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Endlich gefunden

Anna Katherine Green: Endlich gefunden - Kapitel 8
Quellenangabe
pfad/green/gefunden/gefunden.xml
typefiction
authorAnne Katherine Green
booktitleEndlich gefunden/Zwischen 7 und 12 Uhr
titleEndlich gefunden
publisherVerlag von Nobert Lutz
seriesDetektiv Gryce Serie
volumeFünfter Band
printrunDreizehnte Auflage
editorAdolf Gleiner
illustratorGeorg Mühlberg
translatorMargarete Jacobi
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20110713
projectid47184ab7
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Siebtes Kapitel.

Die Frage, zu welchem Zweck Herr Blake die Reise unternahm und was er in Putney, diesem höchst unbedeutenden Städtchen, zu suchen haben könne, beschäftigte meine Gedanken fort und fort. Als wir gegen fünf Uhr dort ankamen, erkundigte er sich auf dem Bahnhof, wann der Postwagen nach einem in östlicher Richtung gelegenen Dorfe abgehe. Das war für mich eine recht unangenehme Ueberraschung, besonders, da die Antwort lautete, die Post fahre täglich nur einmal, im Anschluß an den Frühzug.

Vielleicht bekommen Sie drüben im Wirtshaus ein Fuhrwerk, meinte der Bahnbeamte; im andern Fall wären Sie genötigt, bis morgen zu warten. Es ist zwar heute ein Begräbnis in der Umgegend, aber –

Ich hatte genug gehört, und eilte fort, um mir von dem Wirte für Geld und gute Worte zum Nachmittage eine Fahrgelegenheit nach Melville zu verschaffen. Der aber versicherte, es sei heute im ganzen Städtchen kein Gefährt zu haben. Mann, Frau und Kind sei unterwegs zu der großen Leichenfeierlichkeit; so etwas komme hier nur alle fünf Jahre vor. Vergebens beteuerte ich, daß mich dringende Geschäfte nach Melville riefen, und ich gern bereit sei, jeden Preis zu zahlen, den er fordere; er schüttelte nur den Kopf, trotz meiner verdrießlichen Miene. Von der Haustüre aus, wo ich Posten faßte, hörte ich gleich darauf ein ganz ähnliches Gespräch zwischen dem Wirt und Herrn Blake. Diesem schien der Gedanke an den unnützen Aufenthalt völlig unerträglich, doch mußte er sich zuletzt der Notwendigkeit fügen. Er nahm noch einige Erfrischungen zu sich, wie sie das einfache Gasthaus zu bieten vermochte, und begab sich sofort auf sein Zimmer, das er erst am nächsten Morgen wieder verließ. Seinen Namen hatte er verschwiegen, auch war seine Person an dem Orte unbekannt, wie ich auf meine Erkundigungen erfuhr.

Ich war im Nebenzimmer einquartiert, und hörte ihn bis lange nach Mitternacht ruhelos auf- und abgehen. Bei der Abfahrt am Morgen sah ich ihn dann in einer Ecke des Postwagens sitzen und finster vor sich hinstarren; ich selbst nahm vorn bei dem Kutscher Platz. Gegen zwölf Uhr hatten wir das kleine Gebirgsdorf erreicht, welches so dürftig aussah, daß mir es immer unbegreiflicher wurde, was einen vornehmen Herrn bewegen könne, die lange beschwerliche Reise dahin zu unternehmen. Im Wirtshaus wartete meiner eine neue Ueberraschung, denn Herr Blake befahl, man solle ihm gleich nach Tisch ein Pferd satteln und vorführen.

Dies brachte mich in eine böse Klemme; wenn ich jetzt seine Aufmerksamkeit auf mich lenkte, indem ich zum drittenmal einen ähnlichen Auftrag gab wie er, so waren alle meine Pläne vereitelt. Ließ ich ihn aber allein fortreiten, so verlor ich seine Führte gerade im entscheidenden Augenblick.

Der Wirt, ein kleiner, geschäftiger Mann, half mir ohne sein Wissen aus meiner Verlegenheit.

Wollen Sie nach Perry reiten? fragte er Herrn Blake; schon seit drei Tagen warte ich auf einen Mann, der dort zu tun hat.

Der bin ich, sagte ich rasch hervortretend. Gleich nach dem Essen muß ich ein Pferd haben, verstehen Sie mich! Ich habe schon zwei Tage Verspätung; sorgen Sie, daß ich ohne Aufenthalt weiter kann.

