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Englische Gedichte aus neuerer Zeit [II]

Ferdinand Freiligrath: Englische Gedichte aus neuerer Zeit [II] - Kapitel 13
Quellenangabe
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typepoem
authorFerdinand Freiligrath
booktitleWerke in neun Bänden, Band 7 - 9
titleEnglische Gedichte aus neuerer Zeit [II]
publisherTh. Knaur Nachf., Berlin und Leipzig
seriesWerke in neun Bänden
volumeAchter Band
year
firstpub1846
translatorFerdinand Freiligrath
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20091015
projectid5b6ab089
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Henry Wadsworth Longfellow ( Anglo-Amerikaner)

Excelsior

Die Nacht sank auf der Alpen Joch,
Da zog durchs Dorf ein Jüngling noch;
Der trug ein Banner in der Hand,
Auf dem der fremde Wahlspruch stand:
       Excelsior!

Trüb seine Stirn; sein Aug' ein Schwert,
Das blitzend aus der Scheide fährt;
Wie klingend Erz melodisch tief
Der Stimme Ton, mit der er rief:
       Excelsior!

Rings in den stillen Hütten glomm
Der Schein des Herdes, traut und fromm;
Gespenstisch reckten sich im Kreis
Die Gletscher – doch er seufzte leis:
       Excelsior!

Der alte Dörfner sprach: »O laß!
Eng und gefährlich ist der Patz!
Schwarz droht der Sturm, der Gießbach schwoll!«
Als Antwort klang es, tief und voll:
       Excelsior!

Das Mädchen sprach: »Bleib', müder Gast!
In meinen Armen halte Rast!«
Sein blaues Auge strahlte feucht;
Doch wieder sang er, ungebeugt:
       Excelsior!

»Weich' aus der dürren Kiefer Fall!
Flieh' der Lawine zorn'gen Ball!«
Dies war des Landmanns letztes Wort;
Hoch in den Bergen klang es fort:
       Excelsior!

Frühmorgens, als zum Herrn um Kraft
Flehte Sankt Bernhards Brüderschaft,
Da tönte, wie aus tiefer Gruft,
Ein Rufen durch die bange Luft:
       Excelsior!

Und, spürend, unterm Schnee zur Stund'
Fand einen Wandersmann der Hund;
Noch hielt er in der eis'gen Hand
Das Banner, drauf der Wahlspruch stand:
       Excelsior!

Dort, in des Zwielichts kaltem Wehn,
Dort lag er, leblos, aber schön;
Herab vom Himmel, klar und fern,
Fiel eine Stimme, wie ein Stern:
       Excelsior!

Der Regentag

Der Tag ist kalt und trüb und traurig;
Es regnet, und der Wind weht schaurig;
Noch hält sich die Reb' an der Mauer mit Not,
Doch am Boden schon liegen die Blätter tot.
Und der Tag ist trüb und traurig. Mein Leben ist kalt und trüb und traurig;
Es regnet, und der Wind weht schaurig;
Noch hält sich mein Geist an der Zeit, die geflohn,
Doch die Träume der Jugend, dicht fallen sie schon,
          Und die Tage sind trüb und traurig.

Sei still mein Herz und laß dein Kümmern;
Durch Wolken sieh' die Sonne schimmern;
Nicht du allein kennst der Erde Qual,
Durch jedes Leben braust Sturm einmal:
          Mancher Tag muß trüb sein und traurig!

Das Skelett in der Rüstung

Ein alter Turm zu Newport auf Rhode-Island, dessen Erbauung von dänischen und deutschen Forschern ( Rafn und Schmeller, Vergl. Beilage zur Allgem. Zeitung vom 28. Juni 1843) den Skandinaviern des zwölften Jahrhunderts zugeschrieben wird, und ein vor wenigen Jahren in seiner Nähe, in der Stadt Fall-River, ausgegrabenes Skelett in vollständiger Rüstung gaben den Stoff zu diesem Gedichte.

»Rede, du finstrer Gast!
Unter des Panzers Last,
Ganz noch gewappnet fast,
Seh' ich dich bangend!
Ledig der Grabeszier,
Fleischlose Hände mir,
Streckst du entgegen, schier
Gaben verlangend!«

Da, durch Visir und Schien',
Flammt' es wie Blitzessprühn
Oder wie Nordlichtglühn
Nachts auf den Klippen;
Und, wie die wüste See
Unter Dezemberschnee,
Dröhnt es mit dumpfem Weh
Her durch die Rippen:

»Ich war ein Wiking alt,
Kühn im Gefecht und kalt;
Doch keine Sage schallt,
Die es bezeuge.
Merk' dir des Toten Spruch!
Bring' ihn in Vers und Buch,
Daß nicht ein Totenfluch
Machtvoll dich beuge!

