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Ellen Olestjerne

Franziska zu Reventlow: Ellen Olestjerne - Kapitel 9
Quellenangabe
typefiction
booktitleEllen Olestjerne
authorFranziska zu Reventlow
year2002
publisherAllitera Verlag
addressMünchen
isbn3-935877-52-8
titleEllen Olestjerne
pages3-171
created20030423
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1903
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Das kleine Abenteuer mit Johnny, das ja eigentlich gar kein Abenteuer war, ging Ellen noch ein paar Tage nach wie ein wohliger Traum, bei dem sie immer wieder lächeln mußte. Sie hätte ihn gerne einmal wiedergesehen, aber die andern hatten natürlich davon erfahren, Zarek war beleidigt und auch Henryk etwas verstimmt. So gab sie es auf, und ihre Gedanken waren auch bald wieder ganz in Henryk gefangen, so daß ihr alles andere unwesentlich vorkam.

Der Frühling kam mit schweren Stürmen, und sie wußten nichts mehr wie diese verzweifelte Leidenschaft, die mit jedem Tag wuchs.

In einer Märznacht waren Walkoff und Ellen bis spät mit den Freunden zusammengewesen; als alles sich trennte, gingen sie in heißer Stimmung zu ihm hinauf. – Dann faßte ihn wieder die Arbeitswut. »Oder bist du zu müde, Ellen?« Nein, sie war nie müde.

Sie stand vor ihm am Tisch, und er arbeitete, da wurde sie auf einmal blaß und fing an zu schwanken. Er konnte sie gerade aufs Bett legen, ehe sie ohnmächtig wurde.

Bald nach diesem Abend stiegen bange Ahnungen in ihr auf, sie wollte sich selbst die tödliche Angst nicht eingestehen, die immer banger und beklemmender auf sie herabsank, suchte sie von Tag zu Tag zurückzudrängen und sagte sich immer wieder: Es kann ja nicht sein, ist zu furchtbar, als daß es sein könnte. Ihr schien, als sähe sie ein Beil herabfahren, das ihr den Schädel spalten wollte, und sie hätte sich verkriechen mögen, um nur nicht daran zu denken. So vergingen Wochen, und endlich wußte sie, daß es wohl nicht anders sein konnte.

Und die Gewißheit, der nicht mehr auszuweichen war, verwandelte ihre Empfindungen. Es war das Schicksal selbst, das dunkel und übermächtig sich vor ihr aufrichtete, und sie beugte sich vor seinem brennenden Blick. Beinahe wie Freude kam es jetzt über sie: sie wollte es ja gerne tragen – ein Kind von ihm – ein Kind ihrer Leidenschaft. Neben all den seltsamen, beängstigenden Gefühlen, die ihrem Körper alle Spannkraft nahmen, erfüllte es sie mit wehmütig ahnender Wonne – ein Kind, ein Wesen, das ganz ihr eigen sein sollte – ihr, der Heimatlosen, die keine Stätte hatte auf der weiten Welt und keinen Menschen, der ihr die Arme auftat.

Als sie es Henryk sagte, konnte sie vor Bewegung kaum sprechen. Sie saß auf dem Bett und sah ihn an, – aber er schien nur erschrocken, ging rasch auf und ab in dem schmalen Raum und blieb schließlich vor ihr stehen:

»Das ist schlimm genug – was soll daraus werden?«

»Vor allem will ich jetzt an Reinhard schreiben, daß alles zwischen uns aus sein muß – das wollte ich ja schon lange.«

»Und dann?«

»Das weiß ich noch nicht – irgendwie wird es sich schon finden.« Ellen lächelte. »Du brauchst keine Angst zu haben, Henryk, daß du mich heiraten mußt. – Du weißt doch, daß ich sowieso hier bleiben wollte, und ich werde mich schon durchschlagen. Wir haben ja alle nichts und leben doch.«

Henryk setzte sich neben sie, war gut und zärtlich: »Laß uns nur noch abwarten, Kind, vielleicht findet sich ein Ausweg, und es ist ja noch nicht so sicher. Geh' an die Arbeit und versuche, nicht immer daran zu denken.«

In dieser Zeit kamen wieder lange Briefe von Reinhard, er drängte zur Entscheidung, sie sollte jetzt von München fortgehen, es nicht mehr hinausschieben, denn wenn sie vor dem Sommer heirateten, war noch vieles zu ordnen. »Was ist mit dir, warum schreibst du nicht? Ich begreife nicht, daß du selbst jetzt nichts anderes im Kopf hast wie deine Malerei – auf alles, was ich schreibe, nicht eingehst.«

Ellen hatte ein langes Schreiben an ihn angefangen, schrieb Bogen auf Bogen, immer wieder konnte sie die Worte nicht finden und begann am nächsten Tag von neuem.

Nachts konnte sie nicht schlafen, wenn sie auch todmüde war. Ihre Gedanken gingen irre durcheinander. – Henryk mit seinem: Was soll daraus werden? – Die Frage drängte sich auch ihr immer unentrinnbarer auf. – Von ihm fordern, daß er für sie und ihr Kind sorgen sollte, sein Künstlertum unterbinden, lähmen? – Nein, er mußte freibleiben, sie wollte sich nicht wie ein Bleigewicht an ihn hängen. Aber was dann? – Dann stand sie vor dem nackten Elend, vor dem Hunger – sie und ihr Kind.

