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Englische Reisen

Georg Weerth: Englische Reisen - Kapitel 3
Quellenangabe
typediary
authorGeorg Weerth
titleEnglische Reisen
editorBruno Kaiser
publisherRütten & Loening
year1954
senderwww.gaga.net
created20050519
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Ein unglücklicher Deutscher

»Graus war die Nacht, und um den Giebel der Pachterwohnung heulte Sturm!« Diesen herrlichen Anfang zu einem schauerlichen Roman muß ich in meiner Jugend irgendwo gelesen haben. Seiner hohen Schönheit wegen blieb er mir im Gedächtnis, und nichts war natürlicher, als daß er mir auf der Reise von London nach Birmingham einfiel, wo ich wahrscheinlich hundertzwanzig Meilen auf der Eisenbahn fuhr, ohne etwas anderes zu sehen als eine abscheulich rote Nase, die mir gegenüber Platz genommen hatte. Kamen wir an Häusern vorbei, so fielen bisweilen einige Streiflichter in den Wagen herein, und für einen Moment trat dann die rötliche Naturschönheit meines Nachbars in all ihrem Farbenglanze aus der Dunkelheit hervor. Die Sache machte sich so frappant, daß mir ein anderes menschliches Wesen, das sich zufällig im Wagen aufhielt, jedesmal, wenn wir uns einem neuen Licht näherten, einen Stoß mit dem Arm versetzte, als wollte es bemerken: »Geben Sie acht, mein Herr, gleich kommt ein Licht! Geben Sie acht, die rote Nase!« Glückliche Stunde, jene! – Aber alles vergeht; auch der Eigentümer der roten Nase schlief zuletzt ein: sein Kopf sank auf die Brust herab, und die Nase verkroch sich in die Hemdkrause. »Hier in Birmingham bleiben wir vier Stunden liegen«, sagte eine freundliche Stimme, als wir endlich still hielten, und eine Sekunde nachher entführte man mich bereits samt meinem Mantelsack und schleppte mich der Stadt zu. Lieber Gott! In Birmingham, wo du keine einzige gute Seele kennst, wo alles aufhört, was nach Deutschen riecht, lieber Junge, du hast noch wenig gereist – wenn dir dort mal etwas passierte! Und der Gedanke stieg in seiner Schrecklichkeit sehr beunruhigend vor meinem Geist herauf, als ich meinem Führer durch mehrere dunkle Gassen folgte. Bald lieferte er mich an ein ziemlich schlechtes Wirtshaus ab. Drei Frauenzimmer empfingen mich, und nach einigen flüchtigen Beratungen wurde ich in ein Zimmer des obern Stockwerks transportiert. Wunderlich sah es dort aus. Der rote Teppich war sehr zerrissen, die Tapeten alt und verdorben; auf dem Tisch lag eine Gitarre ohne Saiten, in der Ecke standen ein paar Reitstiefel, und oben unter der Wanddecke war ein Bindfaden gezogen, auf dem Apfelschnitzen getrocknet wurden. Die drei Frauenzimmer erschienen nach einiger Zeit wieder und servierten den Tee. Es wurde mir sehr unfreundlich zumute, und unwillkürlich faßte ich in das Sofa hinter mich, um nach irgend etwas zu suchen; ich wußte selbst nicht, warum. Sieh da, etwas Schweres geriet mir in die Hände, vielleicht – und es lief mir kalt über den Bücken – vielleicht eine Kiste mit Dolchen oder Pistolen, dachte ich ... da entfernten sich die drei Frauenzimmer, blickten mich noch einmal mit sonderbarlichen Augen an, und unten hörte ich eine tiefe, tiefe Baßstimme sprechen und die Frauenzimmer kichern und lachen. Ich brachte meinen Fund aus der Sofaecke hervor: es war ein Kistchen, mit Leder überzogen; erwartungsvoll öffnete ich es und fand darin – fand eine Bibel! zu meinem nicht geringen Erstaunen, eine hübsche korrekte Londoner Ausgabe, printed: Strand 54, im Jahre 1843. Um ein Abenteuer schien es mir nun in jenem Hause geschehen zu sein; ruhig schlürfte ich den Tee herunter und schlug das hübsche Buch voneinander, um zu sehen, wie sich das Wort Gottes in englischer Sprache ausnehme.

Als ich aber die Stelle fand, wo geschrieben steht: »Und ihre Kamele sollen ihnen geraubt werden, und ich will sie zerstreuen nach allen Winden«, da hörte ich plötzlich ein dumpfes Geräusch im Nebenzimmer, als wenn zwei Menschen in einen heftigen Wortwechsel gerieten, und lauschend näherte ich mich der Tür, welche die zwei Gemächer voneinander trennte. Sie war nicht verschlossen, und leicht gelang es mir zu öffnen, ohne daß von der andern Seite etwas bemerkt wurde. Da hörte ich denn zu meiner größten Belustigung – in Birmingham, in dem Hause, wo ich mir einige Augenblicke vorher noch so verlassen und so unendlich weit von aller Hilfe vorkam –, ich hörte deutsche Worte, und, o Wunder, welche Worte! Zierliche Verse: Jamben. Ich hörte genau, wie vom König Philipp die Rede war, der Herzog Alba sprach, und Don Carlos ließ etwas von Ritterstolz fallen und von dem »zwischen Vater und Sohn stellen«, und immer toller und hitziger wurde der Diskurs, man sprach von Blut und Rache; es war kein Zweifel mehr, es zitierte jemand den göttlichen Schiller! Da konnte ich denn doch nicht unterlassen, den Kopf ins Zimmer hineinzustecken, um mich nach dem nächtlichen Deklamator etwas umzuschauen. Es war eine lange, hagere Gestalt in Hemd und Unterhosen, die auf dem Rande des Bettes saß; glatt hingen die blonden Haare an den Schläfen hinunter, und beim Scheine einer tief heruntergebrannten Kerze schimmerten bisweilen ein Paar deutsche blaue Augen. Ziemlich gut wußte der junge Mensch seine Stimme zu ändern, Herzog Alba nahm sich hübsch aus, noch besser aber Carlos, für den der Deklamator eine besondere Vorliebe zu haben schien, denn jedesmal strich er bei seinen Worten recht träumerisch mit den dünnen Fingern über die Stirn herüber. Mit einem Worte, es war ein unglücklicher Deutscher, der in Birmingham, in einer schlechten Wirtschaft, nachts um zwölf Uhr den Don Carlos auswendig lernte! »Und ihre Kamele sollen ihnen geraubt werden, und ich will sie zerstreuen nach allen Winden!« Ach Gott! Mein dünner Landsmann sah recht unglücklich aus; hatte er je eine Herde Kamele, so war er selbst jedenfalls das einzige Stück, das davon übrigblieb, und nach allen Winden zerstreut kam er mir auch vor. Oh, es muß schrecklich sein, so als langer, blonder Mensch mit Schillers Don Carlos unter dem Arm durch ferne Länder zu streifen! Und weshalb legte sich der Unglückliche nicht lieber ins Bett? Weshalb sich den süßen Schlaf rauben? Er dauerte mich, der Arme. Ich ergriff einen der großen Reitstiefel, welche in meinem Zimmer lagen, und als der blonde Jüngling gerade mit recht ausdrucksvoller Stimme ausrief: »Sieh, Herzog Alba, da stehst du nun in deines Nichts durchbohrendem Gefühle!« – puff, da flog der Reitstiefel mit schrecklichem Geprassel an den Wänden herum!

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