»Fern in des Nordens Land,
Fern an des Beltes Strand,
Dort einst mit Knabenhand
Zähmt' ich den Falken;
Dort auch, bereiften Haars,
Sausend wie Flug des Aars,
Prüft' ich des Schlittschuhpaars
Stählerne Balken.

»Oft durch die eis'ge Flur
Folgt' ich des Bären Spur;
Rehbock und Hase fuhr
Auf, wie ein Schatten.
Ha, wie zum Forst ich stob,
Spät, wenn der Werwolf schnob,
Bis sich die Lerch' erhob
Über den Matten!

»Doch als ich älter ward,
Räubern der See geschart,
Zog ich nach Wikingsart
Durch die Gewässer.
Ringsum der Meere Schreck,
Stand ich am Mastbaum keck,
Schwang ich auf blut'gem Deck
Ruchlos das Messer.

»Jubel und Trinkgelag
Kürzt' uns den Wintertag;
Oft schrie die Hähne wach
Nachts unser Zechen,
Wenn wir berserkerhaft
Schäumenden Gerstensaft,
Ledig des Eimers Haft,
Tranken in Bächen.

»Einst nach Matrosenbrauch
Seefahrt und Sturmeshauch
Pries ich, da traf ein Aug'
Heiß mich, doch milde;
Und wie der Sterne Licht
Süß in die Waldnacht bricht,
Hellte dies Angesicht
Mein Herz, das wilde.

»Ungestüm warb ich dann;
Warte, wer warten kann!
Zitternd im schwarzen Tann
Schwur sie mir Treue.
Dastand sie, rot und bleich;
Unter des Mieders Zeuch
Flog es, dem Vöglein gleich,
Schreckt es der Weihe.

»Purpur und blank Metall
Schmückt' ihres Vaters Hall',
Harfner erhuben Schall
Laut ihm zu Ehren;
Bleich, wer im Saale stand,
Als ich Fürst Hildebrand
Antrat, der Tochter Hand
Kühn zu begehren.

»Trinkhorn am bärt'gen Mund,
Lacht' er, und wie den Sund
Abschäumt des Sturmes Mund,
Wild mit Frohlocken:
So, mit dem Eisensporn
Klirrend, voll Hohn und Zorn
Aus dem gewundnen Horn
Lacht' er die Flocken.

»Sie war ein Sproß vom Thron,
Ich nur ein Wikingssohn,
Und, ob sie flehte schon,
»Nein!« sprach der Ritter.
Doch folgt der Taube Flug
Oft auch der Möwe Zug –
Warum verschloß man klug
Nachts nicht ihr Gitter?

»Kaum, ihrem Meerschloß fern,
Auf meines Schiffes Stern
Stand sie, ein lichter Stern
Meinen Begleitern –
Siehe, da kam zum Strand,
Winkend mit Schwert und Hand,
Zornig Fürst Hildebrand
Mit zwanzig Reitern.

»Nach dann, um uns zu fahn,
Setzt' er im offnen Kahn;
Wir indes, weit voran,
Ließen ihn fegen.
Da, bei des Vorbergs Riff,
Packte der Wind mein Schiff,
Trieb es mit grellem Pfiff
Breit ihm entgegen.

»Trotzig, voll Kampfbegier,
Wandten das Segel wir;
»Tod euch und kein Quartier!«
Riefen die Brüder.
Und unter Jubeln dumpf
Knirschend, stieß Rumpf an Rumpf:
Ihr Boot mit Stiel und Stumpf
Bohrten wir nieder.

»Wie übern Ozean,
Hastend auf schräger Bahn,
Hinfliegt der Kormoran,
Beutebeladen:
So, meinen Raub am Bord,
Dreist durch den wüsten Nord
Saust' ich ins Offne fort
Von den Gestaden.

»Westlich dann fuhren wir,
Fuhren drei Wochen schier,
Bis wir das Ufer hier
Winken sahn leewärts:
Drauf meiner jungen Braut
Hab' ich den Turm gebaut,
Der noch zur Stunde schaut
Trotziglich seewärts.

»Dort, ein beglücktes Paar,
Lebten wir manches Jahr;
Bald wieder strahlte klar
Das Aug' der Reinen.
Dort wurde Mutter sie,
Starb dann mit Lächeln; – nie
Wird noch ein Weib, wie die,
Der Tag bescheinen!

»Starr da gerann mein Blut;
Hassend der Sonne Glut
Hassend der Menschlein Brut,
Sann ich Verderben.
Hier, in der Rüstung schwer,
Rasselnd in voller Wehr,
Fiel ich auf meinen Speer –
Süß war das Sterben!

