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Englische Reisen

Georg Weerth: Englische Reisen - Kapitel 8
Quellenangabe
typediary
authorGeorg Weerth
titleEnglische Reisen
editorBruno Kaiser
publisherRütten & Loening
year1954
senderwww.gaga.net
created20050519
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Die Fabrikarbeiter

Ein englischer Fabrikarbeiter steht gewöhnlich um fünf Uhr morgens auf, und wenn er sich gewaschen hat, geht er in die Mill. Wenn man das Wort Mill im Wörterbuche nachschlägt, so findet man: Mill, das Hauptwort: »Mühle, Prägewerk, Hammerwerk.« Mill, das Zeitwort: »mahlen, walken, quirlen, schlagen.« Die Mill ist also ein Ort, wo man mahlt, walkt, quirlt und schlägt ... Doch ad rem! Ein Fabrikarbeiter geht also morgens um fünf oder sechs Uhr in die Mill, um acht Uhr hat er sein Frühstück, um zwölf sein Diner, um fünf nachmittags seinen Tee, und wenn zwölf Stunden herum sind, da geht er nach Hause. Das klingt ja ganz herrlich: Frühstück, Diner, Tee! Allerlei liebliche Gedanken steigen bei diesen Worten auf, und man muß gestehen, was Essen, Trinken und Kleidung angeht, hat es der englische Arbeiter so ziemlich gut. Sein Lohn sichert ihm Fleisch, Weißbrot und Bier. Nahrungssorgen machen ihn also nicht unglücklich, solange der Handel nur eben im Gange bleibt, solange er nur Beschäftigung hat. Aber wodurch besteht denn sein eigentliches Elend ? Weiß Gott, nur durch die verhängnisvollen zwölf Stunden, die ihm zwar den Lebensunterhalt garantieren, die ihn aber schon nach mehreren Jahren trotz Fleisch, Weißbrot und Bier sehr häufig körperlich siech machen und ihn geistig so hinunterdrücken, daß er bald nur einer Pflanze gleicht, einem Wesen, das ohne Sinn und Verstand in den Tag hineinwuchert, bis es elendiglich verwelkt. Kommt man durch einen englischen Fabrikort, da sieht man gewöhnlich eine große Anzahl Kinder mit prächtig roten schmutzigen Backen auf der Gasse liegen, und unwillkürlich muß man ausrufen: Wahrhaftig, ein jeder dieser Jungen ist eine Million wert. Glückliches England, du hast so viele gesunde Kinder! Sind sie herangewachsen, leihen sie dir ihre Arme, steuern sie für dich durch unendliche Meere, erschließen sie dir die Blüten ihres Geistes. Welch neuer Glanz wird von dir über alle Welt ausgehen! Noch nach Jahrhunderten werden sich die Völker vor dir beugen und ... Aber, um Vergebung, fällt mir die Erfahrung ins Wort, der Junge mit roten Backen, der jetzt vor Ihnen liegt, ist wahrscheinlich zehn Jahre alt, noch ist er frisch und gesund, er kann noch lachen, er kann noch singen – ein seltenes Ding in England –, aber morgen geht er zum erstenmal in die Mill, und zwölf lange Stunden rasseln ihm nun fortan täglich viele Hunderte von Maschinenrädern mit schrecklich einförmigem Getöse um die armen Ohren, zwölf lange Stunden muß er dem einförmigen Gange der Maschinen folgen, er hört nichts anderes, er sieht nichts anderes; nach einem Jahr singt er sein letztes Lied, noch ein Jahr, und das letzte Rot schwindet von den Wangen, wieder ein Jahr, da säuft er schon, und dann wird er bald stumm, entsetzlich still, sein Gesicht bekommt einen toten, bleiernen Ausdruck, und hin schleicht er, gleichgültig und einförmig, weniger einem Menschen ähnlich als der Maschine, an der er die Zeit der Jugend verbrachte. Rot und schön gab die englische Mutter ihren Sohn dahin, bleich und ernst kehrt er zurück. Seit den frühesten Jahren ist nie die Freude in sein Herz eingekehrt, nie hat ein Lehrer die Hand sanft auf seine Schultern gelegt und durch Unterricht die Kräfte seiner Seele geweckt, und mit fast zwei Dritteln der Bevölkerung in den Fabrikdistrikten teilt er das Schicksal der gräßlichsten Unwissenheit: er kann weder lesen noch schreiben, weder sprechen noch denken, bisweilen flucht er, und wurde er auch stark und groß wie ein Riese, da inwendig in dem breiten Schädel blieb es trübe, dunkel und still, da ist die Sonne längst untergegangen. Das ist die Folge zwölfstündiger Arbeit in den Fabriken, der schon die Kinder im zartesten Alter unterworfen werden. Es ist in England bekannt genug, und Lord Ashleys Bill, welche neulich beim Parlament für weibliche und jüngere Arbeiter der Fabriken die zehnstündige Arbeit statt der bisherigen zwölfstündigen beantragte, hat die Sache mehr als je in die Tagesdebatten hineingezogen. Leider ist diese Factory Bill in der Sitzung vom 14. Mai entschieden durchgefallen. Lord Ashleys erstem Auftreten folgte ein glänzender Triumph; da aber erklärte sich Sir Robert Peel samt den übrigen konservativen Herren so durchaus gegen eine derartige Maßregel, daß schnell achtundachtzig feine Gesellen von dem Anbang Lord Ashleys zu der ministeriellen Partei übergingen.

