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Epipsychidion / Introibo

Stanislaw Przybyszewski: Epipsychidion / Introibo - Kapitel 2
Quellenangabe
typenarrative
booktitleDe profundis und andere Erzählungen
authorStanislaw Przybyszewski
year1990
publisherIgel Verlag
addressPaderborn
isbn3-927104-04-3
titleEpipsychidion / Introibo
pages73-76
created20040216
sendergerd.bouillon
firstpub1900
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Sonnenopfer

Endlos war mein Reich und ohne Schranken meine Macht.

Über Wüsten und über Paradiese habe ich geherrscht, heilige Flüsse durchfurchten mein Land, und drei Meere begrenzten mein Reich.

Tausende und Abertausende von Sklaven warfen sich vor mir auf die Knie und beteten den Lichtsohn an.

Wenn ich wollte, so wurden Flüsse in neue Betten geleitet, die Wüste unter Meer gesetzt. Wenn ich wollte, so entstanden vor meinen Palästen paradiesische Wundergärten über eine Nacht, und in den Himmel hinein ragten die Gräber, die man meinen Ahnen erbaute, bevor der Mond zweimal seinen Weg vollendet.

Die Mächtigsten dieser Erde hab ich unterjocht, die Götter habe ich gehöhnt, denn es war keine Macht, die sich der meinen vergleichen ließe, und keine Kraft gab es, die sich mit der meinen messen könnte.

Denn ich war der Sohn des Lichtes und der Sonne, und vor meiner Majestät verblich aller Glanz, und vor meiner Gewalt versank in Staub alle Macht.

Und dreimal am Tage opferte ich der Sonne, denn ich liebte die Sonne, meine Heimat, meine Mutter, meinen heiligen Urschoß.

Unermeßliches Glück und allen Reichtum der Erde schüttete sie mit liebenden Händen über ihren Sohn.

Auf allen Meeren blähten sich die weißen Segel meiner Schiffe, und oft, wenn ich von der Terrasse meines Palastes auf das Meer hinabsah, zogen die Schiffe wie eine endlose Albatrosherde an meinen Augen vorüber.

In allen Ländern standen meine Krieger, schwarze Riesen, die sich vom Mark erjagter Löwen nährten. Und wenn sie an der Terrasse meines Palastes in endlosen Scharen schritten, dann dröhnte die Erde, und die Sonne brannte ihre rasendsten Fanale auf den silbernen Helmen und Schilden.

Nichts gab es, das nicht unter meiner Macht sich beugte.

*

Und eines Tages, da meine Heerscharen von ihren weiten Zügen zurückgekehrt waren, trat der Führer vor meinen Thron und sagte:

Herr! Weit über die Grenzen Deines Reiches sind wir gegangen; weit über die drei Meere, die Dein Reich beschließen, fuhren uns Deine Schiffe in ein seltsames Land.

Der Glanz der Sonne wärmt nicht dort, die Sonne ist wie ein riesiger Topas. Der Tag gleicht dort einer dämmrigen Frühlichtstunde, und aus unsichtbarer Quelle strahlt die Erde ein fahlgrünes Licht in die Nacht hinein.

Nichts war dort zu erbeuten, denn es ist das Land der Schatten. Die Erde trägt keine Früchte, und die Menschen sind nicht von unserer Welt.

Von dort brachten wir Dir, o König, ein Weib, blaß wie unsere Mondscheinnächte, mit einem Haar, als wäre die Sonne darauf geschmolzen, mit einer Stimme, die von weither zu kommen scheint, als wehte der Wind in der Abenddämmerung über das Meer ein fernes Lied herüber.

*

Und Du gingst langsam durch den Saal an die Stufen meines Thrones.

Und es war, wie wenn Blätter von einer Rose leise abfallen, wenn der Wind sie schüttelt – wie wenn Töne einer berührten Saite, langen Regentropfen vergleichbar, in dem Dunkel verrinnen – wie wenn das Wetterleuchten an heißen Sommerabenden in goldigen Strähnen sich über den Himmel gießt.

Es wurde still im Saal, wie in der blauen Morgenstunde, da die ganze Welt in atemverhaltender Erwartung auf den Lichtkampf am Himmel horcht:

Und Du kamst näher, wie das fernste Echo der Ewigkeit. Noch näher. Ich fühlte, wie ich in einer geheimen Ehrfurcht zurückwich, wie der Saal zurückzuweichen schien, ich sah einen nebligen Glanz die Räume füllen ...

