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Englische Gedichte aus neuerer Zeit [II]

Ferdinand Freiligrath: Englische Gedichte aus neuerer Zeit [II] - Kapitel 12
Quellenangabe
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typepoem
authorFerdinand Freiligrath
booktitleWerke in neun Bänden, Band 7 - 9
titleEnglische Gedichte aus neuerer Zeit [II]
publisherTh. Knaur Nachf., Berlin und Leipzig
seriesWerke in neun Bänden
volumeAchter Band
year
firstpub1846
translatorFerdinand Freiligrath
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20091015
projectid5b6ab089
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Alfred Tennyson

Mariana

»Mariana in der einsamen Meierei«
Maß für Maß.

Mit Moose dicht umkrustet stand
Im Garten jeder Blumenstock;
Der Schlinge, die den Pfirsich band,
Entfallen war ihr morscher Pflock.
Der Wind durchstrich die Scheuer frei,
Die Klink' am Tore knarrt' und schlug.
Und wehend Gras am Giebel trug
Das Dach der öden Meierei.
             Sie sagte nur: »Mich flieht der Friede;
             Mein Teil hier ist die Not!
             Er kommt nicht! Ich bin müde, müde;
             Ich wollt', ich wäre tot!«

Sie weinte mit des Abends Tauen,
Sie weinte, wenn das Frühlicht schien;
Sie konnte nicht zum Himmel schauen
Bei Abendrot und Morgenglüh'n.
Nur nach der Fledermäuse Schwirren,
Wenn kalt und feucht der Nachtwind blies,
Zog sie den Vorhang auf, und ließ
Ihr Auge durch das Dunkel irren.
             Sie sagte nur: »Mich flieht der Friede,
             Mein Teil hier ist die Not!
             Er kommt nicht! Ich bin müde, müde;
             Ich wollt', ich wäre tot'«

Manchmal der Eule Flügelschlag
Vernahm sie – dann war alles still.
Der alte Haushahn schrie vor Tag,
Vom Kamp her scholl der Kuh Gebrüll.
Es war ein dumpfes Einerlei;
Sie lag halbwach und halb im Schlaf,
Bis sie der Strahl des Morgens traf,
Aufdämmernd um die Meierei.
             Sie sagte nur: »Mich flieht der Friede;
             Mein Teil hier ist die Not!
             Er kommt nicht! Ich bin müde, müde;
             Ich wollt', ich wäre tot!«

Einen Steinwurf in das Feld hinein
Mit schwarzen Wassern schlief ein Teich;
Den überkrochen, rund und klein,
Sumpfmoose grün und zäher Laich.
Eine Pappel bebt' an seinem Saum,
Mit weißen Blättern, wie beschneit;
Im öden Lande meilenweit
Mit knorrigem Bast der einz'ge Baum.
              Sie sagte nur: »Mich flieht der Friede;
             Mein Teil hier ist die Not!
             Er kommt nicht! Ich bin müde, müde;
             Ich wollt', ich wäre tot!«

Und fuhr der Nachtwind durchs Gefild,
Hing tief der Mond im Wolkenmeer,
Dann flog des Baumes Schattenbild
Im weißen Vorhang hin und her.
Und stand der Mond noch tiefer – tief
Am Horizont – dann lagen Zweig
Und Blatt auf ihrer Stirne bleich,
Und auf dem Bett, in dem sie schlief.
             Sie sagte nur: »Mich flieht der Friede;
             Mein Teil hier ist die, Not!
             Er kommt nicht! Ich bin müde, müde;
             Ich wollt', ich wäre tot!«

Türknarren ohne Unterlaß
Durchzog das träumerische Haus;
Die Fliege summt' am Fensterglas,
Im Täfelwerke pfiff die Maus.
Vor ihrem innern Auge glitt
Manch alt Gesicht die Wand entlang;
Manch alte Stimme rief im Gang,
Und leis erscholl manch alter Tritt.
             Sie sagte nur: »Mich flieht der Friede;
             Mein Teil hier ist die Not!
             Er kommt nicht! Ich bin müde, müde;
             Ich wollt', ich wäre tot!«

Der ew'ge Pendelschlag der Uhr,
Der Sperling, der am Dache schrie,
Der Wind, der durch die Pappel fuhr.
Ach, alles das verwirrte sie!
Doch was ihr Herz am meisten haßte,
Das war die Zeit, wenn durch den Saal
Dickstaubig lief der Sonne Strahl,
Zur Stunde, wo der Tag erblaßte.
             Dann weinte sie: »Mich flieht der Friede;
             Mein Teil hier ist die Not!
             Er kommt nicht! Ich bin müde, müde;
             O Gott, wär' ich nur tot!«

Mariana im Süden

Steil hinterm dürren Hügel ging
Die kant'ge Felswand in die Höh';
Ihr wucht'ger Schatten überhing
Mit scharfen Rändern Strand und See.
Fern, fern sah man Gebirg sich ziehn.
Lichtblau, gleichwie ein Feenland;
Im Osten brannt' ein Streifen Sand,
Vom Meer umdunkelt, ohne Grün. –
Mit dunklem Gitterfenster schaute
Ein Haus durchs Moor. Kein Lüftchen hob
Den kranken Wein, der es umwob,
Und reglos stand die staub'ge Raute.
             »Madonna!« sang sie auf dem Stein
             Morgen und Nacht der Wildnis Ohren:
             »Madonna, sieh', ich bin ganz allein,
             Liebevergessen und liebeverloren!«

Und als ihr Singen trüber ward.
Da zog sie, wunderbar zu schau'n,
Herab durch Finger, bleich und zart.
Ihr strömend Haar vom tiefsten Braun.
Hinflossen die gelösten Strähne;
Draus glühte, wie aus dunklem Schrein,
Ihr göttlich Aug' mit ernstem Schein,
Des Schmerzes Heimat ohne Träne.
             »Madonna!« sang sie auf dem Stein
             Morgen und Nacht der Wildnis Ohren:
             »Madonna, sieh', ich bin ganz allein,
             Liebevergessen und liebeverloren!«

Mit rotem Scheine kam die Früh',
Tiefgelb erglomm der Wellen Grau,
Da warf sie sich auf ihre Knie,
Und betete zu unsrer Frau.
Die Lippen regte sie mit Beben;
Vom Nachtgewande los umwallt.
Sah man die wellige Gestalt
Gespiegelt aus der Flut sich heben.
             »Madonna!« zu des Frühlichts Schein
             Sang leise sie der Wildnis Ohren:
             »Ich klage still, ich bin ganz allein,
             Liebevergessen und liebeverloren!«

Um Mittag schlief sie. Rings im Kreis
Erscholl der Blätter laut Gespräch,
Als durch den zugespitzten Mais
Im Traum sie hinschritt ihren Weg.
Die Eidechs lief auf sonnigen Matten,
Der freche Nestling krisch im Korn,
Und randvoll rieselte der Born
Im laubigen Platanenschatten.
             Und schlummernd noch, das Haupt am Stein,
             Sang sie gedämpft der Wildnis Ohren:
             »Madonna, steh', ich bin ganz allein,
             Liebevergessen und liebeverloren!«

Sie träumt', und wußte, daß es Traum;
Ihn sah sie, doch er war es nicht.
Sie wachte auf, der Quelle Schaum
Verstob; der Sonne blendend Licht
Lag trostlos auf den Felsenkränzen;
Das Flußbett war von Staube weiß.
Und die Olive, dürr und heiß,
Senkt' ihre Blätter ohne Glänzen.
             Da, wie ein bang ersticktes Schrei'n,
             Tönt' es aufs neu der Wildnis Ohren:
             »Madonna, laß mich nicht ganz allein,
             Vergessen zu sterben, zu leben verloren!«