Nicht nur die Blätter der Opposition, nein, auch das gewaltige Tory-Blatt, die »Times«, ist voll edlen Unwillens über diese Vorfälle, und gewiß wird dem Sir Robert, der in der letzten Zeit schon ungewöhnlich harte Angriffe von ihr erdulden mußte, die Zukunft jetzt nur noch desto saurer gemacht, worüber wir uns einstweilen im stillen freuen wollen.

Wäre die Factory Bill durchgegangen, so hätte sich das Schicksal der Arbeiter sofort gebessert. Zwei Stunden weniger Arbeit, namentlich wenn man schon zehn Stunden in Tätigkeit war, ist etwas Bedeutendes: der Körper der jugendlichen Arbeiter würde durch übermäßige Anstrengung nicht mehr in der Entwicklung vergiftet werden, es wäre möglich, etwas besser für den Unterricht der armen Geschöpfe zu sorgen und so weiter.

Wie in dem Leben eines jeden Unglücklichen wenigstens hin und wieder ein froher Tag vorkommt, an dem er gleich dem Wanderer durch die Sahara an einer frischen Oase sein Herz labt und stärkt, so hat der englische Fabrikarbeiter, wenn auch keinen Tag, doch einen Abend, an welchem er einmal auflebt und es der Mühe wert hält, Hand und Gesicht zu waschen und ein sonntägliches Kleid anzuziehen. Dies ist der Samstagabend, wo der Lohn ausbezahlt wird. Um fünf Uhr nachmittags melden sich zuerst die jüngeren Knaben und Mädchen, später die älteren Arbeiter.

Ohne Gruß treten sie in das Zahlzimmer, finster und mürrisch nähern sie sich dem Tische, worauf das Geld liegt. Sie raffen es zusammen, und ohne Dank und Gruß entfernen sie sich wieder. Ich weiß nicht, ist es die gewöhnliche Dumpfheit, welche sie kein Wort sprechen, keine Miene verziehen läßt, oder ist in den armen Seelen noch ein gewisser Stolz zurückgeblieben, der ihnen verbietet, sich in diesem Augenblicke dem Herrn und Gebieter unterzuordnen. »Wir gaben dir unsere Arbeit, du gibst uns dein Geld, und der Teufel soll's dir danken!« Es scheint, als ob sie so dächten.

Kaum hat der Arbeiter sein Geld erhalten und sich zu Hause etwas besser angekleidet, so eilt er auf die Hauptstraße der Stadt zu. Dort ist schon die größte Bewegung. Überall sind die Läden mit ungewöhnlich viel Lampen erhellt, so daß man die sorgfältig und in den buntesten Schattierungen ausgelegten Waren von außen mit einem Blick übersehen kann. Auf dem Marktplatz dehnen sich lange Budenreihen; hier stehen auf hohen Gerüsten Marktschreier, dort an den Straßenecken bettelnde Mohren, Mulatten, Zigeuner: Männer vom Kap und von Kentucky. Ein Blinder, von einem Hunde geführt, singt dort sein grelles Lied. Er hat den Hut vor die Brust gebunden, und mancher Arbeiter wirft seinen Penny hinein, wogegen er ein gedrucktes Lied in Empfang nimmt: ein Negerlied, ein Matrosenabenteuer. An den Seiten der Straße schimmern große Haufen von Orangen, Körbe mit amerikanischen Nüssen, gekochte Krebse, Muscheln und gebackene Fische, Ginger Beer und Porter daneben; kurzum, man scheint alles herbeigeholt zu haben, um die Schillinge der Arbeiter »gleich in Ware zu verwandeln«. Die Arbeiter bewegen sich langsamen Schrittes, die Hände gewöhnlich in der Tasche und den Hut vorn auf dem Kopf, in dichten Gruppen durch die Straßen, aber, was dem Fremden ungemein auffällt, sie haben auch hier, nachdem die Leiden der Woche überwunden sind, nachdem sie den Lohn in der Tasche tragen und jetzt alles aufgeboten wird, um Auge und Herz zu erfreuen – sie haben auch hier denselben furchtbaren Ernst auf den Gesichtern: vom jüngsten bis zum ältesten blicken sie mit denselben düstern Augen ringsumher auf all die Herrlichkeiten, keine Miene wird verzogen, kein Wort gesprochen, und schweigt der Gesang des Blinden, der dumpfe Ton einer Orgel und der Buf der Marktschreier für einen Augenblick, da liegt über der Masse von vielen Tausenden plötzlich eine grauenhafte Ruhe, ein unheimliches Schweigen, und wehmütig muß man sich gestehen, sieht man noch gar in ein Paar früh erloschene, aber noch trüb-schöne Augen, daß diese Menschen sogar schon für die Freude verdorben sind, daß das Rasseln der Maschinen, die jahrelange einförmige Arbeit sie geistig durchaus vernichtet hat, daß nichts mehr imstande ist, sie aufzurütteln und anzuregen, nichts vielleicht als die Not, die schreckliche, eherne Not, die mit geschwungener Geißel zwischen dem Leben und dem Grabe steht ...

