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Gutenberg > Ferdinand Freiligrath >

Englische Gedichte aus neuerer Zeit [II]

Ferdinand Freiligrath: Englische Gedichte aus neuerer Zeit [II] - Kapitel 14
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typepoem
authorFerdinand Freiligrath
booktitleWerke in neun Bänden, Band 7 - 9
titleEnglische Gedichte aus neuerer Zeit [II]
publisherTh. Knaur Nachf., Berlin und Leipzig
seriesWerke in neun Bänden
volumeAchter Band
year
firstpub1846
translatorFerdinand Freiligrath
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20091015
projectid5b6ab089
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Robert Southey

Bruchstücke aus dem epischen Gedichte:

Thalaba der Zerstörer

Eingang des Gedichtes.

1.

Wie herrlich ist die Nacht!
Tauige Frische füllt die stille Luft;
Kein Nebel trübt, kein Wölkchen unterbricht
Des Himmels Heiterkeit.
In seiner Pracht durchrollt der volle Mond
Die blaue Tiefe dort.
In seinem Strahle ruht
Der Wüste brauner Kreis,
Vom Himmel wie der Ozean umgürtet!
Wie herrlich ist die Nacht!

2.

Wer noch so spät durchzieht
Der Wüste gelben Sand?
Kein Palmenhain, kein Zelt
Zeigt ihrem Auge sich.
Die Mutter und ihr Kind,
Verwitwet sie, der Knabe vaterlos,
Sie noch so spät durchziehn
Der Wüste gelben Sand.

3.

Ach, die Sonne sank,
Sah noch im Glücke sie
Zeinab, Hodeirahs Weib,
Sein heißgeliebtes Weib.
Sie, deren Los sich einst
Arabias Töchter wünschten, Zeinab, sie
Einst ihres Stamms fruchtbare Mutter, jetzt
Elend und gattenlos,
Sie wandelt durch den Sand. –
Ein Sprößling nur des mächtigen Geschlechts
Blieb der Verlassnen; still
Zieh'n durch die Wildnis sie.

4.

Durch keine Träne ward ihr Herz erleichtert;
Von Schmerz betäubt, war ihr wie einem, der
Aus einem blut'gen Traum um Mitternacht
Halbwachend auffährt. – Nur, wenn ihre Hand
Das müde Kind mit seinen Tränen netzte,
Zu ihrem starren Angesicht empor sah,
Und: »Mutter!« schluchzte – dann nur hörte man
Sie leise seufzen.
Doch endlich, sich ermannend, schlug das Auge
Sie betend auf, und sprach: »dem Herrn sei Preis!
Er gab, und er auch nimmt!
Er ist gerecht und gut!«

5.

»Gut ist er?« sprach das Kind;
»Warum sind meine Brüder denn erschlagen
Und meine Schwestern? warum tötete
Man meinen Vater denn?
Versäumten jemals das Gebet wir? huben
Unreine Hände wir zum Himmel? war
Dem Fremdling jemals unser Zelt verschlossen?
Nein, er ist nicht gut, Mutter!«

6.

Da schlug verzweifelnd Zeinab ihre Brust:
»O Gott, vergib ihm, denn
Er weiß nicht, was er spricht!
Du weißt, daß meinen Sohn ich nicht Gedanken
Wie diese, lehrte! Mahomet, vergib!«

7.

Bis jetzo hatte sie noch nicht geweint;
Doch dies Gebet ließ ihre Tränen fließen,
Und leichter ward ihr Herz.
Empor zum Himmel sah ihr schwimmend Aug';
»Allah! dein Will' geschehe!
Wohl seufz' ich jetzt, da mich dein Zürnen trifft,
Doch murr' ich nicht!
Denn sieh', der Tag erscheint, wo alles Dunkle
Hell werden wird; dann werd' ich wissen, Herr,
Warum mich also deine Gnade züchtigt!
Dann sehen und verstehn, was jetzt
Mein Herz nur glaubt und fühlt!«

8.

Und schweigend hörte Thalaba den Vorwurf;
Auf seiner Stirne zuckte männlich Zürnen,
Voll männlicher Gedanken war sein Herz.
»Sprich, wer erschlug den Vater mir?« so rief
Der Knabe; Zeinab sprach:
»Ich wußte nicht, daß deines Vaters Feind
Auf Erden lebte; das Gebet des Armen
Stieg täglich für ihn auf zum Himmel; fern
Verkündete der Wandersmann sein Lob; –
Hodeirahs Feind – mir war,
O Thalaba, als gäb' es keinen solchen!«

9.

»Doch durch die Erde will ich ihn verfolgen!«
Rief glühend Thalaba.
»Schon kann ich meines Vaters Bogen spannen;
Bald hab ich Kraft genug,
Des Pfeiles Federn durch sein Herz zu treiben.«

10.

Und Zeinab sprach: »O Thalaba, mein Kind,
Nach fernen Tagen schauest du,
Und in der Wüste sind wir, fern von Menschen!«

11.

In diesem Augenblick erst hatte Raum
Für den Gedanken ihr bekümmert Herz.
Sie warf das Aug' umher:
Ach, kein Gezelt erhob
Im nackten Sande sich;
Kein Dattelbaum stand einsam in der Wildnis.
Der dunkelblaue Himmel schloß sie ein,
Und ruhete, wie eine Kuppel, auf
Dem Saum des Wüstenrunds.
Sie warf das Aug' umher;
Rings Durst und Hunger! – da verhüllete
Die unglückliche Mutter ihr Gesicht,
Und weinte auf ihr Kind!

Der Palast und das Paradies von Irem.

12.

In einem Haine stand
Der wundersame Bau.
Von solcher Majestät sah keine Bäume
Man Jemens sel'ge Hügel krönen, oder
Die finstre Stirn des alten Libanon.
Ein solch Gebäude, so verschwenderisch
Und reich geschmückt, so ungeheuer, hatte
Der Menschen sklavisches Geschlecht noch nicht
Für einen Abgott oder einen Herrscher
Errichtet, weder in der alten Roma,
Noch in der ältern Babylon, noch in
Persepolis, noch dorten, wo in Hymnen
Vom Volk der Griechen Zeus verherrlicht ward.
Hier, himmelblaue Tafeln dicht besetzend,
Von schwachem Licht beschienen, funkelten
Der Diamant und der Rubin, wie Sterne;
Auf goldnen Türmen lag
Der gelbe Mondstrahl hier;
Die Mauer, aus gediegnem Silber floß
Von weißem Glanze über. Minder prächtig
Und wunderbar das Schloß, das einst zu Hirah
Sennamar baute, setzte seine Kunst
Dem weiten Bau mit einem einz'gen Steine
Die Kron' auch auf, und ließ, gleichwie die Haut
Der Schlange, seine Farben tausendfach
In wechselvoller Schönheit spielen: – ihn,
Aus Furcht, ein Spätrer möchte diesen Palast,
Jetzt unvergleichlich, übertreffen, warf
Von seiner Höh' der Meister auf das Pflaster,
Daß klirrend er zersprang.

13.

Sie traten ein; mit Staunen eilten sie
Durch Gänge, voll von Duft;
Und endlich sahen sie, auf einer Moosbank,
Im Schatten einer säuselnden Mimose,
Die, ein lebend'ger Baldachin, sein Haupt
Umrauschte, einen Mann.
Jung schien er, denn auf seiner Wange strahlte
Die Morgenröte der Gesundheit; dicht
Umkräuselte ein brauner Bart sein Kinn.
Er schlief, doch als den Ton
Von nahen Füßen er vernahm, erwacht' er,
Und sah mit Staunen auf die Pilgerin
Und auf ihr Kind. »Vergib!« rief Zeinab; »nur
Das Unglück macht uns kühn.
O, hilf der Witwe und dem Vaterlosen!
Gesegnet sind, die dem Bedrängten beistehn,
Denn ihnen ist das Paradies bestimmt.«

14.

Er hörte sie, und sah empor zum Himmel,
Und Tränen rannen über seine Wangen:
»Gott, eines Menschen Stimme!
O Gott, ich danke dir!
Wie manch Jahrhundert floh,
Seit diese süßen Töne mich erfreuten
Gott, eines Menschen Stimme!
O Gott, ich danke dir!«

15.

Dann wandt' er sich zu Zeinab, und rief aus:
»Wer bist du, Sterbliche,
Du, deren Seheraugen dieses Dunkel,
Das diese Hallen Menschenalter schon
Den Sterblichen verhüllt, durchdrungen haben?
Unzähl'ge Jahre floh'n,
Seit eines Menschen Fuß
In Irems Lauben trat, –
Nur ich allein betrat sie, ausgeschlossen
Von Himmel und von Erde! Wehe mir!

16.

Furchtlos, und kaum erstaunt,
Denn in der Seele Zeinabs wühlte jetzt
Allein der Schmerz, und hatte alle andern
Gefühle überwältigt – furchtlos gab
Sie ihm zur Antwort: »Gestern war
Ich ein geliebtes Weib,
Fruchtbare Mutter eines großen Stammes.
Jetzt bin ich Witwe! dies
Das einzige von meinen Kindern noch!
Dem Ewigen sei Preis!
Er gab, und er auch nimmt!«

17.

