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Ellen Olestjerne

Franziska zu Reventlow: Ellen Olestjerne - Kapitel 3
Quellenangabe
typefiction
booktitleEllen Olestjerne
authorFranziska zu Reventlow
year2002
publisherAllitera Verlag
addressMünchen
isbn3-935877-52-8
titleEllen Olestjerne
pages3-171
created20030423
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1903
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Am Neujahrstage saß Ellen in ihrer Heimatskirche und legte wie in Kinderzeiten glühende Besserungsgelübde zu Gottes Füßen nieder. Ein furchtbares Unwetter von elterlichem Zorn war über sie hingebraust, und der Vater hatte lange und ernst mit ihr gesprochen. »Was soll denn aus dir werden, wenn sie dich nun fortschicken und es immer so weiter geht?«

Ihr war selbst bange geworden, was aus ihr werden sollte, aber es war ja noch nicht zu spät, sie wollte sich wirklich ändern, sich mehr im Zaume halten.

Aber sie fühlte sich doch nicht ganz sicher, und dies Gefühl wurde noch stärker, als sie wieder in der Pension war. Die ersten Wochen ging es ganz gut. Unter den jungen Mädchen war jetzt viel von der Konfirmation die Rede. Der Pfarrer hatte damit angefangen, ihnen die Grundlagen und das Wesen des Christentums zu erzählen, dann kamen die einzelnen Gebote und ihre Beziehung auf das Leben – der ganze schwerwiegende Ernst, der in all den Drohungen und Verheißungen lag – Gottes Zorn und Gottes Gnade. Als die Sünde wider den heiligen Geist besprochen wurde – die Sünde des Gläubigen, der mit vollem Bewußtsein die Gnade verscherzt, die furchtbarste, äußerste Sünde, für die keine Vergebung ist, folgten sie angstvoll jedem seiner Worte und zitterten bis in die tiefste Seele hinein unter demselben Gedanken: und wenn nun ich sie begangen hätte?

Sie sollten nun bald zum erstenmal an den Altar Gottes treten und davor stand das Wort: Wer aber unwürdig isset und trinket, der isset und trinket sich selber das Gericht. Wie ein Schauer lief es durch die Reihe der zwölf jungen Mädchen, die andächtig auf ihrer Schulbank saßen, und zugleich lag ein mächtiger Reiz darin, schuldvoll und niedergeschlagen vor diesem Mann dazustehen, der ihnen bis ins tiefste Innere schauen konnte und wußte, was Sünde war.

Für Ellen war der Pfarrer von allen Vorgesetzten der einzige, zu dem sie Vertrauen hatte. Er bekam alles zu wissen, was man tat, und wie oft hatte sie ihm schon nach der Stunde in den großen Saal folgen müssen, um eine Vermahnung zu bekommen, aber er schalt nicht, suchte sie nicht zu beschämen oder zu demütigen wie die Pröpstin, er fand jedesmal ein gutes Wort und ein verstehendes Lächeln. Dafür war Ellen auch in seinen Stunden die Aufmerksamkeit selbst und lernte die längsten Psalmen auswendig, um ihm Freude zu machen.

Mit Editha war sie immer noch viel zusammen und schwärmte sie in namenloser Hingebung an. Sie hatte das Herz voller Anbetung und den Kopf voller Verse, bei Tisch, in den Stunden und abends im Bett, immer fand sie wieder neue Reime zusammen, um die Freundin zu besingen. Editha war die Schönste, die Beste, die Unvergleichliche. Wenn sie abends im Schlafsaal das Haar aufmachte, hing es wie ein dichter Mantel um sie her, die Brauen lagen gleich zwei breiten, schwarzen Strichen über den dunklen, schweren Augen. Und ihre Hände und Füße, die so klein und zierlich waren – man konnte kaum begreifen, daß Editha sie wie andere Menschen gebrauchen konnte.

Für die alte Vorsteherin gab es viele schwere Stunden. Seit die beiden so eng befreundet waren, schien eine ganze Horde von Teufeln in dem ehrwürdigen alten Gebäude zu spuken. Die ganze erste Klasse war außer Rand und Band, trotz Konfirmationsstunden und quälender Gewissensfragen. Es kam vor, daß den Lehrerinnen Salz ins Bett gestreut wurde, so daß sie die ganze Nacht nicht schlafen konnten, oder dem Kandidaten wurden alle Knöpfe vom Mantel geschnitten und der Hut von oben bis unten mit Kreide bemalt, was dann niemand getan haben wollte. Oder Ellen und Editha wetteten, ob man Tinte trinken und vom höchsten Schrank herunterspringen könnte. Und sie tranken wirklich Tinte und sprangen von den Schränken herunter auf die Fliesen, daß die andern leichenblaß wurden vor Schreck.

Anfang Februar war Edithas Geburtstag. Ellen träumte eine Zeitlang davon, der Freundin ihre gesammelten Gedichte zu schenken, mit Druckschrift und schön gebunden. Sie schienen ihr aber schließlich doch nicht gut genug, und so wollte sie denn lieber ein Gedichtbuch kaufen. Wer sie gemacht hatte, war ja einerlei, wenn nur recht viel von Liebe drin stand. Es war nicht so einfach, eins zu bekommen, denn das Taschengeld wurde ihr regelmäßig für Strafen abgezogen, und alle Einkäufe gingen durch die Hand der Vorsteherin.

