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Endlich gefunden

Anna Katherine Green: Endlich gefunden - Kapitel 7
Quellenangabe
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typefiction
authorAnne Katherine Green
booktitleEndlich gefunden/Zwischen 7 und 12 Uhr
titleEndlich gefunden
publisherVerlag von Nobert Lutz
seriesDetektiv Gryce Serie
volumeFünfter Band
printrunDreizehnte Auflage
editorAdolf Gleiner
illustratorGeorg Mühlberg
translatorMargarete Jacobi
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20110713
projectid47184ab7
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Sechstes Kapitel.

Während der nächsten Zeit schlug ich mein Quartier in einer Mietswohnung an der Ecke auf, die Herrn Blakes Hause gegenüberlag. Ich wählte ein Zimmer, das nach der Avenue hinausging, so daß ich vom Fenster aus das Kommen und Gehen des Herrn beobachten konnte, an dem ich jetzt einen stets wachsenden Anteil nahm. Seine Ruhelosigkeit war mir unerklärlich. Tag für Tag wanderte er in den Straßen auf und ab, nicht wie ein gewöhnlicher Spaziergänger, der ohne Ziel umherschlendert, sondern voll Hast und Eifer, nach allen Seiten spähend, gleich dem Raubvogel, der seine Beute sucht. Oft wurde es fünf Uhr, bis er zu Tische heimkehrte; zuweilen ging er sogar abends noch einmal aus, meist durch dieselben Straßen wie am Morgen.

Ich folgte ihm häufig bei seinen Wanderungen, in der Hoffnung, irgend etwas zu entdecken, was mir bei der Aufgabe, die ich mir gestellt hatte, behilflich sein konnte, besonders als er anfing, statt der Straßen in den vornehmen Stadtteilen, die dunkeln, engen Gassen auf der Ostseite zu seinen Ausflügen zu wählen. Die zahlreichen Verkleidungen, welche mir zu Gebote standen, schützten mich vor jeder Entdeckung.

Drei Tage lang begleitete ich ihn überallhin, in die elendesten und verrufensten Gegenden der Stadt, wo wir an Trödlerläden und Branntweinschenken stillstanden, uns bei sinkender Nacht unter das Gesindel an den Straßenecken mischten, oder die Schlupfwinkel des Verbrechens aufsuchten. Wo nur Männer versammelt waren, ging Herr Blake gleichgültig vorüber, und ich überzeugte mich bald, daß er nach einer Frau suche. Ob er, gleich mir, eine Pistole in der Tasche trug, weiß ich nicht, aber er kannte keine Furcht und zögerte nicht, selbst die gefährlichsten Stätten aufzusuchen, in die sich sonst nur die Polizei zu wagen pflegt.

Am Abend des dritten Tages begab er sich zum Schluß unserer Irrfahrten nach dem Windsor-Hotel, wo die Gräfin de Mirac Wohnung genommen hatte. Er streckte die Hand nach dem Glockenzug aus, zog sie aber wieder zurück und schritt unschlüssig auf der andern Seite der Straße auf und ab. Gleich darauf kam die Gräfin in reicher Toilette angefahren, sie mochte wohl von einem glänzenden Empfangsabend zurückkehren. Als er sie in ihre prächtigen Gewänder gehüllt aus dem Wagen steigen sah, waren seine Zweifel zu Ende. Nur einen Blick warf er auf sie, dann wandte er sich seufzend ab und kehrte nach Hause zurück.

Am vierten Tage fühlte ich mich zu meinem größten Leidwesen krank und konnte nicht mit ihm gehen. In Decken gehüllt, sah ich vom Fenster aus, wie er seine gewöhnliche Runde antrat, und der Tag verging mir in ungeduldigem Warten auf seine Rückkehr. Von Zeit zu Zeit sah ich auch Frau Daniels' ängstliches Gesicht, bald an diesem bald an jenem Fenster des altmodischen Hauses gegenüber auftauchen. Sie schien in großer Unruhe und steckte manchmal den Kopf weit hinaus, um nach ihrem Herrn zu spähen, wie ich glaubte.

Es war für sie damals überhaupt eine Zeit der heftigsten Aufregung. Häufig erschien sie auf dem Polizeibureau, wo sie vergeblich Nachrichten von dem Mädchen zu finden hoffte, dessen Schicksal ihr so sehr am Herzen lag. Als sie einmal Gryce gegenüber ihre Befürchtung äußerte, daß ihre junge Freundin nicht mehr am Leben sei, versicherte ihr dieser, die Polizei würde jedenfalls Kunde davon erhalten haben, außer wenn sie heimlich getötet und beiseite geschafft worden wäre.

Dies schien ihr einen kleinen Trost zu gewähren, aber beim Fortgehen übermannte sie noch einmal die Verzweiflung, und sie beteuerte, die Sache in ihre eigene Hand nehmen zu wollen, wenn sich in den nächsten zwei Wochen keine Spur der Vermißten finde. Was dann geschehen werde, sagte sie nicht, aber ihre Miene weissagte nichts Gutes.

Auch heute war sie wieder rastlos im Hause umhergeirrt und hatte auf die Schritte des Mannes gelauscht, der gleichfalls keine Ruhe fand. Er kehrte später als gewöhnlich von seinem Ausgang heim. Kaum hatte sie ihn an der Ecke erblickt, so verbarg sie sich rasch hinter dem Vorhang und sah, wie er mit müden Tritten und niedergeschlagener Miene die Stufen hinaufkam und in das Haus trat.