Da sprach der Mann: »Nicht ungesehn vom Himmel,
Noch ohne einen Führer durch die Wildnis,
Hast du dies abgeschiedne Tal erreicht!
Für keinen nicht'gen Zweck zerriß der Schleier,
Der diese alten Hallen lange Zeit
Der Welt verhüllte. Hör' mich, Sterbliche!
Bewahr' in deinem Herzen meine Worte,
Und kehrst du wieder in die Welt zurück,
So laß die Kunde warnend weiterschallen!
Denn warum duldeten die Väter, als
Daß sie die Kinder durch ihr Beispiel lehren?

18.

Dies Irems Paradies!
Und dies der Palastbau,
Den Schedad bauete, der König! – Ach,
In meiner Jugend Tagen hörte man
Das laute Summen der geschäft'gen Welt
In jener dürren Wildnis. Aufgeschlagen,
So weit der Sand sich ausdehnt, sah man Ads
Gezelte stehn! – Glücklich Al-Ahkaf damals!
Denn tapfrer Söhne viele zählte sie,
Und ihrer schönen Töchter waren viele!

19.

Damals hieß Aswad ich –
Wie fremd klingt meinem Ohre jetzt der Name,
So lange nicht gehört!
Ich kam von edlem Stamm!
Der Mächtigen der Erde einer war
Mein Vater: hundert Rosse standen
In seinen Ställen stets bereit.
Zahlreich die seidenen Gewande, die
In seinen Kammern lagen. Keiner kannte
Die Menge seiner schnaubenden Kamele.
Und alles dies war mein,
O Gott, war dein Geschenk!
Doch besser, traun! wär' es für Aswads Seele
Gewesen, hätt' er betteln, und die Krumen,
Die seinem Tisch entfielen, sammeln müssen:
Erkannt, o Ew'ger, hätt' er dann dein Wort!

20.

O Knabe, der du meine Einsamkeit
Erreicht hast, in den Tagen deiner Jugend
Fürchte den Herrn!
Mein Knie ward nie gelehrt
Zu beugen sich vor Gott;
Mein Mund ward nie gelehrt
Zu sprechen ein Gebet.
Wir beugten uns vor Götzen; – Holz und Stein
Verehrten wir in unsrer Torheit, Werk
Von unsrer eignen Hand!
Umsonst sprach der Prophet
Das Warnungswort: »Bereut,
Das euch verziehen wird!« –
Wir höhnten den Gesandten Gottes, höhnten
Den Herrn, der lange wartet, eh' er straft.

21.

Und Schedads Stolz ersann ein mächtig Werk,
Wie in die Wildnis hier er einen Garten
Herzauberte, an Schönheit reicher noch,
Als jener, dessen Tor das Flammenschwert
Des Cherubs hütet, seit das Paradies
Adam, der Übertreter, meiden mußte.
Darinnen wollt' er bau'n
Ein königlich Gebäu,
Den Palast seines Stolzes! den zu schmücken,
Riß man das Gold aus dunkler Minen Schoß,
Riß man den Edelstein aus Berggewölben!
Den zu verzieren, lichtete die Axt
Die Zedernwaldung, spann der Seidenwurm
Des Ostens seine Todesfäden, stellte
Der Afrikaner sich dem Elefanten,
Und fand der Äthiop, scharf riechend, tief
Im Boden auf das Ebenholz, das lichtscheu,
Laublos und fruchtlos seine schwarzen Äste
Mit Dunkel nährt. Mit solchen Schätzen ward
Verschwenderisch der Palast ausgestattet.
Jahrhunderte seitdem
Verflossen, und nie sah
Ein Mensch die eitle Pracht.

22.

Der Garten – Quellen rings
Durchrieselten sein Grün:
Und jede Blume war in ihn gepflanzt,
Die da mit Duft den Hauch des Abends schwängert.
Er sprach, und siehe, seine eigne Schöpfung,
Erhob der Forst sich – werden Kön'ge nach
Dem trägen Gange der Natur sich richten?
Hieher, mit ihrem mütterlichen Boden
Entwurzelt, und in reifer Schönheit prangend,
Trug eines Volkes Schweiß jedwede Art
Von Bäumen: jene, die mit saft'gen Früchten
Den Wandrer laben; jene, deren Zweige
Gefiedert schwanken; jene, deren Haupt
Gen Himmel strebt, und jene, welche weit
Mit schatt'gen Armen süße Kühlung spenden.
Hier in den Gängen standen
Die Marmorbilder alter Könige
Und alter Helden. – Bäum' und Blumen wachsen
Noch heute fort; die Sorge der Natur
Erhält sie! doch die Marmorbilder gleichen
Längst keinem Helden mehr; verwittert liegen
Und ungestalt am Boden sie, und wuchernd
Bedeckt das Unkraut die gewalt'gen Blöcke.

23.

Das Werk des Stolzes wuchs;
Oft prophezeite des Propheten Stimme
Uns nahes Weh' – wir sprachen Hohn den Worten
Des Sehers, sprachen Hohn dem Zorn des Herrn.
Da traf zuerst uns eine lange Dürre;
Drei Jahre lang stieg keine Wolke auf,
Drei Jahre fiel kein Regen auf das Land,
Und trocken auf dem Felde ward das Kraut,
Und das Getreide ward nicht reif, und rings
Versiegten Quell und Born.
O der Verstocktheit des, in dem die Strafe
Nicht ein Gefühl der Schuld sich regen ließ!
Wir wollten das Verderben, wir beharrten
In unsrer Blindheit: töricht wandten wir
An unsre Götzen uns um Hilfe; riefen
Um Regen an Sakia, jammerten
Um Brot zu Razeka.
Doch hörte keiner unser Flehn; sie konnten
Es ja nicht hören! kein Gewölk erschien
Am Himmel, und kein Tau fiel nächtlich nieder.

24.

Da sandten wir nach Mekka Boten aus,
Dem Orte, wo die Nationen gläubig
Am Fuß des roten Hügels knien, um Gott
In seinem Lieblingstempel zu verehren.
Wir sandten Boten aus,
Gott anzurufen – Toren, nur das Herz
Erhebt zum Ew'gen sich!
Wir sandten Boten aus;
O Toren – als ob Gott ihr Flehen draußen
Vernähme, die daheim nicht zu ihm beten!

25.

Indessen nahm das Werk des Stolzes zu,
Und gottlos noch vor unsern Götzenbildern,
Vor Holz und Marmor, beugten wir das Knie.
»Geht in euch, Männer Ads! und fleht zum Herrn!«
Sprach ernst der Seher Houd;
»Geht in euch, Männer Ads! blickt auf zum Himmel,
Und meidet seinen Zorn!«
Wir spotteten der Worte des Propheten;
»Du redest träumend, Alter, oder bist
Von Weine trunken! künft'ges Unheil droht
Und künft'gen Zorn dein kluger Mund uns stets!
Wir wollen glauben, wenn das Unheil kommt,
Und wollen, bis es kommt,
Den Weg, den unsre Väter gingen, wandeln!
Nun, ist dein Wort von Gott?
Sprich, oder redest du im Traum nur, Alter?
Sprich, oder bist von Weine du berauscht?«

26.

So redete verstockt
Das sündige Geschlecht.
Auch ich in meines Herzens Härtigkeit
Hört' ihn, und merkte nicht.
Und es begab sich, daß den Weg des Fleisches
Mein Vater ging; er starb in seinen Sünden.
Die Feier der Bestattung ward vollzogen,
Und ein Kamel gebunden auf sein Grab.
Dort sollt' es Hungers sterben, daß am Tage
Der Auferstehung sie zusammen sich
Erheben möchten. Meines Vaters Grab
Besucht' ich einst, und hörte das Kamel
Dumpf aus der Ferne mir entgegenstöhnen.
Es war sein Lieblingstier;
Als Kind schon trug es mich! es war das erste,
Das ohne Sklaven ich besteigen durfte.
Der Hunger hatt' es abgemagert; tief
In ihren Höhlen lagen seine Augen,
Und glühten geisterhaft. Es kannte mich,
Als ich vorüberschritt, und sah mich an
Mit stummer Klage. Traurig ward mein Herz.
Ich dacht', ich wär' allein, brach seine Fesseln,
Und gab's der Freiheit und dem Leben wieder.
Mich sah der Seher Houd,
Und sprach: »Gesegnet bist du, junger Mann;
Gesegnet, Aswad, dieser Guttat willen!
Am Tag der Heimsuchung,
In der Stunde des Gerichts,
Wird der Herr gedenken dein!«

27.

