Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Georg Weerth >

Englische Reisen

Georg Weerth: Englische Reisen - Kapitel 9
Quellenangabe
typediary
authorGeorg Weerth
titleEnglische Reisen
editorBruno Kaiser
publisherRütten & Loening
year1954
senderwww.gaga.net
created20050519
Schließen

Navigation:

Die Wohltaten des Herzogs von Marlborough

(1845)

Wie erfreulich auch das jetzt überall sich hervortuende Streben ist, den arbeitenden und armen Volksklassen mit Rat und Tat beizuspringen, so bedauernswert ist es andrerseits, daß auch hier nur zu oft Eitelkeit, Scharlatanerie und noch schlimmere Dinge sich einmischen und das reine Werk der Liebe durch unedle Nebenrücksichten trüben und beschmutzen, was um so mehr gegeißelt zu werden verdient, als es noch Leute genug gibt, die das ernste Streben der Sozialisten in eine Kategorie mit jener Scharlatanerie und Modesucht werfen möchten. Diese heuchlerische Wohltätigkeitsschwärmerei nach der Mode treibt leider auch schon überall ihr Wesen. Vetter Michel und sein Nachbar John Bull gebärden sich aber dabei am possierlichsten.

Vor einigen Tagen hieß es in allen englischen Zeitungen, der Herzog von Marlborough habe zweihundert Stück Rotwild, Hirsche und Rehe, in seinem Park erschießen und dieses schöne, saftige Wildbret an die armen Leute der Umgegend verteilen lassen. Diese Nachricht verbreitete Freude durch das ganze Land. Man sprach von der altenglischen Gastfreiheit, welche sich wieder geltend mache, sang das Lied von dem feinen Gentleman und erhob den Herzog bis in den Himmel. Unglaublich schien die Sache freilich noch immer, da der Herzog sich bisher nur als ein Geizhals erster Größe gezeigt hatte. Es blieb aber dabei, daß die unendliche Not der Armen das Herz des reichen Aristokraten besiegt habe. Leider wird aber in London ein kleines Volksblatt gedruckt, »Punch« geheißen – dieser Punch steckt seine Nase in jeden Dreck, und mancher weiß davon zu erzählen. Punch ist nicht zufrieden mit den Wildbret- Gerüchtenund sendet einen Abgeordneten, um sich an Ort und Stelle von der Großmut des Herzogs zu überzeugen.

Da kam denn die folgende artige Geschichte zum Vorschein: »Als der Herzog von Marlborough vor wenigen Tagen in seinem Park lustwandelte und, wie Patrioten und Philanthropen zu tun pflegen, über die Lage seiner Mitmenschen, der Armen, nachdachte, da fand er sich plötzlich umringt von zirka 2000 Stück Rotwild. Sämtliche Tiere gehörten ihm. Bei anderen Gelegenheiten zeigten die Hirsche, welche den Herzog sehr wohl kannten, stets ihre Leichtfüßigkeit und entfernten sich so rasch wie möglich. Zu der Zeit, wovon wir sprechen, war dies nicht so. Die Hirsche blieben stehen und blickten auf Se. Hoheit. Die Wahrheit ist, daß sie nicht so viel Kraft mehr hatten, um ihre Beine zu bewegen. Auch rollten einigen die hellen Tränen aus den großen Augen, und hätten die Tiere sprechen können, so würden sie alle gesagt haben: Ach, lieber Herzog, wir verhungern, du gibst uns kein Heu mehr, das Futter ist rar – ach, Hunger, du bitteres Kraut!

Der Herzog verstand die wehmütigen Blicke seiner Hirsche. Er zählte die Rippen derjenigen, die ihm zunächst standen, und wurde sehr nachdenklich. Er dachte an die Lage seines Viehs, und er dachte auch an den hohen Preis des Heus. – Was soll ich tun? sprach der Herzog. Wenn ich die ganze Bande den Winter hindurch erhalte, verliere ich enorme Summen. Ein paar hundert Stück sind außerdem schon zu Schatten herabgesunken, sie werden morgen krepieren, und dann gibt es große Arbeit, sie alle unter die Erde zu schaffen. – Plötzlich kam ihm ein herrlicher Gedanke: Du rufst die Armen aus der Gegend zusammen, erklärst ihnen, Gott habe dein Herz zur Milde gestimmt, und dann machst du ihnen zweihundert Stück der abgemagerten Hirsche zum Geschenk. – Also geschah's, die Hirsche wurden mit allen Ehren erschossen, die Bauern schleiften sie heim und haben sich an den Knochen die Zähne weidlich zerbissen.«