Ein Sonntagabend auf dem Meere

1844

Die Sonne neigte sich zur salzgen Flut;
Nach Irland fuhr das Schiff, die Wimpel flogen.
Es schien die See in abendlicher Glut
Rings wie ein wildes Rosenfeld zu wogen;
Hoch in den Lüften nur der Möwe Sang –
Der Flutendonner dumpf herüberdrang
Gleich einem Festchoral zu Gottes Ehre.–
Es war am Sonntagabend, auf dem Meere.

Die in die Ferne zogen, jung und alt,
Der schönen Heimat dachten sie, wo heute
Zu gleicher Feier hell die Orgel schallt
Und in den Dörfern tönt ein lieb Geläute.
Es schweiften ihre Seelen weit hinaus
Zu stillen Tälern, wo ums Vaterhaus
Die Buchen rauschen und die Linden wehen,
Wo Sterne über blauen Strömen stehen.

Und jedes Herz schlug rascher an die Brust;
Was sie umgab mit tausend bunten Bildern:
Das Jugendland, der Heimat Pracht und Lust,
Hört, wie sie's selbst in kurzen Zügen schildern.
Ein deutsches Wort, ein Lied darauf und keck
Ein Jubeln jetzt, weit schallt es vom Verdeck.
Es knarrt der Mast, hoch schäumen auf die Wellen,
Und frisch beginnt der erste der Gesellen:

»Ich bin vom Rhein, vom schönen Rhein,
Wo frei das Volk und freudig im Gemüte,
Wo man zufrieden mit 'nem Becher Wein,
Mit einem Kuß und einer Rosenblüte.
Am Morgen in den Dom, ins Gotteshaus;
Am Abend steckt den jungen Maienstrauß
Ein kölnisch Kind wohl in die braunen Locken,
Wenn Geigen hell zum Kirchweihtanze locken.«

Der zweite drauf: »Vom Heidelberger Schloß
Zieh ich daher, wo einst in grauen Zeiten
Der Pfalzwein in dem Riesenfasse floß
Und jetzt die bärtigen Studenten schreiten.
Der Neckar blitzt durch dunkles Wiesengrün,
Die Schwalbe fliegt, die Bergstraßreben blühn;
Um morsche Bogen kreist der Falken Flügel,
Und paradiesisch dehnen sich die Hügel!«

Dem Schwaben ward die treue Brust so weit,
Das treue Herz so wacker und so bieder:
»Ein Märchen bist du heut wie alle Zeit,
Dich grüß ich, Schwaben, Vaterland der Lieder!
Ha, wie es tönt von Frauen hold und zart!
Wild schwang sein Schwert der alte Rauschebart;
Herr Uhland ist zwar nicht dabeigewesen,
Doch ist es schön, in seinem Buch zu lesen.«

»Auch meine Heimat ist mir lieb und wert.«
Ein andrer sprach's, vom Teutoburger Walde.
»Dort ruht im Sand manch rostig Römerschwert,
Und Edelhirsche wandeln an der Halde.
Im Norden braust die Weser, und im Süd
Der Weizen auf Westfalens Feldern blüht.
Dort spornte Herzog Wittekind den starken,
Den Sennerhengst einst durch des Landes Marken.«

»Doch Schönres nicht«, so stimmten alle an,
»Als wenn der Rhein an Wäldern und an Auen,
Hoch auf dem Dampfer wie auf ries'gem Schwan
Vorüberträgt die blonden deutschen Frauen!
Am Ufer rings die Berge wild und kühn.
Die Reben nicken, und die Rosen glühn!
Im Fluge hält der Sonnengott die Pferde,
Und neidisch blickt er auf die deutsche Erde!«

Da sprach der letzte noch: »Wohl rauscht daheim
Die alte Freude bei Gelag und Festen,
Wohl tönt der Becher zu des Liedes Reim,
Wohl ragt die Pracht von Kirchen und Palästen,
Wohl ist es schön, das große deutsche Land –
Nur jüngst, an schlesischer Gebirge Rand
Sah das Gefild ich blutig rot sich färben,
Sah ich den Armen weinen und verderben!«

Und stille ward es, dumpf nur klang die See,
Verdorben war die Lust den deutschen Seelen.
Und erst am Morgen schwand das tiefe Weh,
Und neuer Jubel brach aus allen Kehlen,
Denn auf den Wellen lag, smaragdengrün,
O'Connells Land, das prächtige Erin –
Erin, als ob der Hoffnung Bild es wäre!
Und lächelnd stieg das Frührot aus dem Meere.

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