Und nahe war der Tag der Heimsuchung,
Und vor der Tür die Stunde des Gerichtes.
Seht Schedads mächt'gen Bau!
Den Palast seines Stolzes! tretet ein,
Wenn seine Herrlichkeit ihr schauen wollt!
Mir fehlt der Mut, die Pforte zu durchschreiten.
Nicht hat die Zeit das Wunderwerk verletzt;
Denn hier ist keine Zeit! hier sind nicht Tage,
Hier sind nicht Monden, hier sind Jahre nicht,
Hier nur ein ewig dauernd Jetzt des Elends! –
Ihr habt gehört von ihrem Ruhm, vielleicht
Saht ihr sie selbst, die mächt'gen Pyramiden;
Denn sicher hielten die Gewalt'gen stand,
Ob die Geschlechter um sie her auch sanken.
Was, ob sie unbewegt der Sündflut trotzten,
Und überlebten die zerstörte Welt;
Was, ob ihr Gründer ihre weiten Hallen
Mit Pracht und Reichtum füllte wunderbar –
Vor jenem Baue schrumpfen sie zusammen,
Die Kinderwunder einer Weiberhand!
Hier schießen blitzend über Marmorhöfe
Smaragdne Säulen ihren grünen Strahl,
Wie wenn die Sonne lieblich auf das Korn
Des Lenzes scheint durch einen Wetterregen.
Hier legte Schedad das saphirne Estrich,
Als ob mit Götterfuß,
Des Firmamentes blauem Pflaster gleich,
Azurnen Schimmer er bewandeln wollte.
Hier in den Lüften frei,
Da seine Reinheit abhold dem Berühren,
Schwebt der Karfunkelstein;
Sonne des hehren Doms,
Bezwingt ihn ewig nicht die Finsternis;
Von innen glüht er, strömt ein Glänzen aus,
Wie, wo sie quillt, die goldne Flut des Tages. –
Frevler! Die Bäume, voll von Pflanzengold,
Wie es in Eden noch
In stiller Unschuld wuchs –
Die, rühmte sich der Frevler, sollten blühn
Und Zweige schießen, ob der Himmel auch
Barg ihr verderblich Erz;
Durch Kunst erzwingen wollt' er ihre Frucht,
Und ihn ergötzen sollte, was verloren
Im Paradiese ging.
Auf Schedads Stimme drum
Schoß auf die Palm', ein Silberstamm,
Und goldnes Netzwerk wuchs hervor,
Und weht, um ihr Gezweig,
Schlank wie die Zeder des Gebirges, ragten
Die goldnen Äste: grün Gestein ihr Laub,
Die Früchte rotes, und die Blüten Perlen.
O Ad! mein Vaterland! bös war der Tag,
Wo deine Söhne sich
Vor dieses Nimrod Throne niederwarfen,
Ihn auf den Schemel der Gewalt erhuben,
Zu seinen Füßen ihre Freiheit legten,
Und ihre Kinder um das Erbe so,
Das ihre Väter hinterließen, brachten!
Was gilt des Landes Elend ihm?
Was kümmert der vergeudete,
Blutrünst'ge Reichtum ihn?
Er spricht nur, was er will,
Und wie des Ostens gift'ger Hauch
Bricht das Verderben seines Worts
Sich allenthalben Bahn.
Nicht wundr' ich mich, daß er, des Macht
Kein menschlich Fühlen je gekannt,
Verhöhnt den ein'gen Gott!

28.

Und ein Gebot ging aus vom König nun;
Das hieß sie, beide jung und alt,
Das hieß sie, Mann und Weib, und Herrn und Sklaven,
Gen Irem wallen, dort ein Fest zu feiern,
Auf daß der König schauete sein Volk,
Und sie des Königs Macht und Herrlichkeit.
Der Tag des Festes kam heran.
Und mit ihm kamen Greis und Kind;
Mann, Weib, der Herr und auch sein Sklav,
Sie kamen her. Von jenem Turm,
Dem höchsten des Palastes, blickte Schedad
Herab auf seinen Stamm; wie Meereswogen
Im Sand erhuben ihre Zelte sich:
Ihr Gehn und Reden war des Meers Gebrüll,
Ein einz'ger Aufruhr von verworrnen Tönen.
Sie sahn des Königs Herrlichkeit; sie sahn
Den Palast funkeln, wie des Paradieses
Erhabne Dome; sahn den Garten glühn,
Wie Edens Lauben, und sie riefen aus:
»Groß ist der König, und in Gott auf Erden!«

29.

Von Lust und Stolze süß berauscht,
Hört' er die Lästerung;
Und in der Üppigkeit des Herzens hieß er
Nahn den Propheten Houd;
Und sieh, durch Marmorhof
Und prächt'ge Zimmer, glüh'nd
Von Edelstein und Gold,
Führt' er den Gottesmann.
»Sag' an, ist dies kein hehrer Bau?«
Rief er in seiner Lust.
»Sah' je ein Auge wohl,
Und träumte je ein Hirn
Gleich wunderbare Statt?
Sie sagen, Houd, daß deinen Lippen
Der Himmel gab der Weisheit Wort!
Betrachte diesen Reichtum dir,
Und schätze richtig ihn, wofern
Es deine Weisheit kann.«

30.

Sein Rühmen hörte der Prophet,
Und sprach mit fürchterlichem Lächeln dann:
»Nur in des Todes Stunde lernen wir
Dinge, wie diese, richtig schätzen, Schedad!«

31.

»Und fandest einen Fehler du
In allem, was dein Auge sah?«
Frug Schedad wiederum.
»Ja!« sprach der Mann des Herrn;
»Schwach sind die Mauern, schlecht verwahrt der Bau!
Betreten kann ihn Azrael;
Durchdringen kann der Sarsar ihn,
Des Todes eis'ger Wind!«

32.

Beim König stand ich, als er sprach: –
Sanft war des Sehers Wort,
Allein sein Auge zeigte mir,
Und ließ mich ihm erbeben, stillen Gram.
Die stolze Miene Schedads wich:
Auf seinen blassern Lippen saß der Zorn.
Zum hohen Turme führt' er den Propheten,
Und zeigte auf das Volk;
Und als sie wieder jauchzten nun:
»Groß ist der König, und ein Gott auf Erden!«Mit düster droh'ndem Lächeln sagt' er da:
»Ist es die Wahrheit, Seher? ist der König
Auf Erden herrlich, und ein Gott bei Menschen?« –
Der Seher aber schwieg;
Er rollte finster über Schedads Volk
Sein Auge, das Zukünft'ges sah,
Und unaufhaltsam flossen Tränen ihm.

33.

Da plötzlich ein Tumult!
Auf steigt ein Freudenschrei:
»Der Bote kam zurück!
Von Mekka kommt Kail,
Er bringt, was wir erfleht!«

34.

Und als hinaus wir wandelten, da hing
Ob unsern Häuptern eine schwarze Wolke,
Auf die das blöde Volk
Mit freud'gen Augen sah,
Und ihren Regen pries.
Der Bote vor den König trat,
Und sagte seinen Spruch.

35.

»Nach Mekka wandt' ich mich,
Am roten Hügel kniet' ich hin,
Und fleht' um Regen Gott.
Aufstieg mein Flehn, und ward erhört;
Drei Wolken zeigten sich.
Weiß, wie des Mittags Fluggewölk die eine;
Die andre purpurn wie von Abendrot;
Die dritte schwarz von ihrer Regenwucht,
Und eine Stimme hoch vom Himmel sprach:
»So wähle nun, Kail!«
Ich dankte still der gnäd'gen Macht,
Und wählte mir die regenschwere Wolke.«
Wohl! riefen tausend Zungen aus,
Und alles rings umher war Lust.

36.

Da nun erhub sich der Prophet und rief:
»Weh', Weh' dir, Irem! Weh' dir, Ad!
In deine Schlösser stieg der Tod!
Weh' dir, ein Tag der Schuld dies und der Strafe!
Ein Tag des Elends!« – Als er redete,
Da rollte schreckhaft er sein großes Auge,
Und seine Stimme klang so tief – ein Geist
Durch seine regungslosen Lippen schien
Aus seinem Innern sie hervorzuhauchen.
Und alle sahn ihn an. Er rief: »O Ad!
Geliebtes Vaterland, wert mir durch alle
Erinnerungen meiner Kindheit; wert
Durch alle Freuden meiner Männerjahre!
Tal vieler Wasser! Nacht und Morgen nun
Beweinen muß mein Alter dich, und klagend
Ins Grab sich legen! – Deine Früchte reifen;
Wer aber bricht sie? deine Trauben schwellen;
Wer aber tritt die Kelter? – Flieht den Zorn,
Ihr, die ihr leben und euch retten möchtet!
Stark ist die Rechte, die den Bogen spannt;
Die Pfeile, die sie schießt, sind scharf,
Und fehlen nicht das Ziel!«

37.

Da durch die Menge brach,
Daß er sie rette, der Getreuen Häuflein.
Die andern aber spotteten: »Geh', Kahlkopf!«
Und Fluch und Lachen folgt' ihm als er ging.
Noch einmal wandt' er sich im Gehn, und rief:
»Aswad!« – Auffuhr ich, und entsetzte mich.
Noch einmal: »Aswad!« rief er, und beinahe
Wär' ich gefolgt ihm: – o, zu bald entfloh'ner,
Auf immer, ach! verlorner Augenblick!
Des Spottes Lachen machte mich zum Feigen;
Ich ließ ihn ziehn, ich blieb aus Menschenfurcht.

