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Enoch Arden

Alfred Tennyson: Enoch Arden - Kapitel 8
Quellenangabe
typepoem
authorAlfred Tennyson
titleEnoch Arden
publisherLitterarisches Verlags-Haus
translatorMax Mendheim
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080222
projectidf4eef9f8
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Denn durch die Todesahnung fiel auf Enoch
Ein sanfter Hoffnungsstrahl: »Wenn ich gestorben,
»Mag sie erfahren, wie ich sie geliebt
»Bis in den Tod.« Laut rief er Miriam Lane
Und sprach: »Ich habe ein Geheimnis, Weib, –
»Doch schwört, bevor ichs Euch vertraue, – schwört
»Aufs heil'ge Buch, nicht zu verraten es
»Bis daß ich tot.« »Tot!« rief die gute Frau,
»O hört ihn reden! Mann, ich sage gut,
»Wir bringen Euch noch durch.« »Schwört auf die Schrift,«
Versetzte Enoch ernst. Und Miriam schwor,
Erschreckt fast, auf die Schrift. Dann sagte er,
Sein graues Auge auf sie richtend: »Sprich,
»Habt Enoch Arden Ihr gekannt von hier?«
»Gekannt ihn?« sagte sie, »ich kannte ihn
»Entfernt. Ja, ich entsinne mich, wie er
»Die Straße kam herab; er hielt den Kopf
»So stolz empor und scherte sich um keinen.«
Langsam und trüb erwidert' Enoch ihr:
»Gebeugt ist jetzt sein Haupt, und keiner fragt
»Nach ihm. Drei Tage kaum werd' ich noch leben;
»Ich bin der Mann.« Bei diesen Worten schrie
Ungläubig halb, halb schmerzhaft auf die Frau.
»Ihr Arden, Ihr? o nein, – um einen Fuß
»War größer der als Ihr.« Drauf Enoch sprach:
»Mein Gott hat mich so tief gebeugt; es brachen
»Die Einsamkeit, der Kummer mich so nieder.
»Dennoch vernehmt, daß ich bin, der gefreit –
»Doch zweimal hat den Namen sie getauscht –
»Der sie gefreit, die Philipp Ray nun nahm.
»Setzt Euch, hört an.« Und dann erzählt' er ihr
Von seiner Fahrt, dem Schiffbruch, seinem Leben
In jener Einsamkeit, die Heimkehr dann,
Wie Annie er geschaut, was er beschlossen
Und wie ers hielt. Als dies die Frau gehört,
Floß heftig ihrer Thränen Strom sogleich,
Indes ihr Herz sich unablässig sehnte,
Umherzulaufen in dem kleinen Ort
Und Enoch Ardens Leiden auszuschrein.
Doch eingeschüchtert und durch ihren Schwur
Gebunden, ließ sie davon ab und sprach:
»Seht Eure Kinder eh' Ihr scheidet nur,
»Laßt mich sie holen Arden,« und sprang auf
Sie herzubringen schnell; denn Enoch zögert'
Für einen Augenblick, sprach aber dann:
»Weib, stört mich nicht in meinem Plan,
»Laßt meinem Vorsatz bis zum Tod mich halten.
»Setzt Euch, hört an und fasset es, so lange
»Mir Kraft zu reden bleibt. Ich bitt' Euch jetzt
»Wenn Ihr sie seht, so sagt ihr, daß ich starb
»Sie segnend, für sie betend, liebend sie,
»Und zwar, soweit die Schranke zwischen uns
»Nicht hindert, liebend sie wie damals noch,
»Da sie ihr Haupt an meinem Haupte barg.
»Und meiner Tochter Annie, die ich sah
»So ähnlich ihrer Mutter, sagt, daß ich
»Den letzten Atemzug verwendet habe,
»Um sie zu segnen und für sie zu beten.
»Sagt meinem Sohn, daß ich, ihn segnend, starb.
»Und Philipp sagt, daß ich ihn segnet' auch;
»Er hat es stets nur gut mit uns gemeint.
»Wenn meine Kinder mich zu seh'n begehren
»Im Tod, die mich im Leben kaum gekannt,
»So laßt sie kommen; denn ich bin ihr Vater;
»Sie aber soll nicht kommen; denn es würde
»Mein totes Antlitz sie beängst'gen nur
»So lang sie lebt. Ach nun ist's einer nur
»Von meinem Blut, der mich in jener Welt
»Umarmen wird: dies Haar ist seins; sie hat's
»Ihm abgeschnitten einst und mir gegeben,
»Ich trug es bei mir all die Jahre her
»Und dacht' es mit ins Grab zu nehmen auch;
»Nun aber hab' ich meinen Sinn geändert,
»Ich werde ja mein Kind im Himmel sehn,
»So nehmt denn dies, wenn ich gestorben bin,
»Und gebt es ihr, es wird ihr Trost gewähren
»Und wird ein weitres Zeichen für sie sein,
»Daß ich es bin.«

                        Er schwieg, und Miriam Lane
Versprach mit so geläuf'gen Worten alles,
Daß er sein Aug' noch einmal zu ihr hob,
Die Wünsche wiederholte, und noch einmal
Gab sie ihr Wort.

                        Die dritte Nacht danach
Als Enoch schlummert' regungslos und bleich,
Und Miriam wechselweise wacht' und schlief,
Kam ein so lauter Donnerruf vom Meer,
Daß alle Häuser in dem Hafen klangen.
Er wachte auf, erhob sich, streckte weit
Die Arme aus und rief mit lauter Stimme:
»Ein Schiff! ein Schiff! ich bin gerettet;« dann
Sank wieder er zurück und sprach nichts mehr.

So schied die starke, heldenmüt'ge Seele.
Und als man ihn begrub, hatt' in dem Ort
Man kaum solch Prunkbegräbnis je geseh'n.

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