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Endlich gefunden

Anna Katherine Green: Endlich gefunden - Kapitel 17
Quellenangabe
pfad/green/gefunden/gefunden.xml
typefiction
authorAnne Katherine Green
booktitleEndlich gefunden/Zwischen 7 und 12 Uhr
titleEndlich gefunden
publisherVerlag von Nobert Lutz
seriesDetektiv Gryce Serie
volumeFünfter Band
printrunDreizehnte Auflage
editorAdolf Gleiner
illustratorGeorg Mühlberg
translatorMargarete Jacobi
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20110713
projectid47184ab7
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Sechzehntes Kapitel.

Nachdem ich den ganzen Tag mit ermüdenden und völlig fruchtlosen Nachforschungen verbracht hatte, kehrte ich abgespannt und niedergeschlagen in mein Quartier zurück, das sich in dem Eckhaus, Herrn Blakes Wohnung gegenüber, befand. In die Gedanken vertieft, welche mich seit einiger Zeit ausschließlich beschäftigten, stieg ich in meiner Zerstreuung eine Treppe zu hoch hinauf und bemerkte dies erst, als ich die Türe des Zimmers, das gerade über dem meinigen lag, zu öffnen versuchte und sie verschlossen fand. Wie ein solcher Irrtum möglich war, ist mir noch heutigentages unbegreiflich, denn der Hausgang oben war lange nicht so geräumig wie der untere, und es gingen mehr Türen auf denselben hinaus.

Ein Gefühl der Beschämung, wie wir es bei dergleichen lächerlichen Mißgriffen meist empfinden, weckte mich aus meiner Träumerei. Ich fuhr hastig zurück und wäre dabei fast über einen Gegenstand gestolpert, den ich mit dem Fuß zertrat.

Da ich auch die geringfügigste Kleinigkeit nie unbeachtet lasse, bückte ich mich darnach und sah beim Schein der Gaslampe, die den Vorplatz matt erhellte, daß es ein Stück rote Kreide war.

Dieser an sich so unbedeutende Fund rief sofort eine halbvergessene Erinnerung in mir wach.

Bei jenem denkwürdigen Besuch in Vermont hatte ich auf einer Türe am Hause der Schönmakers ein rotes Kreuz bemerkt. Es machte damals wenig Eindruck auf mich, und ich würde gewiß nie wieder daran zurückgedacht haben, wäre mir das Stück rote Kreide nicht gerade in einem Augenblick in die Hände geraten, als ich mich so lebhaft mit den Schönmakers beschäftigte. Zugleich fiel mir ein, daß meine Wirtin sich vor einigen Tagen über die neuen Mieter beklagt hatte, die gerade über mir wohnten; sie sprach von zwei Männern und einer Frau, wenn ich nicht irre, und fügte hinzu, da sie pünktlich zahlten, könne sie sich nicht entschließen, ihnen zu kündigen. Ein unbestimmter Argwohn stieg in mir auf, ich ging an die Türe zurück, die ich vorhin in der Zerstreuung hatte öffnen wollen, und betrachtete sie genau, Sie war einfach weiß angestrichen, und nichts Besonderes daran zu sehen. Auf der Nebentüre aber, die zu der andern im rechten Winkel stand, bemerkte ich ein rotes Kreuz, das ganz so aussah, wie dasjenige am Hause der Schönmakers in Granby; es mochte wohl mit der nämlichen Kreide gemacht sein, die ich auf dem Boden gefunden hatte.

Die Entdeckung versetzte mich in große Aufregung. War es denn möglich, daß die Menschen, nach denen ich schon überall gesucht hatte, mit mir im selben Hause wohnten? – Unverwandt starrte ich nach dem bedeutsamen Zeichen; ich horchte mit verhaltenem Atem, und als ich ein unterdrücktes Schnarchen zu vernehmen glaubte, konnte ich kaum dem Verlangen widerstehen, die verschlossene Tür aufzubrechen und einzudringen. Vorsicht ist jedoch mehr wert als Tapferkeit, und nach kurzer Ueberlegung stand ich fürs erste von jeder Gewaltmaßregel ab.

