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Endlich gefunden

Anna Katherine Green: Endlich gefunden - Kapitel 11
Quellenangabe
pfad/green/gefunden/gefunden.xml
typefiction
authorAnne Katherine Green
booktitleEndlich gefunden/Zwischen 7 und 12 Uhr
titleEndlich gefunden
publisherVerlag von Nobert Lutz
seriesDetektiv Gryce Serie
volumeFünfter Band
printrunDreizehnte Auflage
editorAdolf Gleiner
illustratorGeorg Mühlberg
translatorMargarete Jacobi
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20110713
projectid47184ab7
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Zehntes Kapitel.

Die Herrschaften sind noch bei Tische, aber wenn Sie wünschen, will ich Herrn Blake herausrufen.

Das ist unnötig, erwiderte Gryce, führen Sie uns in ein Zimmer, wo wir warten können, bis er fertig gespeist hat.

Der Diener öffnete uns ein kleines, wohnliches Gemach: Ich will meinem Herrn melden, daß Sie hier sind, sagte er und entfernte sich.

Ich lehnte mich in einen bequemen Armstuhl zurück.

Ob er wohl seine Gäste verlassen und herkommen wird?

Schwerlich. Er wird sich gewiß keine Blöße geben und nicht mit einer Miene verraten, was in seinem Innern vorgeht.

Mir bangt vor dem Ausgange, das kann ich nicht leugnen.

Gryce warf einen Blick aus die prächtigen Tapeten und kostbaren Möbel, welche das Zimmer schmückten, und lächelte ingrimmig.

Dazu ist auch alle Ursache, murmelte er.

Jetzt trat der Wiener ein und stellte Weinflaschen und Gläser vor uns auf den Tisch. Herr Blake läßt sich den Herren empfehlen, meldete er; sobald es ihm möglich ist, wird er Sie hier aufsuchen.

Hm! sagte Gryce, als sich der Diener entfernt hatte, mit so bedeutsamem Ausdruck, daß ich die Hand wieder zurückzog, welche ich schon nach der Flasche ausgestreckt hatte.

Besser, wir lassen den Wein unberührt.

Wohl eine halbe Stunde saßen wir vor den vollen Flaschen und horchten bald auf das ferne Geräusch von Gelächter und Tischreden, das aus dem Speisesaal herüberschallte, bald auf das feierliche Ticken der Uhr auf dem Kaminsims.

Jetzt war das Mahl zu Ende und wir sahen die Herren an unserer offenen Türe vorbei nach den Wohnzimmern gehen. Das Diner war einem berühmten Staatsmanns zu Ehren gegeben worden, und die Geladenen gehörten den höchsten Gesellschaftskreisen an. Sie waren in heiterster Laune, man vernahm Scherz und Lachen, und auch Herrn Blakes Stimme wurde laut.

Gryce horchte gespannt auf und zeigte überhaupt in seinem Wesen eine Unruhe, die ihm sonst gänzlich fremd war.

Als sich jedoch die Gäste entfernt hatten, und bald darauf der Herr des Hauses mit höflicher Entschuldigung zu uns ins Zimmer trat, hatte mein Vorgesetzter seine ganze Würde und Festigkeit wieder gewonnen.

Sie kommen zu etwas ungelegener Zeit, sagte Blake mit einem Blick auf die Visitenkarte, welche er in der Hand hielt. Womit kann ich Ihnen dienen, Herr Gryce, sind Sie vielleicht in Wahlangelegenheiten hier?

Ich betrachtete ihn mit Verwunderung. Hatte der große Politiker wirklich unsere Gesichter völlig vergessen, oder ließ er sich herab, eine Komödie zu spielen?

Nein, mich führt ein Geschäft ganz anderer Art her, erwiderte Gryce, das jedoch nicht minder wichtig ist. Warf ich Sie bitten, die Türe zu verschließen?

Herr Blake schien überrascht, willfahrte aber sogleich. Als er wieder zu uns trat, war in seinem Wesen eine Veränderung vorgegangen.

Habe ich Sie nicht schon früher gesehen? fragte er.

Gryce verbeugte sich. Ich hatte die Ehre, Sie schon einmal hier im Hause aufzusuchen.

O ja, jetzt erinnere ich mich, Sie waren wegen der Dienerin hier, die vor etwa einer Woche mein Haus heimlich verlassen hat. Haben Sie etwa ihre Spur entdeckt? Er sprach mit der größten Unbefangenheit.

