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Ellen Olestjerne

Franziska zu Reventlow: Ellen Olestjerne - Kapitel 11
Quellenangabe
typefiction
booktitleEllen Olestjerne
authorFranziska zu Reventlow
year2002
publisherAllitera Verlag
addressMünchen
isbn3-935877-52-8
titleEllen Olestjerne
pages3-171
created20030423
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1903
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August

Lange, lange nichts aufgeschrieben – daran kann ich selbst immer messen, ob mein Leben still und einsam gewesen ist, oder ob es mich mitgerissen und durchgeschüttelt hat.

Ich bin viel gesünder, seit ich draußen auf dem Lande bin, male den ganzen Tag. – Und doch denke ich immer wieder, daß ich nicht lange leben werde –, daß es mich doch wieder hinwerfen könnte und ich mich eilen müßte. Dann kommt ein förmliches Fieber über mich, ich möchte in jeden Tag hineindrängen, was er nur fassen kann, an heißer Arbeit und heißem Leben.

Wenn ich mein Tagebuch lese – das klingt alles so, als ob ich immer in tiefer Melancholie herumginge und der dunkle Hintergrund nie ganz wiche. Und dabei gibt es keinen Menschen, der so viel lacht wie ich – niemand glaubt, daß ich auch nur einen Tag ernst oder traurig sein könnte, oder daß mir irgend etwas tief geht. Ich begreife es ja auch selbst manchmal nicht völlig, daß ich immer noch ganz dieselbe bin. Aber immer noch könnte ich für einen Moment der Freude meine ewige Seligkeit verkaufen. – Ich könnte es nicht nur, ich tue es auch.

Seit Johnny fortging, ist es fast wie das Leben im herumziehenden Zigeunerwagen, das ich mir als Kind träumte – von einem Ort zum andern und über dem Hier das Dort vergessen. Nur immer weiter, nicht rückwärts sehen und nicht vorwärts, den Zufall als Gott anbeten und ihm opfern.

Ich denke oft daran, wie ich als Kind war. Ich dachte mir immer, mein Leben müßte etwas ganz Besonderes werden, und später auch noch: Ungeheure Dinge leisten, in der Kunst, in allen möglichen Verwegenheiten, am liebsten hätte ich auch Seiltanzen und Akrobatenkünste gelernt, überhaupt alles können, alles beherrschen.

Und vielleicht wäre ja auch allerhand daraus geworden, wenn sich nicht von Anfang an alles dagegen gestemmt hätte. Zu Hause – ich kann meine Eltern doch heute noch nicht recht begreifen –; Eltern sollen doch froh sein, wenn ihre Kinder viel wollen, und sie sind immer nur entsetzt. Ich habe wohl kein Wort so gehaßt wie das: Es geht nicht. – Es ist das unwahrste Wort, das es gibt. Und später, ja, hätte der liebe Gott mir nicht dies Kranksein geschickt, mir wieder eine Kette an den Fuß gehängt –, denn darüber gibt's wohl keine Täuschung: Ein ganz gesunder Mensch werde ich nie wieder, wenn ich auch nach außen hin so tue und so lebe.

Und das ist doch das einzige, wirkliche Unglück, das einen treffen kann. Aber ich habe immer noch nicht gelernt zu sagen: Es geht nicht.

 

September

Zwischendurch ein paar Tage in der Stadt. Ein Abend mit Bel-ami. Der ist wie ein Anker in der Brandung, er weiß wohl ungefähr, wie ich lebe, aber wir reden nicht davon. Wir zwei verlieben uns nicht ineinander, auch nicht vorübergehend, kommen uns auch freundschaftlich nicht näher, es liegt eine weite Ferne zwischen uns, und die geringste Übertretung würde alles zunichtemachen.

Er schlief wieder ein auf seinem gebrechlichen Lehnstuhl. Es wurde immer später, und ich versuchte ein paarmal, ihn aufzuwecken. Es ist etwas Eigenes, jemand schlafen zu sehen – bei diesem ist's, als ob der wirkliche Mensch dann erst zum Vorschein käme, seine Züge bekommen etwas Zerwühltes, Gequältes, er sieht aus, als ob er nie jung und froh gewesen wäre.

