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Ellen Olestjerne

Franziska zu Reventlow: Ellen Olestjerne - Kapitel 10
Quellenangabe
typefiction
booktitleEllen Olestjerne
authorFranziska zu Reventlow
year2002
publisherAllitera Verlag
addressMünchen
isbn3-935877-52-8
titleEllen Olestjerne
pages3-171
created20030423
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1903
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Im Juli kam Reinhard, und sie machten zusammen eine weite Fußwanderung nach Tirol hinein. Die Sommersonne leuchtete, und jeder Tag war eine lange strahlende Zeit. Ellen schien keine Ermüdung zu kennen, und so lachend heiter hatte er sie selbst in der alten Zeit nie gesehen, sie schien jeden Sonnenstrahl in sich aufzunehmen. Nur von Zukunftsplänen sprach sie nicht mehr, vom Malen, von ihrer Gesundheit, ging alledem förmlich aus dem Wege.

Es war nur ein Gedanke in ihr: diese wenigen Wochen noch mitsammen glücklich sein, – dann mußte alles zerbrechen. Und alles Glück, alles Frohe und Schöne, alle tiefste und letzte Freude, was andere während eines ganzen Lebens bedächtig in sich nehmen, Zug auf Zug, das sollte er jetzt auf einmal leeren und mit ihr. Sie hielt ihm den Becher an die Lippen und er trank und trank. Und wenn der Becher leer war, wollte sie ihm sagen: »Jetzt ist es vorbei!« Aber bis dieser Augenblick kam, sollte nichts die langen Sommertage trüben.

Hier und da blieben sie länger an einem Ort, der sie besonders anzog, und in diesen Ruhetagen kam es oft zu langen Gesprächen wie früher daheim, wenn Reinhard an seinem Schreibtisch saß und Ellen in der halbdunklen Ecke auf dem Diwan lag. Dann schien es ihm manchmal, als ob ihre Frohheit sich auf Augenblicke verdunkelte, und es durchfuhr ihn plötzlich: sollte nicht irgendeine geheime Angst hinter alledem stecken? Vielleicht fürchtete sie, wieder krank zu werden wie im letzten Winter, nicht arbeiten zu können –

Und Ellen konnte dann so seltsam sein und seltsame Sachen reden, fast wie im Fieber.

»Wenn nun mit einemmal alles vorbei wäre, Reinhard – könntest du das ertragen?«

»Ertragen – ich weiß nicht. Aber was sollte denn vorbei sein? Solange wir uns haben, gehört uns das Leben, das hab' ich noch nie so gefühlt wie jetzt, und du auch, glaube ich.«

»Ja – aber wir wissen doch nie, was kommen kann. – Sieh mal, es gibt doch so etwas wie Schicksal, was die Menschen voneinanderreißen kann – gerade so, wie es uns beide zusammengeworfen hat. Wie kann man das wissen? – wenn nun einer von uns sich in jemand anderen verliebte. – Ob du es zum Beispiel begreifen würdest, wenn ich einmal etwas ganz Wahnsinniges täte – von dir ginge.«

»Warum sprichst du so sonderbar, Kind? Willst du mir etwa fortlaufen? Wenn du es tätest, müßte es doch einen Grund haben, und wenn deine Liebe aufhörte, würde ich dich niemals halten wollen.«

»Nein, so meinte ich es nicht – ich glaube, das, was zwischen uns beiden ist – wie ich dich liebe – gerade dich, das kann nie zu Ende sein, wenigstens könnte das nie einem anderen Menschen gehören. Aber anderes könnte vielleicht kommen – ich weiß doch nicht, ob du mich ganz kennst. – Man fühlt doch manchmal Tiefen in sich, wo nie jemand anders hineinschauen kann, etwas Wildes, das vielleicht immer schlafen bleibt, aber es könnte auch einmal herauswollen und dazu treiben, alles, was schön und gut ist, zu zerstören – daß wir gerade das Unglück wollen – einfach müssen. Und würdest du das verstehen – bei mir? Wenn ich dir sagte, du mußt mich freilassen, weil ich in mein Unglück hineinrennen will?«