Ellen zerbrach sich nicht lange den Kopf darüber, sie borgte die kleine Summe zusammen, obgleich Geldleihen streng verboten war, und überredete eine von den letzten Neuen, das Buch auf ihren Namen kommen zu lassen. Es war eine Sammlung von 450 Gedichten.

Dann lag es eine Nacht unter ihrem Kopfkissen, und sie dachte in fieberhafter Seligkeit daran, wie Editha es morgen an ihrem Platz finden würde.

Als Ellen vor der ersten Stunde ihre Bücher zusammensuchte, legten sich plötzlich zwei Hände um sie und es ging wie ein Feuerstrom durch ihr Herz; Editha küßte sie auf den Mund. »Das war lieb von dir, kleine Ellen, ich hab' mich so gefreut.«

In der Arbeitsstunde um Mittag fehlten die beiden Unzertrennlichen. Zufällig kam die Klassenlehrerin herein und fragte nach ihnen, aber niemand hatte sie gesehen. Mademoiselle geriet in Aufregung, suchte und fragte durchs ganze Haus. Um Gottes willen, wo konnten die beiden sein, es war ihnen ja alles zuzutrauen. Die ganze Klasse mußte mitsuchen und es entstand ein förmlicher Tumult. Endlich entdeckte man sie oben im Schlafsaal der Kleinen, auf zwei der entlegensten Betten lagen sie und lasen sich Gedichte vor. Sie machten nicht einmal Miene aufzustehen und wollten sich halb totlachen, als die Mademoiselle wutbleich vor ihnen auftauchte. Dann wurden sie in die Klasse hinuntergeschickt. Das Buch, in dem sie gelesen hatten, nahm die Lehrerin an sich und ging damit zur Pröpstin. Die alte Dame unterzog es einer genauen Prüfung, während sie sich den ganzen Vorfall berichten ließ. Auf dem ersten Blatt stand eine lange Widmung in Versen von Ellens Hand. Wie kam Ellen zu dem Buch, das gestern erst eine andre bestellt hatte? Nun folgte ein Verhör auf das andre, nur Ellen wurde nicht vorgerufen.

Statt dessen erschien die Vorsteherin nach Tisch selbst in der Klasse, um sie vor allen andern niederzuschmettern. Sie war in großer Toilette, weil sie nachmittags an Hof gehen wollte, die lange Seidenschleppe knisterte wie eine zornige, schwarze Schlange hinter ihr her.

Ellen stand da, beide Hände in den Schürzenlatz gesteckt und sah ihr gerade in die Augen. Sie wollte zeigen, daß sie sich nicht fürchtete, während die alte Dame mit harten, zischenden Worten auf sie einsprach:

»Mit dir, Ellen Olestjerne, werde ich von jetzt an nicht mehr unter vier Augen reden, denn du verdienst diese Rücksicht nicht mehr. Du hast meine Geduld nun bald ein Jahr lang auf eine harte Probe gestellt; ich will jetzt nicht davon reden, daß du dich von Anfang an gegen jede Zucht und Ordnung aufgelehnt, dich auch heute noch wieder mit Editha, die ja leider ganz unter deinem Einfluß steht, lachend über alle Regeln hinweggesetzt hast, nur das eine will ich dir sagen: für ehrlich wenigstens habe ich dich bis jetzt gehalten, bis zu dem Augenblick, wo ich erfuhr, auf was für Schleichwegen du dir dieses Buch verschafft hast. Jetzt weiß ich, daß du selbst vor einem gemeinen Betrug nicht zurückschreckst – du, ein Mädchen aus guter, hochgeachteter Familie – eine Konfirmandin. – Und ich sage dir noch einmal, zum letztenmal: halt ein auf der abschüssigen Bahn, die du wandelst. Geh in dich, ehe es zu spät ist, sonst wirst du dermaleinst mit bittrer Reue an meine Worte zurückdenken.«

Dann wandte sie sich zu den anderen: »Ellen Olestjerne hat sich eines gemeinen Betruges schuldig gemacht – sie hat den Namen einer Mitschülerin mißbraucht, um sich ein Buch zu verschaffen, das sie nicht bezahlen konnte, und noch zwei andre veranlaßt, ihr Geld zu borgen, um ihre Schuld wenigstens für den Augenblick zu decken. Ihr habt sie von jetzt an als ehrlos zu betrachten und ich warne jede, die noch mit ihr verkehrt.«

Damit verließ sie das Zimmer und die schwarze Seidenschlange raschelte ihr nach.

