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Endlich gefunden

Anna Katherine Green: Endlich gefunden - Kapitel 5
Quellenangabe
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typefiction
authorAnne Katherine Green
booktitleEndlich gefunden/Zwischen 7 und 12 Uhr
titleEndlich gefunden
publisherVerlag von Nobert Lutz
seriesDetektiv Gryce Serie
volumeFünfter Band
printrunDreizehnte Auflage
editorAdolf Gleiner
illustratorGeorg Mühlberg
translatorMargarete Jacobi
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20110713
projectid47184ab7
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Viertes Kapitel.

Eine geheimnisvolle Angelegenheit, meinte Gryce, als wir an der Straßenecke stillstanden, um noch einen Blick auf das Haus und seine Umgebung zu werfen. Warum das Mädchen die Leiter dort heruntergeklettert sein sollte, um ein Haus zu verlassen, das sie ein Jahr lang bewohnt hat, geht über mein Verständnis. Ohne die Blutspuren würde ich das ganze Abenteuer für eine Erfindung halten. Hätte ich nur eine Photographie von ihr. Schwarzes Haar, dunkle Augen, ein bleiches Gesicht und eine magere Gestalt. Und nach dieser Beschreibung soll man ein Mädchen in einer Stadt wie Neuyork auffinden können. – Ach, rief er plötzlich befriedigt aus, da kommt Herr Blake wieder; sein Ausgang ist nur von kurzer Dauer gewesen. Vielleicht kann er die Beschreibung noch vervollständigen. Er eilte auf den Herrn zu und richtete mehrere Fragen an ihn.

Herr Blake stand still, sah ihn einen Augenblick verwirrt an und erwiderte dann so laut, daß ich seine Worte verstehen konnte:

Es tut mir leid, daß ich Ihnen nicht dienen kann, aber ich habe nicht die leiseste Vorstellung, wie das Mädchen aussah. Erst heute morgen habe ich überhaupt erfahren, daß sich eine Näherin in meinem Hause befand. Ich überlasse alle diese Angelegenheiten ausschließlich der Frau Daniels.

Gryce verbeugte sich tief und stellte eine zweite Frage; die Antwort vernahm ich wieder deutlich wie zuvor.

Wohl möglich, daß ich sie gesehen habe; ich begegne den Dienstboten öfters im Hausflur; aber, ob sie groß oder klein, blond oder braun, hübsch oder häßlich ist, weiß ich ebensowenig als Sie, werter Herr. Dann fügte er mit einem vornehmen Neigen des Kopfes hinzu, welches einen Mann in Gryces Stellung wohl hatte verlegen machen können: Genügt Ihnen das?

Dies war offenbar nicht der Fall, denn Gryce stellte noch eine Frage. Herr Blake starrte ihn verwundert an, antwortete jedoch höflich:

Ich kümmere mich nicht um meine Dienstboten, nachdem sie mein Haus verlassen haben. Henry war ein sehr guter Diener, aber nicht fügsam genug, und solche Leute dulde ich nie in meiner Nähe. Ich entließ ihn, und damit war die Sache abgetan; was weiter aus ihm geworden ist, kann ich nicht sagen.

Gryce zog sich mit einer Verbeugung zurück, während Herr Blake mit dem ihm eigenen stolzen Gang an ihm vorüberschritt und wieder in sein Haus trat.

Dem Manne möchte ich nicht in die Hände geraten, sagte ich, als mein Vorgesetzter zu mir kam. Er hat eine Art mit unsereinem zu sprechen, daß man sich ganz klein fühlt neben seiner wichtigen Person.

Doch wird es sich vielleicht gerade so fügen, daß Ihnen diese Erfahrung nicht erspart bleiben kann, entgegnete Gryce, einen Seitenblick auf seinen eigenen Schatten werfend, der ihm auf dem Straßenpflaster folgte.

Ich sah ihn sprachlos vor Erstaunen an.

Wenn das Mädchen nicht von selbst wiederkommt, und es uns nicht gelingt, eine Spur ihres Aufenthalts zu entdecken, so halte ich es für das beste, daß Sie den Haushalt jenes Herrn einer genauen Prüfung unterwerfen. Ist die Geschichte ein Geheimnis, so muß man den Kernpunkt desselben ohne Zweifel dort im Hause suchen.

Ich machte große Augen. Also haben Sie etwas entdeckt, was mir entgangen ist – wie könnten Sie sonst mit solcher Bestimmtheit sprechen?

Ich habe nichts entdeckt, was nicht offen vor jedermanns Blicken lag, der Augen hatte, es zu sehen, erwiderte er kurz.

Beschämt schüttelte ich den Kopf.

Es ging alles in Ihrem Beisein vor sich, fuhr er fort, und wenn Sie nicht imstande waren, die Tatsachen so aufzufassen, daß sich ein Schluß daraus ziehen ließ, so ist das nicht meine Schuld.

Gryces Worte verdrossen mich mehr als ich sagen kann, und während wir nach dem Polizeibureau zurückkehrten, nahm ich mir innerlich vor, ihm wieder eine bessere Meinung von mir beizubringen, ehe diese Sache noch zu Ende geführt war. Zuerst suchte ich den Mann ausfindig zu machen, der in der letzten Nacht die Wache in dem Bezirke gehabt hatte und fragte ihn, ob er in den Stunden zwischen elf und eins irgend jemand durch die Seitentüre von Herrn Blakes Haus habe aus- oder eingehen sehen.