Du bliebst stehen.

Und jetzt sah ich deine Augen auf mich gerichtet, tief, wie dunkle Himmelsweiten, traurig, wie herbstliche Dämmerungsschauer und mild wie das Leuchten des Meeres in schwarzen Nächten.

Da sank ich vor Dir auf die Knie, und Du, Sklavin, wurdest meine Herrin.

*

Aus einem dunklen Lande bist Du gekommen, wo die Sonne wie zum Abschied scheint, blank und rot wie Safran. Aus dem Lande ewiger Schatten bist Du gekommen, einem Spiegelbild längst versunkener Welten: Mit Meeren, die gestorben sind und wie blaßgrüner Opal schillern, mit Bergen, die gespenstisch geistern und in seltsam verschlungenen Ketten ins Meer versinken, mit Wäldern, deren Laub in der toten Farbe roten Kupfers düstert.

Du kamst, wie ein Strahl, der nach Millionen von Jahren von einem fremden Sterne her sich auf die Erde verirrt.

Du kamst, wie Träume über das lustmüde Herz kommen, still und weich mit dem leisen Ton vergilbten Laubs, das zur Erde fällt.

Du kamst, wie ein verhallender Klang, den man in seinem Herzen wie den Flügelschlag einer weichenden Erinnerung hört, und Du kamst mit der Stille der Nacht, wenn sie ihre Schwermut über die Erde blutet.

In die Sonnenwunder meiner Heimat bist Du gekommen, wo die schwingende Hitze weißglühender Sonne die Flüsse trocknet, wo in den Nächten die schwüle Glut feuergesättigter Erde den Atem beklemmt und die Sterne glühen, wie heiße Fieberflecke, die das rasende Herz des Alls auf den Himmel wirft.

*

Deine Augen starrten mit großer, ängstlicher Frage in die wilde Pracht meines Reiches.

Sie wurden wund von dem heißen Glanz, Dein Blut schien zu kochen, und auf Deine Stirn trat sprengend das feine Netz der Adern hervor.

Du wurdest scheu und siechtest hin. In die tiefsten Gründe meines Palastes hast Du Dich verborgen, mit schwerer Seide die Fenster verhängt und mit dicken Teppichen jeden Laut erstickt.

Noch seh ich Dich, wie Du still durch die endlose Flucht der dunklen Säle schreitest, noch hör ich Deine Schritte wie verrauchenden Nebel schwermütiger Akkorde.

In Deinem lichten Haar die schwarze Rose. Schwer und gluttrunken glänzte sie in der blassen Goldflut Deiner Haare.

Scheu wurdest Du wie eine Antilope auf den wildesten Felsen meiner Berge; Dein ängstlicher Blick irrte wirr durch die endlose Flucht der dunklen Säle und in den Nächten hört ich Dich die kranke Sehnsucht weinen – nach Deiner Heimat zurück, nach dem riesigen Topas auf dem dämmerungstiefen Himmel.

Ich begann die Sonne zu hassen, die Dich tötete.

Ich wünschte, ich hätte die Macht, den Himmel in der Stunde zur Ruhe zu zwingen, wenn sich das Morgenrot aus der schwülen Umarmung der Nacht loswurzelt und seine schreienden, bluttrunkenen Äste über den Himmel wirft und über den ganzen Osten hin die übermächtige Gipfelkrone wie eine feuergesättigte Koralleninsel in rotem Lichte blüht.

Ich wünschte, ich hätte die Macht, den Himmel zur Ruhe zu zwingen, wenn das Dunkel den Himmel überzieht, und die Erde die Liebesglut der Sonne in die Wolken zurückstrahlt. Oh! diese Stunde, die blaue Stunde des Himmels festzuhalten, da die Töne langsam, wie Schneeflocken in leiser Schwermut in endlose Tiefen fallen, da im Herzen wirre Träume blühen, und ihre Sehnsucht über alle Weiten und Fernen ziellos irrt: weit über die Berge, die in den Himmel wild zerhackte Linien schreien, weit über die Meere, die in sich selbst untertauchen, weit über die Urwälder meines Reiches, wo die Ewigkeit in tauber Ruhe brütet.