Ellen wanderte auf drei Tage in Arrest. Da saß sie in der dämmerigen Turmstube, machte lange Gedichte auf Editha und wartete, wie ihr Schicksal sich entscheiden würde. Als sie am nächsten Sonntag der Reihe nach zur Pröpstin hineinkamen, um ihre Zeugnisse vorzulegen, sagte die verhaßte Stimme:

»Ellen Olestjerne, deine Eltern sind von dem Vorgefallenen benachrichtigt. Du kannst noch bis Ostern hierbleiben, weil ich ihnen nicht die Schande antun will, dich vor der Einsegnung fortzuschicken.«

Es war doch ein arger Schrecken, als die kalte, unerbittliche Tatsache plötzlich vor ihr stand: fortgejagt – und die Eltern. – Wie in einem bösen Traum ging Ellen hinaus, an den andern vorbei, ohne irgend etwas zu sehen, die Treppe hinauf, oben am letzten Gangfenster blieb sie stehen und legte das Gesicht an die Scheiben. Sie hatte Todesangst vor zu Hause – heute wußten sie es vielleicht schon. Es war nicht auszudenken, wie eine erdrückende Last wälzte es sich von allen Seiten über sie her. Dazwischen glänzte wohl auch etwas Helles, Freudiges auf: heimkommen – fort aus diesen dumpfen Schulstuben, aus der moderigen Kerkerluft. Heimatsvisionen kamen, das Schloß, die sonnigen großen Zimmer, wo abends die Spatzen vor den Fenstern in den Ulmen schwätzten, der sommerliche Garten mit seinem starken Fliederduft – Detlev, die Geschwister alle – und nun schluchzte sie vor Heimweh. Ja sie wollte nach Hause, nur nach Hause, wie schlimm es auch werden mochte.

Am Montagmorgen kam Ellen noch halb verschlafen hinunter. Vor ihrem Schrank stand Fräulein Blumener, die Wirtschaftsdame, mit der turbanartigen, punktierten Haube und räumte die Sachen auf.

»Was soll das?«

»Fragen Sie nicht so unverschämt – Sie bekommen Ihren Schrank jetzt da oben auf der Treppe, damit die andern nicht mehr wie nötig mit Ihnen in Berührung kommen. Wer so lügt und trügt wie Sie, muß sich auch darauf gefaßt machen, daß man ihn danach behandelt.«

Ellen lachte, um ihre Wut zu verbergen, und machte ihr hochmütiges Gesicht. Nachher schrieb sie mit Riesenbuchstaben auf die Innenseite der Schranktür:

Ich habe nie das Knie gebogen – den stolzen Nacken nie gebeugt.
17. Februar 1885

Das brachte ihr wieder einen Tag Arrest ein. Und so ging es nun mit allem; sie war in Acht und Bann getan, jede von den andern, die sich noch mit ihr sehen ließ, fiel in Ungnade. Aber sie nahm den Fehdehandschuh auf, beging bei jedem Anlaß die größtmöglichen Ungezogenheiten, nahm die Strafe lachend hin und überbot sie durch noch ärgeres Benehmen. Im Schlafsaal gab es fast jeden Tag Skandal. Wenn Ellen sich Wasser holte, balancierte sie die blecherne Waschschüssel auf dem Kopf und behauptete, sie könnte kein Blech anfassen. Beim Mundspülen gurgelte sie nur in Melodien und sagte, es käme ganz von selber, sie könnte es nicht lassen. Und wenn alle im Bett lagen, fing sie an zu heulen wie ein wildes Tier in langgezogenen Tönen die halbe Nacht hindurch, so daß niemand schlafen konnte.

»Ellen, sei ruhig«, schrie die Erste, die Aufsicht führen mußte.

»Mein Gott, ich bin so traurig, du kannst mir doch nicht verbieten, zu weinen«, und sie heulte weiter. Die andern kamen um vor Lachen, und die Erste war machtlos dagegen. Sie konnte nur anzeigen, immer wieder anzeigen, und das war Ellen jetzt ganz gleichgültig, sie lebte in einem förmlichen Rausch von Auflehnung. Ein paarmal ging sie zur Pröpstin, um sich selbst anzuzeigen, wenn sie fand, daß man zu nachsichtig gegen sie war.

»Miß Collins hat wohl vergessen zu melden, daß ich gestern in der Stunde gelacht habe.«

Die Pröpstin geriet außer sich vor Zorn und verbot ihr schließlich, das Zimmer überhaupt noch zu betreten.

Aber manchmal fühlte Ellen sich auch todunglücklich – sie stand jetzt wirklich ganz allein, selbst Editha wollte nichts mehr von ihr wissen, hatte sich immer mehr von ihr zurückgezogen und ging nur noch mit einer früheren Freundin, die Ellen nicht leiden konnte. Sie ballte heimlich die Hände, wenn sie die beiden zusammen sah, und ihre Dichtungen wurden immer verzweifelter: draußen heulte der Sturm, Eulen schrien in finstrer Nacht – alle schliefen, nur sie allein wachte mit ihrem zerrissenen Herzen, in dem die Leidenschaft wütete und die verratene Liebe. Manchmal wurden es auch Rebellengesänge: »Wie lange soll ich diese Schmach noch dulden – wie lange diese Ketten tragen noch!« oder: »Es kreist mein Blut in wildem schnellem Lauf – und alle Pulse hämmern laut. – Mein Stolz, mein Selbstgefühl bäumt, ach, sich auf. – Zuviel, zuviel habt ihr mir zugetraut.«

Kurz vor Ostern kam noch die letzte Zeugnisverteilung. Das war immer ein feierlicher, öffentlicher Akt, dem viele Ehrenpersonen aus der Stadt beiwohnten und wo die Pröpstin eine Rede hielt. Diesmal ging es wie ein Gewitter über die fünfzig Kinder hin, von denen manche kaum mehr aufzusehen wagten.