Das Nachtlied einer Grille zog
Durch ihr Gemach mit schrillem Ton;
Sie warf das Gitter auf, und bog
Hinaus sich über den Balkon.
Die Welle rollte küstenwärts;
Im fernen Osten überschien
Der Abendstern mit breitem Glüh'n
Den ernsten Golf – und in ihr Herz
Ergoß sich Trost! Am Meeresrande,
Vulkangleich, stieg der Mond empor;
Nicht schweift' ihr Auge mehr durchs Moor,
Still hing es an dem prächt'gen Brande.
             Nicht ganz allein sah sie den Schein,
             Doch sang sie noch der Wildnis Ohren:
             »Madonna, sieh', ich bin ganz allein.
             Liebevergessen und liebeverloren!«

Ein Grablied

Schlaf'! dein Acker ist bestellt!
Falte deine Hände du
Auf dem Herzen! schlumm're zu!
        Laß sie toben!
Weißer Birke Schatten fällt
Auf dein Grab, mit Grün umwoben.
        Laß sie toben!

Sorg' und Leumund kränkt dich nicht!
Nur des kalten Wurmes Zahn
Tastet dich im Bahrtuch an.
        Laß sie toben!
Schatten rieselt stets und Licht
Auf dein Grab, mit Grün umwoben.
        Laß sie toben!

Nimmer wirfst du dich herum;
Singt die Biene nicht zur Stund'
Süßer, als Verleumdermund?
        Laß sie toben!
Nimmer schau'st du trüb und stumm
Aus dem Grün, das dich umwoben –
        Laß sie toben!

Heuchler tun um dich gerührt;
Süß'rer Tau vom Geisblatt rinnt,
Als Verrätertränen sind.
        Laß sie toben!
Frühlingsregen musiziert
In dem Grün, das dich umwoben –
        Laß sie toben!

Wirr sich rankend, blühn um dich
Brombeerrosen, zart und bleich;
Weiß- und Schlehdorn auch zugleich –
        Laß sie toben!
Alle flechten duftend sich
In das Grün, das dich umwoben –
        Laß sie toben!

Hahnenfuß auf leichtem Stiel,
Glockenblum' und Primel späht
Über das gestickte Beet –
        Laß sie toben!
Kön'ge haben keinen Pfühl,
Wie das Grün, das dich umwoben –
        Laß sie toben!

Worte wandern dort und hier;
Sprache, die durch Gott uns quillt –
Ach, ihr Mißbrauch trübt dein Bild!
        Doch Laß sie toben!
Grill' und Heimchen zirpen dir
In dem Grün das dich umwoben –
        Laß sie toben!

Die Schwestern

Wir waren zwei Töchter aus einem Haus;
Sie war die Schönste, sie stach mich aus.
Wie weht der Wind über Turm und Höh'n!
Sie fiel, er war ein stattlicher Mann;
Ich meine, die Rache stand wohl mir an!
O, der Earl war schön zu seh'n!

Sie starb, sie ging in die ewige Glut;
Sie mischte mit Schmach ihr altes Blut.
Wie heult der Wind über Turm und Höh'n!
Ganze Wochen und Monde, Tag und Nacht,
Seine Lieb' zu gewinnen war ich bedacht:
O, der Earl war schön zu seh'n!

Ich gab ein Fest, er war beim Schmaus;
Ich gewann seine Lieb', ich bracht' ihn nach Haus.
Wie brüllt der Wind über Turm und Höh'n!
Und nach dem Essen, die Kleider los,
Da legt' er sein Haupt in meinen Schoß:
O, der Earl war schön zu seh'n!

Seine schwarzen Wimpern küßt' ich zur Ruh';
Auf meiner Brust, da schloß er sie zu.
Wie wütet der Wind über Turm und Höh'n!
Ich haßte ihn mit der Hölle Haß,
Aber seine Schönheit gefiel mir baß:
O, der Earl war schön zu seh'n!

Aufstand ich in der stillen Nacht;
Blank hab' ich und scharf meinen Dolch gemacht.
Wie rast der Wind über Turm und Höh'n!
Halb im Schlafe lag er – kein Laut in der Burg!
Da stieß ich ihn dreimal durch und durch:
O, der Earl war schön zu sehn!

Ich kämmt' und lockte sein schönes Haar;
Er sah so groß, als er tot nun war.
Wie weht der Wind über Turm und Höh'n!
In ein Bahrtuch hüllt' ich den toten Mann,
Seiner Mutter zu Füßen legt' ich ihn dann:
O, der Earl war schön zu seh'n!

Die Ballade von Oriana

Mein Herz ist wund und blutet sehr,
      Oriana.
Keine Ruh' für mich auf Erden mehr,
      Oriana.
Liegt Schneefall auf den Wäldern schwer,
Zerbricht der Sturm die Bergesföhr',
      Oriana,
Ich wandre einsam hin und her,
      Oriana.

Die Hähne schrien verdrossen,
      Oriana.
Das Tor ward aufgeschlossen,
      Oriana.
Wolken gossen, Wasser flossen,
Knechte zogen mit den Rossen,
      Oriana,
Bewehrt mit Lanzen und Geschossen,
      Oriana.

Im Eibenholze schwarz wie Nacht,
      Oriana,
Eh' ich zum Kampf mich aufgemacht,
      Oriana,
Im Eibenholz auf stiller Wacht,
Bei Mondenschein und Sternenpracht,
      Oriana,
Schwor ich dir Treue vor der Schlacht,
      Oriana.

Hoch stand sie auf des Walles Höh'n, Oriana.
Sie folgte meiner Helmzier Weh'n, Oriana.
Sie sah mich ins Gemenge geh'n,
Einen starken Feind mußt' ich besteh'n, Oriana:
Dicht stand er vor des Walles Höh'n, Oriana.

Der bittre Pfeil, er ging vorbei, Oriana!
Der falsche Pfeil, er ging vorbei, Oriana!
Der Pfeil des Fluches ging vorbei,
Und schnitt dein süßes Herz entzwei, Oriana!
Mein Leben, schnitt dein Herz entzwei, Oriana!

Nun Kampf und Toben überall, Oriana.
Die Hörner schrien mit lautem Schall, Oriana.
O, tödlich war der Schwerter Fall,
Das Blut entfloß der Panzerschnall', Oriana:
Ich lag am Boden vor dem Wall. Oriana.

Was traf kein Schwert mich, wo ich lag, Oriana?
Was stand ich auf in meiner Schmach, Oriana?
Wie könnt' ich anschau'n noch den Tag,
Was traf kein Schwert mich, wo ich lag, Oriana –
Weh', daß kein Huf mein Haupt zerbrach, Oriana!

O brechend Herz, das doch nicht bricht, Oriana,
O mild und fromm und bleich Gesicht, Oriana,
Du lächelst, doch du redest nicht –
Ach, meine Tränen stürzen dicht, Oriana!
Was suchst du, meiner Augen Licht, Oriana?

Ich wein' und geh' in großem Schmerz, Oriana,
Ich seh dich winken allerwärts, Oriana.
Ich wank' umher in meinem Schmerz,
Ach, blut'ge Tränen weint mein Herz, Oriana.
Durch deine Seele fuhr mein Erz, Oriana.

O, Fluch der Hand, die das gefügt, Oriana!
O, glücklich du, die niedrig liegt, Oriana!
Vom hohen Schloß mein Banner fliegt –
O, 'hätt' ich nun und nie gesiegt, Oriana!
Ein öder Weg, der vor mir liegt, Oriana!