38.

Er ging, und dunkler ward,
Sich senkend, das Gewölk.
Da endlich barst es, und – o Gott, o Gott!
Er führte Wasser nicht!
Kein Regen fiel herab!
Der Sarsar weht' aus seinem Schoß,
Des Todes eis'ger Wind.

39.

Sie fielen um mich her zu Tausenden;
Der König fiel und all' sein Volk!
Sie starben alle – keiner blieb!
Ich, ich blieb übrig nur.
Drauf hört' ich einer Stimme Ton:
»An dem Tag der Heimsuchung,
In der Stunde des Gerichts
Gedachte dein der Herr!«

40.

Als ich nun auffuhr aus Gebetesangst,
Entfliehen wollt' ich da
Der Todesbühne Kreis.
Der Weg lag offen vor mir; – nichts
Hielt auf des Flücht'gen Schritt.
Doch eine mächt'ge Kette war gezogen
Um diese Lauben von des Herren Arm,
Zu stark, daß Menschenstärke sie zerbräche.
Zweimal versucht' ich's, zu entfliehen; da
Rief eine Stimme mir:
»O Aswad, sei zufrieden! preise Gott!
Vom Tod errettet deine Seele
Hat eine einz'ge gute Tat!
O Aswad, sünd'ger Mann,
Fühlst deine Seele du
Gereift durch lange Reue, dann
Den Wunsch zu sterben, hauch' empor,
Und Azrael kommt, gehorsam deinem Flehn!«

41.

Ein unglücksel'ger Mann,
Von Erd' und Himmel ausgesperrt,
Hört' ich der Stimme Dräu'n.
Ansah ich meine Kerkerstatt;
Von toten Leibern war sie voll;
Sie lagen überall.
Sie faulten, faulten hier,
Die Knochen selber wurden Staub,
So viele Jahre flohn!
So manch Jahrhundert schlich an mir vorbei,
Und stets noch weil' ich hier!
Noch stöhn' ich unter meiner Sünden Last,
Und nie zu hauchen wagt' ich noch
Das Flehn, erlöst zu sein.

42.

Wer spricht das Elend einer Öde aus,
Die dieser Öde gleicht?
Kein Ton erreichte je mein Ohr,
Als der des Windes nur; –
Der Quelle traut geschwätz'ger Fluß,
Des Haines Blattgeräusch,
Des Regens Plätscherfall –
Die Töne mißt' ich längst!
Kein Vogel senkte je den Flug
Auf dieser Lauben Einsamkeit.
Kein Käfer summte süß durch diese Haine,
Die allem, was da lebt,
Verborgen und versperrt.
Nur dieser Baum, der um mein Haupt
Gastfreundlich seine Zweige hängt,
Und flüsternd, wie zum Gruß,
Mit seinem Laube mich umspielt,
Gemahnt wie ein Lebend'ges mich;
Ich lieb' ihn, ach! wie meinen einz'gen Freund!

43.

Ich weiß es nicht, wie lang ich dieses Leben
Mühselig so geschleppt.
Wie oft erneuert schon
Sah diese Bäum' ich nicht!
Geworden und in Schlaf gefallen sind
Geschlechter ohne Zahl;
Ich aber bin wie sonst!
Nicht alt geworden ist mein Kleid,
Und geschlissen nicht mein Schuh.

44.

Das Fleh'n um Tod zu hauchen wag' ich nicht,
Erbarmungsreicher Gott! –
Doch wenn dein Will' es ist,
Doch wenn ich abgebüßt
All' meine Sünden nun,
Wenn dieses Leiden mich
Genug geläutert – oh.
Erlöse du mich dann zu deiner Zeit;
Nicht hör' ich auf zu preisen dich, o Gott!

Der Zauberring.

24.

Kristallnen Ring Abdaldar trug;
Das mächtige Juwel
Gerann aus Urtau, der am Kaukasus
Den ersten Frost empfand.
Da reifend, lag es unter Fels auf Fels,
Und Eisgebirg, getürmt auf Eisgebirg,
So lange, bis die wuchtende Last
Annahm des Meers Azur.

25.

Mit dem nun trat er in die Kluft,
Wo das ew'ge Feuer glomm! –
Wie Wasser, das gerinntem Fels entzischt,
Aus eines Schlundes enger Öffnung so
Strömt' auf das ew'ge Feu'r.
Kein Auge sah den Quell
Von jener Flamme noch,
Die, selbstgenährt, auf ewig dorten glühte.
Es war kein sterblich Element! der Abgrund
Sandt' aus den Quellen es, die da im Anfang
Bereitet wurden. – Lodernd tief im Kern
Der Erde glüht es, ihre Lebenshitze;
Bis auf den festgesetzten Tag dereinst
Die Stimme Gottes seine Wellen löst,
Zu überschwemmen mit nie fallender Flut
Die abgelaufne Welt,
Die, eine Feuersphäre, dann
Zur Straf' im Äther rollt.

26.

Barfuß und unbeturbant lag
Abdaldar vor der Flamme dort,
Und hielt den Ring beiseit, und sprach
Die Sprache, die den Urstoff zwingt.
Gehorsam einen Funken gab
Die Flamme; – zuckend den Kristall
Befuhr er, nun der Stein des Steins,
Sein lebend Feueraug'.
Wenn die Hand einst, die den Zauber trägt,
Berühren den erles'nen Knaben wird,
Erlöschen wird dies Auge dann,
Und seinen unvergessnen Quell
Aufsuchen das befreite Element.

Thalabans Leben in der Wüste.

16.

Des Himmels Weisheit war es, die da warf
In ein entfernt und einsam Zelt
Die Lose Thalabas.
Am besten konnte da sein Geist
Entfalten seines Willens Kraft;
Da konnt' er von der Welt
Sein Herz bewahren rein und unbefleckt,
Bis zur geschriebnen Stunde makellos
Ein Knecht des Herren er befunden ward.

17.

Zeit seiner Jugend, wie so schnell entflohst du
In dieser süßen Einsamkeit!
Ist der Morgen schön, und letzt der frische Hauch
Mit kühlem Strome sein Gesicht –
Sieh', unter schlanker Sykomore dann
Geschlossnen Auges dehnt er sich,
Träumend der Zukunft Traum.
Sein Hund zur Seit' ihm – nun beleckt
Mit stummem Schmeicheln seine laffe Hand er;
Ein ängstlich und erwartend Auge nun
Erhebt er, werbend um des Herrn Liebkosen.

18.

Kommt der Regengüsse Vater nun,
Seiner Höhl' entflohn im fernsten West?
Kommt er in Dunkel und Sturm?
Wenn der Windstoß brüllt,
Wenn das Wasser füllt
Des Wandrers Tritt im Sand,
Wenn der sprüh'nde Guß
Ab vom Dache stürzt,
Wenn in schwerern Falten der Vorhang hängt,
Wenn das Zelt weht hin und wieder:
Im Innern traulich glüht die Asche dann;
Bekannter Stimmen lieber Ton,
Gesang auch, der die Arbeit würzt,
Und Fried' und Ruh' sind drinnen.
Auf trocknem Sande, gleiches Obdach teilend,
Liegt des Kameles wiederkäuende Zucht;
Aus Moaths Händen fällt das Seil,
Da mit Geduld der Greis
Der Palme starke Fasern flicht; am Herd
Schüttelt das Mädchen Kaffeefrucht,
Die warmes Düften durch das Zelt verbreitet;
Und während, kund'gen Fingers, Thalaba
Das grüne Körbchen formt, benagt
Zu seinen Füßen ihre Lieblingsziege
Den Zweig; – er duldet's um Oneizas willen.

19.

Und wenn der Winterwaldbach nun
Abrollt die tiefgerinnte Bahn,
Schäumend und schwarz von seiner Bergesbeute,
Mit nacktem Fuß auf feuchtem Sand
Besucht ihn Thalaba.
Der rauschende Fluß, das fließende Gebrüll
Erfüllt ihm den begabten Geist, –
Ein brausendes, ein schwindelndes Vergnügen;
Oft hält ihn auch ein Frühlingsbach,
Schimmernd um gelben Sand;
Ans hohe Ufer dann gelehnt,
Sieht müß'gen Aug's er seine kleinen Wellen,
Und lauscht in Ruh' dem ruhigen Fluß;
Indes im Hauch des Windes über ihm
Das schlanke Rohr sich neigt,
Und sturmbewegten Wimpeln gleich
Die schlanken Blätter fließen läßt.

20.

Nicht reich war Moath, und nicht arm: – der Herr
Gab ihm genug und ein zufriednes Herz.
Gehäuftes Gold nicht störte seine Träume,
Doch stets um seine Lagerstatt erblickt' er
Kamele, kennend seinen Ruf,
Und Hausgeflügel, kommend auf Oneizas;
Dazu auch Ziegen, die, zweimal des Tags,
Die vollen Euter boten ihrer Hand.
Das gute Kind! – Das Zelt, in dem sie wohnten,
Es war ihr Werk, und sie auch flocht
Den Gürtel Thalabas;
Und werden sein Gewand
In ihrem Webstuhl sah der braune Jüngling.
Wie oft nicht sah er sie, mit einer Lust,
Der sich Erinnrung mischte (denn die Mutter
Des Mädchens rief ins Leben ihm der Anblick!)
Wie oft nicht sah er knüpfen sie den Faden,
Wie oft, hinknie'nd, die leichte Mühle drehn,
Auf breitem Palmblatt dünnen Kuchen rösten.
Und, nackten Arms, mit sichrer Schnelligkeit
Ihn auf des Ofens glüh'nde Seite legen!