Während ihrer zweiunddreißigjährigen Amtsführung habe sie noch kein Jahr erlebt wie das letzte, – ein Geist des Aufruhrs ist in unsre Anstalt eingedrungen, – unlautre Elemente, die wir leider erst zu spät erkannt haben und die durch Leichtsinn und Gewissenlosigkeit ein schlimmes Beispiel gaben, – und dann erhob sich ihre Stimme immer lauter und strafender. – Derartige Elemente müssen schonungslos ausgemerzt werden – es sind Krebsschäden, die nur durch einen raschen Eingriff beseitigt werden können. –

Ellen sah wohl, wie viele Blicke sich auf sie richteten, wenn auch nicht ihr Name genannt wurde. Sie wollte die Augen nicht niederschlagen und empfand es beinah wie einen Triumph: »Ja, mit mir seid ihr doch nicht fertig geworden.«

An demselben Abend wurde sie zum Pfarrer gerufen, er sah sie lange ernst an und sagte dann: »Nein, Ellen, vor mir brauchen Sie sich nicht zu fürchten, ich glaube zu wissen, wie es in Ihrem Innern aussieht und daß Sie die Absicht haben, es von nun an anders werden zu lassen. Denken Sie an das Wort: es wird Freude sein im Himmel über einen Sünder, der Buße tut, vor neunundneunzig Gerechten. Vor allem lassen Sie den schlimmen Widerspruchsgeist und allen kindischen Trotz fahren, damit kommt man nicht durch die Welt, Ellen. – Ich habe trotz alledem gutes Zutrauen zu Ihnen, denn ich weiß, daß Sie im Grunde nicht schlecht sind. Sie machen es nur sich selbst und andern schwer. Aber Sie waren eine von meinen besten Schülerinnen und ich möchte auch, daß Sie einer von meinen besten Menschen werden. Ich will auch selbst mit Ihrer Mutter sprechen, die wohl einigen Grund hat, ungehalten über Sie zu sein.« – Damit gab er ihr die Hand, und ihr liefen große Tränen übers Gesicht.

Als am nächsten Tage die Mutter kam, war Ellen weich wie Wachs. Und es ging viel besser ab, als sie gedacht hatte. Mama schien doch nicht ganz mit der Pröpstin einverstanden, sie sprach viel mit dem Pfarrer und war merkwürdig milde.

Vor der Beichte versöhnten sich die Konfirmandinnen untereinander und suchten auch die Lehrerinnen auf, um in vollem Frieden mit aller Welt das Abendmahl zu nehmen. – Ellen schloß sich von diesem Brauch aus: was haben die mir zu verzeihen, wenn ich mit mir selbst und dem lieben Gott im reinen bin? Dann mußten sie alle einzeln zur Pröpstin hereinkommen, man murmelte auch dort ein paar Worte von Verzeihen und bekam einen Kuß auf die Stirn: – du bist mir eine liebe Schülerin gewesen, gehe hin in Frieden.

Als Ellen kam, standen sie sich einen Augenblick gegenüber, beide in tödlichem Widerwillen, die alte Dame und das fünfzehnjährige Kind.

»Hast du mir nichts zu sagen, Ellen Olestjerne?«

»Nein.«

Auf die einzelnen Worte, die nun folgten, konnte Ellen sich nachher nicht mehr recht besinnen. Die Pröpstin sprach eine Art Fluch über sie aus und wies dann gebieterisch mit ihrem aristokratischen, wohlgepflegten Zeigefinger nach der Tür.

Später gingen die jungen Mädchen auf dem Gang hin und her, meist in ernsten Gesprächen, einige hatten auch große Sorge wegen der Kleider für morgen und wie sie das Haar tragen sollten. Trotz der Pröpstin war Ellen weich und froh gestimmt, das Wiedersehen mit der Mutter war überstanden und sie hatte Editha wieder, nach einer langen Unterredung.

»Siehst du, ich mußte die letzte Zeit etwas Rücksicht nehmen. Du weißt, ich bin von Kind an hier, die Alte hat sozusagen Mutterstelle an mir vertreten und ist immer sehr nachsichtig gewesen. Sie verlangte einfach von mir, daß ich den Verkehr mit dir abbrechen sollte. Leicht ist es mir nicht geworden, aber du tatest ja immer, als ob es dir ganz gleich wäre.«

»O Gott, nein, das war es nicht.« Sie umarmten sich, und Ellen war überselig.

»Weißt du, wir wollen uns oft schreiben. Laß mich wissen, wie es dir zu Hause ergeht.«

»Ja, und ich hab' noch eine Bitte –, schenk mir doch eine Locke von dir.«

Ellen durfte sich selbst eine abschneiden, sie hatte schon eine ganze Edithasammlung bis zu weggeworfenen Stahlfedern, heimlich abgeschnittenen Plaidfransen und alten Schreibheften, aber die Locke kam in ein Medaillon, das sie immer unter dem Kleid tragen wollte.

Die Osterglocken läuteten, und in weißen Kleidern mit langen Schleppen stiegen die Konfirmandinnen die hohen Steinstufen hinab, durch den dunklen, feuchtkalten Hausflur in die Kapelle.