Am nächsten Tage war ich zum Glück wieder wohl genug, um mein Unternehmen fortsetzen zu können. Dies Rätsel zu lösen, dem Geheimnis auf den Grund zu kommen, war jetzt mein einziger Ehrgeiz, und ich widmete mich meiner Aufgabe mit wahrem Feuereifer.

Nachdem ich eine neue Verkleidung angelegt hatte, eilte ich ohne Zaudern Herrn Blake nach. Ich achtete keine Beschwerde, obgleich ich wußte, daß ein weiter mühseliger Marsch an dem kalten Morgen vor mir lag, der höchst wahrscheinlich abermals mit einer Enttäuschung enden würde. Aber diesmal kam es anders. Wir waren noch nicht weit gegangen, als Blake einen Trambahnwagen anrief, welcher gerade die Madison-Avenue herunterkam.

Ich eilte von der andern Straßenseite herbei, um denselben Wagen zu besteigen. Aber plötzlich gab Blake seine Absicht wieder auf; er sah ein Mädchen mit einem Korb am Arme daherkommen, trat ihr rasch in den Weg und redete sie an.

Der Trambahnwagen fuhr zwar ohne mich ab, doch wagte ich mich nicht näher herzu, aus Furcht, Argwohn zu erregen. Ich sah, wie er das Mädchen beiseite zog, das, nach seiner Kleidung zu urteilen, der Hefe des Volkes angehörte. Eine Weile sprach er eifrig mit ihr, dann sah ich sie zusammen die Broomestraße hinuntergehen. Unbekümmert um die Folgen, eilte ich ihnen nach; auf einmal trennte er sich jedoch ganz unerwartet von dem Mädchen und kam mir entgegen, wahrscheinlich um an die Ecke der Madison-Avenue zurückzukehren. Einen Augenblick schwankte ich, was ich tun solle, dann aber überließ ich Blake für heute sich selbst, um dem Mädchen zu folgen, mit welchem er das Gespräch gehabt hatte. Sie war groß, hager und nicht ohne Anmut in Gang und Haltung; das bestärkte mich noch in meinem Entschluß.

Mit einem flüchtigen Blick eilte ich an ihm vorüber; er schien mir in den letzten fünf Tagen um Jahre gealtert zu sein; dann ging ich dem Mädchen nach, die Broomestraße hinunter. Daß ein Mann, wie Herr Blake, eine Person aus der niedrigsten Volksklasse, die in verblichenem Kattunkleide, mit beschmutzter Kapuze, den zerrissenen Marktkorb am Arm, einherging, auf der Straße anredete, war mir ein unlösbares Rätsel. Ich versuchte sie einzuholen, um womöglich ihr Gesicht zu sehen, aber seit ihrer Unterredung mit Herrn Blake schien sie Flügel bekommen zu haben. Eine Schar schreiender Buben, die einem durchgegangenen Pferde nachliefen, versperrte mir den Weg; ich wollte an ihnen vorübereilen, stolperte, fiel – und mit meiner Jagd war es aus. Von weitem hatte ich nur noch gesehen, wie das Mädchen in ihrer Hast an einer Aschenkiste, die am Randstein stand, hängen blieb und sich rasch losriß. Als ich mich wieder aufgerafft hatte, war die Flüchtige verschwunden, an der Kiste aber, zu der ich hinging, entdeckte ich ein verblichenes Stück Kattun, das, wie ich leicht erkannte, zu dem alten Kleiderrock gehört haben mußte, hinter welchem ich noch soeben hergelaufen war. Hierin bestand die einzige Ausbeute, die ich von meinem, im übrigen höchst unbefriedigenden Tagewerk heimbrachte. Ich legte das Stück Zeug sorgfältig in mein Taschenbuch, wo es noch lag, als – aber ich darf den Ereignissen nicht vorgreifen.

Am nächsten Morgen ging Herr Blake nicht zur gewöhnlichen Stunde aus und gegen Mittag sandte mir Fanny die Botschaft, daß er mit Vorbereitungen zu einer Reise beschäftigt sei; zu welcher Stunde er abfahren wolle, und nach welchem Ort, wisse sie nicht, wahrscheinlich werde er aber den Frühzug benutzen.

In großer Aufregung packte auch ich meinen Handkoffer, denn daß ich ihm folgen müsse, unterlag keinem Zweifel.

Ich hatte Gryces Ausspruch nicht vergessen, durch den mein Stolz damals tief gekränkt worden war. Der Erfolg allein konnte mir mein verlorenes Selbstgefühl wiedergeben. Als daher Herr Blake am andern Morgen am Schalter der Hudson-River-Eisenbahn ein Billet nach Putney löste, einem Städtchen im nördlichen Vermont, stand neben ihm ein junger Handlungsreisender, der seltsamerweise eine Fahrkarte nach ebendemselben Orte verlangte. Dies schien den Herrn aber weiter nicht zu überraschen, auch schenkte er jenem nicht mehr Aufmerksamkeit als ein Fremder dem andern. Mißtrauisch schien Herr Blake durchaus nicht zu sein; ich glaube, er hatte damals nicht die leiseste Ahnung, daß er überwacht werde. Ich hütete mich wohl, seinen Argwohn zu erregen, und nahm in einem andern Wagen Platz wie er. Während der ganzen Fahrt von Neuyork nach Putney ließ ich mich nicht wieder vor ihm sehen.

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