auf den Sturm des Meeres.

Um zwei Sterne wachsen rotglühende Dunstringe; sie wachsen, ballen sich zu Wolken, wogen hin und her über den Himmel, und zwei Sterne werden zu zwei riesigen Feuerherden. Sie ringeln sich tief wie zwei Vulkankrater in den Himmel hinein, zerfetzen die Nacht in flackernde Purpurstreifen, und in sprühender Rutenschwingung schießen Feuerströme ins Wasser hinab.

Einen Augenblick steht das Meer in hochgereckten Flammenbränden, wirft seine feuerstrotzenden Arme in den Himmel hinauf, wälzt sich an den Rändern an ihm empor, und von allen Seiten saugt der Himmel die kochende Brandung in sich auf.

Und mitten in dem Brand des Alls seh ich Dich mit weitgestreckten Armen mit flackerndem Haar, das wie eine Flut von Kometenschweifen über den Himmel fliegt.

Langsam erlischt das Wunder; der Himmel verglüht, und auf dem Dunkel des Meeres verzittern zwei fahle Sterne wie glitzernder Reif. Aber Dich seh ich noch immer, hochgereckt, leuchtend wie damals, da Du auf meinen göttlichen Machtspruch aus dem Urwillen entstanden warst:

denn Ich war Gott!

 

Ich war der Werdewille jeglicher Erde, durch den sie sich ewig neuformte und neugestaltete. Ich war der Scheidewille, durch den sich das Wasser vom Lande trennte. Ich war der lenkende Gedanke, der den Sternen unverrückbare Bahnen gezeichnet hat. Ich war das Herz des Alls, und von meinem Blute lebte das All.

Die Sonne war ich, und um mich sausten im gleichmäßigen Lauf die Erden. Ich war die Macht der Zeit, die das Feuer erstarrte, die Felsen verwitterte und fruchtbares Land bildete. Ich war die weise Vorsehung, die den Mutterschoß für die Lebenskeime bereitete.

Bis die Zeit kam, da mein Schöpferwille erlahmte; meine Gedanken irrten über den Ozeanen und entspannten mit ihren Flügeln einen trüben Himmel über dem All, oder hockten wie müde Möwen beieinander und sahen sehnsüchtig in die endlosen Lichtfernen.

Und wenn ich in weißem Licht mein Werk badete, wenn ich alle Fernen in blauen Dämmerungsnebeln auflöste, wenn ich des Tages müde das Licht löschte und die Welt in den finsteren Grüften der Nacht begrub, wenn Ewigkeiten und abermals Ewigkeiten über meine Seele liefen, da fühlte ich in dunkler Ahnung, daß noch eine Sehnsucht, noch ein Verlangen in mir auf das Werde harrte.

In endlosen Nächten träumt ich von der Vollendung meines Werkes, von der Erfüllung all meiner Kräfte: aber vergebens hab ich Welten zerstört und aus den Scherben neue geformt; vergebens schüttelte ich die Sterne durcheinander und warf sie auf neue Bahnen; vergebens kehrt ich um und um die Ordnung der Dinge, machte Tag zur Nacht, verlöschte das Licht und entzündete es von Neuem: unbefriedigt und gleichgültig sah ich zu dem fruchtlosen Spiel.

Da endlich kam die Stunde, da das Wort zum Körper wurde, mein Wille strotzte von nie gekannter Kraft, und in der Nacht des großen Wunders schulterte die Welt von meinem Donner: Werde!!

 

So bist du entstanden!

 

Und von dem Urquell meiner Macht strömte endlos die göttliche Gnade in Deine Seele über. Sie breitete sich über die Erde; mit tausend Sinnen erfaßte sie mein Werk, durchdrang seine tiefsten Heimlichkeiten, bannte die Sterne in ihrem Lauf, erriet das fernste Schicksal.

Deine Macht glich der meinen, denn alle Schönheit und alle Kraft hab ich Dir gegeben. Und Du warst auf Erden, was ich im Himmel war.

Mit liebenden Händen schüttete ich auf Dich herab den Glanz der Sterne und die verträumte Lichtflut blasser Mondscheinnächte, einen neuen Himmel hab ich über Dir entspannt, regenbogenfarbne Lichtferne vor Deinen Augen gebreitet, und die nackte Erde verwandelte ich in ein Paradies.

Mit vollen Händen warf ich den Samen in die Frühlingserde.

Und wo einst nackte Berge durch Jahrtausende verwitterten, blühten jetzt endlose Zaubergärten auf. Wo einst wilde Stürme hohe Sandberge in den Himmel warfen, breiteten sich jetzt herrliche Wiesen und reiche Weidentriften; und wo noch vor kurzem gespenstische Schluchten und Riffe geisterten, schossen jetzt jungfräuliche Palmenwälder empor.