Ich weiß wenig von seinem Leben, aber ich denke manchmal, daß er ebenso ruhelos ist wie ich, sein Gesicht sagt es, wenn er schläft. Vielleicht hält uns das zusammen –, obgleich wir es uns niemals eingestehen würden. Schließlich werde ich auch müde, lege mich aufs Bett. Dann und wann wache ich auf und sehe mich um: dieser elende Raum ohne alle Behaglichkeit – der große, wüste Tisch, auf dem all meine Sachen liegen, weil ich keine Schubladen habe – die Lampe mit dem zerrissenen, hellgrünen Schirm – aber doch liebe ich das Ganze, und es hat einen gewissen Zauber. Und drüben im Lehnstuhl schläft der ferne, fremde Mann.

Beim Einschlafen geht mir durch den Sinn, wie schön doch diese unsere stillen Stunden sind –, daß ein Mensch zu mir kommt, um auszuruhen, und all das Schweigen zwischen uns beiden Ruhelosen.

Erst am hellen Sommermorgen wachen wir auf, die Lampe brennt immer noch. Ich mache Kaffee, und nun kommt erst die Plauderstunde. Dann begleite ich ihn durch den Englischen Garten, er hat einen weißen Tennisanzug an und ich ein weißes Kleid – draußen ist alles so morgenfrisch und schön.

 

November

Nun wieder zurück von den Sommerfahrten, und der Herbst macht melancholisch. München verödet immer mehr; dieses Jahr sind viele gegangen. Johnny, die Dalwendt – der Zarekkreis hat sich nach und nach aufgelöst, es ist nicht mehr das abenteuerliche Traumland von früher.

Ich komme im Café mit allerhand Leuten zusammen, Malern, Literaten usw., aber es ist eine ganz andere Sorte Menschen. Es scheint mir beinah, als ob inzwischen eine andere Zeit und eine andere Generation gekommen wäre. Es ist kein Sturm mehr darin, und all das Neue ist eben doch nicht gekommen. Diese Kaffeehausmodernen sind schon so mit allem fertig, was wir damals andächtig anbeteten, als ob man nun keine Andacht mehr brauchte, weil man die Kinderschuhe ausgetreten hat. Und im Grunde haben sie dafür nur Pantoffeln angezogen und bewundern nur mehr sich gegenseitig. Oh, diese vielen ernsten Gespräche, was der eine als Künstler will und wie der andere das Leben anfaßt usw.

Ich bin doch, weiß Gott, noch nicht so alt, daß mir alles in der Erinnerung anders aussieht, aber diese Leute scheinen mir so abgelebt und greisenhaft gegen die, mit denen ich jung war, sogar auch gegen unsere Zarekboheme vor drei Jahren. Sie wollen auch nicht mehr Boheme sein, jeder hat seinen schwarzen Rock und geht auf jours, um über Kunst und Kultur zu reden. Man soll es doch nicht ganz mit der Gesellschaft verderben, denn sie hat die Übermacht behalten, und es ist gescheiter, sich eine Tür offen zu halten. Ach, wie hätten wir den totgelacht, der auf einen jour gegangen wäre.

 

Neujahrsabend

Wenn doch Bel-ami noch käme, um mir die schwarzen Gedanken etwas zu vertreiben, und wenn er nur ganz ruhig dasäße und kein Wort sagte.

Aber es ist alles still, und ich bin allein. Seit Tagen schon nicht mehr ausgegangen, es hilft nichts, gegen diese Kraftlosigkeit und Erschöpfung anzukämpfen, es hilft nichts, daß ich mich nicht ergeben will.

