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Englische Gedichte aus neuerer Zeit [II]

Ferdinand Freiligrath: Englische Gedichte aus neuerer Zeit [II] - Kapitel 2
Quellenangabe
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typepoem
authorFerdinand Freiligrath
booktitleWerke in neun Bänden, Band 7 - 9
titleEnglische Gedichte aus neuerer Zeit [II]
publisherTh. Knaur Nachf., Berlin und Leipzig
seriesWerke in neun Bänden
volumeAchter Band
year
firstpub1846
translatorFerdinand Freiligrath
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20091015
projectid5b6ab089
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Laetitia Elisabeth Landon

Der Spanische Page

Er ein gefangner Knabe, und sie ein Fürstenkind!
Gleichviel! sie spielten Spiele, arglos, wie Kinder sind.
Ihr Haar floß oft zusammen, sie gingen Hand in Hand,
Doch zuletzt gab goldne Lösung zurück ihn seinem Land.
O, lieblich ist Sevilla, wenn Sommerlüfte wehn:
Doch schön auch ist Xenilla, und prächtig anzusehn.
Wie sprühn die Silberdächer, wie glühn die Minaretts!
Um die Granatbaumgärten ein einzig Blütennetz!

Doch seine Pracht auch schwindet: ein Heer hat es umstellt;
In den Lüften weht das Rotkreuz, und das Horn der Christen gellt.
In den Staub mit dir, du Feste, die im Sonnenscheine stand.
Deine singenden Silberquellen fülle Blut bis an den Rand!
Grimmen Sinns der Christenführer, eine Waise jung und kühn;
Seines Hauses Fall zu rächen, in die Feldschlacht zieht es ihn.
Er selbst einst war gefangen, bis ihn spanisch Gold befreit;
Es zurückzuholen hundertfach steht sein Kriegesvolk bereit.

Der Kampfruf scholl herüber, bis wo ein Mädchen lag.
Welkend wie alles Schöne; – ach, es währt nur einen Tag!
Sie lag auf seidnem Kissen in stiller Träumerei;
Sie träumte von Glück und Kindheit, – da vernahm sie Wehgeschrei.
Sie fuhr empor, sie fragte, die Sklaven schwiegen nicht;
Eine flücht'ge, dunkle Röte überflog ihr bleich Gesicht.
Sie rief nach ihren Freunden, sie sprach manch leises Wort:
So, wohl im Winde flüstert ihre Silberlaute dort!

Und wieder barg ihr Haupt sie tief in des Kissens Rot;
Sie senkte matt die Wimper – sie schwieg – es war der Tod!

Und noch denselben Abend, eh' die Sonne purpurn sank,
Wand langsam sich die Hügel ein Leichenzug entlang;
Sie ziehn einher mit Singen, die Tote tragen sie,
Die Wachen stehn und lauschen der Trauermelodie;
Sie tragen still die Leiche vor des Christenführers Zelt;
Bleich wird er, als sein Auge auf die bleichen Züge fällt.

Als wär's im ruhigen Schlummer, so lag das Maurenkind;
Ernst, mit gefaltnen Händen, wie des Frommen Hände sind;
Ihr schwarzes Haar gescheitelt auf der Stirne lichter Höh';
Ihre kalte Wange kälter, als Marmor oder Schnee.
Doch süßer, als Lebend'ges, traf sie des Kriegers Blick;
Erinnerung umschwebte sie und frührer Tage Glück!
Er kannte die Gefährtin, die Gespielin fromm und rein;
Des Kindes Treu' bewahrte sie – sie war im Tode sein!

»Sie bringt ihr mir ins Lager, zu lösen Stadt und Flur?« –
Keine Antwort! – um die Zelte ein tiefer Schweigen nur!
Was das tote Mädchen wollte, er allein hat es gewußt;
O, die Liebe nur kann lesen in der Liebe dunkler Brust!
O, wie redet diese Lippe, die dem Schweigen doch geweiht!
Von dem Glück der Kindheit spricht sie, von des Todes Heiligkeit!

Er verhüllt sein düster Antlitz, eine Mannesträne fällt –
Um des toten Mädchens willen schont die Maurenstadt der Held.

Erwartung

Sie schaut hinaus zum Fenster –
O, ein lang und fragend Schau'n! –
Von des Frührots goldnem Schimmer
Bis zum duft'gen Abendgrau'n!
Kalt und bleich der Sterne Licht,
Doch das Auge senkt' und schloß sie nicht.
Von der weißen Stirne dunkel
Wallt' ihr Haupthaar wundersam:
Schwer vom feuchten Tau des Abends,
Schwerer noch von Gram.
Mit den Schatten fiel es nieder;
Wie ein Bahrtuch flog's um ihre Glieder.