Der barsche, unfreundliche Ton, mit dem ich sprach, schnitt alle neugierigen Fragen ab. Während ich im Schenkzimmer rasch die mir vorgesetzten Speisen verzehrte, bemerkte ich, daß Blake mehr als einmal zu mir herübersah, doch erwiderte ich den Blick nicht und tat, als achte ich überhaupt nicht auf ihn. Eilig bestieg ich dann das erste Pferd, welches herbeigeführt wurde, als habe ich nichts anderes im Sinn, als so schnell wie möglich fortzukommen.

Da ich indessen nicht wußte, welche Richtung Herr Blake einzuschlagen gedachte, hielt ich hinter dem nächsten Hügel still und wartete, bis er auf der einsamen Straße langsam herangeritten kam. Gern hätte ich ihn an mir vorbeigelassen, doch wagte ich dies nicht, aus Furcht, sein Mißtrauen zu erwecken. Ich gab also meinem Tiere die Sporen und ritt voraus; nicht einmal umsehen durfte ich mich nach ihm, wie groß auch mein Wunsch war, ihn nicht aus den Augen zu verlieren.

Jetzt teilte sich die Straße, und ich ergriff die Gelegenheit, anzuhalten und zum erstenmal rückwärts zu blicken. Er war etwa fünfzig Schritt hinter mir. Als er mich eingeholt hatte, grüßte ich höflich, und fragte, ob er mir wohl sagen könne, welcher Weg nach Perry führe, ich hätte in der Eile vergessen, nach der Richtung zu fragen. Nach links deutend, erwiderte er kurz: Ich weiß nur, daß dieser Weg nicht hinführte. – Dann trabte er auf demselben weiter.

Was sollte ich tun? – Ohne mich zu verraten, durfte ich ihm nicht folgen, und doch zwangen mich die Umstände dazu. Ich suchte mir zu helfen so gut es ging. Eine Viertelstunde etwa ritt ich langsam auf der nördlichen Straße nach rechts, dann wandte ich mein Pferd und jagte zurück, so schnell es mich tragen wollte. Bald sah ich denn auch eine ziemliche Strecke vor mir den stattlichen Reiter einen sanft ansteigenden Hügel hinauftraben. Bis er den Gipfel erreicht hatte, zog ich mich in den Wald an der Seite des Weges zurück, und sobald er verschwunden war, folgte ich seiner Spur.

Wir mochten in der rauhen Gebirgsgegend wohl eine Stunde so hintereinander hergeritten sein, er immer einen Hügel weit vor mir voraus, als sich eine unbestimmte Ahnung meiner bemächtigte, daß wir uns unserem Ziele näherten. Rasch trabte ich die letzte Anhöhe hinauf und überblickte vom Gipfel das vor mir ausgebreitete Tal, welches rings von bewaldeten Hügeln umgeben in grüner Einsamkeit dalag. Die wenigen in der Tiefe verstreuten Häuser gaben der Landschaft ein trauliches Ansehen, wie ich mit Wohlgefallen bemerkte. Als ich jedoch nach dem einsamen Manne hinblickte, der jetzt auf halber Höhe sein Pferd anhielt, verwandelte sich meine behagliche Stimmung in plötzlichen Schrecken. Herr Blake hatte einen Revolver aus der Tasche gezogen, den er prüfend betrachtete. – Bald aber überzeugte ich mich, daß meine Befürchtung grundlos war, und er nichts Böses gegen mich im Schilde führte. Er sah sich nicht nach mir um, sondern behielt nur seine Straße im Auge, auf der er jetzt nach einem Hause abbog, welches einen so düstern, unheimlichen Anblick gewährte, daß mich seine Vorsicht durchaus nicht Wunder nahm.

Es lag auf einem ebenen Grunde an der Stelle, wo drei Wege sich kreuzten, und schien ein Gasthaus zu sein. Die Mauern waren nur roh beworfen, ohne Anstrich, und aus den moosbewachsenen Schornsteinen stieg kein Rauch in die Höhe. Nirgends ein Lebenszeichen; auf die verschlossenen Türen und Fenster fiel nur der Schatten einer alten, dunkeln Tanne, die als einsamer Wächter neben dem verfallenen Vorbau stand. Auch Herr Blake mochte wohl das Haus für verlassen halten; er steckte die Pistole hastig wieder ein und ritt langsam weiter. Ich sprang vom Pferde, führte mein Tier in das Gebüsch, wo ich es an einem Baume festband, und ging quer durch den Wald nach dem Gebäude zu. Im Unterholz verborgen, wollte ich beobachten, was weiter geschehen werde. Ich sah Blake heftig erregt, aber mit entschlossener Miene geradeswegs auf das einsame Haus zureiten. Ohne abzusteigen klopfte er mit der Reitpeitsche kräftig an die Vordertüre. Als keine Antwort erfolgte, beugte er sich zu der Klinke hin – die Tür war verschlossen. Darauf ritt er um das Haus herum, fand jedoch keinen Eingang. Er kam wieder zurück und rüttelte ungeduldig an der Türe, allein das starke Schloß widerstand allen seinen Bemühungen. Nun gab er sein Vorhaben auf. Noch einen Blick warf er zu dem unheimlichen Hause hinüber, dann wandte er sein Pferd, und zu meiner unbeschreiblichen Verwunderung sah ich ihn mit düsterer Miene und umwölkter Stirne auf der Straße nach Melville zurückreiten.