Warum man wohl an solchen Tagen immer so sehr zu Betrachtungen aufgelegt ist –, aber es scheint eine alte Gewohnheit, die schwer loszuwerden ist. Immer wieder muß ich an Reinhard denken, vor zwei Jahren waren wir an dem Abend noch zusammen –, und weiter zurück – zu Hause – die Geschwister. – Vielleicht denken sie manchmal noch an mich, wie an jemand, der lange gestorben ist. Und ich sitze hier, halbkrank, in dem elenden Raum, wo das Schneewasser durch die Scheiben läuft, und wo alles zu sagen scheint: Was führst du für ein Dasein! Und ich bin noch jung – aber alles, was ich hoffen und wünschen könnte, ist untergraben durch diese elende Kraftlosigkeit. Es hat längst zwölf geschlagen, lärmende Menschen kommen unten in der Straße vorbei, dann ist es wieder ruhig. – Mir ist, als ob mein eigenes Leben mir hier in der Totenstille gegenübersäße – so haben wir beide schon oft Zwiegespräche gehalten, mit bangen schweren Fragen.

Wenn ich an die eine Hoffnung glauben könnte, die ganz leise und ganz ferne aufdämmern will, aber ich habe nicht den Mut dazu –, als ob sie dann zerrinnen müßte wie alles andere, wenn ich nur den Blick nach ihr wende oder nur eine Hand rühre.

 

Mitte Januar

Nun schon seit Wochen so hinliegen. – Wollte ich mir meine ganze Verzweiflung eingestehen!

Wozu immer wieder sich aufraffen, wenn doch alles umsonst ist. Als ob ein Gespenst mich vor meinen eigenen Augen hinwürgte – ich kann nicht leben und nicht sterben.

Heute habe ich mir mit vieler Mühe den Lehnstuhl ans Fenster geschleppt – es ist ein wahres Ereignis, einmal den Platz zu verändern, in den Hof hinauszusehen, wo ein paar Knechte Holz hacken und der Schnee von den Dächern rinnt. Alles trüb und grau, weiche, drückende Vorfrühlingsluft, über dem Kohlenschuppen graugelbe Häuserwände – so einer von den Tagen, wo man sehnsüchtig von Luft und Licht träumen möchte wie ein Gefangener. Ja, was ist das für ein Dasein, wenn man krank ist – morgens liege ich lange im Bett, nur um nicht in den Tag hinein zu müssen. Dann mit dem Hammer dreimal an die Wand klopfen, bis der alte Hausmeister kommt, um Feuer zu machen. Er läßt die Tür offen, und sie knarrt, daß ich weinen möchte, dann fliegen die Späne durchs Atelier, und dabei unterhalten wir uns über das Elend im Leben – drüben liegt seine Frau schon seit Monaten krank. Die beiden Alten sind wie eine Art Familie für mich. Dann bringt er mir den Kaffee, der auf meinem schwarzen Koffer serviert wird, weil kein anderer Platz da ist. Ich stehe allmählich auf, alles ist in Unordnung, nichts da, was ich brauche.

Mein roter Schlafrock ist mein einziger Trost, der sieht wenigstens aus, als ob man bessere Tage gekannt hätte, wenn ich die alte Frau drüben besuche, findet sie mich sehr schön.

 

25. Februar

Heute kommt mein Doktor wieder – sieht mich sehr ernst an.

Ich habe doch recht gehabt –, die Hoffnung, an die ich nicht zu glauben wagte – Ein Kind, mir ein Kind –, am liebsten wäre ich ihm um den Hals gefallen. – Das war die erste frohe Stunde seit langer Zeit, und ich kann es immer noch nicht begreifen.

 

März

Und nun sind mir alle Stunden froh – der lange Tag und die lange Nacht; ich möchte immer nur daliegen und auf die leise, ferne Stimme horchen, die mir von einer namenlosen Sehnsucht und einem namenlosen Jubel redet.

Und die Mattigkeit, die Ohnmächten, das stundenlange Augenflimmern morgens beim Aufstehen – all diese fast unerträglichen Gefühle, die ich früher schon einmal gekannt habe, jetzt erkenne ich sie mit Freuden wieder. – Es ist nicht mehr das Gespenst der Krankheit, vor dem ich mich so entsetzlich fürchtete – jetzt ist es der Ruf zum Leben. Ich bin wohl ungeduldig, daß bessere Tage kommen, aber sie müssen ja bald kommen.