Und ich wünschte, ich hätte die Macht, das Frühlicht mit der Abendröte zu vermählen, ungeahnte Farben ineinanderzuwirken, einen neuen Himmel über die Erde zu spannen, daß kein Tag Dir mit weißem Glanz die Seele trübte, und keine Nacht deinen sehnsuchtsflackernden Blick beengte.

Einen neuen Himmel wollt ich über Deinem Haupt entspannen, leuchtend wie grünes Polarlicht in ewigen Nebelnächten. Nur keine Sonne, die sich mit gellen Stößen Dir in die Augen keilte, und in Deinem Blute giftige Keime ausbrütete.

*

In dem dunklen Gemach saß ich bei Dir und sah, wie Deine Augen sich immer größer und ängstlicher öffneten, wie Dein Gesicht durchsichtig wurde und blaß, wie blaugeaderter Alabaster.

Ich saß und brütete, wie ich Dir Licht schaffen könnte, kaltes, totes Licht, das den Himmel Deiner Heimat Dir ersetzen würde.

Und ich schickte meine Boten in die Welt hinaus, daß sie die Erde nach seltenem Gestein durchwühlen, dessen kühler Glanz Dir die Säle erleuchtete.

Und von Indien her brachte man Dir Diamanten, stolz und herrlich wie steingewordenes Licht, kühl wie die Hand eines Sterbenden und lindernd wie die wunderkräftigen Blätter der Lotosblume.

Von Griechenland her kamen blaue Saphirsteine, die einst die Halbmonde der Artemis schmückten, rein, keusch und kühl, wie die schwermütigen Nächte der Herbstmonde.

Den Priesterinnen der Gallier wurden die heiligen Smaragden geraubt, die auf den Opferaltären der Druiden in die finsteren Eichenwälder die Runen künftiger Geschicke strahlten.

Den ägyptischen Magiern wurden ihre Chrysolithen entrissen, die wie gefrorene Sonnenstrahlen in kaltem Lichte blühen – Chrysolithen, die den Wahnsinn heilen, die nächtlichen Gespenster verjagen und vor das sehnsuchtstrübe Auge niegeahnte Pracht paradiesischen Glückes zaubern.

Von unbekannten Ländern her schleppte man unermeßliche Schätze herbei: schwarze Achate mit weißen Adern; Hyacinthen, grün, mit rötlichen Streifen; tolläugige Jantaren, giftig und berauschend wie Bilsenkraut.

Die ganze Erde wurde nach seltenem Gestein durchwühlt, alle Meere wurden nach Perlen und Korallen durchsucht, und in den dunklen Sälen häuften sich Schätze auf Schätze – Steine, auf denen noch das Blut ermordeter Priester und Zauberer klebte; Beryllen, die Tote ins Leben zurückrufen; Orite, die das elendste Herz mit überweltlichen Träumen berauschen; glanzlose Chalcedone, die ewige Jugend verleihen.

Dann wieder Steine, die wie Augen hungriger Tiger Wutfunken sprühten: tückische Onyxe, die alle Abgründe des Schmerzes öffnen; tausendfarbige Opale, die das Hirn in weiße Nebel hüllen und das Herz in irre Schwermut lösen.

Es war, wie wenn gleißende Sterne in einer großen, toten Sonne zusammengeschmolzen wären.

Über dem düsteren Gefunkel der Achate und Orite breitete sich die schwermütige Lichtflut violetter Amethyste. In das stolze Dithyrambengeglüh der Diamanten stach mit spitzen Strahlen die schweigsame Kälte der Onyxe. Die grünliche Goldflut der Topase tanzte mit den Hyazinthen wilde Lichtfanfaren. Von fremden Welten träumten die Smaragde und in blauem Dämmerungslicht strahlten die Saphire ihren herben Zauber.

Und in dem kreisenden Trubel der gleißenden Farben, in all dem Wirbel und Geschrei der tollgewordenen Gesteinsonne gingst Du leise auf mich zu. Näher, immer näher. Du beugtest Dich über mich und sagtest leise:

Ich will nicht dieses Opfer; opfre mir die Sonne – Deine Sonne – Opfre mir, o Lichtsohn, Deine Mutter!

Und es war, als wiche der Boden unter mir weg, als knickten die Säulen des Saales ein und die schwere Decke stürze über mich zusammen.

Es war, als wäre eine Ewigkeit herabgefallen. Nur das tückische Gefunkel der Edelsteine sprühte in fiebrigem Taumel Funkenregen in meine Augen.