»Also, in trotz'ger Kraft,
Narbenvoll, unerschlafft,
Sprengt' ich der Kerkerhaft
Hemmende Wände!
Flog zu der Sterne Port,
Voll kreist die Schale dort;
Skàl Skandinavischer Trinkspruch. dir, mein heim'scher Nord!«
– Das war das Ende. –

Der Belfried zu Brügge

Auf dem großen Markt zu Brügge ragt der Belfried, alt und grau;
Dreimal Schutt, dreimal erstanden, überwacht er noch den Gau.
Hoch auf seiner Spitze lehnt' ich um die früh'ste Morgenzeit;
Von sich warf die Welt das Dunkel, wie ein düster Witwenkleid.

Ringsum Dörfer, ringsum Städte! Stromdurchflossen, dampfumhüllt
Lag das weite Rund der Landschaft, wie ein bucklig Silberschild.
Mir zu Füßen träumte Brügge. Aus den Schloten ab und an
Stieg der Rauch in weißen Kränzen, geisterhaft zerfließend dann.

Nicht ein Ton zu dieser Stunde hob vom Markt sich zinnenwärts,
Doch im Turme hört' ich schlagen rasch und dumpf ein eisern Herz.
Am Gebälk aus ihrem Neste sang die Schwalbe wild und keck,
Und die Erde schien entlegner, als der Himmel, diesem Fleck.

Dann, zurück der Seele bringend alter Zeiten bunt Gewühl,
Fremd und feierlich und seltsam klang des Turmes Glockenspiel;
Hell wie Nonnenstimmen klang es; und dazwischen mit Gegroll
Sang ihr Lied die große Glocke, wie ein Mönchsbaß tief und voll.

Da nun haben Schattenbilder ferner Tage mich umschwebt!
Frisch auf Erden schien zu wandeln, was nur noch in Büchern lebt!
Flanderns Förster sah ich kehren: Balduin, jenen Bras-de-Fer,
Lyderick du Bucq, und Crecy, Philipp, Guy de Dampierre!

Auf den Straßen welch Gepränge! Banner, Hellebard' und Spieß!
Schöne, stolze Damen schaut' ich, Ritter mit dem goldnen Vließ!
Venetianer und Lombarden, Eigentümer reicher Fracht,
Boten aller Nationen – mehr als königliche Pracht!

Max, den stolzen Österreicher, am Altare sah ich knien:
Sah mit Falken und mit Hunden aus zur Jagd Maria ziehn;
Sah den Brautsaal, drinn ein Herzog bei der süßen Herrin schlief –
Zwischen ihr und ihm ein Degen, bis die Wache: »Morgen!« rief.

Sah sodann die Zunft der Weber: – aus der Sporenschlacht gekehrt.
Schritt sie jauchzend mir vorüber, jeder Mann mit blut'gem Schwert:
Sah den Kampf bei Minnewater, sah der Weißen Mützen Zug,
Sah, wie siegreich Artevelde heim den goldnen Drachen trug. Er schmückte ursprünglich die Sophienkirche zu Konstantinopel, kam während der Kreuzzüge nach Brügge und auf den Belfried, und wurde endlich durch Philipp van Artevelde auf den Glockenturm seiner Vaterstadt Gent versetzt.
Und aufs neue ritt der Spanier Flanderns Ernten in den Grund;
Und aufs neue quoll der Lärmschrei aus der Glocke eh'rnem Schlund.

Bis zu Gent die Riesenglocke Antwort anschlug übern Sand:
»Ich bin Roland! ich bin Roland! Sieg im Lande! Sieg im Land!« Die Alarmglocke zu Gent führte die Inschrift: »Mynen naem, is Roland; als ik klep, is er brand; en als ik luy, is er victorie in het land«
Da durch jähe Trommelwirbel ward ich meinem Traum entrückt;
Auf zu mir hat ihr Getöse die erwachte Stadt geschickt.
Stunden flohen wie Minuten: – als ich auffuhr bei dem Ton,
Siehe, lag des Belfrieds Schatten auf dem sonnigen Platze schon!

Nürnberg

Wo herab ins Tal der Pegnitz Frankens blaue Berge schau'n,
Aufragt Nürenberg, das alte, aus den breiten Wiesenau'n.

Stadt des Handwerks und des Handels, wo zur Kunst das Lied geklungen,
Dohlen gleich um deine spitzen Giebel ziehn Erinnerungen.

Jener Zeit Erinnerungen, als die Kaiser, kühn und rauh,
Hof in deinem Schlosse hielten, in dem zeitverachtenden Bau.

Als in schlichtem Reim sich deine Bürger rühmten, daß die Hand
Ihrer Kaiserstadt sich strecke weithinaus durch alle Land.