 

30. März

Wie oft denke ich jetzt zurück – an Henryk. – Ich begreife es nicht mehr, daß ich mich damals so in Angst und Verzweiflung hineinjagen ließ. Ich war selbst ein hilfloses Kind, es schlug mir alles über dem Kopf zusammen. Nach außen hin ist meine Lage vielleicht noch schlimmer – ich weiß keine Hand, die sich mir bietet, nach der ich greifen könnte. Ich weiß nur, daß ich Mutter werden und daß mein Kind mir ganz allein gehören soll. Es ist ein seltsames Gefühl, wenn der Körper sich so verändert – etwas schwermütig und süß Geheimnisvolles und wie Andacht, wenn man fühlt, wie das kleine Leben sich von Tag zu Tag deutlicher regt – ich möchte nur darauf lauschen dürfen – nichts mehr tun, nichts mehr denken.

 

31. März

Ich lebe wieder mein gewohntes Leben, die Kräfte kommen wieder, aber damit auch eine körperliche Verzagtheit und Ratlosigkeit, über die ich schwer Herr werden kann. Ein unaufhörliches Hin- und Herdenken: Was soll ich nun tun?

Es dauert nicht lange mehr, so weiß es alle Welt, die Leute im Hause, in den Läden, wo ich täglich einkaufe, an denen ich vorübergehe, alle werden mich anstarren, mein Geheimnis herumzerren.

Mein Gott, bin ich feige –, aber ich möchte nur fort von hier, weit fort, wo mich niemand kennt.

Dabei der ewige Kampf mit der äußeren Not, mit den Schulden, die sich immer höher türmen. Der Hausbesitzer will mich vor die Tür setzen, denn die Miete steht seit einem Vierteljahr aus. Alle paar Tage kommt er herüber, in der Soutane und mit seinem Rosenkranz, denn er ist Priester. Auf meiner Staffelei steht ein angefangenes Porträt vom letzten Winter; ich vertröste alle, die um Geld kommen, darauf, daß ich für das Bild sehr viel bekommen werde. – So geht es von Tag zu Tag.

Inzwischen hat sich auch wieder ein kleiner Kreis von Bekannten gesammelt, denen es ähnlich geht – Ateliernachbarn und andere. Wir haben einen gemeinsamen Mittagstisch bei mir, sie kommen zu allen Tageszeiten, machen Musik und Lärm und versuchen mich aufzuheitern, wenn ich traurig bin.

Und abends Bel-ami – ich habe es ihm gesagt. Er sieht sich in meinem Atelier um: »Ja, um Gottes willen, was wollen Sie denn mit einem Kind anfangen?« Dann redet er davon, daß es meine Lage nach allen Seiten hin erschweren würde, und daß es doch eigentlich ein Verstoß gegen den guten Ton sei.

Er hat sich so viel Mühe gegeben, mich etwas zu erziehen. Ich lache wohl, aber mir ist das Herz so voll, daß ich kein Wort herausbringe von allem, was ich sagen wollte.

 

2. April

An Reinhard geschrieben – ich konnte es nicht lassen. Bis vor einem halben Jahr haben wir immer noch Briefe gewechselt – jetzt schweigt er schon lange.

Aber es war wie ein vermessener Glaube in mir, daß er vielleicht jetzt wieder mein Freund sein könnte, mir selbst kommt die ganze Welt so verwandelt vor – in einem ganz neuen, weicheren Licht.

Er hat kalt und hart geantwortet; daß ich doch jetzt bedenken möchte, was ich mir und meinem Kinde schuldig wäre – den Vater zu heiraten.

Mein Kind hat keinen Vater, es soll nur mein sein. Ich habe es selbst so gewollt – er ist schon lange fort, und ich würde ihn nicht zurückrufen, selbst wenn ich wüßte, wohin er gegangen ist. Dieser Mann gehört nicht zu meinem Schicksal.