Und immer fühlte ich Deinen Blick starr auf mich gerichtet mit einem schweren wartenden Schweigen, das ich wie ein fliehendes Wetterleuchten an den blanken Wänden gleiten sah.

Und das Schweigen füllte den großen Saal, fraß das Licht auf; es verglomm das Geglüh der Edelsteine und in der tauben Stille hört ich die Schläge Deines Herzens wie ein dumpfes Pochen an den Toren des Ewigen.

Endlich fühlt ich, daß ich antworten mußte, und wie ein fremdes Echo scholl es mir von den Wänden zurück:

Ich opfre Dir die Sonne!

Und Du nahmst meinen Kopf in Deine blassen Hände und sagtest:

Ich danke Dir, o König!

Und wieder glühte lange das Schweigen um die blanken Wände, bis plötzlich eine wilde Blume sich schreiend mit weitgeöffnetem Kelch in jähem Glücke hochreckte:

Geliebter!

*

Seit dieser Zeit liebtest Du mich.

Deine Liebe war weiß und rein und weich wie die Flügel einer Polarmöwe.

Dein Herz fühlt ich an meiner Brust die Glut meiner Sonne atmen, und in mein Blut sangst Du mir ein Paradies hinein, sangst fremde Zauberworte, die ich nicht verstand, fremde Worte, die ich streichelte und küßte, Worte, die meine Seele lebendig sah, die sie einmal schon gekostet hat, als ich noch mit Dir zusammen in dem Urschoß des Daseins die Ewigkeit trank und der Erde den Uranfang träumte.

Und ich war glücklich. Ich war glücklich, obwohl ich fühlte, daß das Verderben über mir hing und rote Blitzwolken nahten.

Endlose Stunden saß ich bei Dir. Weiße Nebel sah ich um mich kreisen, rote Blitze schossen um mich herum; Angst und Verzweiflung grub mit mageren Gespensterhänden tiefe Gänge in mein Herz – aber ich war glücklich.

Draußen wartete die Sonne auf mich. Die Sonne, der ich einst dreimal am Tage Dankesopfer brachte. Vom frühen Morgen bis in die Nacht hinein lauerte mir die Sonne auf.

Sie ging langsamer als sonst. Um die Mittagszeit schien sie stille zu stehen; mit zögerndem Ruck tauchte sie gegen den Abend ins Meer, um bald, oh bald rachesinnend über meinem Reich zu lauern.

Tag für Tag blieb sie über meinem Palast stehen und wartete.

Aber nie wieder habe ich ihr geopfert. Aus der Opferschale trank meine weiße Königin den Trank der Liebe und des Vergessens, auf den heiligen Meßgewändern lösten sich des Nachts ihre Glieder und die sonnengeweihten Rubinen des Opferaltars träumten auf ihren Fingern von der einstigen Pracht der Sonnenfeste.

Ich höhnte die Sonne; ich haßte sie, und in bangem Erwarten fürchtete ich ihre Rache.

*

Nie hast Du wieder von Deiner Heimat gesprochen, aber ich fühlte sie über mir, um mich herum, denn Du wurdest nun meine Heimat.

Dein Blick küßte die gespenstischen Stunden Deiner Berge wie lähmendes Gift in mein Herz; Deine Hände geisterten in meine Gedanken die welke Trauer Deines toten Landes, und Deine Stimme goß über meine Träume die Farbe geschmolzenen Opals, die Farbe Deiner toten Meere.

Ging ich mit Dir, so war's, als sinke mein Fuß in jahrtausendaltem Moos unter, und zu allen Seiten sah ich die Wälder Deines Landes in kupferroter Dämmerung düstern.

Und wenn die Nächte kamen, Nächte, kurz und hell wie der Blick eines Tigers, der seinen Käfig gesprengt hat, – wenn Deine Hände auf der Harfe irrten und die Töne wie blaue Fäden schmelzenden Schnees über endlose Gletscherfelder rieselten, dann breitete meine Sehnsucht ihre schmerzsatten Flügel, mein Blick irrte weit über die mondbeglänzten Dächer der Millionenstadt, weit über den Himmelsrand, der mit dunkelrotem Band das Meer umsäumte, und aus dem Schweigen meiner wunden Seele riß sich ein Schrei los – der Sonne zu, die hinter dem Meere sich zu ihrer Rache rüstete.