Wenn übers Meer die Stürme schrein, Oriana,
Ich irr' am Strand, und denke dein, Oriana.
Du liegst und schlummerst unterm Rain,
Gern stürb' ich, um dir nah zu sein, Oriana.
Ich höre Wind und Wellen schrein, Oriana.

Der sterbende Schwan

Das Land war grasbedeckt und bloß,
Weit, wild, und offen rings dem Stoß
Der Luft, die wölbend es umfloß
Mit einem Dach von düsterm Grau.
Der breite Strom war gelb von Schlamm;
Ein Schwan auf ihm herniederschwamm
Mit lautem Klagelied.
Des Tages Mitte war's genau,
Der Wind umstrich der Erlen Stamm,
Und riß die Spitzen ab vom Ried.

Fern hob sich blauer Gipfel Höh';
Am kalten Himmel blitzte weiß
Auf ihrem Haupt der Schnee.
Eine Weide bog sich am Gestad,
Und trank die Flut, und seufzte leis.
Im Winde sang die Schwalbe,
Sich selber jagend her und hin,
Und durch das Moorland, still und grün,
Bezeichnet ward der Rinnen Pfad
Durch Blasen, rote, schillernde, falbe.
Des Schwanes Lied ergriff mit Lust
Das Herz der Wüstenei –
Mit Lust und Weh'. Zuerst erscholl
Das Wirbeln tief und klar und voll;
Dann war es nur ein matter Schrei,
Der aus der totgeweihten Brust
Mit leisem Schmerze quoll.

Doch dann aufs neue, mächtig und breit,
Bald ein Lied, das jauchzt, bald ein Lied, das grollt,
Mit kühnen Klängen kam es gerollt.
Wie wenn ein mächtig Volk sich freut
Mit Zimbeln, Schalmei'« und Harfen von Gold,
Und hinausströmt den Jubel, den es zollt,
Durch die offenen Tore der Hauptstadt fern
Dem Hirten, der anschaut den Abendstern.
Und das kriechende Moos und das rankige Moor,
Und die Weidenzweige, vom Strom bespült,
Und das schwellende, seufzende, flüsternde Rohr
Und das hallende Ufer, vom Wasser zerwühlt,
Und die Blumen der Öde, zitternd und bang
Ihre Köpfchen hebend die Bucht entlang –
All' überflutete wirbelnder Sang.

Lied

Wenn die Eul' nur wacht,
Um Mitternacht,
In zerrissner Tracht
An der stöhnenden Woge sitzt der Kummer,
Karst und Gerät
Neben ihm steht,
Denn er grub sich ein Grab, er sehnt sich nach Schlummer.
Er sitzt dort allein:
Die Wolken triefen, los flattert sein Haar;
Morsch sein Gebein;
Seine Träne rinnt in den Tau so klar.

Der Tod steht dabei.
Ihm einerlei!
Seinem Brüten treu,
Anstarrt er sein Grab: Schlaf hat er keinen.
Einsam allzeit
Stöhnt er und schreit;
Er kann nicht sprechen, er kann nur weinen.
Hoffnung will er nicht.
Regen und Schnee stürzt herab in Bächen.
Die Welle trauert, die dumpf sich bricht;
Die Welt wird nicht anders, sein Herz will nicht brechen.

Die Dame von Shalott

1.

Durch Gerst' und Roggen und Gehäg
Rinnt des Stromes Welle träg,
Und mitten durch die Felder schräg,
Wie ein Faden läuft der Weg
      Zum vielgetürmten Kamelott;
Und auf und ab die Leute gehn,
Schauend, wo die Lilien wehn
Um ein Eiland still und schön.
      Das Eiland von Shalott.

Weiden flüstern, Espen beben,
Schimmernde Libellen schweben
Um die Fluten glatt und eben,
Die das Eiland kühl umgeben,
      Niederzieh'nd nach Kamelott.
Vier Wälle grau, vier Türme grau
Überschau'n die Blumenau,
Und auf der Insel wohnt die Frau,
      Die Dame von Shalott.

Unter Weiden am Gestad
Schlängelt sich der Rosse Pfad;
Ungegrüßt dem Orte naht
Die Bark' in seidner Segel Staat,
      Die nierderschwimmt nach Kamelott.
Doch wer sah winken ihre Hand?
Wer sah, wie sie am Fenster stand?
Kennt man sie ringsum denn im Land,
      Die Dame von Shalott.

Schnitter nur, die bei den Weiden
Früh die bärt'ge Gerste schneiden,
Hören an ein Lied mit Freuden,
Das den Strom hinab auf beiden
      Ufern schallt bis Kamelott;
Sie auch, die im Mondlicht stehen,
Garben schichtend auf den Höhen,
Flüstern still: »Es ist die Feen-
      Dame von Shalott!«

Dorten webt sie Tag und Nacht
Ein magisch Zeug von bunter Pracht.
Sie hat gehört ein Flüstern sacht:
»Dich trifft ein Fluch, Hab' acht, Hab' acht,
      Siehst nieder du auf Kamelott!«
Sie weiß nicht, welch ein Fluch das ist;
So webt sie denn zu jeder Frist,
Und jeder Sorge sonst vergißt
      Die Dame von Shalott.

Und vor ihr hängt ein Spiegel klar;
Drin sieht sie alles auf ein Haar;
In dem erscheinen wunderbar
Schatten der Welt das ganze Jahr:
      Da führt der Weg nach Kamelott;
Da schäumt die Welle weit und breit,
Da wandeln grobe Bauersleut';
Da gehn zu Markt im roten Kleid
      Marktmädchen von Shalott.

Jungfrau'n, die wie Rosen blühn,
Äbte, die auf Mäulern ziehn,
Schäferbuben, stark und kühn,
Ein Pag' auch Wohl in Karmoisin –
      Das alles wallt nach Kamelott.
Und oft gesprengt in langer Reih'
Kommen die Ritter zwei und zwei:
Sie hat keinen Ritter wert und treu,
      Die Dame von Shalott.

Und was der Spiegel ohne Trug
Ihr zeigt, das webt sie in ihr Tuch;
Bei Nacht sogar den Leichenzug:
Mit Fackeln und Musik genug
      Zieht er des Wegs nach Kamelott.
Dann, wenn der Mond durch Wolken bricht,
Fällt noch auf Liebende sein Licht;
»Ich bin halb krank von Schatten!« spricht
      Die Dame von Shalott.

3.

Einen Bogenschuß von ihrem Saal,
Da zog er durch das Garbental;
Die Sonne warf den heißen Strahl
Durchs Laub und auf den Panzerstahl
      Des kühnen Lancelot.
Ein Ritter vor 'nem Frauenbild
Kniete fromm in seinem Schild;
Der brannte weithin durchs Gefild,
      Durchs Kornfeld von Shalott.

Mit Diamanten wie beschneit,
Funkelten die Zäume breit;
Die Zügelglöckchen, dicht gereiht,
Gaben hell ein froh Geläut! –
      So ritt der Held nach Kamelott.
Und am gestickten Wehrgurt vorn
Trug er ein mächtig Silberhorn;
Die Rüstung klirrte samt dem Sporn
      Herüber nach Shalott.

Verwundert sah ihn an der Mähder;
Gestein umschien das Sattelleder;
Den Helm und auf dem Helm die Feder,
Für eine Flamme hielt sie jeder –
      So ritt er hin nach Kamelott;
Wie manchmal durch die schwarze Nacht
Ein Meteor in stolzer Pracht
Unter den Sternen Bahn sich macht,
      Zu leuchten bei Shalott.