Aber der Brief von Reinhard läßt mir keine Ruhe – ich muß ihn noch einmal sehen, mit ihm sprechen, alles in mir schreit danach. Kein anderer Mensch hat so tief zu mir gehört und so tief in mich hineingesehen – keiner mich auch wohl so geliebt. – Ich will ja nicht seine Liebe wiedergewinnen, nur ihn noch einmal sehen und dann meiner Wege gehen. – Ich weiß ja, daß ich vielleicht sterben muß, wenn das Kind kommt – die Ärzte haben mir früher oft gesagt, daß ich mich der Gefahr nicht aussetzen sollte.

 

10. April

Gestern abend zurückgekommen. – Wo war meine Besinnung, daß ich hinfuhr und nur daran dachte: morgen sehe ich ihn wieder und fühle noch einmal seine milde gute Hand.

Und dann sein Telegramm: Wiedersehen ausgeschlossen. – Es ist wie eine ewige Wiederholung, die durch mein Leben geht. – Meine Mutter, die mir sagen ließ: Du gehörst nicht mehr hierher –; dann Henryk –, aber der gab mir wenigstens noch die Hand. Und nun auch Reinhard, der mich geliebt haben will. – Das ist also immer das letzte, was Liebe geben kann! – Sie wissen alle nicht, was Liebe ist – sind alle hart.

Es war Sonntagmorgen und alle Glocken läuteten, ich wußte nicht wohin, um allein zu sein, und bin in eine von den großen Kirchen gegangen. Und da habe ich lange hinter einem Pfeiler gesessen und daran gedacht, daß wir beide ganz allein auf der Welt sind – ich und mein Kind. Wenn es wüßte, wie viel Liebe seiner wartet, mir war beinah, als ob ich laut zu ihm sprechen müßte.

 

15. April

Jetzt gilt es vor allem Arbeit suchen, mit der ich etwas verdienen kann – es hat sich auch allerhand gefunden – Schreibereien, eine Arbeit, die mir im Grunde nicht liegt und mich nicht freut. Aber was soll man machen?

Die Reise hat für diesen Monat alles verschlungen – ich habe nur noch eine Matratze zum Schlafen – alles andere ist ins Leihhaus gewandert.

 

25. – –

Niemand weiß, wo ich bin. Ganz heimlich bin ich fortgegangen, ohne Abschied. – Nur Bel-ami war den letzten Abend noch da, wir saßen bis spät in die Nacht in dem leeren Atelier auf zwei Koffern. – Ob er etwas davon fühlte, wie bange und traurig mir war?

Und am nächsten Morgen fort, ganz allein. – Nur die alte Hausmeisterin weinte – ja, nun hätte sie niemand mehr. Ich sehnte mich so danach, ganz allein zu sein, aber nun weiß ich die Einsamkeit nicht zu ertragen – von einem Ort bin ich zum andern gefahren, überall kam es mir unerträglich vor, auch nur einen Tag zu bleiben – immer neue, fremde Gesichter, die mir von feindlicher Neugier erfüllt schienen, mich bis in die Träume hinein verfolgten.

Ich will ruhig sein und nur an mein Kind denken. Aber das Heimweh reißt an mir, Heimweh nach jedem Stückchen Heimat, das ich jemals besessen habe – selbst nach meinem öden Atelier in München. Nur nach einem Fleck auf der Welt sehne ich mich, wo ich mich still und müde hinlegen könnte und nur ein Mensch um mich wäre, der mir ein gutes Wort sagt. Mir ist, als hätte ich die letzte Stätte verloren, keinen Boden mehr unter den Füßen – ganz allein auf öder Landstraße, mit dem ungeborenen Leben unter meinem Herzen. Und wir beide allen Stürmen überlassen – wohin werden wir treiben – wohin geht unsere Straße?