Wie ich mich da nach der Sonne sehnte!

Nur noch einmal zu sehen, einmal noch, wie sie im Niedergang die rote Flut über mein Reich gießt – einmal nur, wie sie um den Mittag in sengender Glut über den Dächern meiner Stadt steht – einmal noch, wie sie im Triumph die Nacht zersprengt.

Die weiße Albatrosherde meiner Schiffe möcht ich sehen, wenn sie träge, vom Licht zerfressen, auf dem Meere steht; die flammenden Fanale möchte ich sehen, die die Sonne auf den silbernen Helmen meiner Krieger entzündet.

Etwas riß, zerrte an mir. Kaum hatt ich Macht über meine Glieder. Mein Herz stahl sich hinter das Meer; mein Auge weidete sich in trunkener Lust an dem Wunder aller Wunder, und in schreiendem Jubel grüßt ich die Sonne, meine Mutter, mein Glück und mein Verderben.

Aber immer von neuem erstickt ich in mir den Verzweiflungsschrei nach der Sonne, und immer wieder kehrte ich in das rote Lichtreich unseres Gemachs zurück, und in dem dunklen Grund Deines verlangenden Blickes tauchte meine Sehnsucht unter.

Und es war, als liebten mich Deine Hände dann mehr, als wühlte sich Dein Auge tiefer und heißer in mein Herz, als pochte jede Nacht Dein Blut stärker nach mir.

Ich preßte Dich an mich, ich stürzte mich mit allen Sinnen in das Glück, das Du, Du allein mir gabst, aber nie konnte ich vergessen, daß da draußen die Sonne die Nacht zersprengt und ihre blutrünstigen Arme weit über den Himmel wirft.

Die Sonnenarme, die sich in vergeblicher Qual jeden Morgen vom Himmel lösen wollten, um den treulosen Sohn zu fassen.

*

Aber es kam die Zeit, da sich mein Herz nach der Sonne nackt schrie.

Mein Blick irrte unstet in dem dämmrigen Saal an den kristallnen Blumen, die sich an den Wänden emporrankten; er wurde krank in dem kalten Gefunkel des Edelgesteins, das mir mit fahlem Licht in die Adern schien.

Meine Hände wurden durchsichtig; meine Stimme klang mir fremd, und immer stärker wurde meine Sehnsucht nach dem Tag, nach der schwellenden Hitze, nach der Mittagsglut, in der mein Reich zu einer weißen Lichtwüste zusammenschmolz.

Und trübe mit kranker Trauer senkte sich Dein Blick in meine Seele. Tief, tiefer noch wühlte er sich hinein und las meine Sehnsucht und meine Angst. Dein Blick brach an meinem Verlangen, meiner Gier nach der Sonne.

Fremd lösten sich Deine Hände, wenn ich sie in den meinen hielt; das Licht Deiner Augen barst, und glanzlos in stumpfer Verzweiflung starrtest Du vor Dich hin.

Und draußen stand die Sonne und brütete Pest, Verderben und Hungersnot über meinem Reiche aus.

Sie verbrannte die Frucht auf den Feldern; sie trocknete die Flüsse in meinem Lande aus; die üppigen Weidentriften wurden rot wie eine unermeßliche Brandwunde; sie dörrte meinem Volk das Fleisch an den Knochen, so daß es in brandigen Fetzen abfiel, und vor meinem Palast hört ich mein Volk wie eine tausendköpfige Hyäne brüllen, in der Hungersnot sich verzweifelt krampfen; ich fühlte seine Flüche und Verwünschungen wie Schwefelregen auf mein Herz fallen, aber ich trat nicht in die Sonne hinaus.

Dich, Dich sah ich nur, wie Du in der dunkelsten Ecke kauertest, wie Deine weitgeöffneten Augen die Sehnsucht nach dem verlorenen Paradies bluteten.

Ich saß und brütete, aber meine Seele wurde stumpf und kalt in dem Übermaß ihres Elends.

*

Da eines Tages erbrach das tollgewordene Sklavenvolk die Tore meines Palastes und wälzte sich vor meinen Thron.

Mein Herz schütterte.

Was war aus meinem Volk geworden! Dies ekle Getier mit der bleichen Haut, die an den Knochen klebte und die Eingeweide durchschimmern ließ – das war mein Volk?!