»Ellen, es ist mir beinah unheimlich, wenn du so redest – was soll das? Es sind Phantasien, kranke Gedanken! Ich glaube, gerade du bist so zum Glück geschaffen wie wenige, und um glücklich zu machen. Das kannst du nur selbst nicht fühlen – damals wolltest du es auch nicht glauben, und sind wir dann nicht doch glücklich gewesen, so ganz selten glücklich?«

»Ja, aber vielleicht könnte ich es auch einmal wollen, unglücklicher zu sein, wie alle andern.«

Sie sah ihn lange an, dann warf sie sich in seine Arme und atmete förmlich auf – es war ja noch Zeit, noch mußte es nicht sein.

»Ach, jetzt wollen wir nicht mehr von solchen Sachen reden, Reinhard.«

 

Noch eine letzte große Fußtour wollten sie machen und dann, ehe Reinhards Urlaub zu Ende ging, auf ein paar Tage zu seiner Mutter, die auch im Gebirge war.

Ellen fing an die Stunden und Tage zu zählen – noch siebenmal Morgen und Abend – bei jedem Schritt ging es jetzt neben ihr her – noch einen Tag, noch einen – noch war er jeden Morgen da, wenn sie aufwachte, und dann wanderten sie zusammen in die sonnenglühende Bergwelt hinein, übernachteten wieder in einem andern stillen Dorf.

Noch vier Tage –. Eines Nachmittags stiegen sie über einen Paß. Ellen machte einen ungeschickten Tritt und glitt ein paar Stufen hinunter – die Berge schwammen um sie her, drehten sich, sie fühlte einen heftigen, inneren Schmerz, dann sank sie in die Knie, und ihr wurde schwarz vor den Augen. Reinhard war gleich neben ihr und half ihr auf: »Was hast du denn, Ellen?«

»Ich weiß nicht«, sagte sie, »aber ich glaube, ich kann nicht weiter gehen.« Dann versuchte sie ein paar Schritte. »Nein, es geht schon wieder.«

Sie ruhten eine Weile aus und gingen dann weiter, durch Täler im Sonnenuntergang, auf Höhen hinauf und wieder hinunter. Ellen ging hinter Reinhard her, um ihn nicht sehen zu lassen, wie schwer es ihr wurde. Der Schmerz von vorhin kam immer wieder, nur im Kopf war ihr so seltsam leicht und klar – das andere war nur noch wie eine fremde, brennende Masse, die ihr folgen mußte, weil sie es wollte. Es lag eine Art Wollust darin, sich so Herr über seinen Körper zu fühlen. Sie wollte jetzt nicht krank werden, nicht zusammenbrechen – nur jetzt nicht –, dazu war später noch Zeit.

Spät abends, als es lange dunkel war, fanden sie endlich ein Nachtquartier in einem entlegenen Dorf. Ellen lag die ganze Nacht wach und hörte auf seine Atemzüge. Ihr schien, als ob bei dem langen Stilliegen alle Kraft sie verließe. Wenn sie nun nicht wieder aufstehen konnte? Wenn sie hier liegen bleiben wußte in dem niedrigen, moderigen Zimmer, – es nahm ihr den Atem, daran zu denken.

»Können wir nicht fahren?« fragte sie am Morgen.

»Es geht von hier aus keine Post, aber wir könnten ein paar Tage bleiben und uns ausruhen. Du sollst dich nicht überanstrengen, fühlst du dich krank? Vier Stunden müßten wir noch gehen bis zur Bahn und dann nach Bozen fahren.«

Er ging hinunter, um den Kaffee zu bestellen, und als er wiederkam, war Ellen schon bereit.

»Nein, wir wollen doch lieber gehen.«

 

Abends waren sie in Bozen und standen zusammen auf dem Balkon, der nach dem Hotelgarten hinausging. Unten lag ein großes Beet mit Monatsrosen. Reinhard und Ellen sahen hinaus in die Dämmerung und sprachen, plötzlich fuhren sie beide unwillkürlich zusammen.