Glänzende Hufe hob sein Roß;
O, welch ein Licht sein Haupt ergoß!
Und kohlschwarz Ringelhaar entfloß
Dem Helm, der blitzend es umschloß –
      O, prächtige Fahrt nach Kamelott!
Von dem Fluß und von dem Hügel
Flammt' er in der Dame Spiegel;
Lustig spielend mit dem Zügel,
      Sang Sir Lancelot.

Sie fuhr empor vom Webstuhl jach,
Sie tat drei Schritte durchs Gemach,
Sie sah die Lilie blühn im Bach,
Sie sah dem Helm, der Feder nach,
      Sie sah hinab auf Kamelott.
Das Tuch zerriß – was bebte sie?
Der Spiegel barst – sie sank aufs Knie;
»Nun wird der Fluch mich treffen!« schrie
      Die Dame von Shalott.

4.

Kalt im kalten Ostwind ragend,
Stand der Wald, sein Herbstkleid tragend;
Nieder schwamm die Welle klagend,
Und Regen goß, die Türme schlagend.
      Dicht herab auf Kamelott.
Sie ging ans Ufer hoch und steil.
Da schwankte flott ein Boot am Seil,
Dem schrieb sie rund ums Vorderteil:
      Die Dame von Shalott.

Dann bei Sturm und Regenguß,
Wie ein Prophet, der schauen muß.
Was ihm bestimmt der Mächte Schluß,
Sah gläsern sie hinab den Fluß,
      Sah sie hinab nach Kamelott.
Und bei des Tages letztem Schein,
Wie in einen Totenschrein,
Trat sie stumm ins Boot hinein,
      Die Dame von Shalott.

Da lag sie nieder, recht mit Fleiß;
Weit flog ihr Kleid, wie Schnee so weiß;
Auf sie herab fiel Blatt und Reis,
Durch der Nacht Getöse leis
      Trieb sie hinab nach Kamelott.
Und als der Kahn das Feld entlang
Durch die Weidenzweige drang.
Da sang sie ihren letzten Sang,
      Die Dame von Shalott.

Sang ihn rings der Hörer Ohren;
Keinem ging ein Laut verloren;
Sang ihn, bis ihr Blut gefroren,
Bis ihr Aug' den Glanz verloren.
      Hingewandt nach Kamelott.
Denn eh' sie mit der Wellen Braus
Erreicht am Strom das erste Haus,
Sang sie ihre Seele aus,
      Die Dame von Shalott.

Unter Turm und Galerie,
Vorbei an Fenstern, licht und glüh,
Durch Tore, drauf die Eule schrie,
Zog als eine Leiche sie
      Schweigend ein in Kamelott;
Hastig auf den Flußdamm kamen
Ritter und Bürger, Lords und Damen,
Lasen am Nachen ihren Namen:
       Die Dame von Shalott.

Was geht vor, was ist geschehn?
Im Palastsaal, wo Fackeln wehn,
Verstummt des Festes laut Getön;
Ängstlich sich bekreuzend, stehn
      Die Ritter all' zu Kamelott;
Bis Lancelot das Schweigen bricht;
Er ruft: »Sie hat ein süß Gesicht;
Versag' ihr Gott die Gnade nicht,
      Der Dame von Shalott!«

Lady Clara Vere de Vere

Lady Clara Vere de Vere,
Verzeihung, daß ihr mich nicht fingt!
Zur Kurzweil brechen wolltet ihr
Ein Dorfherz, eh' zur Stadt ihr gingt!
Hersaht ihr heiß, doch kalt wie Eis
Merkt' ich die List, und wich zurück:
Ob ihr von hundert Grafen stammt –
Ihr fehlt mir nicht zu meinem Glück!

Lady Clara Vere de Vere,
Auf Pergament- und Wappenkram,
Auf Rang und Namen seid ihr stolz –
Mir ist es eins, woher ich kam!
Ja, eins und gleich! Und nicht um euch
Brech' ich ein Herz, das mehr begehrt!
Ein einfach Mädchen, hold und fromm,
Ist hundert Wappenschilder wert!

Lady Clara Vere de Vere,
Ich bin so zahm nicht, als ihr glaubt!
Und wärt ihr Königin der Welt,
Vor euch doch senkt' ich nie mein Haupt!
Zur Probe nur den Sohn der Flur
Nahmt ihr aufs Korn! So rächt er sich:
Der Marmorlen auf eurem Tor
Sieht euch nicht kälter an, als ich!

Lady Clara Vere de Vere,
Was denk' ich nur an jenen Tag?
Nicht dreimal ward die Linde grün.
Seit Lorenz tot darunter lag!
Ihr habt geblickt, ihr habt umstrickt –
Aufs Zaubern mögt ihr euch verstehn!
Allein sein schußzerschmettert Haupt
Hättet ihr kaum wohl angesehn!

Lady Clara Vere de Vere,
Als er so dalag bleich im Moos –
Nun, seine Mutter ist ein Weib,
Und Leidenschaft macht rücksichtslos!
Ein bitter Wort vernahm ich dort,
Doch will ich's nicht verraten hier.
Sie war so kühl und ruhig nicht,
Wie das Geschlecht der Vere de Vere!

Lady Clara Vere de Vere,
Ein Geist verfolgt euch allerwärts:
An eurer Schwelle haftet Blut –
Ja doch, ihr bracht ein harmlos Herz!
Nach kaltem Plan zogt ihr ihn an –
So wurde der Bescheidne kühn:
Dann saht ihr fremd auf ihn herab,
Und schlugt mit euren Ahnen ihn!

Ahnen! – Clara Vere de Vere:
O, wie mit Lächeln hoch im Blau'n
Der Gärtner Adam und sein Weib
Auf all' den Plunder niederschau'n!
Was adlig sein! Der ist's allein.
Der wirklich edel ist und gut!
Ein Herz wiegt Grafenkronen auf,
Und schlichte Treu' normännisch Blut!

Ich kenn' euch, Clara Vere de Vere!
Ich weiß es, wie ihr lechzt und siecht!
Weiß, wie der Stunde Einerlei
Auf euren stolzen Wimpern liegt!
Ihr strahlt, ihr glüht – doch seid ihr müd!
Doch quält euch, was ihr selbst nicht wißt!
So schlecht benutzt ihr eure Zeit,
Daß ihr Wohl Ränke schmieden müßt!

Clara, Clara Vere de Vere,
Drückt euch die Zeit so überaus:
Nahn keine Bettler eurem Tor?
Seht ihr nicht Arme Haus bei Haus?
O, zu den Waisen tretet hin!
O, lehrt sie lesen, lehrt sie nähn!
Bittet den Himmel um ein Herz,
Und laßt den Bauerntölpel gehn!