Wir glauben sie gefunden zu haben, entgegnete Gryce in feierlichem Tone, der Fluß gibt manchmal seinen Raub zurück, Herr Blake.

Was, rief er, aufs unangenehmste überrascht, wollen Sie damit sagen, daß sich das Mädchen ertränkt hat? Das bedaure ich. Eine Person, die in meinem Hause gelebt hat – die Not kann sie nicht dazu getrieben haben.

Um das zu ergründen, sind wir hier, sagte Gryce in festem Tone, aber ohne die Ehrerbietung zu verletzen, die einem Manne in Blakes Stellung gebührte. Da Sie das Mädchen erst kürzlich gesehen haben, sollten Sie imstande sein, uns darüber aufzuklären.

Wenn ich nicht irre, Herr Gryce, so sagte ich Ihnen schon früher, daß ich mich nicht an die Person erinnere und von ihrer Anwesenheit unter meinem Dache nichts gewußt habe. Sie machen sich daher nur vergebliche Mühe mit solchen Fragen.

Ich spreche nicht von Ihren Beziehungen zu dem Mädchen hier im Hause, bemerkte Gryce, sondern von der Unterredung, die Sie, wie wir wissen, vor einigen Tagen mit ihr an der Ecke der Broomestraße hatten. Ist Ihnen das nicht erinnerlich?

Eine dunkle Röte stieg plötzlich in Herrn Blakes Gesicht. Sie gehen zu weit, sagte er stolz; ich sprach vor einigen Tagen mit einem Mädchen an jener Straßenecke, aber daß es die verschwundene Dienerin war, wußte ich damals nicht und werde es auch ohne triftige Beweise nicht glauben. Mir scheint, fuhr er mit Würde und Nachdruck fort, daß die Polizei für gut befunden hat, mich durch einen Spion beobachten zu lassen! Nur auf solche Weise konnte sie Kenntnis davon erhalten, daß ich auf der Straße ein paar Worte mit einem armen, verlassenen Geschöpf gewechselt habe.

Kein ehrenwerter Bürger wird sich dagegen auflehnen, erwiderte Gryce mit einer Ruhe, die meine Bewunderung erregte, wenn die Polizei seine Schritte überwachen laßt, nachdem er durch eigene Unbedachtsamkeit einen Verdacht erweckt hat, der diese Maßregel notwendig macht.

Soll das heißen, daß die Polizei mir wirklich gefolgt ist? fragte er erbleichend und bald Gryce, bald mich mit zornigem Stirnrunzeln anschauend.

Es ließ sich nicht vermeiden, versetzte Gryce ruhig.

Nicht nur hier in der Stadt, sondern auch außerhalb? fragte er, mich entrüstet anblickend, im Tone beleidigter Würde.

Ich überließ es meinem Vorgesetzten, zu antworten. Wir wissen, daß Sie vor kurzem das Haus der Schönmakers aufgesucht haben.

Blake holte tief Atem und sah schweigend zu Boden; dann zog er einen Stuhl herbei, nahm Platz und fragte kurz: Welchen Verdacht hegen Sie gegen mich?

Gryce mochte dies nicht erwartet haben, er wurde rot. Entschuldigen Sie, versetzte er, von einem Verdacht war nicht die Rede. Ich kam, um Sie von dem Tode des Mädchens in Kenntnis zu setzen, mit dem man Sie im Gespräch gesehen hat, und hoffte, Sie würden uns Mitteilungen machen können, die bei der Leichenschau von Wichtigkeit waren.

Sie wissen, daß ich das nicht kann. Wenn die Polizei mir so genau nachgespürt hat, so wird ihr auch bekannt sein, weshalb ich mit diesem Mädchen und auch mit andern gesprochen habe, was mich nach dem Hause der Schönmakers geführt hat und – sind Sie davon unterrichtet? fragte er plötzlich.

Gryce blickte nach dem kostbaren Siegelring am Finger des vornehmen Herrn und lächelte verbindlich. Ich bin bereit, zu vernehmen, was Sie Aufklärendes darüber zu sagen haben, entgegnete er.

Sie glauben, ein Recht zu haben, Erklärungen zu verlangen – darf ich fragen weshalb?