Von der Seite, aus dem Gebüsch her, kam ein hinkender, verwachsener Mensch mit seltsam spitzigem Kopf – wie ein Gnom sah er aus – der sich scheu nach allen Seiten umblickte, dann rasch den Beeten zuschlüpfte und ein paar Blumen abriß. Dann war er wieder im Gebüsch verschwunden.

Reinhard und Ellen sahen sich an.

»Bist du erschrocken?«

»Was war das?« sagte sie. »Das war kein wirklicher Mensch, und was wollte er? – Er hat uns so angesehen.«

Reinhard lachte, um sie zu beruhigen, aber er hatte ebenso wie sie einen unerklärlichen Schauder gefühlt.

»Kannst du wieder nicht schlafen, Ellen?«

»Nein – wenn du nicht müde bist, komm noch etwas her und sprich mit mir.«

Er kam und setzte sich auf ihr Bett:

»Wenn sich doch etwas gegen diese Schlaflosigkeit tun ließe – was ist nur mit dir, Ellen?«

»Ja, es ist schon manchmal arg –, aber ich möchte doch nicht wieder mit den Schlafmitteln anfangen wie letzten Winter. – Und man denkt so viel dumme Sachen, wenn man immer so daliegt.«

»Woran dachtest du denn jetzt?«

»Ach, daß ich doch vielleicht krank bin, daran denke ich oft. – Und dann geht mir gerade heute eine Geschichte im Kopf herum, die mir die Dalwendt erzählte, als wir zusammen auf dem Land waren – wir haben viel darüber gesprochen und ich möchte eigentlich wissen, wie du darüber denken würdest.«

»Was für eine Geschichte? – Dann erzähl' sie mir doch.« Ellen lag im Dunkeln, er konnte ihr Gesicht nicht sehen, und sie erzählte ihm ihre Geschichte. Ihr ganzes Fühlen war in einer übermenschlichen Spannung – bei jedem Wort fürchtete sie laut aufzuschreien, aber ihre Stimme klang ganz ruhig und monoton. Reinhard hörte nachdenklich zu: »Liebte er sie denn nicht? – Ich meine der, von dem sie das Kind hatte?«

»Gott – er war wohl ein Mensch, der überhaupt nicht lieben konnte, viel zu zerspalten und zu zerfahren. Und sie sah einen großen Künstler in ihm, einen Menschen, wie er ihr nie wieder begegnen würde, der ihr unendlich viel gab. Vor allem dachte sie daran, daß er frei bleiben müßte, und dann wohl auch an das Kind – aber das ist noch nicht alles. Den Mann, den sie heiratete, kannte sie eigentlich kaum – das ist wohl meistens so. – Wir haben uns doch auch erst nachher kennengelernt. – Als sie seine Frau wurde, war er ihr beinah gleichgültig und fremd, aber dann fing sie an, ihn zu lieben – anders wie den anderen –, vielleicht nicht so leidenschaftlich, aber viel tiefer. Sie war glücklich mit ihm, und er war sehr glücklich. – Das Kind kam nicht zum Leben –, ihr Mann war in der Zeit gerade verreist, und niemand erfuhr davon. – Zuletzt vergaß sie es selbst beinah, und es kam ihr vor, als ob alles nicht wahr gewesen wäre.«

Ellen meinte, er müßte ihr Herz klopfen hören, es schlug langsam und schwer. – Die Art wie sie erzählte, hatte für Reinhard etwas seltsam Erregendes. Ihm wurde immer beklommener zumut, vielleicht ging es wie eine ferne Ahnung durch seine Seele, von der er selbst nicht wußte.