Die ganze Nacht tat ich kein Auge zu, sondern wälzte nur allerlei Pläne in meinem Haupte. Als ich bei Tagesanbruch schwere Fußtritte die Treppe heraufkommen hörte, sprang ich sogleich aus dem Bette, um dem Ankömmling zu folgen. Doch besann ich mich noch rechtzeitig, daß ich am besten tun würde, die Wirtin auszuhorchen, um womöglich zu erfahren, mit was für Leuten ich es zu tun hätte.

Ich fand die Frau schon zu früher Morgenstunde mit häuslichen Arbeiten in der Küche beschäftigt. Sie hatte von Anfang an eine große Vorliebe für mich gefaßt und gab mir gern jede gewünschte Auskunft. Die neuen Mieter waren ihr ein Dorn im Auge, schon wegen ihres schäbigen Anzuges, aber auch aus andern Gründen. Tagsüber verließen sie kaum das Haus, das sie mit ihrem abscheulichen Tabak einräucherten, das Mädchen hielten sie wie eine Gefangene, und wenn sie abends ausgingen, kamen sie oft erst in den frühen Morgenstunden heim. Sie wäre die Menschen lieber heute als morgen los gewesen, aber die Miete – die Miete konnte sie nicht entbehren.

Ich sagte ihr, eine Wirtin müsse oft ein Auge zudrücken und kleine Unannehmlichkeiten übersehen. Solange die Leute pünktlich bezahlen, riete ich ihr, sie ruhig wohnen zu lassen.

Mich dauert nur das Mädchen, fuhr sie fort, das so hübsch, so traurig und krank aussieht. Ich kann es nicht ertragen, das arme Ding immer in dem kleinen Zimmer eingesperrt zu wissen. Man hält es kaum für möglich, daß sie die Tochter des alten Mannes ist, wie er sagt. Sie sollten sie nur einmal sehen –

Freilich, das ist ja gerade, was ich wünsche, und zwar nicht bloß aus Neugier. Soviel ich weiß, ist nämlich auf ihre Entdeckung und Rettung ein hoher Preis ausgesetzt.

Nun gab ich der Wirtin gegenüber alle Verstellung auf und eröffnete ihr, daß ich nicht, wie sie vermutete, ein Buchhalter sei, der eine Stelle suche, sondern Beamter der Geheimpolizei.

Das machte einen großen Eindruck auf sie, und sie ließ sich leicht überreden, mir bei meinem Unternehmen nach besten Kräften zu helfen und niemand ein Wort davon zu sagen. Hätte sie dies Versprechen nicht gehalten, so wäre mein fein angelegter Plan, die Schurken in aller Stille zu ergreifen, schwerlich zur Ausführung gekommen.

Noch am selben Tage bezog ich das Zimmer neben demjenigen mit dem roten Kreuz an der Türe. Ich steckte in den alten Kleidern eines herabgekommenen französischen Künstlers, mit dem ich vor kurzem bekannt geworden war, und dessen Erscheinung und Wesen ich auch sonst nachzuahmen suchte; einige seiner schlechten Bilder hingen sogar als Zierde an den weißgetünchten Wänden. So vorbereitet, begann ich, mit den besten Hoffnungen auf Erfolg, die für meinen Zweck nötigen Beobachtungen anzustellen.

Zu den Eigentümlichkeiten meines französischen Freundes gehörte ein quälender Husten. Um nun seine Persönlichkeit so vollkommen wie möglich wiederzugeben, unterbrach ich die Stille von Zeit zu Zeit durch heftige Hustenanfälle, was zwar für meine Nachbarn nicht gerade angenehm war, aber doch dazu diente, ihnen meine Gegenwart bemerklich zu machen. Es lag mir durchaus nichts daran, die Anwesenheit des Franzosen zu verbergen, im Gegenteil, sie sollten recht genau davon unterrichtet werden, daß ein Stubennachbar eingezogen war, ein schwachsinniges, kränkliches Individuum, das Tag und Nacht seine Türe offen ließ – natürlich nur wegen der Wärme im Hausgang. Außerdem hatte der Mensch die Gewohnheit, im Korridor auf- und abzugehen und jeden, der ihm begegnete, anzureden, wobei er obendrein auf eine höfliche Erwiderung zu rechnen schien. Wenn er sich nicht Bewegung machte oder hustete, saß er der offenen Türe gegenüber an einem Tische und verfertigte allerlei schreckliche Figuren aus Pappe, mit denen er den Kindern ihre paar Pfennige aus der Tasche zu locken gedachte.