Ulysses

Nur wenig nützt es, daß, ein müßiger König,
Am stillen Herde, zwischen nackten Klippen,
Und der bejahrten Hausfrau träg gesellt,
Gesetz ich wäge diesem wilden Stamm,
Der scharrt, und schläft, und ißt, und mich nicht kennt.
Ich kann nicht ruhn: ich will das Leben trinken
Bis auf die Hefen! Allzeit viel genossen
Und viel gelitten hab' ich – sei's allein,
Sei's mit den Freunden! Am Gestad sowohl,
Als wenn empört die regnichten Hyaden
Die Woge geißelten! Ich ward ein Name!
Denn immer schweifend, welt- und leutedurstig,
Sah und erfuhr ich viel: der Menschen Städte,
Erdstriche, Sitten, Rat und Regiment!
Hinwieder ich auch ward der Welt bekannt,
Und trank des Kampfes Lust mit den Gefährten,
Fern auf der lauten Waffenebne Trojas.
Ich bin ein Teil von allem, was ich antraf!
Doch die Erfahrung ist ein Bogen nur
Durch dessen Tor die unbereiste Ferne
Herblitzt: entschwindend, wenn ich nahn ihr will.
Wie traurig ist es, endend still zu stehn,
Dumpf zu verwittern, unnütz einzurosten!
Als wäre Atmen Leben! Hundert Leben
Reichten nicht aus, und wenig nur von einem
Besitz' ich noch! So raub' ich jede Stunde
Dem ew'gen Schweigen denn, daß neue Dinge
Sie mir verkünde! Schlecht und töricht wär's,
Für ein paar Sonnen feig mich aufzuspeichern:
Mich selbst und diesen grauen Geist, der rastlos,
Ein untergeh'nder Stern, dem Wissen nachjagt,
Soweit des Menschen trotzig Denken fliegt!

Dies ist mein Sohn, dies mein Telemachus,
Dem ich mein Zepter und mein Eiland lasse.
Ich halt' ihn wert! Dem, was er schaffen soll,
Ist er gewachsen! Mild und menschlich machen
Durch ernste Weisheit wird er dies Geschlecht,
Und seiner Roheit mählich es entwöhnen.
Kein Makel klebt an ihm: gewurzelt steht er
Im Kreis der Pflichten, allzeit aufgelegt
Zum Werk der Güte, fromm sich beugend auch
Und Opfer bringend meines Herdes Göttern,
Nachdem ich schied! Er wirkt sein Werk, ich meins!
Dort liegt der Hafen, dorten graut die See,
Dort wölbt das weiße Segel sich. Genossen,
Die ihr gedacht, gerungen und gelitten
An meiner Seite habt: Sturmwind und Heitre
Mit freien Herzen und mit freien Stirnen
Gleich froh begrüßend – ich und ihr seid alt!
Doch auch das Alter hat Geschäft und Ehre!
Der Tod schließt alles: aber vorher, Freunde,
Kann etwas Edles, Großes noch getan sein,
Was Männern ansteht, die mit Göttern stritten.
Schon glitzern rings die Lichter am Gestad,
Der Tag versinkt, der Mond geht auf, die Tiefe
Wehklagt umher. Auf denn! noch ist es Zeit,
Nach einer neuern Welt uns umzusehn!
Stoßt ab, und, wohl in Reihen sitzend, schlagt
Die tönenden Furchen; denn mein Endzweck ist,
Der Sonne Bad und aller Westgestirne
Zu übersegeln – bis ich sterben muß!
Vielleicht zum Abgrund waschen uns die Wogen:
Vielleicht auch sehn wir die glücksel'gen Inseln,
Und den Achilles drauf, den wir ja kannten!
Viel ist gewonnen – viel bleibt übrig! Sind
Wir auch die Kraft nicht mehr, die Erd' und Himmel
Vordem bewegte: – was wir sind, das sind wir!
Ein einz'ger Wille heldenhafter Herzen,
Durch Zeit und Schicksal schwach gemacht, doch stark
Im Ringen, Suchen, Finden, Nimmerweichen!

Locksley Hall

Laßt mich, Freunde! nur so lange noch der Frühwind rauscht im Korn!
Laßt mich hier; und soll ich kommen, ruft mich mit dem Jägerhorn!

'S ist der Ort, und um die Giebel schrein die Vögel wie zuvor;
Trübe Sonnenschimmer fliegen über Locksley Hall durchs Moor:

Locksley Hall, das in der Ferne überschaut die sand'gen Flächen
Und die hohlen Meereswogen, die am Strand sich donnernd brechen.

Manche Nacht von jenem Fenster, eh' ich sinnend ging zur Ruh',
Sah durchs Laub ich den Orion, wie er sank dem Westen zu.

Manche Nacht auch die Plejaden, licht in Nebel aufgegangen,
Wie ein Schwarm von Feuerfliegen, die ein Silbernetz gefangen.

Dorten meine Jugend nährt' ich, einsam wandernd längs der Bucht,
Mit des Wissens Feenmärchen und der Zeiten ernster Frucht.

Hinter mir die Jahre ruhten, wie ein Ernteland voll Segen;
Heiß die Gegenwart umschloß ich ihrer reichen Keime wegen;

Und so weit ein Menschenauge spähend in die Zukunft dringt.
Taucht' ich unter in die dunkle, sah die Wunder, die sie bringt. –

In der Lenzzeit färbt den Finken tiefrer Scharlach wundersam;
In der Lenzzeit schmückt der Kibitz seine Stirn mit neuem Kamm.

In der Lenzzeit brennt die Iris auf der Taube Flügeln heller;
In der Lenzzeit kommt die Liebe, fliegen Herz und Pulse schneller.

Bleich war damals ihre Wange; bleich, als ob sie schweigend litte,
Und ihr Auge, stumm und eifrig, folgte jedem meiner Schritte.

Und ich sagte: »Bäschen Amy, sprich, und sag' die Wahrheit mir!
Glaub' mir, Amy, alle Ströme meines Wesens ziehn zu dir!«

Da auf ihre Stirn und Wange trat ein Glühn und trat ein Licht,
Wie ich's sah im hohen Norden, wenn ein Rot die Nacht durchbricht.

Und sie wandte sich – ihr Busen zitterte und flog und schwoll;
Dämmernd zuckt' es ihr im Auge – dämmernd, fragend, ahnungsvoll.

Und sie sprach: »Ich barg mein Fühlen; barg es, fürchtend deinen Hohn!«
Sprach: »Du liebst mich, Vetter?« weinte: »Dich, ach, liebt' ich lange schon!«

Liebe nahm das Glas der Stunden, dreht' es um in glüh'nder Hand;
Jede nahte, leicht geschüttelt, und verrann in goldnem Sand.

Liebe nahm und schlug des Lebens Harfe, daß sie stürmisch klang;
Daß die Saite selbst erbebte, und mit lautem Dröhnen sprang.

Manche Früh' auf braunem Moorland hörten wir das Schlagholz gellen,
Und ihr Hauch ließ meine Pulse mit des Lenzes Vollkraft schwellen.

Manchen Abend an den Wassern blickten wir den Schiffen nach:
Seele strömte heiß in Seele, wenn auf Lippe Lippe lag.

O du Flache, o du Seichte! O mein Mädchen, mein nicht mehr!
O, das düstre, düstre Moorland! O, das öde, öde Meer!

Falscher, als ein Hirn es ahndet, als ein Lied es je gesungen,
Warst du Puppe deines Vaters, warst du Sklavin, böser Zungen!

Törin! Mich gekannt zu haben – und zu einem schlechtern Mann
Und zu einem engeren Herzen dich herabzulassen dann!

So zu sinken! Ja doch, Amy: Sinken wirst du Tag um Tag,
Bis an Stumpfheit seinem Fühlen deines sich vergleichen mag!

Wie der Gatte, so die Gattin! Deiner ist ein Bauer nur
(Lord zwar heißt er!): – dich herabziehn wird die gröbere Natur!

Halten wird er dich, mein Mädchen, hat sein Glühn sich erst verzehrt,
Etwas besser als sein Windspiel, etwas lieber als sein Pferd.

Was ist das? Sein Aug' ist gläsern! Gar vom Weine? Glaub' es nicht!
Geh', nimm seine Hand, umarm' ihn, küss' ihn – es ist deine Pflicht!

Geh' doch hin! Er sitzt verdrossen nach der Jagd gewalt'gen Mühn!
Geh', laß seine Stirn umgaukeln deine leichtern Phantasien!