Als den Blick zuerst durchs Gitter
Durch das Land sie trug.
Da zu lesen war ihr Antlitz
Wie ein heiter Buch.
Ihre Wange glühte rot und frisch,
Lachend strahlt' ihr Aug' und schwärmerisch:
Jetzo lehnt sie sich mit Schmachten,
Bleich ist ihr Gesicht;
Nur auf der gesenkten Wimper
Schimmert Tränenlicht.
Dunkel kommt heran die Nacht,
Doch das bleiche, müde Mädchen wacht.

Siehst in der Geschichte
Du dein Los, o Herz?
So nach nie Erreichtem
Schau'st du aus mit Schmerz!
Bis dein Auge, tränenschwer,
Schwinden sieht das Schöne um dich her.
Ach, du Suchst und hoffst und härmst dich,
Sinkst ermattet hin;
Tag verwandelt sich in Dämm'rung –
Was war dein Gewinn?
Tod und Nacht, sie halten dich gebunden'
Was du suchtest, hast du nicht gefunden!

Der Hirtenknabe

Wie aus alten Zeiten
Irgend ein Gesicht,
Zu der Herde Läuten,
Die den Wald durchbricht:
So die Schlucht durchklingst du
Recht aus voller Brust;
Welch ein Lied doch singst du
In der Jugend Lust?

Oder singst du Klagen
Um dein niedrig Los?
Wirfst dich mit Verzagen
Nieder auf das Moos?
Magst zurück nicht schauen,
(Ach, dein Gang war hart!)
Trübt der Zukunft Grauen
Deine Gegenwart?

Nein, du bist im Grünen
Heiter und beglückt,
Wo, besucht von Bienen,
Blatt und Blume nickt,
Wo mit goldnen Glocken
Schlank die Primel steht,
Und in dein Frohlocken
Süßes Läuten weht.
Treu und innig liebt ihn
Jede Kreatur:
Berg und Wald umgibt ihn
Mit Gesängen nur!
Demutvoll dein Streben,
Grad und fest dein Stab –
Viel ist dir gegeben.
Armer Hirtenknab'!

Das unbekannte Grab

Ich weiß, wo einsam einer ruht –
O Gott, wie still der Ort!
Um Orchis nur und Fingerhut
Entschwirrt die Biene dort.
Nie fällt die Morgensonne drauf: –
Ihr wehrt's ein grauer Stein!
Noch ist vollbracht des Tages Lauf,
Dann flammt er rot im Abendschein.
Die Lüfte glühn, die Halme beben.
Als wäre Hoffnung dort und Leben!

Dort schläft ein Mann, der im Gesang
Zurück uns ließ sein Herz;
Sein Herz, das dem in uns nur klang,
Was aufstrebt himmelwärts!
Und was durch seine Saiten fuhr,
Was Dichteradern schwellt:
Der Jugend Lust, der Liebe Schwur –
Noch tönt es mächtig durch die Welt;
Doch keinen Namen hat er sich erworben,
Bar seines Ruhms ist er gestorben!

Viel Lieder hörst du, süß und voll,
Von Mund zu Munde ziehn.
Noch ihres Dichters Ruf verscholl,
Längst schon vergaß man ihn
Die Sage nur, gebückt und grau,
Hält Wacht an seiner Gruft;
Ihr Weinen' ist der Blume Tau,
Und ihre Mahnung Blumenduft!
Die er geliebt, ein wert Vermächtnis
Hält die Natur in Ehren sein Gedächtnis.

Es ist so schön, doch fass' ich's kaum:
Daß solch ein Geist, wo er gelebt,
Zuletzt mit jedem Elfentraum
Des Ortes innig sich verwebt!
Die Waldung prangt noch eins so grün,
Die Äste regt ein leiser Wehn;
Für Lieb' und Recht ein wärmer Glühn '
Erfüllt uns im Vorübergehn;
Behielt ein Herz nur eine Zeile,
Ein Schrein ist's, drin der Namenlose weile!