»Dann sah sie den anderen wieder – zufällig – und da hatte er ein Kind mit irgendeinem Mädel – und nun fiel mit einemmal alles in sich zusammen, ihr war, als ob selbst ihre Schuld entwertet sei, die ihr immer wie eine Art Heiligtum vorgekommen war. Und auch was sie sonst in ihm gesehen hatte, war fort, alles Illusion, die in nichts zerrann. Wenigstens in dem Augenblick kam es ihr so vor – vielleicht war es auch ungerecht –, aber es tat ihr so entsetzlich weh, daß er ihr Kind nicht gewollt und nun ein anderes hatte.

Und dann fing sie ein neues Verhältnis an, das ihr gerade in den Weg kam. Und als sie das getan hatte, fühlte sie plötzlich, daß sie nun ihrem Mann alles sagen und sich von ihm trennen müßte.«

 

Bis tief in die Nacht sprachen sie noch darüber, es schien Ellen, als ob sie nie in ihrem Leben so hätte reden können – bis in die kleinste Einzelheit hinein zwang sie ihn förmlich mitzufühlen, was jene Frau durchlebt hatte. Er sollte alles verstehen, begreifen, daß es unentrinnbare Gewalten gab, die einen Menschen treiben konnten, so zu handeln und dabei doch so viel zu lieben. Und sie dachte nicht daran, daß die Erkenntnis, sie selbst sei es gewesen, alles Verstehen wieder hinwegschwemmen würde wie einen Strohhalm. Eine törichte Hoffnung dämmerte in ihr auf, daß vielleicht ein Wunder geschehen möchte, das unerhörte Wunder, daß einer, der liebt, dem anderen folgen könnte bis in seine dunkelsten weggewendeten Tiefen, und daß er ihr bleiben könnte, welche Wege sie auch ging.

 

Dann brach der letzte Tag an – die Sommerwärme lag glühend zwischen den Bergen –, Reinhard und Ellen gingen vormittags einen flimmernden, staubigen Weg, an dem roter Mohn blühte und kleine, wie aus Stein geschnittene grüne Eidechsen spielten. – Sie konnte ihn jetzt nicht länger darüber täuschen, daß sie leidend war, jeder Schritt wurde ihr schwer, und ihre Hände brannten.

»Es braucht ja nichts Schlimmes zu sein«, sagte sie, »aber es ist doch vielleicht besser, wenn du jetzt allein zu deiner Mutter gehst, für die zwei Tage, und ich nach München fahre, um einen Arzt zu fragen.«

So wußten sie nun beide, daß es für lange Zeit das letzte Alleinsein war.

Lange saßen sie auf den weißen Steinen, die in der Sonne schimmerten.

»Aber war es nicht schön?« sagte Ellen. »Alle die Wochen jetzt – wie ein ganzes langes Leben voll Sommer. Sag mir, daß du noch nie so glücklich gewesen bist, Reinhard.«

»Noch nie«, sagte er, so von innen heraus, daß es ihr ins Herz schnitt. Namenlos traurig sah sie ihn an, und er fühlte plötzlich, daß ihr bange war zum Vergehen. Und dieser Blick kam noch ein paarmal wieder, während die Sommerstunden verrannen und Ellen wie im Fieber von Glück und Leben sprach. Und jedesmal fragte Reinhard wieder: »Was ist dir? – Sag mir doch, was dir ist.«

Als sie abends wieder auf dem Balkon standen, war es beklemmend schwül, und schwere Gewitterwolken hingen am Himmel.

»Da ist er wieder!«, und Ellen faßte unwillkürlich nach seiner Hand. Derselbe unheimliche Bucklige kam aus dem Gebüsch, sah sich nach allen Seiten um und zu ihnen hinauf, riß Blumen ab und verschwand.

Dann waren sie ins Zimmer zurückgegangen und saßen auf dem Sofa, die Tür stand offen und in der Ferne donnerte es.

Ihre Zeit war um.