In einem kleinen abgelegenen Wirtshaus unten am See habe ich mich niedergelassen und gleich angefangen zu arbeiten, um die Gedanken niederzuzwingen. Dazwischen weite Gänge ins Land hinein oder den See entlang. Es hilft alles nichts – ich weiß nicht, warum diese rastlose, drängende Schwermut sich immer dunkler auf mich herabsenkt –, als ob alles Leid und Weh, das man jemals erlitten hat und noch erleiden kann, alle Schmerzen, die mir getan wurden, und die ich anderen tat, – jedes unerfüllte und unerfüllbare Sehnen –, als ob jede wehe Erinnerung und jeder ferne Klang sich zusammenballte zu einer unentwirrbaren, unerträglichen Qual, die keinen Lichtstrahl mehr durchläßt. – Warum es immer finsterer wird in mir, warum ich aufschreien möchte, wenn die Sonne scheint und der Frühling um mich her leuchtet?

Der Sturm der letzten Tage hat nachgelassen; ich ging am See hin gegen Abend, und es kam wieder eine etwas mildere Stimmung über mich. Alles war so still: auf der einen Seite das weite, dämmernde Land mit seinen weißen Obstbäumen und zur andern die blauen, verschwimmenden Ufer. Und doch immer wieder die Gedanken, die nicht weichen wollen –: wenn nun auch das Kind mir wieder genommen würde, oder ich selbst sterben müßte und es zurücklassen. Wäre es denn nicht besser, jetzt noch freiwillig hinabzugehen und es mit mir zu nehmen? Manchmal ist mir, als ob ich hellsehend wäre und wüßte, daß es so kommen muß. Und wie eine Melodie, die mich nicht losläßt, klingt es in mir bei jedem Schritt: nur sterben, nur sterben. Ich horche in ewiger Todesangst darauf, ob das Kind sich regt in mir, und wenn ich es nur eine Stunde lang nicht fühle, dann glaube ich, nun ist alles vorbei und wir sind beide verloren.

 

Sonntagnachmittag

Der Anblick von Menschen macht mich krank, und heute kommen sie scharenweise hier heraus. Mir wird dann, als ob ich von Gefahren umringt wäre, mich verteidigen müßte, wenn ich nur ein fremdes Gesicht sehe.

So habe ich mich in mein Zimmer geflüchtet – am offenen Fenster mit dem weiten Blick in sommerliches Grün. Ich sehe auf den langen, gewundenen Weg zwischen den Bäumen und denke daran –, wenn jetzt auf diesem Weg jemand zu mir herkäme und mich aus meiner einsamen Angst erlöste.

Gegen Abend das Boot losgemacht und weit auf den See hinausgefahren, jetzt wieder oben – der Sonntagslärm schallt zu mir herauf, und da draußen die blütenweiße Sommernacht. Wenn man nur schlafen könnte, eine einzige Nacht ruhig schlafen.

So kann es nicht weitergehen, oder ich treibe dem Wahnsinn zu – ich weiß es, fühle es, wie er mich immer mehr umfängt. Nur selten kommt eine klare Stunde wie jetzt, wo ich mir sage, daß das alles krankhaft ist – körperlich. Aber wenn ich es mir Tag und Nacht vorsagen wollte, es hilft nichts, es ist da, weicht nicht von mir. – Den ganzen Tag stehen mir die Augen voller Tränen, und meine Stimme versagt bei den gleichgültigsten Worten.

Ich kann nicht mehr auf den See fahren, nicht mehr ans Ufer gehen, ich fürchte mich vor dem Wasser –, daß ich auf einmal die Besinnung verlieren und mich da hineinwerfen könnte, in die Tiefe, die nach mir ruft.

Nein, ich muß mich retten vor diesem Ruf, sonst verschlingt es mich – mich und mein Kind.

 

München, Juli

Aus einer langen Nacht bin ich zurückgekehrt – war es nicht schon, als ob schwarze Totenhände mich umklammert hielten, sich immer fester krallten, bis das Bewußtsein sich unter ihrem Griff allmählich verwirrte?