Wie sich erwarten ließ, hatte ich kaum dreimal heftig gehustet, als die Nebentüre aufgestoßen ward, und eine rauhe Stimme rief:

Was ist das hier für ein verteufelter Lärm? Werden Sie wohl auf der Stelle Ihr greuliches Gekrächze lassen, oder –

Ich will gehen und nachsehen, wer es ist, hörte ich eine sanfte Stimme sagen, und Luttra Blake kam auf den Flur hinaus. Ich wußte, daß sie es war, noch ehe sie sich der Türe genähert hatte; aufzusehen wagte ich nicht in diesem für mich so wichtigen Augenblick, im Gegenteil, ich beugte mich nur noch tiefer über meine Arbeit.

Sie haben einen schrecklichen Husten, redete sie mich in freundlich teilnehmendem Tone an, gibt es kein Mittel dagegen?

Ich schob meine Arbeit zurück, fuhr mit der Hand über die Augen und blickte auf. Nein, sagte ich kopfschüttelnd, aber er ist nicht immer so schlimm. Entschuldigen Sie, Fräulein, wenn es Sie belästigt.

Sie nahm das Tuch ab, das sie dicht über den Kopf gezogen hatte und näherte sich mir mit leichtem, geräuschlosem Schritt. Mich stört Ihr Husten nicht, aber mein Vater ist zuweilen ein wenig barsch. Wenn er Sie rauh anlassen sollte, so kehren Sie sich nicht daran. Es tut mir leid, daß Sie so krank sind.

Als sie so vor mir stand in dem dunklen Kleide und dem groben Tuch, das Haar einfach geflochten, ohne Schmuck und Zier, lag doch etwas in ihrem Blick und Wesen, das mehr als alle Schönheit zum Herzen sprach.

Sie sind sehr, sehr gütig, ich danke Ihnen für Ihr Mitgefühl, murmelte ich, halb beschämt über meine Verkleidung, die ich doch nur zum Zweck ihrer Rettung trug. Aus dem Nebenzimmer ließ sich ein ungeduldiges Brummen hören, und ich bat sie, zurückzugehen, aus Furcht, der Mann möchte seinen Zorn an ihr auslassen.

Sogleich, versetzte sie, aber sagen Sie mir erst, was Sie da machen.

Das tat ich und ließ dabei mancherlei Andeutungen über meine Persönlichkeit mit einfließen, welche durch sie an ihren Vater gelangen sollten. Sie hörte mir teilnehmend zu, und mehr als einmal sah ich, wie ihre dunklen Augen, von denen ich schon soviel gehört hatte, sich mit Tränen füllten, die teils mir unwürdigem Heuchler, teils ihrem eigenen geheimen Kummer galten. Immer drohender klang jetzt das Brummen des Alten zu uns herüber. Kümmern Sie sich nicht darum, sagte sie im Davoneilen; meine Verwandten machen selbst oft Lärm genug, Sie werden das ohne Zweifel gleich heute abend zu hören bekommen.

Nachdem so die einleitenden Schritte getan waren, begab ich mich doch nicht sogleich an die Ausführung meines Plans, sondern ließ mehrere Tage verstreichen, um mich erst, so gut es ging, mit den Gewohnheiten der verwegenen Menschen bekannt zu machen. Es galt ja nicht nur Herrn Blakes Gattin vor ihrer Wut zu schützen, sondern auch bei der Gefangennahme der beiden baumstarken und wohlbewaffneten Schurken jedes öffentliche Aufsehen zu vermeiden. Mehr durch List als durch Gewalt mußte ich also mein Ziel zu erreichen trachten und mit der größten Sachkenntnis und Umsicht zu Werke gehen, wollte ich zu einem günstigen Ausgang gelangen.

Nach Ablauf von drei Tagen hatte ich etwa folgende Tatsachen ermittelt:

Erstens: Das Mädchen wurde nie allein gelassen, wie die Wirtin ganz richtig behauptet hatte; entweder blieb der Vater oder der Sohn bei ihr.