Gryce schien seinen stolzen, schroffen Ton nicht zu beachten. Zwar ist es nicht nach der Regel, versetzte er, aber Sie sollen wissen, was mich, den Polizeibeamten, hierherführt, um einen angesehenen Mann, wie Sie, über seine häuslichen Angelegenheiten auszufragen. Versetzen Sie sich einmal an meine Stelle: Die Wirtschafterin eines hochgeachteten Bürgers kommt zu uns auf das Bureau, um Anzeige zu machen, daß eine Dienerin aus ihres Herrn Hause unter seltsamen Umständen verschwunden ist. Die Frau befindet sich in der größten Aufregung, sagt, das Mädchen müsse gefunden werden, man dürfe keine Kosten scheuen. Als man sie fragt, warum ihr Herr sich nicht selbst der Sache annimmt, braucht sie allerlei Ausflüchte, ja sie läßt bei dem Vorschlag, ihn zu Rate zu ziehen, sogar Zeichen der Furcht blicken. Die Untersuchung in dem bewußten Hause ergibt zuvörderst, daß das verschwundene Mädchen eines der besten Zimmer bewohnt hat; es enthält Bücher und Luxusgegenstände, welche beweisen, daß sie weit über ihren Stand gebildet war. Aus verschiedenen Tatsachen ist ferner ersichtlich, daß die Entführung wirklich, wie die Haushälterin behauptet, durch das Fenster stattgefunden hat. Nicht so klar erwiesen ist, daß die Näherin ganz gegen ihren Willen und mit Gewalt fortgeschleppt wurde, obgleich mehrere Umstände, besonders der zerrissene Vorhang und die Blutspuren auf dem Dache, sowie die bestimmte Versicherung der Frau, welche den Charakter des Mädchens kennt, dies glaubwürdig machen. Hiezu kommt noch, daß auf dem Grasplätze im Hofe ein blutbeflecktes Messer gefunden worden ist, welches der Dienerin offenbar zur Verteidigung gegen ihre Feinde gedient hat; es gehörte zu dem Schreibzeug auf ihrem Tische, und kein Mann würde ein Federmesser mit Perlmuttergriff als Waffe benützen. Frau Daniels, welche die Stimmen in der Nacht gehört hat, behauptet, die Tat müsse von zwei Räubern ausgeführt worden sein.

Zufällig erscheint nun der Herr des Hauses auf dem Schauplätze, legt jedoch die größte Gleichgültigkeit an den Tag; er zeigt nicht einmal das einfachste menschliche Interesse, aus den Mienen und Gebärden der Haushälterin aber spricht Furcht und Grauen, solange er zugegen ist, und die größte Erleichterung, sobald er sich entfernt hat. Dies alles ist schon an sich auffällig genug; man forscht weiter und erfährt noch mehr des Sonderbaren, zum Beispiel, daß der Hausherr um die Stunde der Entführung im Garten war und durch das Gitter blickte, gerade als das Mädchen ihren Hütern entsprang und offenbar in ihr früheres Heim zurückkehren wollte. Sobald sie ihn sah, floh sie jedoch unter Zeichen der äußersten Bestürzung und lief den Räubern geradeswegs wieder in die Arme. – Sagten Sie etwas, Herr Blake? unterbrach Gryce hier plötzlich seinen Bericht.

Der Angeredete schüttelte den Kopf. Nein, erwiderte er kurz, fahren Sie fort.

Es wurde ferner ermittelt, daß jener Herr allen Verkehr mit Damen der höheren Gesellschaftskreise meidet, dagegen aber häufig in den elendesten Stadtteilen umherwandert, wo man ihn an Straßenecken und in abgelegenen Gassen mit armen Mädchen aus der niedrigsten Volksklasse hat reden sehen. Die letzte Person, mit welcher er ein Gespräch hatte, hält man nach gewissen Merkmalen für dieselbe, welche aus seinem Hause verschwunden ist. –

Halt, unterbrach ihn Blake jetzt gebieterisch, das ist ein gänzlicher Irrtum, es ist einfach unmöglich!

Aber aus welchem Grunde?

Das Mädchen hat goldig-glänzendes Haar, und das kann bei der Person, die in meinem Hause war, nicht der Fall gewesen sein.

Ich dachte, Sie erinnerten sich nicht, jene Näherin gesehen zu haben, und wüßten nichts über ihr Aeußeres.

Hätte sie Haar von der Farbe gehabt wie jenes Mädchen, so wäre sie mir wohl aufgefallen.

Gryce öffnete mit bedeutsamem Lächeln sein Taschenbuch: Hier ist eine Probe ihres Haares, sagte er, eine dünne, glänzende Strähne herausnehmend; wie Sie sehen, dasselbe goldrötliche Blond, wie bei dem unglücklichen Geschöpf, mit welchem Sie neulich abends sprachen.

