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Gutenberg > Alfred Tennyson >

Enoch Arden

Alfred Tennyson: Enoch Arden - Kapitel 6
Quellenangabe
typepoem
authorAlfred Tennyson
titleEnoch Arden
publisherLitterarisches Verlags-Haus
translatorMax Mendheim
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080222
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Und wo war Enoch? Glücklich fuhr das Schiff
»Fortuna« seinen Weg, wenn beim Verlassen
Des Golfes von Biscaya, dessen Wellen
Sich ostwärts türmten, auch erschüttert es
Und fast zertrümmert ward, doch unbeschädigt
Durchfuhr der Erde heiße Zone es,
Dann nach bewegter, langer Fahrt ums Kap;
Bei häuf'gem Wechsel trüb' und heitern Wetters
Fuhr wieder durch die Tropenwelt das Schiff;
Anhaltend blies des Himmels Odem nun
Und trieb es durch die goldnen Inseln leicht,
Bis in des Ostens Hafen still es lag.

Dort trieb auf eigne Rechnung Enoch Handel
Und kauft' seltsame Ungeheuer ein,
Wie damals auf dem Markt sie viel begehrt,
Auch einen güldnen Drachen für die Kinder.

So glücklich war die Heimfahrt nicht; zwar ragt
Im Anfang, als durch manchen schönen Teil
Des Meeres, wenig schaukelnd, Tag für Tag,
Es fuhr, die üppige Gestalt am Bug
Hoch aus des Meeres krausem Schaum empor;
Dann gab es stille See, dann Wirbelwinde,
Dann, trüg'risch, lange Zeit den gleichen Wind,
Und endlich Sturm, der unter finsterm Himmel
Es trieb, bis laut der Aufschrei »Brandung« schallte,
Darauf das Schiff mit heft'gem Krachen barst
Und alles, außer Enoch und noch zweien,
Versank. Die hielten über Wasser sich
Die halbe Nacht auf schwimmend' Takelwerk
Und abgebrochnen Sparren, bis am Morgen,
Vom Meere fortgespült, dieselben trieben
An eine Insel, die zwar fruchtbar war,
Doch fern in abgeschiednem Meere lag.

Kein Mangel war an Nahrung, saft'gem Obst,
Nahrhaften Wurzeln und gewaltigen Nüssen,
Auch wars nicht schwer, wenn's nicht aus Mitleid war,
Hilflose Thiere, die so wild noch waren,
Daß keine Scheu sie kannten, einzufangen.
Dort bauten sie in eines Berges Schlucht,
Die nach der See zu offen, eine Hütte
Und deckten sie mit Palmenblättern, so
Daß Hütte halb, halb Höhle nun es schien.
Dort lebten diese drei bei ew'gem Sommer,
Trotz dieses Edens Fülle unzufrieden.

Der jüngste nämlich, fast ein Knabe noch,
Verwundet bei dem Schiffbruch jener Nacht,
Lag ringend mit dem Tod drei Jahre lang
Und konnte nicht allein gelassen werden.
Nachdem er tot war, fanden einen Baum,
Der umgebrochen war, die andern zwei.
Und Enochs Kamerad, an sich nicht denkend,
Als er nach Indier Weise ihn durch Feuer
Aushöhlen wollt', verstarb am Sonnenstich.
Nur Enoch blieb. In diesen Todesfällen
Las er für sich die Mahnung Gottes »Harre«.

Den bis zum Gipfel waldbewachsnen Berg,
Die Lichtungen im Wald, des Wildes Bahnen,
Hinauf sich schlängelnd, Himmelspfaden gleich,
Der schlanken Kokospalme Blätterkrone,
Die weich herab sich senkt, das Blitzen, Funkeln
Der Vögel und Insekten, wie die Pracht
Der langen Winden, die empor sich rankten
An den erhabnen Stämmen und zum Saum
Der Insel selbst sich zogen, all die Glut
Und Herrlichkeit des breiten Tropengürtels
Sah er; doch was er gern gesehen hätte,
Konnt' er nicht sehn: Ein freundlich Menschenantlitz,
Und nimmer hören eine sanfte Stimme;
Er hörte nur den tausendfachen Schrei
Der Meeresvögel, meilenweit die See
Heran sich wälzend prallen an das Riff,
Das rege Flüstern in den Riesenbäumen,
Die bis zum Himmel Zweig' und Blüten trieben,
Des Gießbachs Brausen, der ins Meer sich stürzte,
Wenn er am Ufer drunten streifte oder
Den ganzen Tag lang oft in jener Schlucht,
Die nach der See hin schaute, saß und späht',
Ein Seemann, schiffberaubt, nach einem Segel; –
Kein Segel Tag um Tag; doch jeden Tag
Des Sonnenaufgangs scharlachrote Strahlen
Quer durch die Palmen, Farrenkräuter, Schluchten;
Das Flimmern auf den Wassern gegen Osten,
Das Flimmern auf der Insel Gipfel droben,
Das Flimmern auf den Wassern gegen Westen,
Die großen Sterne dann am Himmelszelt,
Die hohler brüll'nde See und wiederum
Des Sonnenaufgangs Strahlen – doch kein Segel.