Ihr Geld war jetzt völlig zu Ende, hie und da lieh sie sich etwas von den Bekannten, aß mit Zarek zu Mittag, weiter brauchte sie nichts. Noch vor kurzem hatte es ihr ganz einfach geschienen, jahrelang so weiterzuleben, wenn sie sich von Reinhard trennte. Aber jetzt, wo ihre Kräfte immer mehr versagten, wo sie tagelang mit Ohnmächten und einem entnervenden Schwindelgefühl kämpfte und das kleine Leben in ihr sich immer beängstigender regte – und niemand, der ihr zu Hilfe kam.

Sterben – immer wieder kamen ihre Gedanken darauf zurück – jedes Gefühl in ihr wehrte sich dagegen, aber was blieb ihr sonst? Es muß sein – das sagte sie sich immer wieder vor wie eine Lektion, die nicht in den Kopf hinein will. – Den Brief an Reinhard wollte sie zurücklassen – er war jetzt endlich fertig geworden – und dann von Henryk Abschied nehmen, ohne daß er etwas davon wußte.

Aber er kannte sie zu gut, er wußte immer, was sie dachte, und ihre Angst verriet sich, ohne daß sie es wollte.

»Was hast du vor, Ellen? – Du hast doch nicht schon an ihn geschrieben?«

»Schon?« sagte sie. »Mir scheint, es ist höchste Zeit. Der Brief liegt da und braucht nur noch abgeschickt zu werden.«

»Was hast du vor, Ellen?«

»Ich weiß selbst nicht – laß mich gehen, ich komme morgen wieder.«

Henryk ließ sie nicht gehen, er schloß die Tür zu.

»Ich weiß, was du willst – ich kann es mir denken – aber ich will es nicht.«

Sie konnte sich nicht länger beherrschen und schrie auf: »Laß mich, Henryk! – Es hat ja keinen Sinn, es noch länger hinauszuschieben. – Was soll ich denn tun?!«

»Komm, Kind, sei vernünftig – du hast ja doch nicht den Mut dazu.«

Nein, den hatte sie im Grunde nicht, das Grauen vor dem Tod schüttelte sie, wenn sie klar darüber nachdachte. Aber er sollte sie nur in ihrer Verwirrung lassen, dann würde es schon gehen – irgendwo hinaus ans Wasser und dann besinnungslos hinein, dann war ja alles gut. So setzte sie sich wieder auf das Bett, die Hände vorm Gesicht und wollte nicht antworten, nicht sehen, nichts mehr hören, nur ganz in sich hineinsinken, sich kalt und gleichgültig machen zu dem, was unabänderlich vor ihr stand.

»Du hast mir gesagt, daß der Brief noch nicht fort ist – du darfst ihn überhaupt nicht abschicken, Ellen.«

»Es geht nicht länger – er wartet immer noch darauf, daß ich komme.«

»Du mußt ihn heiraten, Ellen, es bleibt nichts anderes übrig.«

Es ging ihr eisig durchs Herz – ein Schrecken, der furchtbarer war, wie alles andere. Einen Augenblick war ihr zumut, als ob die ganze Welt um sie her zusammenbräche und in einem wirren Haufen zu ihren Füßen niederrollte.

Sie sagte kein Wort, während Henryk immer weitersprach: »Er liebt dich, und ist es nicht besser, wenn einer glücklich wird, als daß wir alle drei zugrundegehen? – Wenn du dir etwas antust, ist mein Leben mitzerstört und seines auch. Oder glaubst du, ich könnte weiterleben mit dem Gedanken, dich in den Tod gejagt zu haben? Ellen, und ich kann dich nicht bei mir behalten mit einem Kind, du weißt es selbst – was sollte aus uns allen werden dabei?«

Nach langer Zeit nahm Ellen die Hände vom Gesicht und sah ihn an. Sie fühlte nur wieder, wie sie ihn liebte, daß ihre Liebe bis an die Grenzen des Wahnsinns ging. Mochte er von ihr verlangen, was er wollte, ihr den Kopf abschlagen, den Lebensnerv durchschneiden – sie hätte ja gesagt und stillgehalten.

»Ja, Henryk, ich will tun, was du willst – mach jetzt die Tür auf.«

Er faßte sie bei den Schultern und sah sie an: »Versprich mir, daß du dir nichts antust.«

»Ja, ich verspreche es dir, aber laß mich gehen.«

Als Ellen nach Hause kam, zerriß sie den Brief an Reinhard und schrieb einen neuen: »Ich komme, sowie alles in Ordnung ist, und bin mit allem einverstanden.«

– Dann saß sie noch lange am Tisch mit geschlossenen Augen: wenn es möglich war, daß Henryk ihr das vorschlug, dann mußte sie es wohl auch tun können und brauchte nicht zu sterben. Sie fühlte keinen Groll gegen ihn – jede Empfindung in ihr war wie gelähmt.

Gegen Abend brachte sie den Brief auf die Post und ging zu Zarek hinauf. Der Fritz war auch da; die beiden sahen, daß Ellen sich kaum mehr auf den Füßen halten konnte und legten sie auf die Matratze, die als Sofa diente. Zarek saß am Kopfende neben ihr und der Fritz zu ihren Füßen. Später kam noch die Dalwendt mit einer Flasche Wein unter dem Mantel; sie war zuerst in Ellens Wohnung gewesen und hatte sie dort nicht gefunden.