Blake griff mit zitternder Hand danach. Woher haben Sie das? fragte er hastig.

Das Haar war in dem Kamm, welchen die Näherin noch am letzten Abend benutzt hat.

Der stolze Mann gab die Strähne mit unwilliger Gebärde zurück. Was Sie mir bisher eröffnet haben, sagte er, Gryce fest ins Auge blickend, rechtfertigt weder Ihre Gegenwart hier, noch den Ton, welchen Sie mir gegenüber annehmen. Sie verbergen noch etwas. Lassen wir die unnützen Winkelzüge – reden Sie, ich verlange es. Handelt es sich vielleicht um meine Reise nach dem Hause der Schönmakers?

Gryce warf mir einen raschen Blick zu und erhob sich. Sie irren, sagte er, ich bin nur hier, um Licht in das geheimnisvolle Geschick jener Näherin zu bringen.

Dann, mein Herr, erwiderte Blake, ihm mit voller Würde gegenübertretend, ist es hohe Zeit, daß wir diese Unterredung abbrechen. Ich habe Ihnen gestattet, ja Sie veranlaßt, mir Ihren Argwohn darzulegen, weil ich mir bewußt bin, daß mein Tun für diejenigen, welche nicht den Schlüssel dazu besaßen, allerdings befremdlich war. Zu dem Mädchen aber, das hier im Dienst gewesen sein soll, steht nichts, was ich in letzter Zeit getan, gesagt oder gedacht habe, in der allerleisesten Beziehung.

Gryce sah nachdenklich zu Boden: So leugnen Sie also, daß irgendein Zusammenhang zwischen Ihnen und der Dame oder Näherin bestanden hat, welche jenes Zimmer im oberen Stock elf Monate lang bewohnte, bevor sie auf rätselhafte Weise verschwand?

Ich bin nicht gewohnt, meine Aussagen zu wiederholen, versetzte Blake, selbst nicht bei weniger lästigen Anlässen als dem vorliegenden.

Noch nie hatte ich Gryce in solcher Aufregung gesehen. Er griff nach seinem Hut, dessen Krempe er hastig in den Händen zusammendrückte, legte ihn dann aber plötzlich entschlossen wieder hin.

Herr Blake, sagte er mit Würde, was ich noch auf dem Herzen habe, will mir nur schwer über die Lippen. Mein Schweigen könnte jedoch Folgen nach sich ziehen, denen ich Sie nicht aussetzen mag. Die Pflicht wird mich voraussichtlich doch eines Tages zwingen, zu reden, und zwar an einem Orte, wo für Sie die Gelegenheit, sich zu erklären, weniger günstig ist als hier. So gestehe ich Ihnen denn, daß ich Ihrer Versicherung keinen Glauben schenke – das Mädchen, welches unter Ihrem Dache gelebt hat, kann für Sie keine Unbekannte gewesen sein.

Hätte Blake nicht gesehen, daß der Mann vor ihm offenbar aus vollster Ueberzeugung sprach, er würde ihm seine ganze Verachtung zu fühlen gegeben haben. Er bezwang sich mühsam, drückte Gryce den Hut wieder in die Hand und sagte rauh: Es fehlt Ihnen nicht an Mut, aber Sie wissen nicht, mit wem Sie es zu tun haben.

Bevor ich gehe, erwiderte mein Vorgesetzter, möchte ich mich, nicht mit Worten, sondern mit der Tat vor Ihnen rechtfertigen und Ihnen beweisen, daß mich nicht überlästige Zudringlichkeit hergeführt hat, sondern nur ein Wunsch, meine Pflicht als redlicher Beamter zu erfüllen. Ich bitte Sie daher, mich noch einen Augenblick in Ihr Privatzimmer zu begleiten.

Zu meiner Ueberraschung ging Blake auf dies sonderbare Verlangen ein. Das soll geschehen, sagte er, doch werden Sie schwerlich in meinem Zimmer etwas finden, um Ihre Behauptung zu beweisen.

Wenigstens möchte ich den Versuch machen, bat Gryce, und sah zögernd nach mir.

Bringen Sie Ihren Kollegen nur mit, sagte jener, es bemerkend; zu Ihrer, nicht zu meiner Rechtfertigung bedarf es eines Zeugen.

Froh über diese Erlaubnis folgte ich den beiden in fieberhafter Erregung, denn meine Neugier war aufs äußerste gespannt.