Als Ellen vor dem Pfarrer kniete, war ihr, als ob seine Stimme für sie einen ganz besonderen Klang hätte, der ihr allein galt, wie eine feierliche Heimlichkeit zwischen ihnen. – Ihre Seele war voller Ernst und wogte in einem frohen, morgenfrischen Gefühl. Mit diesem Tage wollte sie ja ein neues Leben anfangen, es kam ihr jetzt so leicht und hell vor, – wie wenn man nach einem mißglückten, zerfetzten Tag aufwacht und nun alles zurechtbringen will, was gestern nicht gelang.

Andern Tags reiste sie mit ihrer Mutter ab. An der Treppe stand die Pröpstin und streckte ihr kalt die Hand zum Kuß hin. – Ah – zum letztenmal diese Treppe, zum letztenmal dies harte, blanke Gesicht mit den tiefgemeißelten Augenhöhlen, zum letztenmal dieser Sklavenhandkuß!

Und dann das wehmütige Glück, in den Frühlingsabend heimzufahren, heimwärts, nach Nevershuus, zu den Geschwistern – und mit dem Versprechen, daß Editha sie nicht vergessen wollte.

 

Marianne Olestjerne war bei ihrem Vater im Zimmer und staubte den mächtigen alten Schreibtisch ab. Mit bedächtigen, liebevollen Bewegungen stellte sie die verblaßten Familienphotographien in dunkelbraunen oder violetten Samtrahmen wieder hin und legte vorsichtig die Papiere beiseite. Dann die lange Schale mit Federhaltern und Bleistiften, jeder kam wieder an seinen Platz. Es war wohl zu sehen, sie tat das alles mit Liebe und langjähriger Gewohnheit, als ob jedes Stück Bedeutung und Leben hätte.

Der Freiherr saß am runden Mitteltisch vor dem Sofa und trank seinen Morgenkaffee aus der großen Kopenhagener Tasse. Diese ganze Frühstunde ging vor sich wie eine heilige Handlung, die nicht unterbrochen und gestört werden durfte. Marianne sah zu ihm hinüber, während er die Zeitung durchsah und wieder hinlegte. Der Vater war für sie der Beste und Geliebteste von allen, das, worum sich ihr Tag und ihre Arbeit drehte.

»Papa«, sagte sie etwas leise.

»Was willst du, mein Kind?«

»Papa, heute ist Ellens Geburtstag – willst du nicht wenigstens einen Augenblick hinübergehen, wenn sie ihre Geschenke bekommt?«

Ein unwilliger Zug ging um seinen Mund, er schob den Sessel weg und ging durchs Zimmer. »Ich warte nur darauf, daß sie zu mir kommt.«

»Das wagt sie nicht«, sagte die Schwester.

»Unsinn, ich habe noch nie bemerkt, daß Ellen etwas nicht wagt.«

»Du hast es ihr auch nicht leicht gemacht, Papa, seit sie wieder hier ist, hast du kein Wort mit ihr gesprochen. Das schüchtert sie ein und Mama –«

»Ich dachte, das ginge jetzt besser? – Ich habe wahrhaftig die Lust verloren, mich drum zu kümmern.«

»Nein, es geht nicht besser, lieber Vater, ich weiß ja selbst, wie schwer es mit Mama ist. Und Ellen ist noch so jung und hat nicht die Überlegung. – Wir andern haben dich gehabt, und Ellen braucht vielleicht mehr wie alle eine feste Hand, aber auch Liebe.«

Er ging immer rascher, und Marianne fühlte seine Verstimmung aus jedem Schritt.

»Ich weiß nicht, was sie will und was sie braucht, ich kann dies Kind nicht begreifen. Wie ist sie denn wiedergekommen – strahlend, daß sie nicht mehr so viel zu lernen braucht und ihre dummen Jungenstreiche mit Detlev fortsetzen kann. Keine Ahnung, daß sie sich schämt, kein Wort, daß es ihr auch nur leid tut, uns das alles angerichtet zu haben. Sie ist doch damals nur fortgekommen, weil ich sah, daß es mit ihr und Mama nicht gehen wollte – um ihr zu helfen. Aber sie hält alles, was man für sie tut, für Feindseligkeit und Bosheit und widerstrebt blind und unvernünftig. – Sag du ihr das, sprich einmal mit ihr. Wenn sie dann von selbst kommt, soll es gut sein.«

Aber Ellen kam nicht. »Es nützt ja doch nichts«, war die Antwort auf alle Vorstellungen der älteren Schwester. – So wurde es ein melancholischer Geburtstag. Als die andern nach Tisch vor der Gartentür saßen, lief Ellen auf die Koppel hinaus. Was sollte sie da droben? Sie fühlte sich überflüssig, im Wege, ausgeschlossen. So warf sie sich ins Gras und weinte – ja, die Heimat, die hatte sie nun wieder, aber sonst war alles wie früher, täglicher Kampf und tägliche Quälerei, nur noch rettungsloser und verfahrener durch die unglückselige Pensionsgeschichte. Später kam Marianne mit Detlev, sie fand, daß doch etwas Festliches für Ellen geschehen müßte und wollte mit den beiden ihren Lieblingsweg nach Olrup gehen – es war ein kleines Dorf draußen am Meer.

Ellen bewunderte ihre Schwester sehr – die hatte ihre ganze Jugend zu Hause verlebt und war nie unzufrieden, immer gleichmäßig in ihrer stillen Heiterkeit. Sie kamen darauf zu sprechen, auf die Eltern und alles.