»Sagen Sie, Fräulein, was ist mit dem Kind?« sagte Zarek, während er die Gläser füllte. »Geht sie herum wie Geist, lacht nicht mehr und fällt um jeden Augenblick.«

Der Fritz streichelte ihre Füße und beugte sich etwas vor: »Ja, du bist ganz verändert – wir haben schon oft davon gesprochen die letzte Zeit. Du mußt krank sein, Ellen, und ich glaube, es wird dir auch arg schwer fortzugehen?«

Zarek hatte sich wieder auf seinen Platz gesetzt:

»Darfst du ihr nicht mehr streicheln, Fritzl, ist sie bald verheiratete Frau mit Baby auf dem Arm und Kochlöffel in der Hand. – Fräulein, sagen Sie ihr, ist Blödsinn heiraten für solche Ellen. – Kommt sie nie wieder und vergißt uns alle.«

Ellen begegnete dem Blick ihrer Freundin – sie war die einzige, die von ihrem Verhältnis zu Henryk wußte, und die wohl jetzt auch den ganzen Zusammenhang ahnte. Sie hatte ein seltenes Vermögen, mitzuwissen und mitzufühlen, auch das, was man ihr nicht mit Worten sagte, weil Worte zu wehe taten.

»Ich glaube doch, daß Ellen wiederkommt«, meinte sie in ihrer langsamsten Weise, »und warum soll sie nicht heiraten, wenn ihr Mann sie weitermalen läßt.«

Zarek hob feierlich sein Glas: »Prost, Fräulein, stoßen wieder an auf Kunst. – Braucht man nicht treu sein Männern, wenn man nur treu bleibt in Kunst. Seid ihr tapfre Weiber und gute Kameraden. – Mach nicht so traurige Augen, Ellen – sehen wir uns alle wieder.«

Nein, sie war nicht traurig, – ihr war nur, als ob nichts wieder ein Gefühl in ihr zu lösen vermöchte. – Da saßen sie, die Freunde, die Kameraden, mit denen sie das Leben so froh geteilt hatte, und sie begriff es selber kaum, daß sie es über sich gewann, ihnen nicht ihr ganzes Elend ins Gesicht zu schreien. Aber was bedeutete es jetzt noch, daß sie auch die alle verlieren sollte – mochten die Räder über sie hingehen und alles zermalmen, daß nichts mehr übrig blieb. Ihr Schmerz war keiner, den man ausrasen oder ausweinen konnte, mit eiserner Wucht lag es auf ihr, drängte sich mit tausend glühenden Fangarmen in ihre Seele hinein und preßte sie zu einem fühllosen Etwas zusammen. – Das einzige, was noch in ihr lebte, war der Gedanke an das Kind – ihr Kind und Henryks – das mußte geborgen werden – dafür geschah ja das alles. Ihr war wie einem Menschen, der sein Haus brennen sieht und hineinstürzt, um ein Kleinod zu retten, an das er bis dahin kaum gedacht hat. Aber jetzt in diesem Augenblick weiß er nichts mehr, als daß dies Eine geborgen werden muß, – alles übrige mögen die Flammen verschlingen, mag einstürzen, ihn selbst mitbegraben, darauf kommt es nicht mehr an. – Ellen wollte jetzt so rasch wie möglich fort von München, – aber jeden Tag, der ihr noch blieb, trank sie in sich ein wie einen Becher mit schwerem Wein – die letzte Wollust und die letzte unergründliche Qual ihrer Liebe – das dunkle Weh ihrer Mutterschaft von diesem Mann, den sie liebte. Das wenigstens durfte sie mit sich nehmen, wenn sie alles andere hinter sich zurückließ.

Am letzten Tage war Henryk bei ihr – Ellen ging im Zimmer herum und ordnete ihre Sachen – er folgte ihr mit den Augen, bis sie kam und sich neben ihn setzte.

Nun ging eine plötzliche Erschütterung durch ihn und er umschlang sie fast gewaltsam.

»Wirst du mich auch nicht hassen, wenn du fort bist?«

»Nein, nein«, sagte Ellen und lächelte mit einem starren Blick, der weit in die Ferne ging. Henryk legte den Kopf an ihre Schulter und weinte. – Die ganze Unseligkeit ihres Opfers kam über sie, sie fürchtete jetzt, noch ihre Kraft zu verlieren.

»Ellen – Kind – ich glaube, du tust das Ganze nur für mich, und ich wollte, du solltest es für dich selber tun.«

Sie hatte nicht gewollt, daß er das fühlen sollte, es war, als ob sie ihn dadurch beschämen, zu ihrem Schuldner machen würde – das war unerträglich, wo man so liebte.