Dies sind die Wohlfahrtsbestrebungen eines englischen Aristokraten. Wir wollen jetzt sehen, ob sie durch die Taten eines deutschen Gewerb-Vereins übertroffen werden. Der Herzog erquickt die arbeitenden Klassen durch Haut und Knochen – der Leipziger Gewerb-Verein erfrischt sie durch eine Annonce in der »Augsburger Allgemeinen Zeitung«.

In Nr. 14 der »Augsburger Zeitung« heißt es:

Bekanntmachung In Gemäßheit des von der Versammlung deutscher Gewerbetreibender am 7. Oktober v. J. in Leipzig gefaßten Beschlusses wird hiermit ein Preis von einhundert Stück Dukaten für die beste schriftliche Lösung der Frage ausgesetzt: Bei welchen Gewerben im deutschen Zollverbande finden sich vorzugsweise Hilfsbedürftige unter den arbeitenden Klassen, und welches sind die geeigneten Mittel, ihrer Not sicher und dauernd abzuhelfen?

Preisschriften mit Angabe des Verfassers bis 31. August 1845 an J. G. Günther in Leipzig einsenden.

Der diesjährige Ausschuß für die Versammlungen deutscher Gewerbetreibender.

Also ihr deutschen Leipziger Gewerbetreibenden habt noch nötig, einem Literaten hundert Stück Dukaten zu bieten, um etwas über die Not der arbeitenden Klassen zu erfahren? Habt ihr denn nie die »Rheinische Zeitung« gelesen, wenn sie ihre Korrespondenzen aus der Eifel, von der Lahn oder der Mosel brachte? Habt ihr nie von den Armen Berlins gehört? Nichts über die Bauern in Westfalen, im Ravensbergischen, in der Senne? Sind euch die Vorfälle in Schlesien unbekannt? – Es scheint, daß ihr lange Zeit in festem Schlaf gelegen habt. Wie viele von euch, ihr Gewerbetreibenden, stolpern in ihren Fabriken, in ihren Spinnereien über bleiche, weinende, verkrüppelte Kinder, über schwindsüchtige Frauen, über ruinierte Männer. Und während ein Schrei der Entrüstung durch die ganze Welt geht, daß in solchen Etablissements die heranwachsenden Geschlechter im Keim verdorben werden, tut ihr, als wenn ihr gar nichts davon wüßtet, und seid naiv genug, euch zu erkundigen, bei welchen Gewerben im deutschen Zollvereine sich vorzugsweise Hilfsbedürftige finden. Gebt doch dem ersten besten Arbeiter eurer Fabriken einen einzigen Dukaten unter der Bedingung, euch sein Inneres aufzuschließen und einmal ganz so zu sprechen, wie es ihm ums Herz sei, und ihr werdet mehr erfahren wie von zehn Literaten, die euch für hundert Stück Dukaten ihre Meinung sagen sollen. Auf diese Weise spart ihr neunundneunzig Stück – die Sache ist so viel billiger.

Ihr nennt euch »eine Versammlung deutscher Gewerbetreibender«; da ist es doch möglich, daß einige Fabrikanten aus Schlesien oder aus Rheinpreußen in eurer Mitte sind. Vielleicht sind sogar Fabrikherren unter euch, in deren Säle die Kinder genötigt sind, bei dem Anmachen der Fäden stets gebückt zu stehen – eine notwendige Folge der zu niedrig liegenden Maschinen –, so daß die Kinder in Zeit von einem Jahre krumme Beine und krumme Rücken kriegen.

