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Englische Reisen

Georg Weerth: Englische Reisen - Kapitel 7
Quellenangabe
typediary
authorGeorg Weerth
titleEnglische Reisen
editorBruno Kaiser
publisherRütten & Loening
year1954
senderwww.gaga.net
created20050519
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Ein Jahrmarkt in Yorkshire

Der Jahrmarkt mit seinen Pfeffernüssen, wilden Tieren, Kunstreitern, Landmädchen und Taschendieben – ich sage: der Jahrmarkt einer Landstadt in Yorkshire – wurde dieses Mal schon acht Tage vor dem eigentlichen Beginn durch eine große Anzahl fremdartiger Menschenkinder angekündigt, welche in sonderbaren Gewändern und hohen Reitstiefeln vom Morgen bis zum Abend an den staunenden Gassenbuben vorüberzogen. Das ist aber gerade wie bei uns: die Kunstreiter haben dieselben dünnen Beine und die Landmädchen dieselben roten Backen und die Taschendiebe dieselbe Sehnsucht nach den Urtiefen deiner gestreiften Manchesterhose. Davon schweigen wir also. Wir wollen uns dagegen nach dem wahrhaft Charakteristischen umsehen, das aus dem tollen Gewühl eines englischen Jahrmarkts emporsteigt.

Der Morgen des ersten Tages verstreicht gewöhnlich sehr ruhig, nur die Roßhändler betrügen sich untereinander und stoßen gelinde Flüche aus. Um Mittag nimmt aber die Menschenmenge in den Straßen schon zu, denn die Fabrikherren haben ihre Arbeiter losgelassen, von denen jeder jetzt seinen Schatz am Arme hinausführt. Nachmittags um vier Uhr sind Plätze und Gassen gedrängt voll, und dann beginnt das Geheul der Marktschreier, die von hohen Gerüsten herab ihre Waren anpreisen und durch die sonderbarsten Sprünge und Grimassen den Schwarm der Käufer und Gaffer herbeizulocken suchen. Es gibt nichts Komischeres als diese Marktschreier. Bis zur Raserei steigert sich ihr Geschäftseifer, es scheint, als ob sich ein Kampf auf Leben und Tod zwischen den verschiedenen Konkurrenten entwickle. Die ruhigen, kalten Engländer kennt man nicht wieder, man glaubt betrunkene Italiener oder Franzosen zu sehen, welche sich untereinander erdolchen wollen; ihre Köpfe glühen, ihre Knie schlottern, der Schachergeist zittert ihnen durch alle Adern, und mit weit aufgerissenem Munde lauscht ihnen die sprachlose Bevölkerung. Ich sah einen Messer- und Löffelfabrikanten aus Sheffield, der schon dreimal von seinem Nachbar besiegt worden war; denn dreimal war man schon von ihm zu jenem gegangen, um ein Dutzend Löffel zu kaufen. Dies war zuviel. Der Mann verstummte plötzlich, er wurde leichenblaß, er sank vernichtet zusammen. Nach einigen Augenblicken aber richtete er sich feierlich wieder empor, und mit einer Miene, wie sie jener große Kaufmann angenommen haben muß, »der, ungerührt von des Rialto Gold, seine Perle dem reichen Meere wiedergab, zu stolz, sie unter ihrem Werte loszuschlagen«, mit einer gewiß nicht weniger ausdrucksvollen Miene ergriff jener Fabrikant ein Dutzend Löffel und streute diese weit umher, auf die Köpfe der Zuschauer, indem er pathetisch ausrief: »Seht, Leute, das schenke ich euch; ich kann doch mehr leisten als mein Nachbar. Nun versucht die Ware, und dann kauft!« Dieser großmütigen Wendung hatte sich niemand versehen; das Volk interessierte sich jetzt für den Fabrikanten, und er hatte gesiegt!