Die alte Zeit

Rufst du zurück, was dir und mir gemeinsam
Nur noch im Schrein der tiefsten Seele weilt?
Den stillen Garten, still und, ach, so einsam,
Wo Frucht und Blumen wuchsen gleich verteilt?
Wenn Schlüsselblumen wir gesammelt hatten
Am lust'gen Born, der durch die Wiesen floß,
Dann ging's zur Steinbank in des Birnbaums Schatten,
Der seine Blüten auf uns niedergoß.
In der alten, alten Zeit,
Der lieben alten Zeit.

Nah war der Born, – da sahn wir Gräser schwanken;
Von manchem Unkraut war er überdacht!
Um seine Wände krochen Erdbeerranken
In ihres Blühens erster weißer Pracht.
Himbeer' und Flieder mischten ihre Blätter;
Im Duft der Bohne stand die Rose glüh;
Sie freuten alle sich im Sonnenwetter,
Das diesen Blüte, jenen Frucht verlieh,
In der alten, alten Zeit,
Der lieben alten Zeit.

Nicht sprang ein Quell herab von Marmorstufen;
Allein die Bienen murmelten Gesang,
Wie lullend Wasser, und der Vögel Rufen
Scholl in den Zweigen ganze Tage lang.
Die Sonnenuhr stand auf dem sonn'gen Rasen:
Ernst maß sie Stunden, die uns lachend flohn;
Daß wir im Schatten ihre Ziffern lasen,
War es von Deutung für die Zukunft schon,
In der alten, alten Zeit,
Der lieben alten Zeit?

Vielleicht! – doch wenig drückt' uns noch im Leben,
Was uns hernach die Seele trüben kann;
Von Feen und Elfen waren wir umgeben,
Und wie ein Märchen sah die Welt uns an!
Verblühte Dolden, die wir sacht zerbliesen –
O, welch ein groß Orakel war uns das!
Und zog ein Schauer über unsre Wiesen,
So waren Blumen unser Wetterglas,
In der alten, alten Zeit,
Der lieben alten Zeit.

Warm wird mein Herz, lass' ich vorüberziehen,
Was ich wohl kaum noch dir erzählen darf?
O, wer verstand denn all dies tiefe Glühen,
Wer all die Liebe, die ich von mir warf? –
Der alte Garten! Seine Blütentage
Flohn wie die unsern! – Alles, ach, zerstört!
Sein einz'ger Denkstein diese stille Klage,
Daß nimmer, nimmer für uns wiederkehrt
Die alte, alte Zeit,
Die liebe alte Zeit.

Der Nordstern

(Der Dichterin letztes Lied, auf der Reise nach Cape Coast-Castle gedichtet.)

Ein Stern verließ das Firmament,
Ein Stern von milder Pracht:
So mancher andre strahlt und brennt,
Doch er verließ die Nacht.

Verschwunden ist sein lieb Gesicht;
Ich liebt' ihn, ach, so sehr!
Den Freund, der mir von England spricht,
Der Heimat überm Meer.

An Englands Himmel hob er sich,
Schien über englisch Land,
Mahnt' an manch liebend Auge mich
Und manche treue Hand.

O Gott, er war mein einzig Glück;
Er rief vergangne Zeit,
Rief alles, alles mir zurück,
Was hinter mir so weit!

Erloschen jetzt ist mir sein Licht,
Das übers Meer mich wies;
Wie dächt' ich nun der Freunde nicht,
Die ich zu Hause ließ?

O, bitter war der Trennung Schmerz –
Ich mußt' ihn doch bestehn!
Und eine Ahnung hat mein Herz:
Ich werd' euch wiedersehn!

Euch wiedersehn mit tieferm Glühn!
Die Fern' erst zeigt den Wert
Von allem, was wir weinend fliehn.
Von Freunden, Heimat, Herd!

O Stern, ich sah dein Strahlenspiel
Zuerst glühn immerdar;
Bis es mir schwer aufs Herze fiel,
Daß ich die Einz'ge war!

Du aber sankst die Flut hinab.
Erloschen ist dein Schein;
Mir ist, als trät' ich an ein Grab,
Und stand' an ihm allein!

Leb' wohl! – O, könnt' ich eine Kraft
Ausüben auf dein Sprühn:
Ein Brief der Liebe, rätselhaft,
Um England sollt' es glühn!

Von Lieb' und Hoffnung süßen Traum
Entlockt' ich deinem Licht!
Für all mein Wünschen hätt' ich Raum
Auf deinem Kreise nicht!

O Täuschung, reich an Lust und Schmerz,
Und nutzlos doch: – entweich'!
Ihr Freunde, blick' ich in mein Herz,
Gleich auch erblick' ich Euch!

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