»Ellen, du wirst mich doch einmal hassen.«

»Nein«, sagte sie noch einmal, »du hast mir zu viel gegeben, Henryk – das vergesse ich nie. Von dir hab' ich erst die Seele bekommen, vorher hatte ich keine. – Das andere ist Unglück, Schicksal – dagegen kann man nichts machen. Du hast mir doch oft gesagt, daß es auf das Leben nicht ankommt, ich meine darauf, wie man äußerlich lebt – wenn man nur die Kunst hat und darin – das hätte ich ohne dich vielleicht nie so gefunden. Das bleibt mir ja – ich werde niemals loslassen.«

»Und das Kind?«

»Nein, Henryk, ich habe nur Dank für dich – glaub' es mir.«

»Ja, wenn wir hätten beisammen bleiben können. – Denn das will ich dir jetzt noch einmal sagen, Ellen, ein Weib wie dich werde ich nie wiederfinden, nie. Und du wirst etwas leisten in der Kunst, wenn du treu bleibst. Willst du dann auch noch etwas an mich denken und an alles, was wir zusammen gelebt und gesprochen haben?«

Das letzte, was Ellen von München sah, war Henryk, der auf dem Perron stand, unter der dunklen Riesenhalle, im Frühlingsabend, und zu ihr hinaufsah. – Selbst in dieser Stunde fühlte sie keine Verzweiflung, kein zerreißendes Entsagen, ihr war nur, als ob sie einen Sarg mit sich führte, in dem ihre Jugend, all ihr Glücksverlangen und ihre Liebe lag, während sie dahinfuhr, einer fremden, gleichgültigen Zukunft entgegen – fremd und gleichgültig, weil ja doch alles gestorben war – eine lange, stumme Totenwache, während der Zug rollte und rollte.

 

Ein paar Wochen später war Ellen Reinhards Frau – und ihr Zusammenleben gestaltete sich vom ersten Tage ganz anders, wie er gedacht hatte.

Er war auf einen langen, schwierigen Kampf gefaßt, auf ihren stets bereiten Widerspruch gegen tausend Dinge, die ihr jetziges Leben und seine Stellung verlangten. Aber nur einmal, als die Rede davon war, sie wieder mit ihrer Familie zu versöhnen, sträubte Ellen sich so wild gegen jede Annäherung, daß er schließlich nachgab. Sonst ließ sie alles fast willenlos über sich ergehen, selbst über die kirchliche Trauung verlor sie kein Wort, wahrend sie früher bei dem bloßen Gedanken in Empörung geriet. Überhaupt fand er sie seltsam verändert – nichts mehr von ihrem alten Übermut und dafür etwas Stilles, in sich Gekehrtes und eine Weichheit, die er früher nicht an ihr gekannt hatte. Mit Staunen sah er, daß Ellen sich ihrer Häuslichkeit annahm und das äußere Leben sich ohne Schwierigkeiten abwickelte. Was mochte es sie gekostet haben, sich von ihrem sorglosen, ungebundenen Leben in München loszureißen, und dem wollte er Rechnung tragen, es ihr so leicht machen, wie nur möglich. Es entsprach ihrer beider Wunsch, still und zurückgezogen zu leben, sich den Tag so einzurichten, daß jeder seiner Arbeit ungestört nachgehen konnte. Und Reinhard sah auch, wie der Gedanke an ihre Malerei sie mit einem fast verzweifelten Ernst erfüllte – bei ihm sollte sie nicht gehindert und eingeengt sein, er wollte alles in ihr pflegen, in Ruhe und Liebe. Denn die hatten ihr bisher immer gefehlt, und er fühlte wohl, daß ihre Seele Wunden trug. Nur kam ihm nie der Verdacht, daß ein anderer Mann ihr die geschlagen haben mochte.

Und für Ellen war es fast überwältigend, all diese umsorgende Liebe zu fühlen, die nur darauf bedacht war, ihr Leben so zu gestalten, wie sie es wünschte und brauchte. Zuerst, nach ihrer Rückkehr aus München, war sie bei Reinhards Familie gewesen, wo sie vor jedem Blick zitterte und gewaltsam ihre körperliche Schwäche niederzwingen mußte, um keine Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Es schien ihr fast undenkbar, daß niemand ihr Geheimnis erraten sollte. – Und dann der Hochzeitstag, die Junisonne lachte, und sie sah in lauter strahlende Gesichter, hörte lauter frohe Worte und Stimmen und sollte selbst lächeln und viele heitre Worte sagen, während die beklemmende Angst in ihr immer höher stieg. Nur eine kurze Stunde vor der Trauung war sie allein in ihrem Zimmer, da warf sie sich aufs Bett und weinte zum erstenmal in all den Wochen bange und verzweifelt – dann kam Reinhard, um sie zu holen, und abends langten sie in ihrem neuen Heim an.

Und jetzt, wo sie mit ihrem Mann zusammenlebte, wuchs die Gefahr mit jedem Tag unentrinnbarer empor. Immer klarer kam es ihr zum Bewußtsein, wie wahnsinnig und unüberlegt sie gehandelt hatte, es konnte nicht lange mehr dauern, dann war es nicht mehr zu verbergen. Und wie sollte sie ihn dann täuschen? Sie hing wie ein Schiffbrüchiger mitten im Meer an einem Balken, der jeden Moment hinweggespült werden kann – mit der unsinnigen, unmöglichen Hoffnung, daß noch irgend etwas kommen möchte, sie zu retten. – Dazwischen glaubte sie wieder Henryks Stimme zu hören: Hart sein, Ellen, stark sein – und sie fühlte sich fast übermenschlich stark in diesem einsamen Kampf.