»Du mußt dir doch auch ziemlich viel gefallen lassen und darfst alles mögliche nicht«, meinte Ellen.

»Aber es liegt mir auch meistens nicht so viel daran. Wenn Papa mir zum Beispiel verbietet, irgendein Buch zu lesen, so weiß ich, daß er seinen Grund dafür hat. Und es bleibt immer noch so viel Schönes, woran man sich freuen kann, daß das gar nicht in Betracht kommt.«

»Ja, aber hast du jemals gesehen, daß Mama mir etwas aus einem vernünftigen Grund nicht erlaubt? Sie verbietet nur, um zu verbieten, oder weil sie alles überflüssig findet, was mir Freude macht. Sie sagt, ich wäre faul und wollte nichts tun, aber warum läßt sie mich nicht malen? Es ist das einzige, was ich mir wünsche und was mir Freude macht. Dann würde ich mit Vergnügen den ganzen Tag arbeiten. Aber sowie sie mich mit einem Skizzenbuch sieht, heißt es: laß doch das alte Geschmier, es kommt ja doch nichts dabei heraus.«

Marianne zuckte die Achseln. »Mama ist nun einmal dafür, daß man nur nützliche Sachen tut, sie hat es auch nicht gern, wenn ich viel lese. Ich sage dir deshalb auch immer wieder, du solltest dich an Papa halten, der kann dir noch am ehesten helfen. Mir scheint immer, daß ihr Jüngeren ihn eigentlich gar nicht kennt.«

»Er kümmert sich nicht viel um uns.«

»Das würde er schon tun, wenn ihr nur wolltet. Ich habe dir doch gesagt, er wartet nur darauf, daß du kommst.«

»Das kann ich nicht – ich kann einfach nicht. Wofür soll ich ihn denn um Verzeihung bitten? Daß dies infame Tier von Pröpstin mich nicht leiden konnte? Ich möchte ihr heute noch den Hals umdrehen.«

»Ich auch«, fuhr Detlev ingrimmig dazwischen; die Pröpstin haßte er mit.

Vor ihnen lag das Dorf mit seinen Strohdächern und dem niedrigen, stumpfen Kirchturm. Über den Heidehügel gingen sie zum Meer hinunter, und Marianne pflückte Blumen für Papas Schreibtisch. Dann saßen sie am Strand auf den großen Steinen, während die Sonne langsam ins Meer hineinrollte wie eine große brennende Kugel. Der Himmel loderte weithin auf, das Meer wurde rot, und die Heidehügel glühten. Allmählich losch alles wieder aus und nun wurde es rasch dunkel, die einzelnen Gestalten auf dem Deich sahen aus wie schwarze Silhouetten.

»Wenn man das malen könnte,« sagte Ellen, »überhaupt malen können, alles, was es gibt.«

Detlev lachte: »Immer noch Vogelbauer, Ellen! Du bist doch noch geradeso wie früher.«

»Ja, aber ich werde meine jetzigen Vogelbauer doch noch einmal zusammenkriegen, darauf könnt ihr euch verlassen.«

Sie gingen jetzt rasch den Deich entlang und sprachen von der großen Sturmflut vor acht Jahren. Es war die lange gerade Strecke, wo damals der Deich beinah gebrochen und nur einen Meter breit stehengeblieben war. Wie da die haushohen Wellen herüberschlugen und die Menschen, die sich hinauswagten, wie Papierfetzen herumflogen. – Dann kam das rote Deichwärterhaus mit dem kleinen, sonnenverbrannten Garten, der Bootschuppen, das Dock, wo alte Schiffe zum Ausbessern lagen. Dicht beim Hafen begegneten sie vielen Spaziergängern, immer die gleichen, die jeden Abend hier herausgingen, all die bekannten Gesichter aus der kleinen Stadt. Das Grüßen nahm kein Ende, hier und da mußten sie auch stehenbleiben und ein paar Worte sprechen, bis sie endlich in die schmalen Hafenstraßen einbogen, über den Markt unter dem Rathausbogen durch und schließlich die dunkle Kastanienallee zum Schloß gingen.

 

Ein paar Tage später, als Ellen zur Stadt war, ging die Mutter in ihr Zimmer hinauf: »Ich muß doch einmal sehen, was sie da immer treibt, wenn sie allein ist«, dachte sie. – Ellen hatte vergessen wegzuräumen, da standen drei Bilder von Editha mit Blumen davor, auf dem Tisch lag ein langer, angefangener Brief an die Freundin, der bittren Weltschmerz atmete und endlose Klagen über Ellens elendes Los. Und daneben ein dickes, ledernes Buch mit selbstgeschriebenen Gedichten, das die Mutter noch nie gesehen hatte. Sie nahm es mit ins Wohnzimmer, setzte ihre Brille auf und las den ganzen Nachmittag. Als Ellen nach Hause kam, warf Mama ihr das Buch vor die Füße. »Du hättest es verdient, daß ich es dir um die Ohren schlage. Was ist das für ein unerhörtes Zeug? Schämst du dich denn nicht, so was zusammenzuschmieren? Das hört jetzt auf, verstanden? – Und was du da an deine Editha schreibst – du meinst wohl, daß dir arges Unrecht geschieht, wenn du nicht all deinen verrückten Einbildungen folgen sollst. Von jetzt an lese ich all deine Briefe, verlaß dich darauf.«

Ellen stand zuerst wie versteinert. Wie konnte Mama sich das herausnehmen, in ihren tiefsten, innersten Geheimnissen herumwühlen – ja, jetzt schämte sie sich allerdings – ihr war, als ob man ihr alle Hüllen von der Seele gerissen hätte und dann kam eine sinnlose Wut über sie. – Sie schrie der Mutter alles ins Gesicht, was an Groll in ihr aufgespeichert war.