So regungslos lag oft er spähend dort,
Daß selbst die goldne Eidechs' auf ihm ruhte.
Ein Hirngespinst aus vielen Hirngespinsten
Gewoben, tanzte neckend auf vor ihm,
Auch ließ er selber spukhaft Menschen, Ding'
Und Orte, die auf einem trüben Eiland
Jenseits der Linie ihm bekannt, erscheinen:
Die Kinder, ihr Geplauder, Annie, dann
Das kleine Haus, die steile Straß', die Mühle,
Die Laubengänge und den Taxusbaum,
Das stille Schloß, den Schimmel, den er ritt,
Das Boot, das er verkauft, des Herbstes Nebel,
Die Dünen trüb und feucht, den Regenschauer,
Der welken Blätter dumpfigen Geruch,
Das Ächzen auch schwerfällig dunkler Fluten.

So hört' er einst mit seinem geist'gen Ohr,
Zwar leise, heiter – weit und fern von hier –
Die Glocken seines Kirchspiels läuten; dann,
Obgleich des Grundes unbewußt, fuhr zitternd
Zusammen er, und als die schöne Insel,
Die so verhaßte, wieder ihm erschien,
Da, hätte nicht sein armes Herz mit dem
Gesprochen, der allgegenwärtig ist
Und keinen ganz verläßt, der zu ihm spricht,
Wär' er gewiß vor Einsamkeit gestorben.

So über Enochs früh ergrauend Haupt
Kam und verging die Sonn- und Regenzeit
Jahraus, jahrein. Noch aber war sein Hoffen,
Die Seinigen zu sehen und die alten,
Vertrauten Fluren wieder zu durchschreiten,
Geschwunden nicht, als sein vereinsamt Los
Ein plötzlich Ende fand. Ein andres Schiff,
Das Wasser brauchte und durch falsche Winde
Von seinem rechten Wege abgetrieben
Wie die »Fortuna«, warf bei dieser Insel,
Nicht wissend, wo es lag, die Anker aus;
Und weil der Steuermann im Morgengrauen
Auf der im Nebel eingehüllten Insel
Gesehen hatt' durch eine lichte Stelle
Das stille Wasser von den Hügeln gleiten,
Ward eine Schar gesendet, die beim Landen
Ausschwärmte, um nach Bächen oder Quellen
Zu suchen, und den Strand mit Lärm erfüllte.
Herab von seiner Bergesschlucht stieg nun
Mit langem Haar und Bart der Eremit,
Gebräunt, kaum einem Menschen zu vergleichen,
Seltsam gekleidet, wie im Blödsinn murmelnd,
Mit einem unerklärlichen Entzücken,
Und Zeichen gebend, die sie nicht verstanden;
Und doch wies er den Weg, wo Bäche flossen
Mit süßem Wasser, und je mehr er sich
Anschloß der Schar und hörte reden sie,
Ward seine Zunge, lang gefesselt, frei,
Bis er bewirkte, daß sie ihn verstanden.
Als ihre Fässer sie gefüllet dann,
Da nahmen sie ihn mit an Bord, und hier
Versetzte sein Bericht, den bruchstückweise
Er von sich gab, im Anfang kaum geglaubt,
Bald mehr und mehr in Staunen, rührend alle
Die Hörer, und sie schenkten Kleider ihm
Und billigten ihm freie Heimfahrt zu;
Oft aber war er thätig mit den andern,
Abschüttelnd seine Abgesondertheit.
Aus seinem Land war keiner, und es konnte
Ihm keiner Rede stehen, wenn er fragte,
Noch sagen, was zu wissen er begehrt'.
Und langsam ging die Fahrt; viel Aufenthalt
Gab's unterwegs; kaum tauglich war das Schiff
In See zu geh'n; doch seine Phantasie
Eilt' immer mehr dem trägen Wind voraus
Der Heimat zu, bis unter trübem Himmel
Wie ein Verliebter er in alle Adern
Einsog den feuchten Morgendunst der Wiesen,
Der über Englands Kreidefelsen wehte.
Die Offizier' und Leute legten sich
An jenem Morgen gleiche Steuern auf
Und gaben's dem Verlass'nen mitleidsvoll.
Dann, landwärts steuernd, schifften sie ihn aus
Im selben Ort, von dem er ausgefahren.
Kein Wort sprach Enoch dort mit irgend einem,
Nur heimwärts – heim – welch' Heim? hatt' er ein Heim?
Sein Heim sucht' er. Schön war der Nachmittag,
Voll Sonnenschein, doch kühl, bis durch die Schluchten,
In deren Tiefe beide Häfen lagen,
Ein dichter Nebel sich zusammenballte,
In Grau die Erde hüllte und die Länge
Der Straße seinem Blick entzog, auch links
Und rechts nur einen schmalen Streifen ließ
Mit dürft'gem Wald, mit Acker oder Weide.
Rothkehlchens Sang auf dem fast kahlen Baum
War ohne Trost, und durch den feuchten Nebel
Fiel ab des welken Blattes tote Last;
Der feine Regen wurde dichter, tiefer
Die Finsternis; doch endlich schiens, als ob
Ein großes, durch den Nebel düstres Licht
Vor ihm aufflack're, und er war am Ort.