Nur verständlich mußt du's machen: – denn du weißt ja, sein Verstand – –
Besser doch, du lägest vor mir – tot – und tot durch meine Hand!

Besser doch, wir lägen beide, dieser Herzensschmach entrückt,
Eines in des andern Armen, sterbend Brust an Brust gedrückt!

Fluch der krankenden Gesellschaft, die verderbt und abgeschwächt
An der Kraft der Jugend sündigt und der Wahrheit ew'gem Recht!

Fluch den Formen, deren Herrschaft uns verkrüppelt und verbildet!
Fluch dem Golde, das des Toren niedre, platte Stirn vergüldet!

Wohl – es ziemt mir, daß ich tobe! – wärst du meiner wert geblieben –
Wollt' es Gott! – kein Weib auf Erden hätt' erlebt noch solch ein Lieben!

Doch ich rase! Festzuhalten, was nur bittre Früchte trägt!
Fort, du Unkraut – ob mein Herz auch heiß in deiner Wurzel schlägt!

Nein doch! nimmermehr! – Und sollt' ich leben auch so manches Jahr,
Wie die Dohle, die ergraute Führerin der Dohlenschar!

Wo ist Trost? Vielleicht im Teilen dessen, was das Herz erfuhr?
Kann ich von sich selbst sie trennen, kann ich stückweis lieben nur?

Einer denk' ich – die ging unter! Süß ihr Wort und süß ihr Blick!
Einer denk' ich – ach, sie sehen, ach, sie hören war schon Glück!

Lieb' ich sie, gleich einer Toten, weil sie einmal an mir hing?
Nein – sie liebte nie mich wahrhaft: Lieb' ist kein vergänglich Ding!

Trost? der Teufel soll ihn holen! daß man mich mit Trost verschone:
Die Erinn'rung bessrer Dinge ist des Kummers Kummerkrone!

O, sieh' zu, daß nicht auch dein Herz jammernd es erfahren mag,
In der Nacht, der öden, toten, wenn der Regen klirrt aufs Dach!

Wie ein Hund im Traume jagt er, und du starrst zur Wand beklommen,
Wo das sterbende Nachtlicht zittert, wo die Schatten gehn und kommen!

Eine Hand dann wirst du schauen! deiner Ehe Witwenkissen
Und des Gatten trunknen Schlummer zeigt sie deinen Tränengüssen!

Die Phantome künft'ger Jahre hörst du: »Nimmer, nimmer!« singen,
Und ein Lied aus weiter Ferne wird in deinen Ohren klingen!

Und ein Auge wird herabsehn, mild wie einst, auf deine Qual:
Wende dich auf deinem Pfühle! schlumm're doch, wie dein Gemahl!

Nicht doch! andrer Trost umgibt dich! hör' ich nicht ein Stimmchen schrein?
Süßes Atmen eines Säuglings wird dir Halt und Stütze sein.

Ja, zu Boden wird mich lachen deiner Kinder helle Lust,
Und mein jüngster Nebenbuhler drängt mich von der Mutter Brust.

Zärtlichkeit auch für den Vater pflegt ein Kindlein anzufachen.
Dein zur Hälfte, sein zur Hälfte – nun, es wird euch Ehre machen!

O, ich seh' dich alt und förmlich (Förmlichkeit mag dir geziemen!).
Wie das Herz du einer Tochter niederpredigst mit Maximen!

»Unnütz wären die Gefühle – Führer, die oft elend machten –
Du auch könntest davon reden« – Stirb in deinem Selbstverachten!

Überleb' es – nein, noch tiefer – fühl' dich glücklich! Aber ich –
Der Verzweiflung zu entgehen – handeln will ich, tummeln mich!

Was beginnen nur! In Tagen, die so nüchtern sind wie die?
Gold verriegelt jede Pforte, Gold allein auch öffnet sie!

Überfüllt ist jeder Marktplatz, und umworben jedes Tor!
Nichts, als eine zorn'ge Seele, nenn' ich mein: Was nehm' ich vor?

Gern im Kampfe möcht' ich sterben; fallen, wo die Kraft nur gilt.
Wo die Rotten Dampf umwirbelt, wo der Schall die Winde stillt!

Doch des Goldes schnöd Geklingel heilt sogar der Ehre Wunden:
Tatlos ruhn die Nationen, sich beknurrend nur, gleich Hunden!

Ob sich meinem wildem Schmerze das Vergangne nur erneut?
Mach' mich dieser Regung Meister, wunderbare Mutter Zeit!

Laß mich fühlen, was ich fühlte, als ich frisch zum Streite kam;
Als ich vor mir meine Tage und des Lebens Lärm vernahm!

Als ich heiß und hungrig aussah nach der Zukunft großem Fest,
Wie ein Knabe, wenn zuerst er seines Vaters Feld verläßt.

Nachts auf dunkelm Heerweg eilt er, bis der Horizont erglüht,
Bis er, eine grause Dämm'rung, Londons Licht am Himmel sieht.

In ihm seine Seele zittert, weil sie gern voraus ihm spränge,
Unter jenem Widerscheine sich zu mischen ins Gedränge!

Einzutreten in die Menschheit, die nicht rastet, die nicht ruht:
All ihr Tun nur ein Versprechen dessen, was sie künftig tut!

So, wie weit ein Menschenauge spähend in die Zukunft dringt,
Taucht' ich unter in die dunkle, sah die Wunder, die sie bringt.

Sah Verkehr die Himmel füllen, sah Fregatten sie befahren,
Zaubersegel hoch im Äther, niederweh'nd mit prächt'gen Waren.

Hörte Schlachtruf in den Wolken, und herabfloß blut'ger Tau
Von der Völker luft'gen Flotten, die sich stritten hoch im Blau.

Und der warme, weiche Südwind trieb das Wetter vor sich her;
Aus den Rissen des geballten flog das Banner, glomm der Speer.

Bis die Fahnen still sich senkten, bis die Trommel ausgegellt
In dem Parlament der Menschheit, in dem Bundesrat der Welt!

Bis die Mehrzahl, die verständ'ge, Wahn und Tyrannei besiegte,
Und bis ein Gesetz die Erde friedlich in den Armen wiegte!

Also mutig triumphiert' ich, bis der Leidenschaften Hauch
Dörrend, lähmend durch mein Herz fuhr, und vergilben ließ mein Aug'.

Dieses Auge, dem das Leben ausgerenkt und schwärig däucht;
Das es sehn muß, wie das Wissen träg von Punkt zu Punkte schleicht.

Langsam kommt ein hungrig Volk auch; wie ein Leu, ein grimmigscheuer,
Ankriecht einen, der da einnickt hinter einem sterbenden Feuer.

Dennoch glaub' ich, daß ein Endzweck wachsend durch die Zeiten läuft;
Und daß mit der Sonnen Fortschritt auch der Geist des Menschen reift.

Zwar – was hilft es? Da nicht ernten, da die Frucht nicht kosten darf,
Wer das Saatkorn, das lebend'ge, hoffend in die Furchen warf!

Kenntnis kommt, doch Weisheit zögert, und ich bin noch weit vom Port,
Und der einzelne verwittert, und die Welt geht fort und fort.

Kenntnis kommt, doch Weisheit zögert, und der Stille seiner Ruh
Trägt ein schwer beladen Herz er und ein trüb Erfahren zu.

Horch, da rufen die Genossen! Horch, des Jagdhorns lust'ger Ton!
Kennten sie mein töricht Lieben: o, wie träfe mich ihr Hohn!

Und mit Recht! Wozu noch Harfen auf der längst vermorschten Saite?
Scham in tiefster Seel' fühl' ich über diese schnöde Freite!