»Ich wollte, ich wäre Gott weiß wo, nur nicht mehr bei euch, in dieser Hölle. Aber ich laß es mir nicht mehr gefallen. Lieber lauf ich fort oder bring mich um.«

Einen Augenblick war es ganz still im Zimmer – Ellen hatte den Arm erhoben in drohender Abwehr: »Rühr mich nicht an, Mama!« Denn die Mutter hatte sie schlagen wollen.

Ellen kam wieder fort von zu Hause. Der Vater hatte sie zu sich rufen lassen und lange mit ihr darüber gesprochen. Ihr ganzer Trotz zerfloß in Tränen – sie hatte nie geglaubt, daß Papa so gut wäre, so vieles verstehen konnte und ihr helfen wollte.

So wurde sie denn auf längere Zeit zu ihrer Tante Helmine Olestjerne geschickt. Es war eine jüngere Schwester des Freiherrn, die für sich allein in ihrem eignen Haus und Garten lebte und eine besondere Vorliebe dafür hatte, sich bedrängter Jugend anzunehmen. Bei ihr konnte Ellen frei heraus mit allen ihren Beschwerden und unruhigen Wünschen. Schon am ersten Abend, als sie bei Tante Helmine in dem gemütlichen Wohnzimmer mit altväterischen Möbeln und Familienbildern saß, erzählte sie all ihre Erlebnisse zu Hause und in der Pension.

Die Tante hörte aufmerksam zu: »Ja, mit deiner Mama ist es sehr schwierig – ich habe sie auch manchmal nicht verstehen können. Du bist ja jetzt groß genug, daß man mit dir darüber reden kann. Aber bei mir sollst du dich nun einmal wirklich wohl fühlen und soviel Freiheit haben, wie ich dir mit gutem Gewissen geben kann. Es ist eine Malerin hier, bei der du Stunden nehmen kannst, wenn du so große Lust dazu hast.«

Ob sie Lust hatte! Ellen riß beinahe das Tischtuch mit Lampe und allem herunter und fiel der Tante um den Hals.

»Und wenn die sagt, daß du Talent hast, lassen sie dich vielleicht auch zu Hause dabei. Dann hast du wenigstens eine Arbeit, die dir Freude macht.«

Ellen bekam ein Zimmer als Atelier eingerichtet und warf sich gleich vom ersten Tage an mit Heißhunger auf die Arbeit, mit ihrer vollen, gesunden Jugendkraft, die sie bisher fast wie etwas Überflüssiges gedrückt hatte und jetzt mit einemmal in ihr aufjauchzte, weil sie ein Ziel bekam und das Ziel, das ihr glühendster Wunsch war. Am liebsten stand sie die ganzen, langen Sommertage vor der Staffelei oder streifte mit dem Skizzenbuch draußen herum, statt mit der Tante auf Besuche zu fahren oder Vergnügungen mitzumachen. Ihre Lehrerin betete sie etwas scheu und aus der Ferne an – eine Künstlerin, die in Paris und München gewesen war, ein Wesen aus einer ganz andern Welt, von der Ellen nichts geahnt hatte und alles mit staunender Glut verschlang, was sie jetzt erfuhr. Sie schämte sich ihrer bodenlosen Unwissenheit – hatte noch nie ein richtiges Bild gesehen, nicht einmal gewußt, daß man nach lebenden Modellen malte, und tat so dumme Fragen, daß Fräulein Hunius oft lächelte. Und wie die da herumging zwischen all den beschränkten, engherzigen Leuten – nur ihrer Kunst lebte. Nur der Kunst leben. Ellen fing an zu ahnen, was das sein müßte. Wenn die Lehrerin zur Stunde kam, stand sie bebend hinter ihr und folgte jedem Strich. Und nur dann, wenn sie ihr Gesicht nicht sehen konnte, wagte sie von sich selbst zu sprechen – wie sie sich auch so ganz in die Kunst hineinstürzen möchte, nur dafür dasein und arbeiten bis aufs Blut, trotz aller Hindernisse. Und was für Hindernisse standen ihr entgegen – das meinte Fräulein Hunius auch, die Ellens ganze Verwandtschaft kannte. Sie sprach ihr auch von den Enttäuschungen, daß Ellen noch so jung sei und sich wie alle Anfangenden große Illusionen mache, die wohl meist nach und nach zerschellten. Aber das bedrückte sie nicht weiter, und sie glaubte nicht daran. Es war eine Zeit, wo sich ihr alles in einen Traum von immerwährender Glückseligkeit verwandelte, der ganze Tag war ein ernstes Spiel mit frohen Kräften, und selbst in den warmen Sommernächten wollte keine rechte Müdigkeit kommen. Manchmal stand Ellen heimlich wieder auf, stieg aus dem niedrigen Fenster und lief über den Rasenplatz zum Fluß hinunter, der am Garten vorbeifloß. Da schaukelte sie sich in Tante Helminens kleinem Boot oder tauchte in das dunkle, raschfließende Wasser hinein, mit stiller Angst, daß die Tante sie gehört haben könnte.