Als schleichend er sich dann die lange Straße
Hinabgestohlen hatt', im Herzen ahnend
Das Elend all, den Blick gesenkt auf's Pflaster,
Kam er ans Haus, wo Annie einst gelebt
Und ihn geliebt, und seine Kinder ihm
Geboren in den fernen sieben Jahren;
Da er jedoch kein Licht und kein Geräusch
Bemerkt' (ein Zettel nur das Haus zum Kauf
Anbietend blinkt' im Regen) schlich er weg
Sich sagend still: »Tot oder tot für michl«

Zum Wasser und dem schmalen Werft ging er,
Ein Wirthshaus suchend, ihm bekannt von früher,
Das vorn ein altertümlich Fachwerk zeigte,
Gestützt war, wurmzerfressen, halb verfallen,
So daß er glaubt', es wäre längst dahin;
Doch nur der Wirt war tot, der einst es hielt,
Und seine Witwe, Miriam Lane, führt' nun
Mit täglich wen'ger Nutzen das Geschäft;
Einst lärmender Matrosen Aufenthalt,
Jetzt aber still, für Wandrer nur ein Lager
Noch haltend. Dort weilt' Enoch tagelang.

Doch Miriam Lane war gut und schwatzte gern,
Sie ließ ihn nicht allein, sprach oft mit ihm,
Erzählte, außer, was im Dorf gescheh'n,
Ihm ahnungslos – denn Enoch war so braun,
Gebeugt, verstört – das Schicksal seines Hauses:
Des Säuglings Tod, wie Annies Armut wuchs,
Wie Philipp in die Schule gab die Kinder
Und sie darin erhielt, sein langes Werben,
Ihr zögernd »Ja«, die Heirat, die Geburt
Von Philipps Kind; doch über sein Gesicht
Kein Schatten, keine Regung kam; wer ihn
Beachtet, hätte glauben können wohl,
Daß minder ihn beträfe die Geschichte
Als die Erzählerin; nur als sie schloß:
»Der Arme war verschlagen und verloren,«
Da schüttelt' würdig er sein greises Haupt,
Nachsprechend dumpf »verschlagen und verloren,«
Im tiefsten Innern klang es nach »verloren!«
Doch Enoch sehnte sich nach ihrem Antlitz;
»Wenn ich ihr lieb Gesicht nur wiedersehen
»Und wissen könnte, daß sie glücklich ist.«
Das dacht' er oft, das quälte ihn und trieb
Ihn eines Abends, als der trübe Tag
In ein noch trüb'res Zwielicht überging,
Zum Hügel fort. Dort setzt' er nieder sich,
Auf alles starrend drunten; doch da kamen
Erinn'rungen, wohl tausend, über ihn,
In seinem unaussprechlich tiefen Gram.
Dann lockt ihn nach und nach der rote Schein
Des trauten Lichts, das aus dem Hintergrunde
Von Philipps Hause fernher strahlt', gleichwie
Des Leuchtturms Schein den Wandervogel lockt
Bis daß wie rasend er dagegen stößt
Und sein ermüdet Leben schnell zerstört.

Denn Philipps Wohnung lag der Straße zu,
Das letzte Haus landeinwärts; doch dahinter,
Mit einer engen Thür, ins Freie führend,
Viereckig angelegt und eingezäunt,
Ein kleiner Garten grünt', und drinnen wuchs
Ein alter immergrüner Taxusbaum,
Und rings herum zog sich ein Kiespfad hin
Und mitten durch ein Weg; doch Enoch mied
Den Mittelweg und stahl am Zaun sich hin
Bis hintern Taxusbaum, und sah von dort
Was besser er vermieden, wenns für Weh
Wie seins, ein »schlimmer« oder »besser« giebt.

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