Doch–wie schwach, der Schwäche zürnen! Weibes Schmerz und Weibes Lust –
Blindre Regung sind sie beide, und in einer engern Brust!

Schatten nur des stärkern Mannes ist das Weib! So muß es sein:
Sie der Mond und wir die Sonne, sie das Wasser, wir der Wein!

Mindestens in diesen Strichen, wo erkrankt ist die Natur.
O, durchzög' ich meine Wiege, jenen sprüh'nden Osten, nur!

Wo im wilden Kampf mein Vater hinsank durch Mahrattenspieß,
Und in eines eigensücht'gen Oheims Hut die Waise ließ!

Sprengend der Gewohnheit Fesseln, ziehn und schweifen möcht ich dorten,
Durch die Meere, durch die Inseln, nach des Tages goldnen Pforten!

Wo die Sterne lichter scheinen, wo die Himmel tiefer blauen,
Wo die Palme stolz sich schüttelt über Paradiesesauen!

Nimmer kommt das Kauffahrteischiff, nimmer wehn Europas Fahnen!
Durch das jungfräuliche Waldland schwirrt der Vogel stille Bahnen.

Von den Klippen nickt die Blume, neigt der Baum sich früchteschwer,
Und um Inseln, grün wie Eden, wallt und schäumt ein Purpurmeer.

Dorten, mein' ich, sei des Lebens Lust und Vollgenuß zu Hause,
Mehr als hier – in Weltgedanken und in Eisenbahngebrause!

Dorten wird die Leidenschaften hemmen nichts und niederbeugen –
Eine Wilde will ich nehmen, braune Buben mit ihr zeugen!

Eisengliedrig, schlangensehnig, sollen tauchen sie und rennen,
Lanzen schwingen und die Berggais bei den Haaren fangen können!

Sollen durch die Regenbogen springen über klaren Bächen,
Nicht mit jämmerlichen Büchern ihre junge Sehkraft schwächen! –

Tor, aufs neue diese Träume! Wieder zornig, wieder blind!
Steht mir nicht der graue Wilde tiefer, als das Christenkind?

Ich, Genosse niedrer Stirnen! Ich, ein Tier! Ich, ein Barbar!
Des Jahrhunderts herrlicher Siege und Errungenschaften bar!

Ich, und eines rohen Weibes eben roher Gatte! – Nein!
Erbe bin ich aller Zeiten, Kämpfer in den ersten Reih'n!

Eher will ich, sei die Menschheit ihrem letzten Ende nah.
Als daß stillesteht die Erde, wie der Mond des Josua!

Nicht vergebens winkt die Ferne! Vorwärts, vorwärts laßt uns schweifen!
Laßt die Völker, rastlos wechselnd, mutig ihr Geschick sich greifen!

Durch die Weltnacht laßt uns stürzen in des jüngern Tages Zonen:
Besser fünfzig Jahr' Europas, als chinesische Äonen!

Mutter Zeit (nie kannt' ich meine!) führ' hinaus, was du begonnen:
Spreng' die Berge, roll' die Wasser, wirf die Blitze, wäg' die Sonnen!

O, ich seh's, noch ging nicht unter, was mein Ahnden mir versprochen;
Alte Quellen der Begeist'rung fühl' ich frisch mein Herz durchpochen.

Wie es sei und wie es werde: – Locksley Hall, fahr' wohl auf immer!
Meinethalben mag dein Wald nun stürzen und dein Dachgezimmer! –

Kommt ein Dampf vom Meergestade, schwärzlich über Heid' und Holz,
Vor sich her den Sturmwind drängend, in der Brust den Donnerbolz.

Mög' auf Locksley Hall er fallen, Hagel, Eis, Blitz oder Schnee; –
Denn der mächt'ge Wind erhebt sich, seewärts brüllend, und ich geh'!

Godiva

Ich wartete zu Coventry des Bahnzugs;
Ich hing mit Volk und Kellnern auf der Brücke,
Und blickt' auf die drei schlanken Türme; – dort
Des Ortes alte Sage formt' ich also: –

Nicht wir allein, die jüngste Saat der Zeit,
Männer von gestern, die wir das Vergang'ne,
Rasch wie ein Rad sich dreht, zu Boden sprechen,
Und dies und das von Recht und Unrecht plaudern –
Nicht wir allein erbarmten uns des Volks,
Und knirschten zornig, sahn wir's übersteuert:
Nein – Sie, die Liebliche vor tausend Sommern,
Godiva, Gattin jenes grimmen Carls,
Der Herrscher war in diesem Coventry,
Tat mehr und litt mehr, und erreichte mehr.
Denn als er ausschrieb eine schwere Steuer,
Und alle Mütter ihre Kinder brachten,
Jammernd: »Wir sterben Hungers, wenn wir zahlen!«
Da suchte sie und fand sie ihren Herrn,
Wo er, allein, inmitten seiner Hunde,
Die Halle maß, sein Bart zwei Schuhe vor ihm,
Und eine Elle hinter ihm sein Haar.
Sie sagt' ihm alles, sagt' ihm: »Sie verhungern,
Dafern sie zahlen!« – was ihm seltsam schien.
»Um solche,« höhnt' er, »nicht den kleinen Finger
Ritzest du dir!« Sie drauf: »Ich stürb' um sie!«
Er lacht', und schwur bei Peter und bei Paul';
Dann faßt er tändelnd ihren Demantohrring:
»Ach, ach, du sprichst!« – »Nein,« rief sie, »prüfe mich!
Ich tue, was du willst, um sie!« – Sofort,
Aus einem Herzen rauh wie Esaus Hand,
Zürnt' er: »So reite nackt denn durch die Stadt,
Und ich erlasse diesen Zoll!« und murrend
Schritt er von dannen, hin durch seine Hunde.

Als sie allein nun war, da, wie wenn Winde
Aus Nord und Süd losrasen auf einander.
Bekämpften ihre Leidenschaften sich
Für eine Stunde – bis das Mitleid siegte.
Und einen Herold sandte sie hinaus;
Den hieß sie künden zu Trompetenschall
Den harten Preis; doch daß sie willig sei
Das Volk zu lösen! drum, bei seiner Liebe
Anflehe sie's, daß bis zur Mittagszeit
Kein Auge frech zur Straße niederschau'n,
Kein Fuß die Straße frech betreten möge!
Zu Hause halten wolle jeder sich.
Die Tür verriegelt, zugemacht das Fenster!
Dann floh sie in ihr innerstes Gemach,
Und hakte los dort die verbundnen Adler,
Die ihr der Carl geschenkt: ihr Gürtelschloß.
Bei jedem Atemholen hielt sie inne,
Fast wie ein Sommermond, der aus Gewölk
Schamhaft hervortritt. Schüttelnd dann ihr Haupt,
Ergoß ihr wellig, Haar sie bis aufs Knie;
Zog rasch sich aus; stahl sich die Trepp' hinab:
Und, wie ein Sonnenstrahl, von Säul' zu Säule
Glitt sie und huschte, bis am Tor sie stand.
Dort ihren Zelter traf sie: Purpurzeug
Deckt' ihn. Mit Golde prächtig blasoniert.

Dann ritt sie fort, mit Keuschheit angetan.
Die Lüfte schwiegen, und der leise Wind,
In Ehrfurcht lauschend, wagte kaum zu atmen.
Die Drachenhäupter an des Palastdachs
Metall'nen Rinnen schienen ihr zu blinzeln;
Des Hofhunds Bellen macht' ihr Antlitz flammen,
Und ihres Zelters Hufschlag bebte Schrecken
Durch ihre Pulse! Dann die Spalten rings
Der blinden Mauern! Ach, und die phantast'schen,
Neugier'gen Giebel! Doch sie hielt sich aufrecht.
Bis sie vom Feld her durch das graue Stadttor
Den blüh'nden Flieder weiß erglänzen sah.