Hier sind wir, sagte Blake mit finsterer Miene, als wir eingetreten waren; nun bringen Sie vor, was Sie sagen wollten.

Ohne ein Wort der Erwiderung näherte sich Gryce dem Gemälde, welches, wie bereits erwähnt, den einzigen Schmuck des Zimmers bildete.

Meine Cousine, die Gräfin de Mirac, erklärte Blake in trockenem Ton.

Gryce warf einen gleichgültigen Blick auf die hohe, prächtige Gestalt, dann trat er vor, und sprachlos vor Erstaunen sahen wir ihn das Bild rasch gegen die Wand zu drehen. – Gerechter Himmel – welche Erscheinung erhob sich vor uns auf der Rückseite der Leinwand! Keine üppige Brünette mehr, stolz und schmachtend, sondern – aber, wie soll ich dies Gesicht beschreiben? Man hält unwillkürlich den Atem an, wenn man in solche Züge blickt. Wie ein Heiligenschein wölbte sich das rotblonde Haar um die reine Stirn, und aus den dunklen, rätselhaften Augen sprach unergründliche Gedankentiefe. Mit frommer Scheu betrachtete ich dies Frauenbild, in welchem sich alles Große und Schöne, wovon man je gelesen, zu verkörpern schien; besonders das Haar mit dem zauberhaften Goldglanz nahm mich ganz gefangen.

Wie dürfen Sie es wagen, – stammelte Blake mit halb entrüstetem, halb drohendem Blick auf den Detektiv, welcher, nach dem Bilde deutend, stumm und erwartungsvoll dastand. Welche unerhörte Verwegenheit – wer gestattet Ihnen – War dieser tief erschütterte Mann mit den blutlosen Lippen und den bebenden Händen wirklich der stolze Herr des Hauses? –

Sie sehen hier meine Rechtfertigung, sagte Gryce. Hat das Haar, welches ich Ihnen vor wenigen Minuten zeigte, nicht dieselbe Farbe, die wir hier auf dem Gemälde sehen? – Ja, noch mehr – betrachten Sie dies dunkelblaue Seidenkleid, den fein gemalten Spitzenkragen, dessen Muster man fast wiedererkennt, die Brosche, den Rosenzweig in der Hand der Dame. Und nun kommen Sie mit mir in das obere Zimmer.

Herr Blake schien vor Ueberraschung keines Wortes mächtig; wie ein Kind folgte er dem Detektiv nach dem Zimmer im dritten Stock.

Sie haben meine Behauptung, daß Sie zu jener Emilie in Beziehung gestanden haben müssen, für eine Beleidigung erklärt, sagte Gryce, nachdem er die Gaslampe angezündet hatte, und näherte sich der inhaltreichen Kommode – werden Sie noch dabei beharren, wenn Sie dies gesehen haben? Er zog die Schublade auf, nahm das Tuch hinweg und enthüllte das blaue Kleid, den Spitzenkragen und die Rosen. Frau Daniels versichert, diese Gegenstände seien das Eigentum der Näherin Emilie. Können Sie bestreiten, daß es dieselben sind, welche wir unten auf dem Bilde abgemalt sahen?

Mit einem Schrei war Blake neben der Kommode auf die Knie gesunken. Mein Gott, mein Gott, stammelte er, was hat das alles nur zu bedeuten? Plötzlich sprang er auf, sein Augen flammten, er bebte an allen Gliedern. Wo ist Frau Daniels? rief er, hastig an der Glocke ziehend; auf der Stelle muß ich sie sprechen.

Rufen Sie die Haushälterin her, befahl er, als Fanny auf der Schwelle erschien.

Frau Daniels ist ausgegangen, als die Herrschaften vom Tische aufstanden, erwiderte das Mädchen.

Ausgegangen – zu dieser Stunde?

Ja. Sie geht jetzt sehr häufig aus.

Der Hausherr runzelte die Stirn. Ich will sie sprechen, sobald sie zurückkommt, befahl er und winkte der Dienerin, sich zu entfernen. Dann fuhr er zu uns gewendet fort: Wie diese Gegenstände hier ins Zimmer gekommen sind, vermag ich nicht zu sagen; doch will ich versuchen, Ihnen das Rätsel aufzuklären, soviel in meiner Macht liegt. Ich darf ja unter den obwaltenden Verhältnissen nicht länger hoffen, meine Privatangelegenheiten geheimzuhalten, wie schwer es mir auch fällt, Fremde in mein Vertrauen zu ziehen.

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