Dann ließen sie langsam, langsam wieder los.

Oft geht es noch durch dunkle Tiefen jetzt –, aber ich sehe das Licht wieder, und es scheint in mich hinein. Ich kann jetzt wieder lächeln über all die Schrecken, wie ein Arzt über die Einbildungen seiner Kranken lächelt. Das Leben wollte mich doch nicht von sich lassen, und es hat lauter gerufen wie all die schlimmen, dunklen Mächte.

Mein Gott, wie rasch uns etwas Überwundenes in der Erinnerung fremd und unbegreiflich erscheint. Wer denkt, wenn die Sonne aufgeht, noch an die Gespenster, die ihn in der langen, schlaflosen Nacht marterten? Er kann nur noch fühlen, daß die Welt sich in Klarheit verwandelt hat.

Und so geht es mir jetzt – ich weiß nicht, wo die dunkle Angst geblieben ist und woher mir die tiefe Ruhe kommt – Ruhe in mir selbst, die ich nie gekannt habe. – Ich war der ruheloseste Mensch unter der Sonne, immer im Kampf, in tausend Kämpfen.

Jetzt möchte ich nur still sein, und lauter neue Gedanken treiben in mir, wie Blüten, die man noch nie gesehen hat. – Wo waren sie vorher? Wo war ich selbst und mein Leben? Es rannte immer in die Irre und immer wieder durch lauter Stachelhecken, riß sich wund und blutete aus vielen Wunden – und ich stand daneben und sah ratlos zu und war verzweifelt, weil nie die Blumenwiesen kamen, die ich suchte. Warum haben wir als Kinder keine Lehrmeister, die uns lehren, mit dem Leben eins zu werden, warum haben sie uns immer nur gesagt, daß es Feindschaft und Kampf sein müßte, schwer und hart? Das ist es nur, solange wir uns dagegen sträuben, taub und blind dahinrennen und nicht hören, was es uns sagt. Und wenn wir das einmal dunkel ahnen wollen, dann schreit so viel dagegen an, von außen her und von dem, was man jahrelang in uns hineingelogen hat, daß wir uns immer wieder von dem wirren Lärm betäuben lassen.

Ich glaubte so mutig zu sein, weil ich ein paar Sprünge gemacht hatte, die nicht alle wagen –, aber wie elend verzagt bin ich dann oft dagesessen und habe an der Lektion herumbuchstabiert, die das Leben mir zu lernen gab – wie töricht hab' ich gemeint, sie hieße Entsagung, Enttäuschung oder noch alles mögliche andere.

Jetzt kommt es mir vor, als ob mit dem großen Rätsel, das sich in meinem Körper vollendet, auch all die andern Rätsel sich lösten, als ob ich mit anderen Augen sähe, mit anderen Sinnen fühlte, und endlich fange ich an, lesen zu lernen.

– – Ein kleines, enges Zimmer mit zwei Fenstern nach Süden – ohne Läden, die man gegen die Hitze schließen könnte – mein alter, großer Tisch, der fast den ganzen Raum ausfüllt – gegenüber Schieferdächer, auf denen die Sonne glüht – und schreiben, den ganzen Tag von Morgen bis Abend. Aber jetzt sage ich nicht mehr: Was führst du für ein Dasein? Ich würde kein anderes Schicksal mehr gegen meines eintauschen, auch das vergangene nicht.

– Wie ich mich all der Verzagtheit schäme – wie konnte ich mich so vor feindlichen Blicken fürchten?

Einzelne von früheren Bekannten grüßen mich nicht mehr, andere beklagen mich. Mehr oder minder bin ich in ihren Augen doch jetzt für immer bankerott – entgleist – die Tore der »Gesellschaft« sind für immer hinter mir zugefallen.

Und das Kind? – Ich weiß meine Verantwortung wohl – und ich bin froh, ihm gerade dieses Schicksal bieten zu können – ich will es lehren, sein Schicksal zu lieben, wie ich meines lieben gelernt habe.