Dann ritt sie heim, mit Keuschheit angetan.
Und sieh', ein roher, niedriger Gesell,
Abscheu und Sprichwort aller Folgezeit,
Ein Löchlein bohrend, lauerte: – doch plötzlich.
Eh' seine Augen ihren Willen hatten,
Betraf sie Blindheit – Blindheit für allzeit!
So hat die Macht, die edle Taten schützt,
Den schnöden Mißbrauch eines Sinns gezüchtigt:
Sie aber wußt' es nicht, und ritt vorbei.
Da auf einmal, mit zwölf gewalt'gen Schlägen,
Von hundert Türmen klirrt' und hämmerte
Schamlos der Mittag – ein Schlag nach dem andern!
Doch grade da beschritt sie ihr Gemach,
Trat dann hervor in Kron' und Purpurkleid
Vor ihren Herren, nahm hinweg die Steuer,
Und schuf sich lächelnd einen ew'gen Namen. Vergl. G. C. Lichtenbergs Vermischte Schriften. Neue Original-Ausgabe Bd. V. S. 323.

Amphion

Vom Vater fiel ein Park mir zu,
Doch ist er nackt und öde.
Und das was in ihm wachsen tu',
Davon ist keine Rede!
Noch schiert es seine Blätter nicht,
Ob's warm ist oder kalt ist,
Doch birgt den Keim er, wie man spricht.
Von allem, was ein Wald ist.

O, hält' ich zu Amphions Zeit
Gelebt, des blinden Heiden!
Da braucht' ich nicht zu sorgen heut
Für Pflanzen, Impfen, Schneiden!
Da nahm' ich nur die Fiedel hier.
Und strich' und geigte wacker.
Und geigte Busch die Fülle mir
Auf meinen kahlen Acker!

Man sagt, er wußte sondern Klang
Den Saiten zu entlocken;
Er brachte, wo er spielt' und sang,
Ein Holz gleich auf die Socken.
Wo immer man ihn dudeln sah,
Da ging das Feld nicht leer aus;
Da kam, trotz ihrem Podagra,
Die Eiche selbst zum Kehraus.

Der Berg und auch die Felsenwand
Begannen sich zu regen;
Die Esche tänzelte galant
Dem Buchenstamm entgegen;
Holunderast und Efeuzweig
Berief sein Reimgeklingel,
Und selbst der Nied'rung Lodenzeug
Herzauberte der Schlingel.

Die Birke schwang ihr duftend Haar,
Die Brombeer' fiel zur Erden;
Der Schnaps, der im Wacholder war.
Fing an fidel zu werden.
Der Pappeln Schar, in langer Reih',
Erging sich mit Zypressen;
Die Nickkopf-Weiden, zwei und zwei,
Polkirten wie besessen.

Naßschuhig kam die Erle dann,
Kam sonst noch Bachgestrüppe
Vom Kirchhof hopste schwer heran
Der Eiben finstre Sippe.
Die Ulme riß vom Wein sich los;
Nachflog die Rebe hastig.
Harztriefend, aus der Bergkluft Schoß
Plumpte die Tanne mastig.

Und drollig war's, man glaubt es kaum,
Wenn über seinem Singen
Die Talgelände, Baum für Baum,
Auf und zum Teufel gingen; Wenn, halb erfreut und halb erschreckt,
Die Schäfer niederspähten.
Den Blättern nach, die, gelbgefleckt,
Im Sonnenschein sich drehten!

Da hielt die Schöpfung doch noch Stich,
Die jetzo ganz verkehrte;
War üppig, biegsam, jugendlich.
Und sprang, wie man's begehrte.
Schnarr' aus denn, die du mutlos klagst.
Schnarr' aus denn, meine Geige!
Laß hören, was du noch vermagst.
Und bring' mir Laub und Zweige!

Umsonst! In solcher eh'rnen Zeit
Beweg' ich keine Distel!
Kein Sperling gibt mir Antwort heut.
Und sang' ich durch die Fistel!
Mein höchster Lohn bis jetzt, o Grau'n,
Ein Lied des Langohr-Tieres,
Und etwa, übern Pachthofzaun,
Das Gaffen eines Stieres.

Allein was hör' ich? Welch ein Schall?
Was gibt es da zu lernen?
Hilf Gott, es ist der Redeschwall
Der Musen, der modernen!
In meines Nachbars Gartenhaus,
Da sitzen sie und lesen;
Da sitzen sie und machen aus
Gelahrtes Gärtnerwesen.

Die Wellen Jungfern! Welch ein Text
Für ihren Blaustrumpfreigen!
Ei, wie von allem, was da wächst,
Sie euch ein Problem zeigen!
Von diesem Buschwerk sollt ihr sä'n,
Dazu von diesen Gräsern!
So raten sie: – in Tax-Alleen
Und hinter, Treibhausgläsern!

Doch all das Zeug, trotz Mist und Müh',
Ist weder grün noch saftig;
Gebäht, begossen spät und früh.
Schämt es sich fast, wahrhaftig!
Nein, besser doch, was keimt und sprießt
Von selbst an seiner Stelle:
Waldunkraut, das in Samen schießt
An seiner Heimatquelle!

Mir aber wird die Faust nicht wund
Von Rechen und von Spaten;
Ich baue still mein Fleckchen Grund,
Und werfe meine Saaten.
Die Schauer nehm' ich, wie sie sprühn:
Von Herzen schon zufrieden,
Ist mir zuletzt für all mein Mühn
Ein Gärtchen nur beschieden!

Das Bettlermädchen

Das Motiv ist aus der alt-englischen Ballade: »King Cophetua and the Beggar Maid« (abgedruckt in Percys »Reliques,« Ser. I., book 2.)genommen.

Die Arme kreuzend auf der Brust,
Barfuß in Schönheit stand sie da;
So trat sie, aller Augen Lust,
Hin vor dein Schloß, Cophetua!
In Kron' und Staat der König naht;
Er grüßt sie, was er grüßen mag.
»Kein Wunder!« sprach der ganze Hof,
»Denn sie ist schöner, als der Tag!«

Gleichwie der Mond durch Wolkenrauch,
So schien sie durch ihr arm Gewand.
Der pries ihr Haar und der ihr Aug',
Der ihre Knöchel, ihre Hand.
Solch ein Gesicht, so lieb, so licht.
Beglückte nie noch dieses Tal.
Cophetua schwur einen Königsschwur:
»Dies Bettlerkind wird mein Gemahl!«

Der Dichter

Der Regen ließ nach, der Dichter stand auf,
Er ging durch die Stadt, und hinaus ins Feld;
Von der Sonne Toren kam leis ein Wehn,
Und die Ähren haben gewellt.
Und er legte sich hin, wo ihn keiner sah.
Und er sang eine Weise, laut und süß.
Daß der wilde Schwan im Gewölk verzog.
Und die Lerche sich niederließ.

Die Schwalbe vergaß ihre Bienenjagd,
Die Schlange fuhr her durchs Laub.
Mit der Dun' auf dem Schnabel stand der Weih',
Und starrte, den Fuß auf dem Raub.
Und die Nachtigall dachte: »Ich sang manch Lied,
Doch nicht eines so froh von Ton!
Denn er singt von der Welt und was sie ist,
Wenn die Jahre starben und flohn!«

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