Reinhard begann allmählich sich um ihre Gesundheit zu sorgen – Ellen hatte gleich wieder angefangen zu arbeiten, aber wenn er nachmittags aus seinem Büro kam, fand er sie meist auf dem Sofa, oder sie saß in dem leeren Zimmer, das ihr als Atelier diente, mitten unter ihren Malsachen und Skizzen und starrte vor sich hin.

 

Es waren jetzt sechs Wochen vergangen, seit Ellen aus München kam.

Sie saßen sich abends gegenüber an Reinhards großem Schreibtisch.

»Willst du mir etwas helfen?« fragte er. »Ich habe heute schon so viel geschrieben.«

Er litt manchmal an Augenschmerzen und liebte es, dann zur Abwechslung zu diktieren. So setzte Ellen sich an seinen Platz und begann zu schreiben.

»Bist du müde?« fragte er ein paarmal. Ellen schüttelte den Kopf. Sie fühlte seit ein paar Tagen Schmerzen, die jetzt gegen Abend immer heftiger wurden. Eine Viertelstunde nach der anderen ging vorüber und sie biß heimlich die Zähne zusammen, während eine ratlose Angst durch ihre Gedanken wirbelte. Inzwischen schob sie die Lampe so, daß ihr Gesicht im Schatten war.

Als die Arbeit zu Ende war, stand Reinhard auf: »Danke, Ellen, hast du dich auch nicht zu sehr angestrengt?« Er sah, daß sie sehr blaß war. »Geh nur gleich schlafen.«

Ellen hatte ihr eigenes Zimmer neben dem Atelier.

Was sie während dieser langen Nachtstunden durchlebte, erfüllte sie mit solchem Entsetzen, daß sie glaubte, ihre Haare müßten weiß werden oder eine sichtbare Spur in ihren Zügen zurückbleiben. Stundenlang lag sie alleine da in der Nachtstille unter unerträglichen Qualen, die nicht laut werden durften, und ließen die Schmerzen nach, so kamen all die Gedanken, die sie fast noch mehr folterten. – Ihr Kind – Henryks Kind, nun war alles umsonst gewesen; wie sollte sie jetzt noch weiterleben? – Es hatte eine Zeit gegeben, wo sie selbst gewünscht hatte, es möchte so kommen. Aber seit sie von Henryk Abschied nahm, war all ihr Sehnen zu diesem ungeborenen kleinen Wesen hinübergeglitten, das in ihr schlummerte. Der Gedanke an ihr Kind war der einzige leuchtende Hoffnungsschimmer gewesen, der ihr blieb, um den sie alles auf sich genommen hatte. Und nun war auch der verloschen.

Endlich verrann die Nacht, dann lag sie da in der Morgendämmerung, ihre Augen hingen an der Wanduhr gegenüber, deren Zeiger langsam vorrückten. Ihr schien, als ob sie von Minute zu Minute schwächer würde und ihr Leben in langsamen Wellen zu entfluten drohte.

Gegen neun Uhr klopfte Reinhard leise an: »Schläfst du noch, Ellen?« Sie antwortete nicht, er blieb noch einen Augenblick stehen, sie hörte ihn ein paar Worte mit der Aufwärterin sprechen, die jeden Morgen kam, dann ging er und zog die Haustür vorsichtig hinter sich zu.

Als er nachmittags zurückkam, war Ellen wieder auf – sie hatte ihren gewohnten Spaziergang gemacht und fühlte sich ganz wohl. So schleppte sie sich noch ein paar Tage hin, dann warf es sie plötzlich nieder. Sie nahm ihre letzten Kräfte zusammen und schickte erst zum Arzt, wie ihr Mann aus dem Hause war.

Als sie wußte, daß der Arzt schweigen würde, kam zum erstenmal eine tiefe dumpfe Ruhe über sie. Lange Tage lag sie nun schwerkrank in dem halbdunklen Zimmer, Reinhard saß neben ihr, sorgte für sie in seiner fast mütterlichen Liebe, und Ellen fühlte nun das Unbegreifliche, daß sie gerettet war.

Etwas über ein Jahr war verflossen, als Ellen wieder nach München fuhr.

Sie saß im Zug und dachte an jene lange Fahrt damals, die Totenwache über den Trümmern ihres ersten heißen Jugendlebens. Und wie dann alles gekommen war, sich von neuem aufgebaut hatte, anders freilich, wie ihre jungen Träume es gewollt hatten. Mit tiefem Heimweh gingen ihre Gedanken zu Reinhard hin – wie er jetzt so allein war, sie so ruhig hatte gehen lassen, ohne zu ahnen, was alles wieder in ihr aufwachen mußte, und mit wie schwerem inneren Bangen sie sich von ihm getrennt hatte.

Als sie dann den ersten Morgen im Hotel aufwachte und durch die wohlbekannten Straßen ging, kam wieder das alte jubelnde Lebensgefühl über sie, als ob sie eine andere Luft atmete, in der so viel Leichtes, Frohes, Junges lag, und die manche vergangene Schmerzen wegblies.

Ihr erster Gang war zu Zarek, er saß wie einst auf seinem Bett und stritt mit dem Maxl, – es sah aus, als hätten sie sich in all der Zeit nicht vom Platz gerührt. Beide waren sprachlos erstaunt, als sie Ellen hereinkommen sahen. Dann faßte Zarek sie um und tanzte mit ihr durchs Atelier: »Sapristi – ist kleines Ellen wieder da!«

»Habt ihr mich denn wirklich nicht vergessen?« sagte sie ganz gerührt. Nun drehte er sie um und sah sie von allen Seiten an.