Eine noch größere Menschenmenge als die Marktschreier sammeln die Buden der Reiter und Springer um sich. Alles überflügelt aber das lustige Marionettenspiel des rotnasigen Punch. (Punch ist dasselbe, was das berühmte kölnische »Henneschen« ist, nur mit dem Unterschiede, daß Henneschen zehnmal geistreicher ist als sein Bruder jenseits des Kanals.) Dieser, der in einem Kasten durch die Straßen geführt wird und seinen meisten Witz dem Londoner Zeitungsblatt »Punch« vermacht zu haben scheint, begnügt sich größtenteils damit, seinen Hund zu küssen, seine Frau und die Polzei zu prügeln. Dies ist sehr unzart vom Punch; das kölnische Henneschen erlaubt sich dergleichen nur im höchsten Notfalle. Das englische Volk ist aber geduldig und sieht seinem alten Lieblinge bei solchen Ausschweifungen gern durch die Finger. Strenger geht es zu Werke, wenn zwei Boxer sich mit derben Püffen zu Leibe gehen. Es hieß, der junge Sambo von London, ein Mulatte, der sich verbindlich machte, jeden Mann in der Welt niederzurennen, halte sich in dem nächsten Zelte auf, und da er sich auf seiner Durchreise gern einige Bewegung machen wolle, so fordere er das ganze Königreich zum Zweikampf heraus. Natürlich eilten wir, die Geschichte anzusehen. Das Zelt war schon ganz voller Menschen, die alle Seiten einnahmen und nur in der Mitte einen freien Raum ließen. Sambo wollte noch nicht erscheinen, und die liebe Jugend machte sich daher den Spaß, zu einem kleinen Vorspiel einander die Nasen blutig zu schlagen. Knaben von zehn Jahren, kaum drei Fuß hoch, rannten mit geballten Fäusten zusammen, und als wäre es ihnen eingeboren, brachten sie sich die regelrechtesten Stoße bei. Die Väter waren entzückt darüber, hetzten die Kinder noch mehr aufeinander, und nicht selten geschah es, daß ein jugendliches Paar im schrecklichsten Gefecht zu Boden stürzte und fallend sich noch die Gesichter zerbleute.

Endlich nahte der gefürchtete Sambo. Augenblicklich war die Arena frei. Es wurde totenstill, und auf allen Gesichtern lag der tiefste Ernst. Der Mulatte trat in die Mitte des Kampfplatzes. Es war ein schöner Mann; seine Brust war nicht sehr breit, aber herrlich gewölbt, die Arme kurz und kräftig; die gelbbraune Farbe, das schwarze wollige Haar und die kleinen blitzenden Augen machten ihn anziehend. Sambo schaute sich nach seinem Gegner um; dieser trat bald herein: es war ein Bäckergeselle aus Bristol, ein Bursche altenglischer Rasse mit hellblonden Haaren, frischroten Wangen, kolossal breiten Schultern und zwei ungeheuren Fäusten. Die beiden Boxer schüttelten sich brüderlich die Hände und nahmen ihre Stellung ein: den einen Fuß vor, den andern zurück, die geballten Fäuste vor dem Gesicht emporgehalten. Jeder suchte jetzt seinen Gegner durch irgendeine Bewegung zu dem ersten Stoße zu veranlassen. Keiner wollte indes beginnen, und verbeugend und zurückweichend drehten sie sich lange im Kreise umher. Da schallte plötzlich eine donnernde Ohrfeige durch den ganzen Raum, niemand wußte aber, woher sie kam, und nur an der wankenden Bewegung des Briten bemerkte man, daß Sambo mit Blitzesschnelle einen Streich ausgeführt hatte. Dies war das Signal zu allem Weitern. Bald machte der Bäckergeselle von seinen Gliedern Gebrauch; zwar stärker als der Mulatte, war dieser ihm doch an Gewandtheit überlegen, und hätte nicht sein Kopf fest wie auf dem Rumpf eines Riesen gesessen, so hätte Sambo gewiß gleich im Anfange gesiegt; denn genau wußte dieser stets die Kinnlade des Bäckers von unten auf in der unsanftesten Weise zu berühren. Der Brite litt entsetzlich, aber keine, keine Miene verzog er, und nur wenn sein »Bündel von Fünf« – wie die Engländer sagen –, seine Faust mit fünf Fingern, ebenfalls den Gegner erreichte, dann schüttelte er jedesmal die blonden Haare frohlockend aus dem Gesichte. Dies ernste und sehr gefühlvolle Spiel währte eine geraume Zeit. Sooft ein kräftiger Stoß fiel, brach die Versammlung in lauten Jubel aus, wogegen sie bei jedem mißglückten ihren aufrichtigen Schmerz zu erkennen gab. Endlich schienen beide der Sache durch eine kühne Wendung ein Ende machen zu wollen: der Bäcker ballte die Faust, als wolle er alle Kraft in einen Stoß zusammendrängen, der Mulatte, mit wild blitzenden Augen, wand sich wie eine Schlange und suchte den Gegner bald von oben, bald von unten zu erreichen. Jetzt machte er einen Satz vorwärts, und zusammenprallten sie, Stoß folgte auf Stoß, Schlag auf Schlag, und als stritte der alte Mohikaner mit dem Renard subtil, sah man bald nur eine dunkle Masse, die, von Staub umflogen, sich in tollen Sprüngen über den Kampfplatz bewegte. Die Gesichter aller Anwesenden drückten die peinlichste Angst aus, alles war still, man hörte nur den dumpfen Ton der Schläge, die von der Brust der Kämpfenden widertönten – doch da geschah plötzlich der letzte, und Sambo, der Mulatte, stürzte rücklings in den Sand. Der Bäckergeselle aus Bristol hatte gesiegt. – Glorreicher Bäcker, der du einen Mulatten besiegt, du warst zu beneiden! Dir tönte der Jubel von dreißig Squires, von hundert Yorkshire -Männern. – Sambo aber schüttelte den Staub aus seinem Haare, fluchte und verschwand.