Und in Raserei schrie ich: Fort von meinen Augen! Fort!

Aber das Volk rührte sich nicht!

Es schien, als streckte sich jeder Sklave mit ausgebreiteten Armen lang hin vor meinem Thron, und in grausigem Entsetzen sah ich vor mir in dem endlosen Saal ein Totenfeld von übers Kreuz gespannten Gerippen.

Dann sah ich nichts mehr.

Ich fühlte nur, wie ich auf die Terrasse hinausgetragen wurde; mein Auge stierte irrsinnig auf die mit ekler Haut überzogenen Totenköpfe meines Volkes, auf die dürren Knochen tausend weitgestreckter Arme, die sich schreiend zu mir emporreckten; Augen sah ich leuchten, wie bei verreckenden Schakalen, und mordlüstern, bluttriefend schrie das Volk:

Gib uns Deine weiße Sklavin!

Und wie die Erde sich wutschnaubend öffnet und das Feuer über die Länder speit, so spie diese Sklavenbrut ihre mordlechzende Rache:

Aufs Kreuz mit ihr! Aufs Kreuz! Der Sonne zum Opfer!

So rast nicht der Taifun, wenn er vom tiefsten Grund das Meer in den Himmel einem Spielball gleich emporwirft; so rast nicht der Samum, wenn er über meine Karawanen Sandberge schüttet; so raste nicht einmal die Sonne, als sie das Pestgift über mein Reich säete, wie das Volk da, dies eiternde Volk zu meinen Füßen.

Plötzlich wurde es still. Mit abgerissenem Ruck. Wie wenn man einen rasenden Hengst über einem Abgrund mit eiserner Faust zum Stehen bringt, daß die Erde sich unter ihm aufreißt.

Als hätte eine unsichtbare Sichel mit einem Schnitt das ganze Volk wie eine Roggengarbe gefällt:

Auf die Terrasse, in die pestspeiende Glut der Sonne trat langsam meine weiße Königin.

Ihre Augen waren geschlossen; ihr Gesicht wie im Schmerzenskrampf verzogen.

Mit übers Kreuz gelegten Armen mit langsamen Schritten trat sie näher und näher.

Ich wollte schreien, ich wollte auf sie stürzen, um sie zurückzureißen, aber als wäre ich in die Erde eingewachsen, an jedem Glied mit eisernen Ketten gefesselt, als wäre meine Kehle leer geworden, mußt ich stehen und sie anstarren.

Jetzt blieb sie stehen, jetzt irrte zitternd ihr Fuß auf den feuerglühenden Steinen, jetzt ein gewaltsamer Ruck: sie wurde so weiß, daß sie sich in der Sonne aufzulösen schien, noch ein Ruck, noch ein Schrei, und leblos sank sie mir zu Füßen ...

*

Furchtbar war meine Rache.

In vielen Tagen rast ich gegen mein Volk. Aber willig ließ es sich aufs Kreuz schlagen, willig warf es sich unter die Räder des heiligen Sensenwagens, mit verzücktem Glück nahm es auf alle Martern und Qualen, die ich ihm zugedacht hatte, denn der Himmel hatte sich geöffnet, kühle Winde wehten die Pest weg, und über Nacht sproß in üppigem Überfluß die Frucht hervor.

Noch einmal fluchte ich der Sonne, noch einmal fluchte ich der Sklavenbrut, die sich mein Volk nannte und verschloß mich in dem dunklen Gemach mit der toten Gesteinssonne, wo Deine blassen Hände in angstflackernden Todesschauern die meinen umspannten.

In diesem toten Saal werde ich Deine Harfe bluten hören, werde die glänzenden Nebel sehen, die Du einst in das dämmrige Dunkel strahltest, und Dein Herz werde ich hören, wie es in der schweren Stille pocht – pocht – pocht und mich ruft und mich lockt in Deine Heimat, zu Dir zurück, in Deine Heimat, wo die Sonne blank und safranrot wie zum Abschied scheint, wo die Meere wie blaßgrüner Opal verglühen und die Wälder in der Farbe roten Kupfers düstern.

Ehe einmal der Mond seinen Lauf vollendet, wird mein Schiff seine weißen Segel spannen und mich über das Meer fahren, in meine neue Mondlichtheimat, zu Dir, meine weiße Sklavin, zu Dir zurück.


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