»Bist du noch ganz wie früher, aber hast du dir wieder lange Haare wachsen lassen – doch ein bissel Frau geworden.«

»Kinder, Kinder«, sagte Ellen überwältigt, »wie schön, euch wiederzuhaben!«

»Hast du viel gemalt?« fragte der Maxl.

»Oh, es geht, ich war meist nicht recht gesund, aber das kommt alles noch.«

»Wie viele Babys hast du denn schon?«

Einen Augenblick ging es wie ein Schatten durch ihre Augen. »Was denkt ihr denn? Gar keins.«

»Sag mal, Kind, bist du denn wirklich geheiratet? – Glaubt es niemand. Weißt du noch, wie alte Tanten in der Schule sagten: Der Mann muß Mut haben. Dachten alle, würde dein Mann dich nach vier Wochen zurückschicken.«

»Nein«, sagte Ellen auf einmal ganz ernst, »über meine Ehe dürft ihr keine schlechten Witze machen. Ich habe noch nie einen Menschen gekannt, wie meinen Mann, er will selbst, daß ich jedes Jahr wiederkomme und hier male.«

»Muß feiner Kerl sein«, sagte Zarek bewundernd, »Hab' ich so viel Angst gehabt, du würdest Philister. – Bleibst du jetzt hier?«

»Noch nicht, ich gehe mit der Dalwendt aufs Land, um mich erst ganz wieder zu erholen.«

 

Gegen Mitte Mai war Ellen dann mit ihrer Freundin auf dem Land in einem kleinen Gebirgsdorf. Der Frühling kämpfte noch mit Sturm und Regen, dazwischen kamen warme Tage, wo die Sonne schien wie mitten im Sommer. Ellen lag in ihrem bequemen Stuhl auf dem Balkon und las einen Brief von Reinhard.

»In sechs Wochen wird er wohl Urlaub nehmen und mir nachkommen«, sagte sie und reckte sich. Die Dalwendt ließ ihr Buch in den Schoß sinken, sie war groß und kräftig, mit schwerem blonden Haar und etwas trägen Bewegungen. Ellen fand es sehr angenehm, mit ihr zu leben, sie war wie eine Schatulle, in die man alle Geheimnisse einschließen konnte und nur hervorholte, wenn man eben wollte, niemals sprang sie von selbst auf. Und dann ließ sie sich jede Stimmung suggerieren, empfand gerade das, was man wünschte. So wußte sie jetzt auch gleich, daß Ellen an Reinhard und Henryk dachte.

»Dein Mann muß ein seltener Mensch sein«, sagte sie.

»Ja, das ist er – ich hab' ihn eigentlich erst kennengelernt, nachdem wir heirateten, und wir sind doch sehr glücklich zusammen gewesen. – Siehst du, es war mir etwas so ganz Ungewohntes, ein Heim zu haben. Reinhard ist fast wie eine Mutter gegen mich, ich weiß nicht mehr, wie ich ohne ihn leben sollte. – Aber manchmal frage ich mich doch wieder, ob ich überhaupt für ein friedliches Dasein geschaffen bin. Wenn du mir von München und euch allen schriebst, bekam ich oft rasendes Heimweh nach dem ganzen Leben von damals, als ob das das Eigentliche wäre. – Man ist doch im Grunde schrecklich feig.«

»Warum feig?« fragte die Freundin nachdenklich.

»Weil man nie den letzten Mut zu sich selbst hat, wie wir in unsrer Ibsenklubzeit sagten. – Hätte ich den, so würde ich Reinhard alles sagen und mich von ihm trennen. – Ich meine nicht nur das, was ich damals getan habe, – auch daß ich überhaupt nicht imstande bin, fürs ganze Leben nur einem Menschen zu gehören. Solange ich bei ihm war, hab' ich mir das nie so klargemacht, aber jetzt geht es wieder alles in mir hin und her.«

»Hast du Henryk gesehen?«

»Nein, er war nicht da, – aber wenn ich das nächste Mal in die Stadt fahre, werde ich ihn wohl sehen. Übrigens, daß er mit der Anna zusammen ist« – die andere sah sie etwas unruhig an, aber Ellen verzog keine Miene. »Nein, ich hab' nie daran gedacht, daß es zwischen uns wieder anfangen könnte – das ist vorbei. Es ist doch wohl etwas Wahres daran, daß man nur einmal liebt – wenigstens so, daß man sein ganzes Leben auf eine Karte setzt.«

»Ein paarmal habe ich ihn gesprochen«, sagte die Dalwendt, »als du fort warst – damals war er drauf und dran, dir nachzureisen. ›Ich hätte sie nie heiraten lassen sollen‹, sagte er.«

Ellen antwortete nichts, diesmal zuckte doch ein tiefer wunder Schmerz in ihr auf.

»Nein – aber weißt du, wen ich neulich getroffen habe«, sagte sie nach einiger Zeit, »den Johnny. Ich ging mit ihm auf sein Atelier, und wir sprachen vom Karneval damals. Er hat so etwas, was einen in fröhlich frivole Stimmung bringt. Wir fanden es beide eigentlich schade, daß wir damals nichts weiter zusammen erlebt haben.«

»Das ist es ja immer«, meinte die Freundin bedächtig.