Zu Hause trage ich nur noch lange, weiße Kleider, die nach verwöhnter Ruhe aussehen, und die träume ich mir dann manchmal dazu. Wie müßte das sein, jetzt so leben zu können – in großen hellen Räumen mit vielen Blumen und festlichen Dingen – frohe Menschen um mich her, die alles für mich täten, mich verwöhnten – und dann nur daliegen und an das Kind denken.

Wenn ich dann auffahre und mich besinne, laufen mir dicke Tropfen von der Stirn, und die Hände wollen nicht weiter. Die Hitze ist lähmend – auf meinem Tisch steht immer eine große Schale mit Eis, um Kopf und Hände daran zu kühlen – das ist mein einziger Luxus.

 

August

Die Heimat ist bereit, in der mein Kind erwachen soll. – Seit vierzehn Tagen kaum ins Bett gekommen, ich lege mich nur ein paar Stunden auf den Diwan, dann ist's wieder vorbei mit dem Schlaf, und ich wandere von der ersten Dämmerung an in der Wohnung herum – von einem Zimmer ins andere. – Es war so viel Freude darin, alles selbst einzurichten, so viel Stolz, daß man es selbst zusammengearbeitet hat.

Alles scheint zu warten – die kleine Wiege, die neben meinem Schreibtisch steht – armselig ist das Ganze wohl, aber es war alles, was ich geben konnte, und für mich siegt schon der Glanz all der Liebe darüber, die hier zwischen uns beiden leuchten soll.

Nur die letzte Arbeit muß noch getan sein – meine Augen brennen nach Schlaf. – Ich habe eine Schieblade vom Schreibtisch herausgezogen, um den Rücken dagegenzulehnen, die Schwere im Körper will mich fast zu Boden ziehen. Und ein Gefühl, als ob man nicht mehr auf der Erde wäre, sondern in einem fremden, durchsichtigen Element, wo ferne Glocken läuten und man nur lächeln und weinen möchte.

 

September – –

Mein Kind – nun ist es aus seinem langen, dunklen Schlaf erwacht, Tag und Nacht liegt es neben mir – Tag und Nacht scheint jetzt die Sonne, und die letzte Finsternis ist hell geworden – die Welt steht still um uns beide, wie ein Tempel, in dem alle Offenbarungen tönen.

Mein Kind – mein schwererkämpftes – nach all dem stillen, frohen Warten noch einmal hinunter in den allertiefsten Abgrund – durch Martern hindurch, wie sie kein Traum zu ersinnen vermag, die alles hinweglöschen, was noch leben will an Furcht und hoffender Erwartung, alles verstummen machen vor dem einen schaudernden Aufschrei, daß solches Entsetzen möglich ist.

Und dann der lichte Morgen, die hellen strahlenden Stunden, wo das Leben in seine Bahnen zurückflutete –, und wo ich zu fassen begann, daß ein Märchenwunder Wirklichkeit geworden war – das Märchenwunder, das neben mir in weißen Kissen lag und mich aus weiten, dunklen Augen ansah. – Mein Kind – was frage ich jetzt noch, ob es schwer erkämpft war –, mein Kind soll zur Freude geboren sein, nicht die verblaßten Spuren tragen von dem, was ich gelitten habe, und was jetzt mir selber Freude und Reichtum geworden ist. Mein Weg war wohl oft dunkel und blutig, ich habe den Tod von Angesicht zu Angesicht gesehen und seinen Blick gefühlt, den Wahnsinn und die letzte Verzweiflung – nun sehe ich dem Leben ins Auge und bete es an, weil ich weiß, daß es heilig ist. Es hat mich all seinen Reichtum gelehrt an Leiden und Lust – ich liebe alle die Schmerzen, die es mir angetan hat, und all die Opferwunden, die es schlug – ich liebe auch die Verlassenheit und die Not, die vor unserer Tür steht. – Wie konnten wir je Feinde sein? Mag es jetzt geben oder nehmen – ich sehe ihm ins Auge, und wir lächeln beide.

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