21.

Es ist die kühle Abendzeit;
Die Tamarinde deckt mit Tau
Die junge, grüne Frucht.
Die Matte liegt vor ihrem Zelt;
Des alten Manns ehrwürd'ger Mund
Liest ab das heil'ge Buch.
Wohl überwölbt sie kerzenhell kein Dom,
Die Marmorwände voll gestickter Wahrheit
Und goldner Zierden! – Fällt das Wort
Mit tieferm Nachdruck aus des Imans Munde,
Wenn Millionen am Versammlungstag
Dem Herrn zu dienen nahn?
Ihr Vater ist ihr Priester auch,
Des Himmels Sterne ihres Flehens Ziel,
Das blaue Firmament
Der hehre Tempel, drin die Gegenwart
Der Gottheit sie erfüllt!

22.

Doch durch des Abends Purpurglut
Scheint trüb der weiße Mond.
Der schlaffe Bogen, Köcher auch und Speer
Ruhn an des Zeltes Säulenschaft;
Palmblätter knüpfend für des Bruders Stirn,
Sitzt die Araberin;
Ihr Vater aber atmet ein
Durch das gewundne Rohr
Schläfernden Krautes Duft.
So lauschen sie der Flöte Thalabas,
Draus mit gewandten Fingern er
Schwermüt'ge, bange, süße Töne lockt.
Und wenn die Perlen nun der Poesie
Er aneinander reiht, von Lieb' und Weh'
Geschichten singend mit entzücktem Antlitz,
Beredten Armen und verhaltnem Schluchzen:
Dann, wenn der Mond, der seine Stirne trifft,
Oneizas dunkel läßt,
Oh! dann mit einem Blick, wie nach der Fabel
Die Straußenmutter auf ihr Ei ihn heftet,
Bis der gespannte Trieb
Sein Lebenslicht entflammt:
In tiefer, atemloser Zärtlichkeit
Ruht auf dem Jüngling so des Mädchens Seele,
So regungslos, mit also brennendem Blick –
Nur dann nicht, wenn aus ihrem Aug'
Sie schnell die schwellende Träne wischt,
Die drin sein Bildnis trübt.

23.

Sie nannt' ihn Bruder! War es Schwesterliebe,
Was alle Tage funkeln ließ
Um ihrer Knöchel, ihrer Arme Braun
Der Silberringe weiße Pracht?
Für eines Bruders Auge war's,
Daß ihre langen Finger so sie färbte,
Als ob der Lampe Licht
Durch Adern ihr und zarte Haut
Mit ros'gem Schimmer schiene?
Daß der geschwärzten Wimper Glanz
Ihr Auge schmachtender noch glühen ließ?
Daß ihre glänzenden Locken sie
Mit solchem Stolze schmückte,
Und Festtags mit dem roten Blumenkranz
Umflocht die schwarzen Wellen?
Wie glücklich, ach! vorüberging
Die Jugend Thalabas!

Thalabas Scheiden

25.

Als eines Morgens, scherzend, wie sie pflegten,
Die beiden nun Hodeirahs Bogen spannten –
Denn, wahrlich! nicht mit schwacher Hand, noch fehlend
Das Ziel, verstand das Mädchen ihn zu führen! –
Da, rückgebeugten Haupts, schoß Thalaba
Hoch in die Lüfte ziellos seinen Pfeil,
Daß er dem Blicke, der ihm spähend nachsah,
Verloren in des Himmels Tiefe ging.
»Wann wird die Stunde kommen,« sprach der Jüngling,
»Daß lang verschobner Rache Lust
Ich diese Pfeile weihen kann?
Hab' ich nicht Kraft, mein Vater, für die Tat?
Wie, oder kann der Plan der Vorsehung
Sich ändern, wie der Mensch?
Werd' ich nie denn zur Arbeit berufen?«

26.

»Des Ungeduld'gen!« sagte Moath lächelnd;
Und auch Oneiza rief's mit Lächeln – doch
Des Mädchens Lächeln war vermischt
Mit einer milden, vorwurfsvollen Schwermut.

27.

Dann zeigte Moath hin, wo eine Wolke
Heuschrecken herflog vom verwüsteten
Gefilde Syrias.
»Sieh'! wie Geschaffenes
Befolgt geschriebnen Spruch!«

28.

Heran nun kamen sie, ein schwarz Gewölk
Versammelter, zahlloser Myriaden;
Ihr Flügelrauschen war wie das Getön
Von einem Strome, der mit Brausen sich
Von eines Berges jäher Spitze stürzt;
Es glich dem Brüllen eines wilden Meers,
Das seine Wogen in des Herbstes Sturm
An einem schroffen Felsgestad zerbrandet.
Her kamen sie, die Winde trieben sie;
Getan ihr Werk, gelaufen ihre Bahn –
Bereitet war ihr Grab schon in der Wüste.

29.

»Seht an das mächt'ge Heer!« rief Moath aus:
»Blind rückt es an, bewegt
Vom blinden Element.
Und jene Vögel, unsre lieben Gäste –
Rastlos verfolgend die bedrängte Schar,
Hängen sie gierig über ihrer Nachhut,
Und lichten ihre weitgespreizten Flanken,
Des Mahls sich freuend! – Glaubst du denn,
Daß der Geruch von Wasser, hergesetzt
Auf irgend eine Syrische Moskee
Mit Priesterpossen und den Truggebräuchen,
Die nur den Pöbel äffen, sie hierher
Geführt aus Khorasan? – Allah, der jene
Dem Menschen schuf zur Plage, wie zur Strafe,
Auch diese sandt' er, jener Weg zu hemmen:
Werkzeuge beide sie
Von seinem Willen nur,
Er aller Dinge einziger Beweger!«

30.

So sprach der Greis; – Oneizas Auge blickte
Dorthin, wo auf sie zu ein Vogel flog,
Satt, wie es schien, von Spiel und Fraß.
Der Vogel schwirrte nah heran,
Und als er nun vorbei sich schwang,
Fiel eine Heuschreck' ihn, aus laffer Klaue; –
Sie fiel herab auf das Gewand der Jungfrau;
Schwach stand sie, langsam sich erholend.

31.

Das Mädchen sah verwundrungsvoll
Auf ihre grünen ausgespreizten Segel;
Von ihren glänzenden Unterflügeln schloß sich
Der eine dicht an den grasgrünen Leib,
Der andre war vom Falle schier zerknittert.
Sie sah die schwarzgesternten Augen an;
Das grüne Hälschen, hell
Schimmernd im Sonnenlicht;
Die flaum'gen Fühlhörnlein,
Die, als zu schauen sie sich näher bog,
In ihrem Oden zitternd sich bewegten.
Sie sah die gelbumkreiste Stirn
Durchädert mit geheimnisvollen Zeilen.
»Und weißt du denn, was hier geschrieben steht,
Mein Vater?« sagte sie.
»Sieh, Thalaba! vielleicht sind diese Zeilen
In den Lettern hier des Rings
Als eigne Sprache der Natur geschrieben.«

32.

Der Jüngling neigte sich; – empor
Dann fuhr er, und sein Herz
Schlug, seine Wangen wurden rot,
Denn wohl zu lesen waren diese Zeilen: –
»Wenn die Sonne dunkel um Mittag wird,
Sohn des Hodeirah, dann zieh'!« –
Und Moath sah, und las die Zeilen laut;
Die Heuschreck' aber schüttelte
Die Flügel, und entfloh.

33.

Wer nun wohl jauchzte, wenn nicht Thalaba?
Wer war betrübt nun, wenn Oneiza nicht?
Und Moath, düstern Sinns,
Im Herzen unterdrückten Kummer, sah
Den Jüngling jetzo seine Pfeile schärfen,
Jetzt neu befiedern ihren Schaft,
Jetzt, daß er täusche seine Ungeduld,
Befühlen jede der geschärften Spitzen.

34.

»Warum so ängstlich?« rief Oneiza, »sieht
Dein Aug' empor zur Mittagszeit?
Ist unsres Zeltes müde Thalaba?« –
»Ich möchte gehn,« erwiderte
Der Jüngling, »um zu tun mein Werk;
Voll Ruhms dann möcht' ich heim zum Zelte kehren,
Es zu verlassen nimmermehr.«

35.

Doch auf die Mittagssonne war
So ängstlich, wie das Auge Thalabas,
Oneizas auch in Furcht gerichtet.
Und nun, als er ihr Antwort gab, verlor
Ihr frisches Antlitz plötzlich seine Farbe.
Denn in der Sonne lichtem Rand
Sah, oder glaubte sie zu sehn,
Ein Fleckchen. – Traun, der Astronom,
Der glühend für die Wissenschaft,
Bei jeder Wolk' heut, die vorbeizog, bebte,
Er hätt' es nicht gesehn, so winzig war's.