Derweilen trieb sich draußen auf den Gassen der Schwarm der Landleute und der Arbeiter umher; erstere rot von Wangen, stattlich und wohlgenährt, die Fabrikarbeiter bleich, schmutzig und zerlumpt; alle aber froh, denn hier und dort gab eine edle Schauspielertruppe Vorstellungen unter freiem Himmel, vor den Buden, denen jeder unentgeltlich zusehen konnte; auch wurden die schönsten Orangen so billig feilgeboten, daß die meisten Jungen recht tapfer in die goldgelben Früchte hineinbeißen durften. Als wir noch dem bunten Treiben zuschauten, bewegte sich eine große Prozession geputzter Menschen heran, es waren die Teetotaller, Leute, die allen geistigen Getränken feierlich entsagt haben und den Tee verehren. Damit heute, wo es genug Veranlassung zur Übertretung des Gelübdes gab, jedes Glied der Gesellschaft davor bewahrt bliebe, hatte man eine Meile vor der Stadt eine stille Teetrinkerei veranstaltet. Wir schlossen uns dem Zuge an und gelangten bald in den Park eines Aristokraten, welchen man zu diesem Fest hergegeben hatte. Es war eine schöne Besitzung: herrliche Wiesen und bewaldete Hügel wechselten in sehr malerischen Gruppierungen; auch fehlten die Damhirsche nicht und die Herden der schönsten Pferde und Schafe. Nur die Wipfel der Bäume waren verlassen von ihren alten Bewohnern, von den Raben, und das schien mir sehr merkwürdig. Die Raben nämlich halten sich in England stets neben den Aristokraten auf. Nie sah ich die Villa eines Reichen, oder sie war umringt von einem dichten Schwarm jener krächzenden Geschöpfe. Die Leute sagen gewöhnlich, das käme daher, weil die alten vornehmen Familien große Bäume in ihren Gärten hätten, und in diesen liebten die Raben zu nisten. Sie mögen recht haben; genug aber, an jenem Tage hatten die Raben ihre alten Wohnungen verlassen, denn statt der Aristokratie mit vornehmen Hahnennasen und parfümierten Fingern bewegte sich das Volk über die grünen Rasenplätze. Das Volk, ach, und ein herrliches, liebes Volk! Kräftige Yorkshire-Mädel in bunten Kleidern, in lackierten Schuhen und mit kleinen Strohhüten auf den Köpfen, junge Arbeiter, recht arme Teufel, welche sich an einem solchen Tage für das ganze übrige Jahr freuen müssen und denen daher der Spaß durch alle Glieder zuckt, alte Frauen, welche in dem Genusse schwelgten, noch einmal zur Sommerzeit das verschossene seidene Kleid an die frische Luft führen zu dürfen, und endlich die gesetzten Männer, welche sich am Samstagabend stets für vier Pence eine Zeitung kaufen, dann am Sonntag Politik treiben und sich die ganze Woche lang über das Gelesene unterhalten.