»Reinhard, nun ist unser Sommer zu Ende – morgen geh' ich fort von dir.«

»Ja«, sagte er traurig, »aber vielleicht bleibt uns noch ein Tag, wenn du in München gewesen bist. Eigentlich wäre es mir lieber, selbst mitzufahren.«

»Nein, es bleibt uns kein Tag – ich gehe fort für immer.«

Ellen fühlte plötzlich, daß sie sich verwirrte, und wiederholte es noch ein paarmal, bis sie sein Gesicht dicht vor sich sah und seine Stimme hörte, die fast wie ein Schrei klang: »Was heißt das? Bist du wahnsinnig geworden?« »Nein –, Reinhard –, aber es war meine eigene Geschichte, die ich dir gestern erzählte.«

 

Am nächsten Morgen war Ellen allein in der Bahn, bei glühender Sommerhitze und überfüllten Kupees. Wie sie dahin gekommen war, wußte sie selber kaum, nur daß sie einen endlosen Tag immer weiterfuhr und fremde Menschen wie in weiter Traumferne sprechen hörte. Sie fühlte nichts wie einen schweren Druck im Kopf und folternde Schmerzen, die bis zum Hals hinaufstiegen, wie glühende Nadelstiche. Dann und wann hielt der Zug, und sie schrak aus dem Halbbewußtsein empor, sah ein Stück Tageswirklichkeit vorübergleiten, und verwirrte Gedanken wollten durch die Betäubung brechen.

Dunkle Bilder der vergangenen Nacht zogen an ihr vorbei – schwere Donner rollten draußen im Finstern, durch die Glastür flammten Blitze und drinnen taumelten zwei Menschen durch Abgründe von Qual. – Reinhard stand vor ihr, schüttelte sie: »Besinn' dich doch, sag' mir, daß alles Wahnsinn ist.«

Waren sie nicht beide wahnsinnig geworden? Saßen sich mit irren Blicken gegenüber und redeten zerrüttete, unmenschliche Dinge? Und eine spukhafte, verzerrte Wirklichkeit um sie her? Sie hörte seine Stimme, die nur noch wie dumpfes Stöhnen klang, und ihre eigene in gebrochener Klanglosigkeit: »Nein, es ist wahr, Reinhard, es ist wahr, es ist alles wahr.«

Dann wieder lag sie im Lehnstuhl, er drüben auf dem Bett in betäubtem Schlaf – die Nacht war vorbei, und der Morgen brach durch die Scheiben –: ein blutiger, zerstörter Morgen. Sie versuchte sich aufzurichten, zu atmen – ihr Körper war wie in glühendes Eisen eingeschnürt.

Wieder hielt der Zug, Menschen kamen und gingen, für einen Augenblick zerrissen die tanzenden Gewebe vor ihren Augen – gegenüber war ein Platz frei geworden und Ellen versuchte, die Füße hinaufzulegen.

»Es geht nicht«, sagte sie ganz laut, und immer wieder schlug ihr Kopf gegen etwas an.

»Sind Sie krank?« sagte eine fremde Stimme. Sie sah sich um, da saßen zwei junge Mädchen und ein Mann – große, weiße Strohhüte flatterten wie Vögel. Jemand schob ihr ein Kissen unter den Kopf. Ellen schlief und wachte auf, schlief wieder ein, das Kissen verschob sich und wurde zurechtgerückt. Einmal fiel es ganz hinunter, sie schlug die Augen auf und fragte: »Ist es schon Abend – gibt es denn kein Wasser?« Dabei fühlte sie, wie ihre Zähne aufeinanderschlugen. Dann gab man ihr etwas zu trinken, aber es war nur Feuer, was sie hinunterschluckte.

»Sie haben ja Fieber«, sagte wieder die Stimme, oder waren es viele Stimmen, und eine Hand legte sich um ihre. Ellen fühlte, wie ihre Adern gegen die fremden, kühlen Finger hämmerten.

Endlich stand der Zug still – in München. Über dem Menschengewühl in der Halle strich kühle Nachtluft. Ellen wußte jetzt plötzlich wieder, wo sie war –, daß jede Bewegung ihr weh tat und der brennende Durst ihr die Sprache raubte. Ein fremder Herr sorgte für ihre Sachen und brachte sie die wenigen Schritte bis zum Hotel.

