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Endlich gefunden

Anna Katherine Green: Endlich gefunden - Kapitel 10
Quellenangabe
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typefiction
authorAnne Katherine Green
booktitleEndlich gefunden/Zwischen 7 und 12 Uhr
titleEndlich gefunden
publisherVerlag von Nobert Lutz
seriesDetektiv Gryce Serie
volumeFünfter Band
printrunDreizehnte Auflage
editorAdolf Gleiner
illustratorGeorg Mühlberg
translatorMargarete Jacobi
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20110713
projectid47184ab7
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Neuntes Kapitel.

Als ich mehrere Tage später mit Gryce zusammentraf, machte er ein sehr ernsthaftes Gesicht. Die beiden Schönmakers geben der Polizei alle Hände voll zu tun, sagte er. Im Norden ist, man ihrer nicht habhaft geworden, hat auch keine Spur von ihnen entdeckt, und jetzt sollen sie sich hier in der Stadt befinden – aber wo –

Weiß man das? rief ich, dann wollen wir sie schon fangen. Ich wette darauf, sie werden uns ins Garn laufen, ehe noch ein Monat um ist. Hoffentlich entpuppt sich dann nicht, daß auch bessere Leute an ihren Schurkenstreichen beteiligt sind. Dabei erzählte ich ihm, was mir Fanny neulich berichtet hatte.

Das Netz zieht sich zusammen, murmelte Gryce, wie die Sache enden wird, kann aber niemand voraussehen. Also » Verbrechen« hat sie gesagt? – Wüßte ich nur, in welchem Winkel das Mädchen, nach dem wir suchen, verborgen liegt!

Es war, als sollte dieser Wunsch auf der Stelle erfüllt werden, denn einer unserer Beamten brachte einen Brief, welchen Gryce sofort öffnete.

Was sagen Sie dazu? rief er, mir das Schreiben hinhaltend, und ich las:

»Der Leichnam eines Mädchens, auf das Ihre Beschreibung paßt, ist heute früh im East River bei der Fünfzehnten Straße aufgefunden worden. Allem Anschein nach ist der Tod schon vor einiger Zeit erfolgt. Wünschen Sie die Tote zu besichtigen, bevor sie ins Leichenhaus geschafft wird, so kommen Sie schnell nach der Werft Nr. 48.

Graham.«

Lassen Sie uns gehen und uns durch den Augenschein überzeugen, rief ich; wenn es wirklich die Verschwundene ist, so – –

Werden wir Herrn Blake wohl heute bei seinen Tafelfreuden stören müssen, ergänzte er.

Als wir eine Stunde später an der Leiche der armen Ertrunkenen standen, graute mir förmlich vor dem Augenblick, in welchem man das Tuch fortnehmen würde, das ihr Gesicht verhüllte.

Der Körper ist noch gut erhalten, sagte der uns begleitende Polizist, als Gryce jetzt einen Zipfel in die Höhe hob; schade, daß die Gesichtszüge schon so entstellt sind.

Wir brauchen das Gesicht gar nicht zu sehen, rief ich, auf das golden rötliche Gelock deutend, das in wirren Massen vom Kopfe der Toten herabhing. Diese Haarfarbe ist schon Beweis genug, daß sie es nicht ist. Mit einem Gefühl der Erleichterung wandte ich mich ab.

Zu meiner Verwunderung folgte aber Gryce nicht meinem Beispiel. Groß, schlank, ein bleiches Gesicht und dunkle Augen, hörte ich ihn murmeln. Schade, daß die Züge nicht besser erhalten sind.

Ich faßte ihn am Arm. Fanny hat ja aber bestimmt ausgesagt, daß ihr Haar schwarz war, und dieses Mädchen – großer Gott! unterbrach ich mich plötzlich, und betrachtete den entseelten Körper genauer – ob blond oder schwarz, jedenfalls ist dies das Mädchen, welches er neulich in der Broomestraße angeredet hat; ich erkenne sie an ihrer Kleidung. Zugleich öffnete ich mein Taschenbuch und nahm den Kattunfetzen heraus, den ich damals cm der Aschenkiste hängen gefunden; Muster und Farbe paßten zu den verblichenen Lumpen, welche die Tote einhüllten.

Er soll mir die Frage beantworten, wer dies arme Geschöpf ist, das hier als Opfer des Verbrechens oder der Verzweiflung vor uns liegt, rief Gryce entrüstet. Dann deutete er auf die Schwielen an Kopf und Armen des Mädchens, die von Schlagen mit einem schweren Werkzeug herzurühren schienen, und fragte den Polizisten, ob noch sonst Spuren von Gewalttat an der Leiche erkennbar seien. Freilich, lautete die Antwort, sie ist allem Anschein nach durch Schläge getötet worden.

Ein rohes, unmenschliches Verbrechen, murmelte Gryce ingrimmig, während er, mit vor Erregung zitternder Hand, das Tuch wieder über das Gesicht des Mädchens deckte.

Etwas steht wenigstens fest, sagte ich, während wir langsam den Rückweg antraten; es kann nicht dieselbe sein, die aus Blakes Haus verschwunden ist.

Das möchte ich nicht mit solcher Gewißheit behaupten.

So glauben Sie also, daß Fanny gelogen hat? Wir haben uns doch aber bis jetzt an ihre Beschreibung gehalten.

Gryce wandte sich lächelnd um und rief den Polizisten herbei, der hinter uns ging.

Ich habe vor einigen Tagen bei der Hafenpolizei eine Anzahl Zettel verteilen lassen; zeigen Sie mir doch einmal den Ihrigen.

Der Mann zog ein Papier aus der Tasche, das er mir auf Gryces Wink einhändigte. Ich las wie folgt:

»Es soll nach der Leiche eines jungen Mädchens gesucht werden, das groß, schlank, und wohlgestaltet ist, mit zarter, weißer Haut und schönem rotblondem Haar von eigentümlich glänzender Farbe. Sobald sie aufgefunden ist, bitte ich, mich zu benachrichtigen.

G.«

Das geht über mein Verständnis, rief ich.

Gryce legte mir bedächtig die Hand auf die Schulter. Wenn Sie wieder einmal ein Zimmer besichtigen, in welchem sich irgendein rätselhaftes Ereignis zugetragen, vergessen Sie nicht, unter die Kommode zu sehen. Sollten Sie dort einen Kamm finden, an dem mehrere blonde Haare hängen geblieben sind, so lassen Sie sich nicht irremachen, selbst wenn irgendeine Fanny erklärt, daß das Mädchen, welches den Kamm benutzt hat, schwarzhaarig ist.

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