Also dies alte verfallene Wirtshaus war wirklich das Ziel seiner langen Reise gewesen. Schien das nicht seltsam? – Rasch trat ich aus meinem Versteck hervor und machte nun auch meinerseits die Runde um das Gebäude, in der Hoffnung, irgendein Schlupfloch zu entdecken, das ihm vielleicht entgangen war. Allein Türen und Fenster waren fest verschlossen und verriegelt. Schon wollte ich, seinem Beispiel folgend, gleichfalls den Ort verlassen, als ich auf dem Kreuzweg zwei Kinder daherkommen sah, die lustig ihre Schulbücher schwenkten. Sobald sie meiner ansichtig wurden, hielten sie zögernd still und drängten sich dicht aneinander. Ich trat zu ihnen, redete sie freundlich an und fragte, nach dem Haus hinter mir deutend, wer dort wohne. Ihre ängstlichen Gesichter wurden blaß.

Wissen Sie das nicht? rief der Knabe. Da wohnen ja die beiden Bösewichter, die das Geld aus der Rutland-Bank gestohlen haben. Man hat sie ins Gefängnis geworfen, aber sie sind entflohen, und –

Hier zog ihn das kleine Mädchen so schreckensbleich am Aermel, daß er selbst, von Furcht ergriffen, mich nur noch einmal mit großen Augen anstarrte, dann seine Gefährtin bei der Hand nahm und mit ihr das Weite suchte. Ich aber stand vor Staunen wie angewurzelt da. Sollte dies verödete, schweigsame Haus der Wohnort der berüchtigten Schönmakers gewesen sein, zu deren Verfolgung man die Hälfte aller Detektivs im ganzen Lande aufgeboten hatte? Ich traute meinen Ohren kaum, obgleich ich mich erinnerte, daß sie aus dieser Gegend stammten.

Als ich das Gebäude jetzt abermals betrachtete, schien es plötzlich verwandelt. Wie eine Verbrecherhöhle kam es mir vor; schaurig ächzte und stöhnte die alte Tanne im Winde. Welche finstern Geheimnisse mochten hinter den festverschlossenen Türen und Fenstern lauern! Auf einer der Türen war ein großes Kreuz mit roter Kreide gezeichnet, und der dunkle Fleck auf der abgetretenen Steinschwelle sah wie Blut aus.

Auf einmal fuhr mir wie ein Blitz der Gedanke durch den Kopf: Was hatte Blake, der reiche Abkömmling einer der ältesten Neuyorker Familien, an diesem Ort des Verbrechens zu suchen? War er viele Meilen weit gereist, um dieses Räubernest aufzusuchen, den Schlupfwinkel der verhärteten Schurken, deren Name seit zwei Jahren für verfehmt galt und auf die, sobald man sie fing, Kerker und Galgen warteten? Ich fand keine Lösung des Rätsels – ein Klügerer als ich mußte die Frage entscheiden.

Aber doppelt groß ward nun mein Verlangen, mir Eingang in das verlassene Haus zu verschaffen, seitdem ich wußte, wessen Eigentum es gewesen war. Ich hatte schon meinen Plan entworfen, und der Augenblick war für die Ausführung höchst günstig. Weit und breit ließ sich kein menschliches Wesen blicken, das mich bei dem gewagten Unternehmen hätte stören können. Rasch warf ich den Rock ab und machte mich mit Aufbietung aller meiner Geschicklichkeit daran, den alten Baum zu erklettern, der seine Zweige bis dicht an das Haus streckte. Als ich glücklich zur Höhe des offenen Dachfensters gelangt war, das ich von unten zwischen den Tannen hatte blinken sehen, wartete ich einen Augenblick, um Atem zu schöpfen, dann tat ich einen kühnen Sprung und erreichte mein Ziel.