Die nackten Felsenwände rankten sich üppige Weinberge hinauf; schlüpfrige Moortriften bedeckten die breiten Blätter und Blüten gelber Seerosen, und die Abgründe hinab fielen dichte Efeugeflechte.

Aber vergebens entfacht ich am Himmel immer größere Wunder; vergebens erschöpfte sich meine Macht, um immer selteneren Reichtum aus der Erde hervorzuzaubern. Abwesend und gleichgültig sahst Du zu der endlosen Folge von Zeugen und Sterben, dem endlosen Wechsel von Wachstum und Vergehn.

Still und traurig sah ich Dich in dem milden Duft der Abendröte in den Zaubergärten zwischen schwarzen Palmen wie mattes Irrlicht gleiten.

Still und traurig sah ich Dich die Bergabhänge hinabschweben, wie aufgelöst in weißen Nebelleuchten.

Ich sah Dich am Meeresstrande träumen, versunken in die nächtlichen Lieder des Meeres, die am Ufer schlaftrunken verhallten.

Und wenn auf den Gipfeln der Berge alle Feuer erloschen, wenn über den Gärten und Wäldern das letzte Licht verzitterte und im Schweigen der Nacht jeder Ton verglühte, dann kroch zaubernd das Meer zu deinen Füßen; langsam umspülten Dich lockend seine Wellen, und trugen Dich auf das jenseitige Ufer zu neuen Gestaden.

Wie im Traum gingst Du auf dem Meer. Deine Augen, weitgeöffnet, starrten fremd in dunkle Fernen, und über den Wellen schleiftest Du die leuchtende Flut deiner goldenen Haare.

*

Einsam irrtest Du umher, und Dein Herz welkte in Sehnsucht wie eine Blume in der Hitze der tropischen Sonne.

Verlangend streckten sich in Deinen Träumen die blassen Hände nach dem unsichtbaren Gott, der die Pracht und den Überfluß dieser Erde Dir zu Füßen geworfen hatte.

Verlangend suchten deine Augen den Gott, den Du in dem Duft deiner Gärten atmetest, den Du in der Melodie der Ozeane trankst, den Du mit dem Licht, das Dich umströmte, in alle Fernen strahltest.

Und als wieder einmal Dein Haar über dem Meere wie blasses Mondlicht flimmerte, da fiel die Nacht von Deinen Augen, und Du sahst mich, Deinen Gott, am jenseitigen Ufer.

Einen Augenblick bliebst Du stehen im schauernden Glück; einmal noch entflammte sich meine göttliche Liebesgnade wie eine junge Sonne um Deine Stirn, und plötzlich, als hätte er sich in der Abendröte aufgelöst, zerfloß Dein Körper.

So verzittert der Tau, wenn der Morgenwind über die Wiesen streicht.

So verhallen am Ufer die letzten Wellenakkorde, wenn ein fernes Ruder in die glatte Abendflut des Meeres eine Furche reißt.

So verglüht in tiefer Finsternis der leuchtende Schweif eines fallenden Sternes, und so verfließt in der Dämmerung die Sintflut trunkener Farben, wenn die Nacht am Himmel das Schweigen entspinnt ...

*

So träum ich oft den Uranfang für Dich und mich, träume lange Stunden hindurch, suche Dich und verlange nach Dir.

Du verloschest wie ein Irrlicht, verflogst wie Nebel in der ersten Frühlichtsstunde. Vielleicht bist Du gestorben und thronst unerreichbar über allem Zorn und allem Schmerz des Lebens, aber noch immer tastet sich Dein Blick irrend in meine dunkelsten Seelengründe, noch immer singt Deine Stimme mir ins Herz die schwermütigen Sterne hinein, die einst über unserem Glück glitzernden Reif versprühten.

Oft seh ich Dich am Rande meines Bettes sitzen und mit traurigem Lächeln mir in die halbwachen Augen starren. Deine schluchzende Hand streichelt meine Haare. Deine Lippen ruhen abendmild auf meiner Stirn, und Deine Augen trinken Verlangen an meinem Blut.

Oft seh ich Dich auf dem schäumenden Kamm der Wellen liegen, wenn die Flut gegen den Mittag die Ufer stürmt. Wie diamantner Reif glitzert im Licht der weiße Schaum auf den goldenen Strähnen Deines Haares.

Oft seh ich Dich in Mondscheinnächten auf den Klippen fern im Meere sitzen und singen – singen in den steppenweiten Rhythmen der Sterne, die mit tausendfach gebrochener Strahlenflut Deine Füße liebend umschmeicheln.