»Es ist ein Gefühl, das mich ganz wild machen kann, wenn man daran denkt, was man alles nicht erlebt und was so vorbeigeht. Ich möchte mehrere Leben nebeneinander haben – eines dürfte dann meinetwegen tragisch sein und entsagend mit einer großen stillen Liebe – ›gut und glücklich‹ sein – verstehst du, aber das andere – nur hineinstürzen und alles über sich zusammenschlagen lassen. – So war mir neulich bei Johnny zumut – als ich ging, fragte er, ob ich ihm nicht jetzt den Kuß geben wollte, um den er mich damals nicht gebeten hat. – Nachher dachte ich wieder an Reinhard.«

»Es ist doch sonderbar«, sagte die Dalwendt langsam und wartete ab, was Ellen sonderbar finden würde. »Ja, siehst du, das ist es eben, wenn man mit einem Menschen lebt und ihn sehr lieb hat – da ist man immer gezwungen, durch seine Empfindungen zu sehen. Und das gibt dann diesen fortwährenden Widerspruch. Für Reinhard würde alles zwischen uns aus sein, wenn ich ihm untreu wäre, und für mich würde es dann vielleicht gerade anfangen – wenn er verstände, daß ich auch anderen gehören kann. Warum muß man gerade verheiratet sein – Kommen und Gehen, eine Weile zusammenleben und sich dann wieder trennen – mir läge das viel näher, überhaupt das Erotische als etwas Zufälliges nehmen, sonst geht es mit der Zeit auch verloren.«

»Du hältst ja förmliche Reden, Ellen, das ist man an dir gar nicht gewöhnt.«

»Ja, früher hab' ich auch über die Sachen nicht viel nachgedacht. – Mein Gott, als ich von euch fortging, damals glaubte ich, daß nun alles für mich zu Ende wäre – ›die große Entsagung‹ und die Kunst – auf das Leben kam es nicht an. Das hatte Henryk mir alles eingeredet, aber wie soll man jemals etwas schaffen können, wenn man nicht sein eigentliches Leben lebt? Wir hatten doch recht mit unsren pathetischen Jugendredensarten. – Und mein Leben muß ich auch wieder leben, wenn es auch noch so viel kostet.«

»Aber diesmal würde es dich viel kosten, Ellen, äußerlich. Du sagst doch selbst, daß du nicht mehr so eisern kräftig bist wie früher.«

Ellen hatte sich ganz heiß geredet, nun stand sie auf und dehnte sich: »Siehst du, das ist mir auch ein wunder Punkt – der allerwundeste. – Fortwährend haben sie mich in München darauf angeredet, daß ich schlecht aussähe – und ich fühl' es ja auch selbst, daß mir irgend etwas fehlt, schon seit langem. Fast das ganze Jahr hindurch war ich immer wieder krank. Aber ich will einfach nicht krank sein – womöglich noch ein inneres Leiden, – das ist mir von jeher ein schrecklicher Begriff gewesen. – Laß uns um Gottes willen nicht mehr davon sprechen.«

 

Bald nach diesem Gespräch fuhren sie zusammen in die Stadt.

Henryk hatte jetzt eine andere Wohnung. Als Ellen die Treppe hinaufstieg, kam ihr alles so fremd und öde vor. Aber sie wollte ihn wiedersehen, vielleicht nur dies eine Mal noch – nicht etwas von ihrer einstigen Leidenschaft wiederfinden, die hatte sie längst ins Grab gelegt und sie sollte nie wieder erwachen. Nur ihm noch einmal in die Augen sehen und ihm sagen, daß sie nicht unterlegen und zerbrochen war. Er machte selbst die Tür auf, als sie läutete.

»Ellen.«

Sie war selbst verwundert, daß dies Wiedersehen sie völlig ruhig ließ. Er wollte sie umarmen, aber sie wich ihm aus.

»Du bist ganz fremd geworden, Ellen.«

»Ja, das bin ich wohl auch.«

Dann saß sie auf dem Sofa und ließ ihre Blicke umhergehen; es sah nicht mehr so armselig bei ihm aus wie früher. Henryk stand immer noch vor ihr: »Warum bist du dann wiedergekommen?«

»Um zu malen, nicht zu dir.«

Beide schwiegen eine Zeitlang, sie suchte etwas von ihm wiederzufinden, von dem alten Zauber, der einstmals von ihm ausgegangen war, – ging im Atelier herum und sah seine Bilder an, es war immer noch dieselbe wilde, unfertige Malerei wie damals. Dabei antwortete sie halb mechanisch auf seine Fragen.

In der Ecke stand eine größere Leinwand – eine schwarzhaarige Frau mit dem Kind an der Brust, einem ganz kleinen Kind, das beinah formlos aussah, wie kaum zum Leben erwacht – Ellen erkannte das Gesicht.

»Ist das nicht die Anna, die uns damals Modell stand?« Dann drehte sie sich plötzlich um und sah ihn an. Henryk war sichtlich verlegen und verwirrt.