Ich war auf den Fußboden eines großen, kahlen Gemachs gelandet, gerade wo ein Haufen zerbrochener Glasscheiben lag. Meine Schritte klangen schauerlich durch den öden Raum; von Grauen erfaßt, schwankte ich einen Moment, ob ich meine Forschungen fortsetzen oder auf der Stelle umkehren solle. Aber, wenn es mir auch verhältnismäßig leicht geworden war, hier einzudringen, so ließ sich doch die Rückkehr auf demselben Wege weit schwerer bewerkstelligen. Wollte ich mir Leben und gesunde Glieder erhalten, so mußte ich nach einem andern Ausweg suchen.

In der Dachkammer war nicht viel zu sehen: ein paar alte Stühle in einer Ecke, ein rostiger Ofen, ein Haufen abgenützter Kleidungsstücke – mehr enthielt sie nicht. Auf einer schmalen Leiter, die durch ein Loch im Boden hervorragte, stieg ich hinab in den schwarzen Abgrund, der sich unter mir auftat. Ich gelangte in einen dunklen Gang, dessen eines Ende auf die Treppe mündete; am andern befand sich eine Türe, durch welche ich in ein großes viereckiges Zimmer trat. Hier stand ein mächtiges Himmelbett mit zurückgezogenen Vorhängen; das kahle Gestell, ohne Matratze und Kissen, starrte mir unheimlich entgegen; ein Tisch, ein Schrank und ein Armstuhl vollendeten die Möblierung des Raumes. In der Kammer daneben fand ich nichts Bemerkenswertes; auch die vordern Zimmer waren höchst dürftig ausgestattet. Nur ein kleines Gemach schien vor noch nicht langer Zeit bewohnt worden zu sein. Auf dem Bett waren Kissen und Decken unordentlich umhergeworfen, es mochte wohl einem Mann zur Lagerstatt gedient haben, und das Fenster war mit einem großen Shawl und schweren Mänteln verhängt. Unwillkürlich fuhr ich mit der Hand in die Brusttasche nach meiner Pistole, als erwarte ich, das wilde Gesicht eines der gefürchteten Schönmakers aus einem düstern Winkel auftauchen zu sehen. Als ich mit raschem Griff die Fensterverhüllung herunterließ, bemerkte ich, daß sich darunter alte zerfetzte und verblichene Vorhänge befanden, die mit farbigen Bändern zusammengebunden, früher dem Ganzen wohl einen freundlichen Anstrich verliehen hatten.

Auch sonst trug das Zimmer mancherlei Spuren ehemaligen Schmuckes, welche bewiesen, daß seine Bewohner nicht bloß für die Notdurft des Lebens gesorgt hatten. Farbige Bilder hingen an den mit groben Tapeten bekleideten Wänden, zwar nur Ausschnitte aus illustrierten Blättern, aber doch mit einem gewissen Geschmack zusammengestellt.

Ein Lichtstümpchen und ein Zeitungsblatt lagen am Boden. Ich hob letzteres auf; es war der Rutlander Anzeiger vom vorletzten Tage. Als ich das Datum las, ward mir klar, was ich getan hatte. Wenn jene verwegenen Räuber sich nicht noch im Hause befanden, so waren sie doch vor zwei oder drei Tagen hier gewesen. Jetzt begriff ich, was die zerbrochene Scheibe im Dachfenster zu bedeuten hatte, und daß ich nicht der erste sei, der am Stamm der hohen Tanne hinaufgeklettert war.

Mir schauderte bei dem Gedanken an die Gefahr, in der ich schwebte. Wenn ich jenen ebenso schlauen wie tollkühnen Menschen in die Hände fiel, so gewährte mir meine Pistole wenig Schutz. Ich war gefangen wie ein Fuchs in der Höhle, in jedem Winkel konnte das Verderben auf mich lauern. Leise schlich ich nach der vordern Treppe hin und lauschte. Alles blieb totenstill; nur die Tannenzweige rauschten, und der Wind heulte im Schornstein. Die Waffe in der Hand, stieg ich in das Erdgeschoß hinab; ich horchte gespannt, aber kein Geräusch ließ sich vernehmen, ich war das einzige lebendige Wesen in dieser Grabesstille. Nun ging ich nach der Küche, wo ich versuchte, ein Fenster auszuheben. Es gelang mir von innen ohne Schwierigkeit, und zum erstenmal atmete ich erleichtert auf; dann untersuchte ich den Herd.

Wie ich vermutet hatte, fand ich dort einen Haufen halbverkohlter Kleider, ein Zeichen, daß die Verbrecher ihren Straflingsanzug verbrannt hatten. Ich suchte weiter und zog aus der Asche einen Ring hervor, welcher der Zerstörung entgangen war und den ich hocherfreut in die Tasche steckte, überzeugt, daß er mir eines Tages als Beweisstück dienen werde.