In dem Burghof noch, mit manchem Reif von Eisen fest umbunden,
Steht und rauscht die mächt'ge Linde, einst gepflanzt von Kunigunden.

Auf den Marktplatz hoch hernieder steht das Bogenfenster schlank.
Dran der alte Melchior Pfinzing niederschrieb den Theuerdank.

Überall mit ihren Wundern tritt die Kunst mir hehr entgegen:
»Schöne Brunnen« reichsten Bildwerks stehn für jeden an den Wegen.

Heilige, aus Stein gehauen, ragen ob den Kirchenpforten
Einer früh'ren Zeit Gesandte an die unsre stehn sie dorten.

In des heil'gen Sebald Kirche schläft im Grab der teure Mann,
Und in Erz die zwölf Apostel halten treulich Wache dran.

Aber in Sankt Lorenz, wie aus schäumenden Quellen eine Garbe,
Steigt das prächt'ge Tabernakel in die Luft voll Glanz und Farbe.

Hier, als Kunst noch Religion war, schlichten Herzens ohne List
Lebt' und schaffte Albrecht Dürer, deutscher Kunst Evangelist.

Und von hier in Gram und Schweigen, nimmer feiernd seine Hand,
Zog er aus gleichwie ein Wandrer, suchend jenes bess're Land.

»Emigravit« ist die Inschrift auf dem Steine seines Mals:
Tot nicht – er ist nur geschieden! – denn der Künstler stirbt niemals!

Heller scheint es, strahlt die Sonne, lichter sieht die alte Stadt,
Weil er einstens hier gewandelt, einstens hier geatmet hat.

Diese Straßen breit und stattlich, diese Gäßchen trüb und enge
Füllten einst die Meistersänger mit den Tönen ihrer Sänge.

Aus entlegner, dunkler Vorstadt zogen sie zum Gildesaal,
Nester bau'nd im Haus des Ruhmes, wie die Schwalb' am Schloßportal.

Wie der Weber warf sein Schiffchen, wob er still auch seine Weisen,
Und zum Amboßschall gehämmert hat der Schmied sein Lied von Eisen;

Preisend Gott, der auf zum Lichte läßt der Dichtung Blume streben
Aus der Schmiede Staub und Aschen, aus des Webestuhls Geweben.

Aufschau'nd zu den alten Meistern, zu den zwölf, den weitgenannten,
Lachte Sachs, der Schuster-Dichter, hier in großen Folianten.

Doch sein Haus ist jetzt ein Bierhaus; blanker Sand der Dielen Zier;
Einen Kranz im Fenster trägt es, und sein Antlitz ob der Tür.

Ein bescheiden, kunstlos Bildnis: ganz und gar der »Altmann blaß«,
Der in Puschmanns Lied als Taube weiß am grünen Tische saß.

Und am Abend tritt der rußige Mann des Handwerks in die Schenke,
Daß er, in des Meisters Lehnstuhl, Gram und Sorgenlast ertränke.

All' der alte Glanz geschwunden! vor mein träumend Auge treten,
Wirr sich mischend, jene Bilder, gleich verblichenen Tapeten.

Wer denn schuf dir einen Namen? wer ein Lob, das nie vergeht?
Deine Räte? deine Kaiser? – nein, dein Maler, dein Poet!

Also, Nürnberg, gab ein Wandrer aus Gebieten weit entlegen,
Wie er schritt durch deine Gassen, fromm dir seinen Liedersegen:

Pflückend aus des Pflasters Rissen, als ein hier erwachsen Reis,
Des Gewerbes alten Stammbaum – deinen Adel, Bürgerfleiß!

Warnung

Aus einer Reihe von Gedichten gegen die Sklaverei.

Laßt euch gewarnt sein! – Der den Leu'n erschlug,
Der vor sich hertrieb der Philister Schar,
Der Gazas Tor auf breiten Schultern trug –
Er, als er blind nun und geschoren war,
Als man ihn holte nun von seiner Mühle,
Daß er, Ziel ihres Hohns, vor seinen Quälern spiele: –

Er packte wild und riß zu Boden dann
Des Tempels Säulen: – nieder mit Getös
Stürzte das Dach! So strafte dieser Mann
Die Schöpfer seines augenlosen Weh's!
Der arme Sklav, den sie verlachten alle,
Zermalmte Tausende in seinem eignen Falle!

Ein blinder Simson auch in diesem Land,
Machtlos, geschoren, geht in Kett' und Strick.
O, hütet euch – daß nicht auch seine Hand
Umreißt die Säulen dieser Republik,
Bis unsrer Freiheit Tempel, hehr gefügt,
Ein Trümmerlabyrinth formlos am Boden liegt!

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