Die Gewerbetreibenden in Leipzig machen es nicht wie die Herren von Köln, welche zusammenkommen und sagen: »Die Not ist da, hier sind wir und helfen!« Nein, sie wollen wissen, wo es denn eigentlich am schauderhaftesten hergeht; sie müssen erst Krüppel und Leichen sehen, ehe sie mit ihrer Hilfe Ernst machen; sie sind nicht damit zufrieden, daß es wirklich Not gibt – sie wollen auch das Blut und die Fetzen beriechen. Als ob es nicht im Grunde einerlei wäre, daß hier ein Winzer am Verhungern ist, dort die Kinder der Fabriken malträtiert werden, daß hier ein Handwerker in dumpfigen Kellergeschossen zugrunde geht, dort ein Weber in seinem Stuhl verkrüppelt. Als ob sich ein so genauer Unterschied zwischen den Leiden der arbeitenden Klassen machen ließe! Die Not der arbeitenden Klassen liegt gerade euch am allernächsten, und wie dieser Not abzuhelfen ist und wie man der entstehenden vorbeugen kann, das ist auch bereits ausgesprochen und wird es noch täglich ohne hundert Dukaten. Wäre die Bekanntmachung der Gewerbetreibenden auch in der reinsten Absicht geschehen, so wäre sie mindestens – zwecklos. Der Redensarten ist man so ziemlich satt – die haben noch keinen auf die Beine gebracht; und wenn ihr Gewerbetreibenden die Arbeiter durch Traktätchen und Bibelsprüche zu mästen und zu trösten hofft, so werden sie wahrscheinlich bei dem Spruch des alten zornigen Jesaias stehenbleiben: »Wir brummen alle wie die Bären und ächzen wie die Tauben, denn wir harren aufs Recht, so ist's nicht da, aufs Heil, so ist's ferne von uns.«

Mary

(1845)

Von Irland kam sie mit der Flut,
Sie kam von Tipperary,
Sie hatte warmes, rasches Blut,
Die junge Dirn, die Mary.
Und als sie keck ans Ufer sprang,
Da riefen die Matrosen:
»Die Dirne Mary, Gott sei Dank!
Gleicht einer wilden Rosen.«

Und als sie schritt zum Markte frank,
Sprach ein Gesell mit Grüßen:
»Die Dirne Mary, Gott sei Dank!
Geht auf zwei weißen Füßen.«
Und als sie saß zu Liverpool
Mit schwarz verwegnen Blicken,
Da wollten sich um ihren Stuhl
Die Menschen schier erdrücken.

Von Irland kam sie mit der Flut,
Sie kam von Tipperary:
»Wer kauft Orangen frisch und gut?«
So rief die Dirn, die Mary.
Und Mohr und Perser und Mulatt
Und Juden wie Getaufte –
Das ganze Volk der Handelsstadt
Es kam und kaufte, kaufte.

Da fuhr kein Schiff den Fluß hinauf,
Da schwamm auch keins zum Meere:
Saß ein verliebter Schiffsjung drauf
Und dacht: O wenn ich wäre
Erst auf dem Markt zu Liverpool,
Da sitzt von Tipperary
Mit den Orangen auf dem Stuhl
Die junge Dirn, die Mary!

Gab es wohl größre Liebe je?
Die Dirn am Mersey-Strande
Hatt' tausend Schätze auf der See
Und mehr noch auf dem Lande.
In jeder Zone, wo der Mast
Von einem Fahrzeug krachte,
Schwamm eine Seemannsseele fast,
Die an Orangen dachte.

Sie aber trotzte wild und keck,
Ob auch die Lippen brannten,
Stets an des Markts geschäftger Eck
Den bärtigen Bekannten.
O Leid um all die frischen Küß!
Sie hatte kein Erbarmen,
Sie fluchte, schrie, und ach, sie riß
Sich los aus allen Armen!

Und mit dem Geld, das sie gewann
Für saftge, goldne Früchte,
Lief hurtig sie nach Hause dann
Mit zornigem Gesichte.
Sie nahm das Geld und schloß es ein,
Und erst im Januare
Gen Irland sandte flink und fein
Das Blanke sie und Bare.

»Das ist für meines Volkes Heil!
Das schenk ich euern Kassen!
Auf! Schärft den Säbel und das Beil
Und schürt das alte Hassen!
Wild überwuchern möchte gern
Den Klee von Tipperary
Die Rose England. – Grüßt den Herrn
O'Connell von der Mary!«

 << Kapitel 8  Kapitel 10 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.