Als ich dort weiter nichts entdecken konnte, fragte ich mich, ob ich wohl den Mut haben würde, in den Keller hinabzusteigen. Bei genauer Ueberlegung schien mir jedoch, daß das einem Mann in meiner Lage nicht zuzumuten sei. Ich warf noch einen Blick auf die feuchten, düstern Wände und sprang mit erleichtertem Herzen durch das Küchenfenster in das helle Tageslicht hinaus. Als ich dies tat, hätte ich darauf schwören mögen, daß sich drinnen im Hause eine Türe in den Angeln drehte und leise schloß. Schaudernd erkannte ich, daß das Geräusch aus dem Keller gekommen sein müsse.

Unter mannigfachen Gedanken trat ich den Rückweg nach Melville an. Besonders beschäftigte mich die erfreuliche Tatsache, daß ich bei der Erforschung der einen geheimnisvollen Angelegenheit zufällig, wie das so häufig geschieht, einer andern, weit wichtigeren auf die Spur gekommen war und eine Entdeckung gemacht hatte, die mir noch großen Nutzen bringen konnte. Auf die Wiedereinbringung der beiden Schönmakers war eine hohe Belohnung gesetzt und nach den Erlebnissen des heutigen Tages hoffte ich mit Zuversicht, den Behörden behilflich sein zu können, ihre Fährte aufzuspüren. Jedenfalls beschloß ich, den Inspektor ungesäumt von allem, was ich in dem frühern Schlupfwinkel der entflohenen Verbrecher gehört und gesehen hatte, in Kenntnis zu setzen.

Im Wirtshaus zu Melville erfuhr ich, daß Herr Blake vor einer Stunde glücklich wieder eingetroffen sei. Ich zog den Wirt beiseite und fragte ihn, ob er nichts Näheres über das Haus der beiden berüchtigten Schönmakers wisse, an dem ich auf meinem Rückweg durch das Gebirge vorbeigekommen sei.

Meiner Treu, erwiderte er, das ist doch wunderlich. Kaum habe ich dem Herrn oben eine Masse Fragen über den alten Bau beantwortet, da kommen Sie mit einer neuen Ladung angegangen, gerade, als ob die verfallene Baracke das einzige Interessante in unserer Gegend wäre.

Sehr natürlich, versetzte ich, alle Zeitungen sind ja jetzt voll von den Spitzbuben, und ich möchte gern wissen, was sich alles in diesem Hause zugetragen hat.

Viel ist gerade nicht davon zu berichten, sagte er, und doch kann, was wir wissen, ihnen eines schönen Tages den Hals kosten. Es gab eine Zeit, da sagte kein Mensch ihnen etwas Böses nach, außer, daß sie es dann und wann mit dem Gelde nicht allzu genau nehmen. Damals betrieben sie dort die Gastwirtschaft; als aber erwiesen wurde, daß sie den Bankdiebstahl in Rutland verübt hatten, behauptete mancher, er habe die Schönmakers von jeher für Schurken gehalten, die wohl noch Schlimmeres auf dem Kerbholz hätten, als jenen Raub. Sie wurden zu zwanzig Jahren Zuchthaus verurteilt, wie Sie wissen; vor zwei Monaten sind sie aber entsprungen und seitdem hat man nichts wieder von ihnen gehört. Ein sauberes Paar, das muß ich sagen – und der Sohn soll dem Vater an Verworfenheit nichts nachgeben.

Wann wurde denn das Wirtshaus geschlossen?

Gleich nach ihrer Festnahme.

Ist niemand wieder dort im Hause gewesen?

Nur die Geheimpolizisten, welche es in Augenschein genommen haben.

Und wer hat den Schlüssel?

Das kann ich Ihnen nicht sagen.

Ich hätte gern noch gewußt, was für Fragen Herr Blake dem Wirt gestellt hatte, doch wagte ich nicht, diesen Punkt zu berühren. Da mir nun vor allem daran lag, ohne Aufenthalt nach Neuyork zurückzukehren, wartete ich nicht auf die Postkutsche, sondern bestieg mein Pferd wieder und ritt nach Putney, wo ich rechtzeitig zum Abendzug anlangte. Um fünf Uhr am nächsten Morgen erreichte ich Neuyork und eilte sogleich auf das Polizeibureau, um über meine Erlebnisse Bericht zu erstatten.

Meine Angaben über die Schönmakers wurden mit großem Interesse aufgenommen, und ich hatte die Genugtuung, daß noch am selben Tage zwei Polizisten nach jener Gegend abgingen, mit dem Befehl, die beiden berüchtigten Verbrecher festzunehmen.

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