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Gutenberg > Alfred Tennyson >

Enoch Arden

Alfred Tennyson: Enoch Arden - Kapitel 7
Quellenangabe
typepoem
authorAlfred Tennyson
titleEnoch Arden
publisherLitterarisches Verlags-Haus
translatorMax Mendheim
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080222
projectidf4eef9f8
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Auf dem polierten Tische glänzten Tassen
Und Silberzeug; so traulich war der Herd;
Und rechter Hand vom Herde sah er Philipp,
Den ehemals gering geschätzten Freier,
Gesund und kräftig, auf dem Schoß sein Kind;
Und über ihren zweiten Vater weg
Gebeugt ein Mädchen, ganz wie Annie Lee,
Doch jünger, stolzer nur, mit schönem Haar
Und groß; von ihrer hocherhob'nen Hand
Ließ baumeln sie an einem Ende Band,
Das Kind zu necken, einen Ring, wonach
Es seine Ärmchen streckte, ihn zu greifen,
Und ihn doch immer fehlte, und sie lachten;
Und links vom Herd sah er die Mutter, schauend
Nach ihrem Kindchen oft, doch dann und wann
Zu ihrem Sohne im Gespräch sich wendend,
Der, groß und stark, an ihrer Seite stand
Und lächelnd ihren Worten Beifall zollte.

Als jetzt der Mann, der wieder war in's Leben
Zurückgekehrt, sein Weib, das doch nicht mehr
Sein Weib war, sah, und sah ihr Kindchen dort,
Das doch nicht seins, dem Vater auf dem Schoß,
Die Liebe all, den Frieden und das Glück,
Und seine eignen Kinder groß und schön,
Den andern herrschen nun an seiner Stelle,
Herr seiner Rechte und der Kinder Liebe,
Da wankt' und bebte er, obgleich ihm alles
Schon Miriam Lane berichtet hatt', weil doch
Die Dinge mächt'ger wirken, die man sieht
Als die man hört, und hielt sich an dem Zweig
Und fürchtet' auszustoßen einen lauten
Und fürchterlichen Schrei, der allsogleich,
Wie der Posaune Schall am jüngsten Tag,
Vernichten würd' des Hauses ganzes Glück.

Sacht wie ein Dieb wandt' er sich deshalb weg.
Damit der Kies nicht unterm Fuße knirschte,
Und tastet' sich am Gartenzaun entlang,
Damit er nicht, von Ohnmacht überrascht,
Hinfiel' und so gefunden würde, schlich
Zur Pforte hin, klinkt' auf, schloß hinter sich
So leis, wie eines Kranken Zimmerthür,
Sie wieder und gelangt' hinaus ins Freie.

Dort wollt' er knien, doch seine Kniee waren
So schwach, daß vorwärts fallend er die Finger
Ins weiche Erdreich grub, und betend sprach:

»Zu schweres Leid! ach, warum führten sie
»Mich dort hinweg? Allmächt'ger Gott und Heiland,
»Der du auf meiner öden Insel mich
»Aufrecht erhalten hast, o Vater, halte
»Ein wenig noch in meiner Einsamkeit
»Mich wacker, hilf mir, leihe Stärke mir,
»Ihr nichts zu sagen, nie es kund zu thun.
»Hilf, daß ich niemals ihren Frieden störe.
»Und meine Kinder! sollt' mit ihnen auch
»Nicht reden ich? Sie kennen mich ja nicht.
»Ich würde selber mich verrathen. Nein!
»Kein Vaterkuß für mich – das Mädchen so
»Der Mutter gleich, der Jüngling dort, mein Sohn.«

Da wurden Sprache und Gedanken ihm
Und Kraft auf einmal schwach, daß starr er lag;
Doch als er sich erhob und nach dem Heim,
Dem öden, stillen, kehrte nun zurück,
Hinab die lange, enge Straße ging,
Da prägt' er's in sein schwach Gedächtniß ein,
Als wenns der Endreim eines Liedes wär,
»Ihr nichts zu sagen, nie es kund zu thun.«

Er war nicht ganz unglücklich. Sein Entschluß,
Sein fester Glaube, wiederholt Gebet,
Das aus lebend'gem Willensquell entströmt'
Und durch die Bitterkeit der Welt sich brach
Wie Quellen süßen Wassers oft im Meer,
Hielt ihn empor, belebend seinen Mut.
»Hat dieses Müllers Weib,« fragt' Miriam er,
»Von dem ihr mir erzähltet, Furcht denn nicht,
»Daß noch ihr erster Gatte lebt?« »Ja, ja,«
Sprach Miram, »Furcht genug, die arme Seele!
»Wenn Ihr im Stande wär't, ihr zu berichten,
»Daß Ihr ihn tot geseh'n, fürwahr das würde
»Für sie Erleicht'rung sein;« und Enoch dachte:
»Nachdem der Herr mich abgerufen hat
»Soll wissen sie's; ich wart' auf seinen Ruf;«
Und suchte, da Almosen er verschmähte,
Sich Arbeit zu verschaffen, die ihn nährte.
In allem fast konnt' er sich nützlich machen.
Faßbinder war er jetzt, dann Zimmermann,
Auch flocht den Fischern ihre Netze er,
Bot Hilfe beim Beladen oder Löschen
Der großer Barken, die zu jener Zeit
Vermittler des beschränkten Handels waren;
So schafft' er kärglich Unterhalt für sich;
Jedoch da er für sich allein nur wirkte,
Ganz ohne Hoffnung schuf, so war kein Trieb,
Kein Leben drin, das ihn zu leben reizt';
Und als nach eines Jahres Lauf der Tag,
An dem einst Enoch war zurückgekehrt,
Erschien, da überkam ihn Mattigkeit,
Ein Unwohlsein, das immer mehr ihn schwächte
Bis er zur Arbeit nicht mehr tauglich war,
Und an das Haus, den Stuhl, zuletzt ans Bett
Gefesselt blieb. Doch seine Kränklichkeit
Trug Enoch heiter. Denn es kann gewiß
Der Schiffer, der gestrandet, froher nicht
Am grauen Horizont, vom Wind gehoben,
Das Boot sich nahen seh'n, das Hoffnung bringt,
Ein Leben, das er schon verloren glaubt',
Zu fristen noch, als Enoch, da der Tod
Ihm winkte und das Ende alles Leids.

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