Anfang Dezember schrieb die Mutter, Ellen müsse nun endlich einmal wiederkommen. Die Tante ließ sie ungern gehen, denn sie hatte große Freude an Ellens Fleiß und konnte ihre rastlose Lebendigkeit gut ertragen. Aber im nächsten Jahr sollte sie wiederkommen und weiterlernen. Ellen fuhr nach Hause mit zwei großen Zeichenmappen und voll von Plänen und Zukunftsträumen. Jetzt strahlte ihr die Welt. Sie wollte gut gegen Mama sein, ihr nachgeben, soweit es ging, und im Stillen weiterarbeiten, bis sie alle überzeugt hatte, daß sie Malerin werden müßte.

 

Am Weihnachtsabend saßen sie alle noch spät beim Punsch im Eßsaal auf Nevershuus. Der Freiherr ging, wie er es liebte, während des Gespräches mit großen Schritten auf und ab.

»Das waren eure letzten Weihnachten hier«, sagte er plötzlich und blieb am Tisch stehen.

Die vier Geschwister saßen wie versteinert und sahen ihn an.

»Ja, Papa hat Nevershuus verkauft«, sagte nun die Mutter mit Tränen in den Augen. »Zum Frühjahr müssen wir fort.«

Sie schwiegen alle, der Vater stand vor ihnen und reckte sich in die Höhe: »Seid doch froh, wenn wir endlich einmal aus dem Nest herauskommen – von euch Jungens wird ja doch keiner Landwirt, und wir sind jetzt zu alt, um uns damit zu plagen, für nichts und wieder nichts.«

Marianne war die einzige, die schon darum gewußt hatte, die andern konnten sich immer noch nicht von der jähen Überraschung erholen: daran hatten sie nie gedacht, sich nie vorgestellt, daß es einmal so kommen könnte – Nevershuus ihnen nicht mehr gehören. Und die Eltern waren in ihren Augen die »jungen Leute«, denen keine Zeit etwas anhaben konnte – Papa sich zur Ruhe setzen, das war wie eine Erklärung, daß sie nun alt würden. Sie mühten sich alle, ihre Bewegung zu unterdrücken, denn Gefühlsäußerungen, besonders im größeren Kreise, waren bei den Olestjernes niemals Brauch gewesen. Es gab nur hier und da einen etwas unsicheren Ton in den Stimmen, während sie über das große Ereignis sprachen.

»Wo wollt ihr denn hinziehen?« fragte Erik mit seiner gewohnten überlegenen Ruhe – für ihn kam es auch nicht so sehr in Betracht, da er demnächst auf die Universität sollte.

»Das wissen wir noch nicht, aber jedenfalls in eine größere Stadt.«

»Für uns ist es überall gut, wo wir zusammen sind und euch haben«, meinte Marianne; »– aber es war doch unser Nevershuus.«

»Ach, ihr solltet euch doch freuen, einmal in andre Umgebung zu kommen,« sagte der Vater wieder. »Hier versimpelt ihr auf die Länge, seht nichts von der Welt, wißt nichts von der Welt. Euer Nevershuus werdet ihr schon mit der Zeit vergessen.«

»Wie kannst du das sagen, Christian!« Der Freifrau ging es wie den Kindern, sie hing mit allen Fasern an dem alten Schloß – vierundzwanzig Jahre – ihre ganze Ehe – die Kinder, die hier geboren und aufgewachsen – ihr Ältester, der hier gestorben war! Sie begriff doch nicht recht, daß ihr Mann sich so leicht loslöste, es wie eine Befreiung empfand, wie einen neuen Lebensanfang, von hier fortzukommen.

Marianne saß mit ineinandergelegten Händen und sah nur ihren Vater an – er war grauer geworden in den letzten Jahren, die Stirn noch höher und gefurchter, aber heute schien er ihr so verjüngt. Sie wußte am besten, wie er sich von jeher hinausgesehnt aus diesem engumschlossenen Leben, in das die Verhältnisse ihn gegen seine Neigung hineingezwungen hatten.

Durch die offne Tür sah man in den Weihnachtssaal, die Lichter waren längst heruntergebrannt, das Silber auf den Tannen schimmerte matt im Dunkeln.

»Ihr lacht ja heute gar nicht«, sagte der Freiherr auf einmal, »was ist denn in euch gefahren?« Sonst mochte es ihm manchmal zu viel werden, wenn seine junge Schar bei jedem vernünftigen Gespräch, bei jeder ernsten Lektüre unweigerlich im Chor losplatzte, besonders an Festtagen, wenn die Bowle auf dem Tisch stand. Aber er vermißte doch etwas, wenn sie so unnatürlich ernst waren.

Aber sie saßen alle und dachten, daß diese Weihnachten nun die letzten in der alten Heimat wären, da wollte kein Gelächter in Gang kommen.

 

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