Dann schmilzt der Mond auf Deinem Haupte; sickert, aufgelöst in perlendem Sprühregen, durch die Seide Deiner Haare und tropft in dünnen Silberstrahlen in das Wasser hinab.

Und lächelnd, verträumt, wirfst Du mit beiden Händen den flimmernden Silbertau des geschmolzenen Mondes in das andächtige Schweigen, das um Dich kauert. Unablässig wirfst Du den Demantstaub in die Goldflut der Sternenstrahlen, die sich tausendfach in dem Meer zu Deinen Füßen bricht, und langsam erblüht rings um Dich in flirrender, funkensprühender Pracht der Hochzeitsring des Meeres.

Schaukelnd umspült er Deine Füße, löst sich los vom Meer, wächst flimmernd an Dir empor, windet sich wie ein kostbares Band um Deinen Leib, strömt hinauf, verflicht sich in Dein Haar und schlingt sich wie ein Diadem, geschweißt aus Mondlicht und Sternengold um Deine Stirn.

Doch wenn ich die Anker meines Schiffes lichtete, wenn ich die Segel spannte, um zu Dir, Du Meeresbraut, hinauszufahren, sah ich Dich in der leuchtenden Ferne verzittern, sah Deinen schwarzen, langen Blick verglimmen, und Dein Haar sah ich, wie es über dem Meer den demantenen Tau des Mondlichtes und den goldenen Reif der Sterne versprühte ...

*

Die Sterne verblühen, das Meer wacht auf, und wie ein Traum des versunkenen Glücks klingt in meiner Seele Dein schwerer Blick.

Die Rosen verwelkten, und ihr Duft verzittert in dem blauenden Schweigen des Frühlichts, und von dem Dornenstrauch fielen weiße Dolden herab, wie Töne, die eine unsichtbare Hand von einer Harfensaite reißt.

Das Meer wacht auf, flammendes Rot des Ostens weckt den Tag, und wie ein Erdschatten gleitest Du über den Himmel hinweg.

Auf allen Meeren hab ich Dich gesucht, alle Länder hab ich durchforscht und konnte Dich nicht finden.

Und doch saßt Du einmal neben mir auf dem Himmelsthron über den Wolken. Die Milchstraße war zu unseren Füßen, und die Strahlen aller Welten verflochten sich zu Glorien der Allmacht um unsere Häupter, und unser Blick trank in der heiligen Ruhe des Gottseins die unbefleckte Schönheit des Alls.

Mit Dir zusammen hab ich das Paradies verloren, und umheult von Sturmorkanen, umschrien von Blitzen, die in dem schwarzen Himmel meine düsteren Schicksalsrunen rissen, trug ich Dich, Du armes Kind, und suchte, wo ich Dich betten könnte.

Und wieder hast Du mit mir über Völker und Länder geherrscht; auf Deinen Wunsch schickte ich Tausende meiner Sklaven ins Verderben, damit sie zu Deinen Füßen seltene Schönheit breiten; Städte habe ich brennen lassen, wenn Du das Dunkel scheutest, und Städte ließ ich schleifen, damit Du meine Schiffe sehen könntest, als sie mit siegreichen Fanfaren in den Hafen einliefen.

An meiner Seite sahst Du in die brechenden Augen des gekreuzigten Nazareners. Auf meinen Armen trug ich Dich aus der ewigen Stadt, da Horden der Barbaren flammende Fackeln in die heiligen Tempel warfen. Und Du rittest neben mir, als ich hinauszog, um das heilige Grab mit meinem Blut zu weihen.

Und so weit meine unsterbliche Seele zurückdenkt, seh ich Dich immer neben mir. Tausendmal sprengte sie die Gruft meines Leibes und verkörperte sich von Neuem, aber immer war ich mit Dir zusammen.

*

Und nun weiß ich es!

Ich war kein König, ich war kein Gott, und nie hab ich den einsamen Strand verlassen, an dem meine Hütte steht.

Nun weiß ich es:

An diesem Strand lebten wir unser größtes Glück; wie stolze Königskinder irrten wir auf nie betretenen Pfaden und pflückten seltene Blumen in zerklüfteten Schluchten.

An diesem Strand fühlt ich Deine Hand heiß und glücklich in der meinen brennen; hörte Dein stilles Lachen in finsteren Nächten glühen, und Deine Träume schlugen an mein Herz wie weiße Vögelfittiche.

Ich war kein Gott, ich war kein König, denn von Urbeginn an war ich der Sohn des Meeres und Du Geliebte ein unerreichbarer Traum, den die schönheitstrunkene Mondnacht auf den leuchtenden Fluten singt.


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