»Ich dachte, das würden dir die andern längst erzählt haben.«

»Ist es dein Kind?« Ihre Blicke begegneten sich. Ellen war langsam blaß geworden. In den wenigen Sekunden war alles wieder in ihr aufgewacht – die ganze Zeit, wo sie hilflos herumging mit seinem Kind unter dem Herzen, nicht wußte, wo sie es bergen sollte und sich selbst – die Heimreise – ihre Hochzeit – all die Todesangst, das Grauen, als es ihr wieder genommen wurde. Und ihre Schuld war ihr etwas Großes und Heiliges gewesen, das sie aufrecht erhielt. Jetzt lag plötzlich alles in einem ganz anderen Licht da – warum hatte sie sich so wehrlos dahintreiben lassen von diesem Mann, der ihr Kind nicht wollte, und der ihr jetzt so fremd und armselig vorkam – warum war sie ihm zuliebe über sich selbst hinweggegangen? – Ihr Kind nicht gewollt, es kam ihr vor, als sei es seine Schuld und sein Wille gewesen, daß es niemals gelebt hatte.

»Was hast du mit mir gemacht, Henryk?« sagte sie endlich.

»Wie meinst du das, Ellen, glaubst du, es wäre besser gewesen, du säßest jetzt im Elend wie das Mädchen da?«

»Tausendmal besser – denn du hast mich Komödie spielen lassen mit meinem Leben und mich glauben gemacht, es wäre ein großes Trauerspiel. Du konntest so schön reden.«

»Reut es dich jetzt, daß du das damals für mich getan hast? – Ich hätte es mir ja denken können.«

»Nein, aber ich finde es jetzt beinahe lächerlich.« Ellen hatte ein Papiermesser vorn Tisch genommen und bog es zwischen den Fingern hin und her, bis es plötzlich durchbrach. Dann sah sie auf, ihm in die Augen, und warf ihm das Messer vor die Füße:

»Siehst du, das ist auch Theater, aber ich habe es von dir gelernt – so hast du es damals mit meinem Leben gemacht. – Komm, gib mir die Hand, wir können ja das übliche Ende machen und als Freunde scheiden, und dann gehe ich mir einen andern suchen – ich weiß, wo er zu finden ist.«

 

Reinhard – ihr stilles heimatliches Glück bei ihm – und auch all das bange vergangene Leid –, das lag irgendwo in weiter Ferne, wo ihre Gedanken nicht hinkamen, – um sie her wogte nur ein taumelnder Rausch, der alles übertäubte, und das Leben leuchtete ihr wieder in ungebrochener Jugend, als ob sie nie von seinen Tiefen gewußt hätte.

Der weite, matterleuchtete Raum, die gelbverschleierte Lampe und das dunkel schimmernde Kupfer – das alles hatte sie schon einmal gesehen in einer fernen Zeit, bei durchwachter Morgenfrühe. Und er hüllte sie wieder wie damals in einen langen, raschelnden Seidenmantel, während sie ihn aus halbgeschlossenen Augen ansah.

»Du kamst mir immer vor wie ein Kind«, hörte sie seine Stimme ganz leise sagen, »ich hätte es kaum gewagt, dich nur anzurühren, und nun kommst du zu mir wie im Märchen und bist wie ein wirkliches Weib –«

Dann war sie wieder draußen in den Bergen, wo es jetzt immer mehr Sommer wurde. Ellen hatte ein stilles einsames Unterkommen gefunden in einem abgelegenen Bauernhaus auf der Höhe, und ihre Freundin wohnte noch fast eine Stunde höher in der Almhütte. Vom frühen Morgen an kletterten sie in den Bergen umher, badeten, wenn es heiß war, unter den Wasserfällen, die hier und da von einer Felswand heruntersprühten, schliefen stundenlang im Freien, abends kehrte jede in ihre Bergklause zurück, und dann kamen die langen Sommernächte, die Ellen fürchtete wie den Tod – oben in der stummen Einsamkeit, wo manchmal rings am Himmel die Gewitter dröhnten oder der Wind an den Fenstern rüttelte. Da lag sie in quälender Schlaflosigkeit und dachte an Reinhard – sie ertrug es kaum mehr, seine Briefe zu lesen, die sie heim mahnten zu ihm – nun kam er bald und wußte nicht, daß sie sein Glück in Scherben zerschlagen hatte. – Und noch ein anderes, worüber sie sich bei Tage gewaltsam hinwegzutäuschen, es immer wieder zurückzudrängen suchte, das trat in der Nacht wie ein drohendes Gespenst vor sie hin: – das Bewußtsein, daß eine hinterlistige schleichende Krankheit langsam und unerbittlich ihre Kräfte zernagte. – Aber sie wehrte sich immer von neuem dagegen, wollte nichts davon wissen, nur leben, leben.

Und dann wieder kam ein Brief von ihm – von Johnny – meist nur wenige Zeilen, ein kurzer, lockender Ruf. Der Anblick seiner Schrift allein trieb ihr das Blut zu heißen Wogen, und es litt sie nicht mehr in der sommergrünen Stille da droben. Beim dämmernden Morgen lief sie den Berg hinunter bis zu der kleinen Station. Dann stand sie plötzlich vor ihm in seinem Atelier und nächtelang lauschten sie nur der Stimme ihrer Sinne, die unaufhaltsam zusammenfluteten, das Leben jauchzte in ihr, bis es wieder in den einsamen Nächten da draußen aufschluchzte.

 

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