»Ich danke Ihnen«, sagte sie und fühlte, daß ihr Tränen übers Gesicht liefen.

Irgendwie kam sie dann die vielen Treppen hinauf in ein Zimmer und lag im Bett. Wieder war es Nacht, und sie wußte nicht, ob sie schlief oder wachte. Immer wieder kam derselbe Traum –, als ob sie von einer schwindelnden Höhe hinunterstürzte, ihre Glieder zerrissen und zerschellten, wollten sich wieder zusammenfügen und rieben sich gegeneinander wie mit lauter schmerzenden Stacheln. Dabei lag sie auf einer wogenden Masse, die sich hob und senkte –, im Kreise drehte. Das hörte nicht auf, begann immer wieder von neuem, bis alles in Fieberdelirien untersank.

 

Der Sommer ging zu Ende, und Ellen lag immer noch im Krankenhaus. Schwer und langsam gingen die Nächte hin, unter quälenden Vorstellungen, die sich immer wiederholten – eine unabsehbare Leiter mit hohen, schmalen Sprossen, die sie hinaufsteigen mußte, und bei der leisesten Bewegung wachten die zerrenden Schmerzen wieder auf und verscheuchten den Schlaf. Dann lag sie und sah nach der Tür, fühlte etwas wie Erleichterung, wenn sich von draußen ein Lichtschimmer nahte und die Schwester kam in ihrem friedlichen, weißen Schleier, das Nachtlicht in der Hand, und ihr wieder frisches Eis brachte. – Und so von Stunde zu Stunde, bis es Morgen war, dann wandte sie mühsam den Kopf nach dem Fenster und sah, wie es über Dächern und Bäumen allmählich heller wurde, lauschte auf jedes Geräusch im Hause, wie die Türen gingen, die Schwestern von der Messe die Treppe heraufkamen, alles wieder erwachte aus der tiefen Stille. Am späteren Vormittag kam der Arzt, manchmal brachte er noch andere mit, sie standen am Bett, stellten Fragen und redeten untereinander. – Dann war Ellen wieder allein, während die wechselnden Tagesstimmungen vorüberzogen da draußen, die Herbstsonne leuchtete oder Regenwolken tropften, hier und da zog auch noch ein verspätetes Gewitter herauf.

Nachdem die ersten, fieberheißen Tage vorüber waren, hatte sie immer wieder gefragt, wann sie wieder aufstehen könne, und wurde von Woche zu Woche vertröstet. Jetzt war schon lange nicht mehr die Rede davon, und Ellen fragte auch nicht mehr. Sie begann, sich an dies stille, weltferne Dasein zu gewöhnen, das ihr ein tiefes, langes Ausruhen brachte und einen milden Schleier über Leid und Freude legte.

Ihr schien jetzt, als läge schon eine unendlich lange Zeit zwischen dem Jetzt und jener Gewitternacht in Bozen – der Aufschrei war verhallt und nur noch ein mattes, sehnendes Weh zurückgeblieben. Noch einmal hatten sie und Reinhard sich wiedergesehen, er war an ihr Krankenlager gekommen, als er durch den Arzt erfuhr, daß sie wohl hoffnungslos daläge. Und als er sie dann so wiederfand, in einem engen, heißen Hotelzimmer, sie ihn aus starren, tiefliegenden Augen ansah und kaum erkannte, da schwieg sein eigner Schmerz und sein Groll. Er brachte sie ins Krankenhaus und blieb bei ihr, bis die erste Gefahr vorüber war, und selbst dann fand er keine harten Worte mehr. Sie hielten sich lange an der Hand zum Abschied –, es war nicht mehr Ellens Schuld, die sie voneinandergerissen hatte –, sie glaubten beide das Schicksal zu fühlen, das dunkel über ihrem Leben war, eine fremde, unerbittliche Macht, der sie Hand in Hand gegenüberstanden.