36.

Oneiza sieht das Fleckchen sich vergrößern!
Und, ha! der fertige Jüngling wirft
Den vollen Köcher über seine Schulter,
Und greift zum Bogen dann.
Es dehnt sich aus, und nun
Beschattet's halb die Sonn',
Sie, deren sichelförm'ge Hörner jetzt
Mit jedem Augenblicke kleiner werden.

37.

Der Tag wird Nacht, die Vögel gehn zur Ruh;
Hervor aus ihrem schatt'gen Neste fliegt
Die Kreischerin der Nacht;
Der ferne Afrikaner nun,
Voll Furcht, gestorben sei sein Gott,
Fällt betend auf die Knie,
Und zittert, da er funkeln sieht
Der Berghyäne grimmen Blick
Im Dunkel dieses fürchterlichen Mittags.

38.

Da rief der Jüngling aus: »Lebt wohl,
Mein Vater, meine Schwester!« – Und von Gram
Fühlte der Alte seine Gurgel schwellen.
Er sprach: »Wohin denn ziehst du, Kind?
Erwart' ein Zeichen doch,
Zu zeigen dir den Weg!« –
»Gott wird uns führen!« sagte Thalaba.
Er sprach's, und aus dem Zelt
In die Tiefe der Finsternis schritt er.
Sie hörten seinen scheidenden Schritt;
Der Köcher klirrte, wie er ging.

Thalaba in den Ruinen von Babylon

10.

Von ihren stolzen Mauern sah
Der Wagenlenker einst auf schwärmende
Myriaden nieder: ihre Bogen einst
Warf über den bezwungnen Euphrat sie,
Und wenn durch ihre erzenen Portale
Chaldäas Heere weithin sie ergoß,
So blickten auf der Erde Nationen,
Wie Männer auf zum Wetter schau'n, voll Furcht,
Es berst' ob ihrem Haupt. Sie war gefallen,
Die Königin der Städte, Babylon!
Tief lag ihr Wall; der schwarze Skorpion
Sonnt' in den Palasthöfen sich; die Wölfin
Barg unterm Altar ihre junge Brut.
Ist jener ungestalte Schutt, was einst
Die hängenden Gärten waren, Höh' auf Höh'
Wie Medias Berge waldig sich erhebend,
Fürstlicher Torheit Werk? Wo nun der Tempel
Des Belus? Wo das goldne Bildnis nun,
Das zum Getön von Hackbrett und von Laute,
Von Horn und Zinke, von Posaun' und Harfe
Anrief im Staube der Assyrersklav?
Ein Trümmerlabyrinth streckt Babylon
Durch die versengte Ebne sich;
Nie schlägt sein wandernd Zelt der Araber
In ihren Mauern auf; von ferne schon
Weicht aus der Schäfer ihren argen Türmen.
Einzig derselbe netzt der Euphrat sie,
Frei, brückenlos – ein Werk
Der ewigen Natur.

11.

Durch gebrochne Pforten,
Über rankige Trümmer,
Wandelte Thalaba.
Vorsichtig trat er auf,
Vor sich den Grund mit seinem Bogen prüfend.
Der Schakal floh bei seinem Nah'n;
Der Storch, durch Menschenfuß geschreckt,
Entschwirrte lässig seinem breiten Nest
Auf der geborstnen Säule Knauf;
Mit der gepfeilten Zunge schoß
Die bange Natter nach dem Stab des Wandrers.

12.

Zwielicht und Mondschein, trüb sich mischend, gaben
Ein schaurig dunkel Licht!
Der Abend, dämmernd erst,
Der Mond noch bleich und matt –
Die gossen aus ein schaurig dunkel Licht,
Mit breiten Massen schwärzesten Schattens wechselnd.
Auf Moos und Unkraut warf der Pfeiler ihn,
Warf ihn die Mauer, lang und hoch –
Sie, deren Fenster, viereckt und gewölbt,
In Lichte lagen, rohen Umriß zeichnend
Ihrer Gestalt auf den bekiesten Boden,
Mit Grase lang befranzt.

13.

An einer Säule Trümmerschaft gelehnt,
Nicht wissend noch, wohin den Fuß er richte,
Stand er und blickt' umher.
Schutt war's, was finster ihn umgab: –
Kein Mensch, so schien es, seit Jahrhunderten
Betrat die wüste Statt.
Auf einmal hört' er Schritte nah'n;
Er fuhr empor, er wandte sich –
Im Strahl des Mondes eilt' heran ein Krieger.
Zutrat auf Thalaba
Der Fremdling, musterte
Neugier'gen Blickes ihn.
»Wer bist du,« rief er aus,
»Der du bei nächt'ger Zeit
Wanderst in Babylon?
Suchst du, ein Pilger, der den Pfad verlor,
Den Schutz der Trümmer hier?
Kommst du, zu bergen unterm Schutt
Den Raub der Mitternacht?
Wie, oder hast den Zauber du,
Der ihr versunknes Gold entreißt
Den bis ans Grundwerk klaffenden Ruinen?«

14.

Der Jüngling sprach: »Kein irrer Wandersmann,
Kein Räuber bei der Nacht,
Kein Zauberer bin ich!
Die Engel such' ich hier,
Haruth und Maruth! Fremdling, du nun auch,
Was wanderst du in Babylon,
Und wer bist du, der also mich befragt?«

15.

Der Mann war kühn, und der beherrschte Stolz
Im Ton der Stimme Thalabas
Mißfiel ihm nicht, der selbst hochfahrend war.
»Kennst du die Höhle,« gab er leicht zur Antwort,
»In die man strafend sie geworfen hat?«

16.

Thalaba
Vergebens such' ich!

Fremder
Bist du fest von Fuß,
Jährlichen Pfad zu wandeln?

Thalaba
Zeige den Weg!

Fremder
Wenn du ein Herz hast, junger Araber,
Das gleichen Taktes schlägt in der Gefahr;
Wenn sich dein Inn'res furchtsam nicht empört
Bei Szenen, die den kampferprobten Krieger
Erzittern machten, ohne Schmach für ihn:
Wohlan, so folge mir! – mein Ziel
Ist jene Höhle, voll von wilden Schrecken!

17.

Auf den Genossen blickte Thalaba:
Jung war er, stark, dazu von Haltung stattlich.
Sein Antlitz hätte Weiber wohl entzückt,
Allein der Jüngling las in ihm
Maßlose Leidenschaft und eine Seele,
Kühn und geneigt zu jeder Übeltat.
So lehrt' es ihn, durch des Instinktes Macht,
Vorsicht und Zweifel. Seiner selbst gewiß,
Niemanden fürchtend und beherzt im Glauben –
»Fort nun!« rief Thalaba.
Mohareb wies den Weg,
Und durch der Straßen Schutt
Und durch das weit're Tor
Zogen sie schweigend hin.

18.

Welch Tönen bringt der Wind?
Ist es der Sturm im Forst,
Im Tausend-Eichen-Forst?
Nein, Thalabas Gelock
Wallt regungslos auf seine Schultern nieder,
Sein loser Mantel fliegt im Winde nicht!
Ist es der zorn'ge Strom,
Der ab vom Felshang braust?
Der Euphrat ungehört
Zieht durch die Ebne hin!
Welch Tönen stört die Nacht,
Laut wie der Sommerforst im Sturm,
Laut wie der Strom, der über Felsen rast?

19.

Und woher das Gewölk,
Das auf dem Tale hangt,
Dicht wie der Nebel über feuchten Ebnen,
(Der nachts sich sammelt, wenn die kühlere Luft
Den Tagdampf sinken läßt,)
Und wie die Schwefelwolke schwarz,
Die aus des Hekla, des Vesuves Kratern
Aufrollt, empor von Höllenfeuern steigend?

20.

Vom Erdpechweiher Aits
Erhebt sich das Gewölk;
Das ew'ge Tosen schallt
Von dort, wo schwarze Flut
Aufkocht aus seinem Grund.
Der Jüngling folgte still
Moharebs Weg den See entlang.
Auf ein Gefelse zu,
Das langgestreckt die Ufer überragte.
Aus einer Kluft mit Stromes Kraft
Und ewigem Gebrüll,
Entrollte dort das Harz.
Der Mond beschien den Felsenzug;
Man sah die Zackenfirst,
Vorragendes Geklipp,
Und wo von Flechten weiß ein Abhang war,
Und wo sein wallend Haar
Der Efeu fliegen ließ.
Ein wenig in die Kluft hinein
Fiel Mondenlicht, die dunkle Flut beglänzend,
Die sprudelnd ihr entquoll.
Ein wenig fiel es ein, dann warf der Fels
Sich ihm entgegen und der Schlängelpfad,
Und dunkel lag die ungesehene Tiefe.

21.