Dies waren die Leute, welche eine Anhöhe hinaufwandelten, auf der ein gewaltiges Zelt im Winde flatterte. »Und sie erhoben die Hände zum lecker bereiteten Mahle!« Das heißt, die achthundert Menschen, alt und jung, schleppten ungeheure Teekessel herbei und schütteten das dampfende Getränk in die blaugeblümten Tassen. China gab ihnen den Tee und der Himmel das Teewasser, denn es regnete abscheulich. Der Tee wurde also etwas dünn. Aber das machte nichts. Lustig sah man die jugendlichen Kinnladen in die Rosinenbrote einhauen, weithin kreisten die Kannen, die Waldhornisten entsäuselten ihren Hymnus, und wäre ich nicht ein sehr verstockter Mensch und wäre nicht mein Großvater ein Weinwirt gewesen, wer weiß, ob ich nicht beim Anblick dieser achthundert fröhlichen Gesichter, von denen vierhundert herrlich rot und frisch waren, ebenfalls auf einen teetrinkerischen Gedanken gekommen wäre! Aber nein; ich dachte an dich, du weingesegnete Heimat; an dich, du alte Märchenstadt, die du berühmt bist durch deinen Dom und durch deine Weintrinker; dein gedachte ich, altes lustiges Köln; und wie ich im Geist deine edlen Schoppenstecher nicken sah, da war es nicht anders möglich, als daß ich mit eiligen Schritten das Zelt verließ und mich lachend in die Nebelwolken hineinstürzte, die eben, von der sinkenden Sonne prächtig beleuchtet, in phantastischem Zuge über die Berge hereinbrachen.

Auf dem Marktplatze hatte indes das Gewühl immer mehr zugenommen, denn viele hundert Gaslichter, welche überall aufflammten, verliehen jetzt erst dem bunten Treiben der Reiter, Springer, Krämer, Schauspieler und der geputzten Zuschauer den eigentlichen Glanz. Hier sprengte ein Mohr auf einem Isabellenschimmel umher und lud das Volk zu einer neuen Vorstellung ein, dort zeigte ein Boxer seine gewaltigen Arme, dann sprang Punch wieder in seinem Kasten empor und sang die Strophe eines Liedes, in das alle jüngeren Leute einstimmten. Bei allem verhielten sich die Engländer übrigens stets ziemlich ruhig, nur die Irländer, deren Zahl unter den Fabrikarbeitern sehr groß ist, zeichneten sich durch die tollste Lustigkeit aus; man kann sie immer von den Briten unterscheiden: lachend, singend und springend drängen sie sich hier- und dorthin mit den lebendigsten Gestikulationen, und ein Witzwort schwebt ihnen stets auf der Zunge.

Als ich neulich einen Engländer fragte, worin diese Verschiedenheit ihren Grund habe, antwortete er mir, das komme bloß durch das Essen und Trinken. Wir Engländer, meinte er, essen Beefsteak und trinken Porter dazu, und deshalb kann uns nichts auf der Welt widerstehen, aber so ein Irländer ist mit Kartoffeln und Buttermilch zufrieden. Very well, was kann also aus so einem Schuft werden? Und da drehte sich der Mann herum und langte nach seinem Glase Brandy.

Gegen zehn Uhr abends wird der Lust gewöhnlich ein Ende gemacht. Die Landleute sind schon früher abgezogen, die Arbeiter schleichen ebenfalls nach Hause, nur an den Straßenecken stehen noch Kinder, die Nüsse knacken und Orangen essen, und aus der Ferne hörst du noch ein Lied herübertönen, ein Lied zu einer Orgel; und horchst du auf und folgst dem heimziehenden Musikanten, da hörst du manchmal zu deinem Erstaunen deutsche Worte: es ist das Lied vom schönen, grünen Jungfernkranz, welches ein Schwarzwälder Junge oder ein Würzburger singt; er faßt seine Schwester an der Hand, die den Tamburin schlägt! »Wieviel haben wir heute verdient?« fragt der Junge. »Zehn Schillinge!« antwortet das Mädchen. »Aber ich wollte, wir wären erst wieder zu Hause!« – Und dann sangen sie noch einmal: »Schöner grüner, schöner grüner Jungfernkranz!«

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