Nein, versetzte er, aber Thomson hat mir heute früh ein seltsames Erlebnis erzählt, das ihm begegnet ist. Er sagt, er sei etwa um Mitternacht in die Gegend dort gekommen und habe an der Ecke der zweiten Avenue unter einer Gaslaterne zwei Männer und eine Frau beisammen gesehen. Kaum hatten sie ihn erblickt, als sie sich trennten, die Männer zogen sich nach der Avenue zurück und die Frau schritt hastig auf ihn zu. Er blieb stehen, um sie zu erwarten, aber statt heranzukommen, hielt sie an Herrn Blakes Gittertüre still und drückte auf die Klinke. Plötzlich fuhr sie jedoch mit wilder, entsetzter Geberde zurück, schlug die Hände vor das Gesicht, und ehe er es sich versah, war sie nach der Richtung hin entflohen, von wo sie hergekommen. Thomson trat verwundert näher und sah durch das Gitter, um womöglich zu entdecken, was sie so erschreckt habe. Zu seiner größten Ueberraschung erblickte er das bleiche Gesicht Herrn Blakes, des Hausherrn selbst, der von der Innenseite her durch die Eisenstäbe schaute. Auch er schrak nun zurück, und ehe er sich wieder gefaßt hatte, war Herr Blake verschwunden. Er sagt, er habe versucht, das Tor zu öffnen, aber es sei verschlossen gewesen.

Erzählte Thomson wirklich diese Geschichte?

Jawohl!

Sie klingt ziemlich unwahrscheinlich, und ich kann Ihnen und Thomson nur raten, nicht allzuviel davon verlauten zu lassen, Schweigen ist Gold, wenn es sich um Leute von Herrn Blakes Stellung handelt.

Ich verließ ihn, um unverzüglich Thomson aufzusuchen. Dieser hatte jedoch dem Bericht nichts hinzuzufügen, außer, daß das Mädchen groß und hager war und sich dicht in ihren Shawl gehüllt hatte.

Zunächst zog ich nun Erkundigungen über Herrn Blakes Familienverhältnisse ein, soweit das unter der Hand geschehen konnte und erfuhr etwa folgendes:

Obgleich er seinen häuslichen Angelegenheiten so wenig Aufmerksamkeit zu schenken schien, sah man ihn doch selten außerhalb des Hauses. Nur wenn es sich um Fragen von großer politischer Wichtigkeit handelte, fehlte er nie in den Versammlungen seiner Partei. In angesehener Stellung und im Besitz reicher Mittel hätte er in der Gesellschaft glänzen können, allein er legte gegen den geselligen Umgang im allgemeinen große Abneigung an den Tag und war nicht einmal zu bewegen, die Einladungen seiner Freunde anzunehmen. Besonders aber vermied er jeden Verkehr mit dem weiblichen Geschlecht; weder auf der Straße noch in irgendeinem Vergnügungslokal, Ballsaal oder Theater, sah man ihn je in Damengesellschaft. Man würde sich bei einem reichen, heiratsfähigen, etwa fünfunddreißigjährigen Mann von angenehmem Aeußern noch mehr über diese Tatsache verwundert haben, hätte er nicht zu einer Familie gehört, die wegen ihrer Absonderlichkeiten bekannt war. Jeder seiner Vorfahren besaß irgendeine seltsame Eigenheit. Sein Vater, obgleich ein Büchernarr erster Sorte, wollte bis zu seiner Todesstunde Shakespeare nicht als Dichter gelten lassen. Herrn Blakes Onkel haßte alle Rechtsgelehrten und sein Großvater hatte einen ausgesprochenen Widerwillen gegen jedes Fischgericht. Dem Beispiel seiner Familie folgend, durfte auch Herrn Blake sich eine besondere Abneigung gestatten – warum sollte er nicht die ganze Frauenwelt hassen? –

Daß dies jedoch nicht immer der Fall gewesen, erfuhr ich von einem Herrn, der ihn in Washington gekannt hatte. Dieser vertraute mir an, Blake habe zu einer Zeit seines Lebens seiner Cousine Eveline Blake große Aufmerksamkeit geschenkt; dies sei die Dame, welche damals viel Aufsehen erregt habe durch ihre glänzende Heirat mit dem alten Taugenichts, dem französischen Grafen de Mirac, der gleich nachher starb. Die Frau Gräfin hatte sich nicht wieder vermählt, hielt sich jetzt in Neuyork auf, stand aber allem Anschein nach durchaus nicht auf freundschaftlichem Fuß mit ihrem früheren Verehrer.

Mir fiel das Bild ein, welches ich in Herrn Blakes Privatzimmer gesehen hatte, und als ich erfuhr, daß die Cousine brünett und eine sehr auffallende Erscheinung sei, glaubte ich schon eine wichtige Entdeckung gemacht zu haben. Gryce, dem ich sie mitteilte, schüttelte jedoch lachend den Kopf und meinte, ich würde wohl tiefer graben müssen, wenn ich die Wahrheit zutage fördern wolle, die auf dem Grunde dieses Geheimnisses läge.

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