Kein Menschenauge je,
Wenn nicht befähigt durch ein Zauberwort,
Drang ein in diesen Schlund;
Denn durch das Brausen oft
Des wilden Stromes hörte man ein Schrei'n,
Das den verstörten Aar
Forttrieb von seinem mitternächt'gen Nest.
Der Bauersmann, entsetzt,
Nennt dies den Höllenmund;
Und immer führt sein Weg ihn nah,
Eilt er mit abgewandtem Aug',
Rollt seinen Rosenkranz, und spricht
Den heil'gen Namen aus.

22.

Dort, rastend an der Höhle Mund,
Erging Moharebs fragend Wort:
»Wagst du's, hineinzugehn?«
»Sieh' her!« rief Thalaba,
Und, selber führend jetzt,
Betrat er das Geklüft.

23.

»Halt!« rief der andre; »willst du stürzen dich
Häuptlings in sichern Tod?
Wo deine Waffen denn,
Des Durchgangs Hüter mannlich zu begegnen?«
Ein laut Geschrei, der Höhle Wölbung schüttelnd,
Verschlang die Antwort Thalabas.

24.

Mohareb, als das lange Echo schwieg,
Rief aus: »Das Schicksal war dir hold,
Als es auf deine Stirne dieser Nacht
Begegnung zeichnete;
Sonst sicher wär' um diese Frist
Im Buch des Lebens ausgelöscht dein Name!«

25.

Drauf einen Beutel zog
Er unterm Kleid hervor:
»Kühn bist du, Jüngling,« fuhr er fort,
»Doch unbewehrt auf die Gefahr sich stürzen,
Wie Löwen springen auf des Jägers Speer,
Ist tierisch-blinder Mut. Zohak bewacht
Den Schlund hier, einer von der Vorwelt Riesen
Gewalt ertrotzt den Durchgang nicht!« – So sprechend,
Aus seinem Quersack zog er eine Hand,
Verschrumpft, und dürr, und schwarz,
Und steckt', indem er sprach,
Ein Licht ihr in den Griff.
»Ein Mörder,« sagt' er, »war am Pfahl gestorben;
Ich trieb den Geier fort von seinem Haupt;
Schnitt ab die Rechte, die den Mord beging;
Zog dann die Sehnen auf, daß sie sich schließe,
Und dörrt' in Sonn' und Wind
Neun lange Wochen sie.
Die Kerze, ... doch kein Ort dies zum Erzählen!
Auch pflogst du nicht des Brauchs,
Der das Geheimnis dir erschließen könnte.
Schau'! sie brennt klar, doch ringsum in die Luft
Strömt ihre tote Masse Todeshauch!
Wenn dessen Weh'n der Höhle Wächter fühlt,
Trotz der Beschlüsse dann
Des Himmels lullt in Schlaf
Der mächt'ge Zauber seine Seelenangst,
Und läßt den Durchgang frei.«

26.

Stumm hört' ihn Thalaba –
Zur Antwort war jetzt keine Zeit.
Denn sieh'! Mohareb führt.
Und über das Gewölb
Bebt der verfluchten Kerze schwaches Licht.
Dort, wo die engre Kluft
Nach oben weiter ward,
Stand Zohak, ein unsel'ger Mann, verdammt
Zu ew'ger Höhlenhut.
Von ihm kam das Geschrei,
Das durch die Nacht weithin der Schakal hörte,
Und winselnd wiedergab: –
Denn seinen Schultern graus
Entwuchs ein Schlangenpaar,
Das allzeit in sein Haupt
Die scharfen Zähne schlug,
Mit seinem Hirn den Hunger sich zu stillen. Im steten Kampfe manchmal packt' er sie,
Zerquetschte sie mit seinem Riesengriff,
Riß auf ihr Fleisch mit blutbedeckten Nägeln,
Heulend vor Schmerz!
All' ihre Qualen fühlt' er mit – sie wuchsen
Aus ihm hervor ja, Teile seiner selbst!

27.

Ihm jetzt sich nähernd, hielt
Mohareb die verdorrte Hand,
Und in der Hand das Zauberlicht!
Unheil'ge Dinge, jetzo angewandt
Zum Werk der Milde: schwer und langsam schlossen
Des Armen Lider sich,
Und süß und ungefühlt,
Befreiend wie der Tod,
Fiel jäher Schlaf auf seine Lebenskräfte.

28.

Doch lag auch im Geklüft
Reglos sein Riesenleib:
Das Zwillingspaar bewachte noch den Paß,
Ließ Feueraugen sprühn,
Verschoß die Zungen, und entrollte weit
Der Leiber Wellenknäu'l.
Den Wimpeln eines Schiffes war es gleich:
Sie schwimmen in der Luft,
Zu flieh'n bemüht, und immer doch gehalten.
Lebend'gen Fleisches Duft
Entflammte seine Gier.

29.

Auf allen Zufall weislich vorbereitet,
Sah sie Mohareb; zog aus seinem Sack
Zwei Häupter, rauchend noch.
Verhärteter! den die Vergeltung nicht
Vor seinen Augen hier, den nicht das Los
Zohaks, des Büßenden,
Abhielt von gleicher Schuld!
Zwei Menschenhäupter, rauchend noch,
Warf er beherzt den schuppigen Hütern vor;
Sie gingen eifrig an ihr altes Mahl,
Das langentbehrte, und der Paß war frei.

30.

Und jetzt vor ihrem Pfad
Erweitert sich die Kluft;
Ein räumiges Gewölb
Läßt sie des Stromes zorn'ge Quellen schauen.
Der schwarze Boden klafft,
Und wie ein Wirbelwind
Kocht auf die heiße Flut;
Dann wieder senkt sie sich,
Der Lärm stirbt hin, und rollt zu ihren Füßen;
Ein Abgrund gähnt sie an,
In dem die Blicke schwindelnd sich verlieren.

31.

Bläuliche Flammen, schwebend überm Quell,
Verbreiteten ein ungewisses Licht;
Bald lagen wogend auf den Wogen sie,
Bald floß ihr flackernd Haar
Langlockig in die Luft;
Dann, sich zusammenballend, loderten
Mit weiß'rer Hitze sie;
Schossen empor dann wieder, sprühten Blitze,
Bis des Gewölbes schwarze Finsternis,
Bis rot' und gelber Schwefeldampf
Zusamt der Glut unteilbar sich vermischten.
»Hier,« sprach Mohareb, »ist der Engel Sitz,
Der Lehrer alles Zaubers!« Thalaba
Ermannte sich, und rief:
»Haruth und Maruth, reuige Engel, hört!
Mit Bräuchen nicht, fluchwürd'gen, nah' ich euch,
Zu stören euer Bußetun,
Und zu erlernen untersagte Lehre.
Mich schicken Allah her und der Prophet:
Ihr Diener nenn' ich mich!
Sagt mir den Talisman!«

33.

»Und glaubst du denn,«
Rief aus Mohareb, als verächtlich lächelnd
Er den Genossen ansah, »glaubst du denn,
So zu erlisten ihr Geheimnis? Spare
Für Menschen diese Lippenheiligkeit!
Sie ist für die Moskee
Und für den Marktplatz gut,
Doch Geister schau'n das Herz.
Gezwungen nur durch qualvollmächt'gen Spruch,
Lehrt dieser Engel Widerspenstigkeit
Den Zauber uns, durch den hinab wir steigen!«

34.

»Hinab!« sprach Thalaba.
Doch da verließ der Hohn
Moharebs Angesicht,
Und dunkel Zürnen brannt' auf seiner Stirne.
»Bei meiner Seele,« rief er, »einen Narren,
Der wie Kamele knieet,
Und Unsinn winselt, führt' ich durch den Fels!
Was bringt dich her? Du solltest eine Hütte
Am Heerweg bau'n bei eines Heil'gen Gruft,
Noch Dümmeren, als du,
Den Koran feiern dort,
Und selber endlich, wie 'ne Moschusratte,
Im Misthauch sterben deiner Heiligkeit! –
Ihr, die ich suche! Daß, durch mich geführt,
Ein ungeweihter Fuß hier steht:
Seht her – die Sühne dies!
Als Opfer fällt er euch!«
Und seine Klinge schwang er hoch,
Und tat den Todeshieb.

35.

Da war zu Ende seine Macht;
Sein Arm, vom Talisman gehemmt,
Hing kraftlos in der Luft.
»Armsel'ger Heuchler,« rief er aus,
»Und dies ist dein Verlaß
Auf Gott und den Propheten? Wäre nicht
Gestohlner Zauber dir ein Schild – sie hätten
Dich jenen Schlangen wahrlich überlassen!
O, saubrer Knecht des Herrn!
In kluger Feigheit schlich er sich herein,
Mir nach – und sicher drum!«

36.

»Schweig, Läst'rer! prahlst du, daß du mich geführt?«
Rief Thalaba, von Stolz erhitzt;
»Blind muß auch Arger Hand
Des Ew'gen Schluß vollziehn!
Magischer Bannspruch, sagst du, sei
Mein Hort, und nicht der Herr?
Dies, Lügner, der Beweis!«
Abstreift' er schnell Abdaldars Ring,
Und warf ihn in den Schlund:
Emporfuhr eine dürre Hand,
Ergriff ihn wie er fiel,
Und teuflisch Lachen schallte durch die Höhle.