Zweitens: Obgleich man sie so ängstlich bewahrte, ließ man ihr doch die Freiheit, im Flur auf- und abzugehen, wenn auch nur auf kurze Zeit.

Drittens: Das rote Kreuz schien in einer geheimen Beziehung zur Anwesenheit der Männer im Hause zu stehen, denn es wurde eines Abends fortgewischt, als beide mit dem Mädchen ausgegangen waren, und erschien eine Stunde später wieder an der Tür, als Vater und Tochter allein zurückkehrten.

Viertens: Der Vater machte die nötigen Einkäufe, und der Sohn übernahm offenbar die etwaigen Handstreiche, welche sie vorhatten. Erster ging meist gegen Abend, letzterer nicht vor Mitternacht aus. Doch geschah es häufig, daß der Sohn sich am Nachmittag auf kurze Zeit entfernte, wahrscheinlich um in der Schenke einen Trunk zu tun, den er nicht entbehren konnte.

Fünftens: Es waren Leute von großer Körperkraft aber wenig Gewandtheit; ihr Rücken und ihre Schultern hatten eine furchtbare Breite, aber in den Bewegungen waren sie schwerfällig und unbeholfen.

Als mit Hilfe dieser Ermittelungen mein Angriffsplan endlich zur Reife gediehen war, sah ich mich genötigt, so schwer es mir ankam, meinen Beobachterposten auf kurze Zeit zu verlassen, um mich ins Polizeibureau zu begeben.

Ich legte die Pappfiguren, welche ich während der letzten Tage verfertigt hatte, in ein Körbchen und begann dabei so heftig zu husten, daß der Mann im Nebenzimmer laute Verwünschungen ausstieß, und Luttra mit teilnahmvollem Blick an der Türe erschien und sich mir näherte.

Komm' zurück, schrie der Vater, was hast du immer mit dem krächzenden Halunken zu schwatzen? Der Alte trat auf den Flur und sah uns mit bitterbösen Blicken an.

Was treibt ihr zusammen, und was ist in dem Korbe da? fragte er ingrimmig.

Nur kleine Spielsachen, die er verkaufen will, gab sie leise zur Antwort.

Weiter nichts?

Nein, das ist alles, verlaß dich darauf.

Gnade dir Gott, wenn etwas dahinter steckt, sagte er, ihr die schwere Hand auf die Schulter legend, und führte sie ins Nebenzimmer zurück.

Ich zögerte noch eine Weile, dann schleppte ich mich mit schwachen, wankenden Schritten die Treppe hinunter und begab mich geradeswegs zu Gryce.

Dieser war hocherfreut über meine Mitteilungen. Das Schicksal scheint Sie in diesem Falle zu begünstigen, sagte er; ich bin unterdessen nicht imstande gewesen, auch nur die kleinste Spur zu entdecken. Heute morgen war Herr Blake bei mir; ich sage Ihnen, er wird es an Dankbarkeit nicht fehlen lassen, wenn die Sache zu einem befriedigenden Abschluß kommt.

Ich schlug Gryce vor, Herrn Blake wissen zu lassen, daß wir den Aufenthalt seiner Frau entdeckt hätten, und sie unter unserem Schutze sei. Auch bat ich ihn, mir für den Notfall einige unverfängliche Zeilen in französischer Sprache von Frau Daniels Hand zu verschaffen, natürlich ohne Namen und Unterschrift. Die Haushälterin sollte darin ihrem Glauben an Herrn Blakes Zuneigung für seine Gattin Ausdruck geben, damit letztere Vertrauen zu uns fassen könne. Hing doch das Gelingen meines Vorhabens zum großen Teil davon ab, daß sie sich meinen Anordnungen fügte.

Nachdem Gryce versprochen hatte, mir das gewünschte Billet bis zu einer bestimmten Stunde zu schicken, teilte ich ihm noch die anderen Einzelheiten meines Planes mit und hatte die Genugtuung, daß er sich mit meinen Vorschlagen völlig einverstanden erklärte.

Wir wollen von Herzen hoffen, daß uns der Fang glückt, fügte Gryce hinzu, ich wenigstens werde mein möglichstes tun, um Ihnen zu einem Erfolg zu verhelfen, an den Sie Ihr Lebenlang mit Stolz und Freude zurückdenken können.

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