37.

Da färbte Lust Moharebs Angesicht,
Und sein Gefährte sah
Den blauen Stahl nach seinem Haupte schwirren.

38.

Der Jüngling, waffenlos,
Sprang vorwärts, und voll Zorns
Umschlang den andern er,
Und kämpfte mit ihm Brust an Brust.
Von Gliedern stark und sehnig war Mohareb,
Breitschultrig, dazu fest
In den Gelenken auch,
Und wohl erprobt im Streit.
Nicht so gereift annoch war Thalaba,
Doch die Begeisterung
Des zornentflammten Hirns
Goß Stärke gleich der Kraft
Des Wahnsinns durch sein Mark
Mohareb wankt vor seinem Ungestüm!
Mit Knie, mit Brust, mit Arm
Drängt er den matten Feind!
Und auf dem Rande jetzt
Des fürchterlichen Quells ...
Ja, dort mit jähem Ausbruch frischen Grimms
Wirft er hinunter ihn.
Die blas'ge Flut empfängt
Moharebs Wunden Leib,
Schlürft ein dann und begräbt ihn in die Tiefe.

39.

Des Siegers Atem flog,
Und, keuchend, haucht' er aus
Ein lang und feurig Dankgebet.
Rief dann durch das Gewölb:
»Haruth und Maruth! seid ihr hier?
Wie, oder hat mein Führer mich mißleitet?
Ich bin es, der euch ruft! Ich, Thalaba,
Der Diener Allahs! Hört mich, daß der Herr
Annimmt und mildert, Engel, eure Buße!
Die Brut der Zaubrer geh' ich zu vertilgen –
Sagt mir den nöt'gen Talisman!«

40.

Als so er flehte, wurden auf dem Fels
Jenseits der dunkeln Kluft
Sichtbar der Engel ruhende Gestalten.
Ein fester Kummer saß auf ihrer Stirn –
Nur Kummer noch: von Schuld und Schande jetzt
Blieb keine Spur; und wie sie durch Gebet
Sich stufenweise läuterten von Sünde,
Strahlt' ihr Gewand, bar aller Flecken wieder,
Im alten Schimmer angebornen Lichts!

41.

In Ehrfurcht hörte Thalaba die Antwort:
»Hodeirahs Sohn, du hast ihn hier erprobt!
Glaub' ist der Talisman!«

Thalaba in der Schlinge.

19.

Kalt! kalt! es ist ein eis'ger Strich,
Den des Jünglings Müh'n erreicht,
Und er ist ermattet nun,
Und von langem Fasten schwach.
Kalt! kalt! keine Sonn' am Himmel mehr,
Nur ein schwer und trüb Gewölk,
Und niederstiebt der Schnee.
Schau'st du nach deinen Wüsten, Sohn Hodeirahs?
Sehnst du zurück nach Jemens Lüften dich?
Kalt! kalt! verdrossen fließt sein Blut,
Seine Hand ist rot, sein Mund ist blau,
Vom Froste wund sein Fuß.
Mutig! mutig! Thalaba!
Ein wenig noch halt' aus!

20.

Rings Wüste! Nichts von Leben drin,
Als des Bären Spur und des Wolfs!
Kein Ton drin, als der Wind,
Und der harte, knirschende Schnee!
Die Nacht bricht an; nicht Mond, nicht Stern,
Der Schnee nur leuchtet hell!
Doch sieh' – ein Feuer in der Hügelkluft,
Ein herzbelebend Glüh'n!
Auf das mit frischer Kraft
Losschreitet Thalaba.

21.

Er fand ein Weib im Höhlenberg,
Ein einsam sitzend Weib;
Sie spann bei ihrem Feuer,
Und sang, indem sie spann.
Das Reisholz brannte lustiglich,
Ins Gesicht schien ihr die Glut;
Es war ein Mädchenangesicht,
Und doch war grau ihr Haar.
Sie lacht' und hieß willkommen ihn,
Und fuhr dann fort zu spinnen,
Und sang, indem sie spann.
Der Faden, den sie zog.
War feiner, als des Seidenwurms,
Als fliegend Spinngeweb.
Ihr Lied klang süß und leise.
Und Thalaba verstand die Worte nicht.

22.

Seinen Bogen legt' er vor den Herd,
Denn gefroren war die Schnur;
Auch seinen Köcher schnallt' er ab.
Denn beeist war jeder Pfeil.
Dann, als die lust'ge Glut
Auftauend ihn beschien,
Bat er um Essen sie.
Zur Antwort gab sie ihm, und noch
War, was sie sprach, Gesang:
»Die alte Bärin wohnt nahbei,
Und sie hat Junge, eins, zwei, drei;
Sie jagt den Hirsch, und bringt ihn mir,
Darnach zusammen schmausen wir:
Und jetzo ist sie auf der Jagd,
Und kommt heim noch diese Nacht!«

23.

Sie ließ ihr Spinnen, als sie sprach;
Doch als sie fertig war
Mit Reden, zwirnt' aufs neue sie,
Und summte wiederum
Mit leisem, süßem Ton
Ihr unverständlich Lied.

24.

Wie Gold erglänzte das Gespinst
In des duft'gen Feuers Schein;
Doch war's von also wunderbarer Feinheit,
Daß, wenn er etwa nicht im Lichte schien,
Man kaum den Faden sah.
Der Jüngling starrte hin,
Und sie hinwieder starrt auf ihn,
Und sprach – doch immer noch
War, was sie sprach, Gesang:
»Nun wind' es um deine Hände schnell,
Nun wind' es von Hand zu Hand, Gesell;
Mein Gespinst ist dünn, mein Gespinst ist fein;
Doch wer's brechen kann,
Muß ein stärk'rer Mann,
Als Hodeirahs irrender Sprosse, sein!«

25.

Und sie erhub ihr blaues Aug',
Und blickte süß ihn an,
Der arglos vor ihr saß.
Und rund um seine rechte Hand,
Und rund um seine linke Hand
Wand er das Goldgespinst.
Und wieder sagte sie – und noch
War, was sie sprach, Gesang:
»Auf! spann' an jetzt deine Kraft,
Brich der dünnen Kette Haft!«

26.

Er strebte – doch das Garn
Wob eine Zauberhand,
Und seine Wangen übergoß
Schamrot, mit Furcht gemischt.
Sie sah's, und lacht' ihn aus,
Und sang von neuem dann:
»Mein Gespinst ist dünn, mein Gespinst ist fein;
Doch wer's brechen kann,
Muß ein stärk'rer Mann,
Als Hodeirahs irrender Sprosse, sein!«

27.

Und sie erhob ihr blaues Aug',
Und lachte wild dazu:
»Fremder Gast, meinen Dank, meinen Dank nimm an!
Was du tatest, machst du nicht ungetan!
Durch dich selber muß dich mein Garn umfahn!«
Von seinem Haupte drauf
Riß eine Locke sie,
Und warf sie in die Glut,
Laut rufend, während sie verglomm:
»Schwester! Schwester! höre mich!
Schwester! komm' und freue dich!
Das Geweb ist gesponnen,
Der Preis ist gewonnen!
Unser der Lohn,
Denn gefangen hab' ich Hodeirahs Sohn!«

28.

In ihrem Zauberwagen kam
Die Schwester-Zauberin,
Khawla, die wildeste der Brut.
Sie sah den Jüngling an,
Sie hieß das Garn zerbrechen ihn,
Sie lachte laut vor Hohn,
Schlug Hand in Hand vor Lust.

29.

Die Bärin kehrte von der Jagd,
Sie trug den Raub im blut'gen Mund,
Sie legt' ihn vor Maimuna hin,
Und sie blickt' auf mit klugem Aug,
Wie flehend um ihr Teil.
»Da!« sprach Maimuna, »da!«
Wies auf den schnöd Gefesselten,
Trat mit den Füßen ihn,
Und sagte: »Der dein Mahl!«
Doch bald zu Ende war ihr Spott,
Verjagt von Scham und Zorn;
Denn die Bärin kroch vor Thalaba,
Und leckte seine Hand.

30.

Die Graugelockte stampfte auf,
Und rief sich einen Geist;
»Tragen wir hinab den Feind
In die Kerker unter der See?«

Geist.

Weh'! Weh'! unserm Reiche Weh',
Schritt er durch die gewölbten je!

Maimuna.

Lassen wir ihn gefesselt hier,
Frosts und Hungers zu sterben?

Geist.

Fort von hier mit Hodeirahs Erben!
Hier ist nah dir ein Verderben:
Er würde leben, du würdest sterben!

Maimuna.

Wohin aber bringen wir ihn?

Geist.

Nach Moharebs Insel grün,
Dorten sollst du fesseln ihn,
Künft'gem Unheil zu entfliehn!

31.

In ihren Wagen dann
Warfen sie Thalaba,
Und stemmten ihren Fuß
Fest seinem Nacken auf.
Maimuna hielt die Zügel,
Khawla die Geißel schwang,
Und fort und fort und fort!

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