Oft gingen jetzt ihre Gedanken zu ihm hin; ihr Heim war für immer verloren, das wußte sie wohl, aber es war doch wie ein großes Geschenk, daß er so von ihr geschieden war ohne Haß und Zorn. Und wie ungeheuer mußte seine Liebe gewesen sein, daß er so bis in die letzten Tiefen zu verstehen mochte – und wie einsam lag der Weg jetzt vor ihr ohne ihn und alles, was er ihr gewesen war.

Aber es kamen auch Tage, wo sie daran dachte, wie jung sie noch war, und was noch alles vor ihr lag –, wo sich die Zukunft in goldene Fernen weitete – leben und schaffen. – Die Gesunden kamen zu ihr herauf in das stille, weiße Zimmer, die alten Freunde, und sprachen davon, wenn Ellen erst wieder mit ihnen arbeiten würde. Johnny brachte ihr Blumen, alle verwöhnten sie und wunderten sich im stillen, daß Ellen dies lange Krankenlager so ruhig ertrug. Sie wußte wohl selbst nicht, wie es um sie stand.

So war allmählich fast ein Vierteljahr dahingegangen, und sie war immer noch kaum imstande, sich aufzurichten; dann standen eines Vormittags wieder die Ärzte um ihr Bett –, sie gingen zur Beratung hinaus, und einer kam zurück, um mit ihr zu reden. Ellen drang selbst in ihn um volle Wahrheit. Ihr waren schon lange manche bange Ahnungen gekommen –, aber dann traf es sie doch wie ein Donnerschlag: nur, wenn sie sich einem schwierigen und gefährlichen Eingriff unterziehen wollte, so wäre auf Besserung zu hoffen. Gewißheit könne man ihr vorher nicht geben –, sie sollte sich alles wohl überlegen.

»Und sonst?« fragte Ellen.

Ja, sonst hätte sie wohl nur ein unabsehbares Siechtum zu erwarten – ein jahrelanges Krankendasein – vom Bett auf das Sofa und wieder zurück. Der Arzt sagte das alles so schonend wie möglich – er wußte manches von ihrem Leben und daß sie ganz alleinstand. Aber sie ahnte wohl, daß es noch nicht die volle Wahrheit war – in seinem Gesicht glaubte sie ihr Urteil zu lesen und etwas von dem Mitleid, das der Arzt nicht sehen lassen darf – Mitleid mit dem Verurteilten.

In dieser Nacht kämpfte sie einen harten Kampf.

Daß sie schwerkrank war, hatte sie wohl gewußt, und anfangs war auch manchmal der Gedanke an den Tod gekommen, an ein langsames Verlöschen bei halbem Bewußtsein. Aber mit dieser schreckenden Klarheit war er noch nie vor sie hingetreten – sie hatte sich ja nur mit Geduld in das lange Daliegen gefunden, weil sie immer wieder dachte, es müßte doch endlich der Tag kommen, wo sie wieder hinauskönnte ins Leben. Nein – nicht sterben, nur nicht sterben – sie hatte noch nicht entsagt, hatte noch wieder hinaustreiben wollen auf das ruhelose Meer von Hoffnungen und Möglichkeiten. Sie – Ellen Olestjerne – mit ihren dreiundzwanzig Jahren, die mehr vom Leben verlangte als viele andere, die noch so viel schaffen und gewinnen wollte –, und das sollte nun das Ende sein von allem. – Immer wieder sagte sie es laut vor sich hin: das soll nun das Ende sein. – Und doch war sterben noch nicht das Schlimmste –, wenn sie sich nicht entschließen konnte, den Kampf zu wagen, dann erwartete sie das andere: jahrelanges Siechtum, hatte er gesagt, das bloße Wort war schlimmer wie zehnfacher Tod – sich herumschleppen vom Bett zum Sofa, vielleicht auch einmal bis ans Fenster – mit den ewig bohrenden und zerrenden Schmerzen – nichts mehr tun, nichts mehr wollen können und dabei verfallen, häßlich werden, Falten bekommen, langsam zum Skelett werden, bis auch das zusammenbrach. – Der Gedanke schüttelte sie wie etwas Widersinniges, Wahnsinniges, Unfaßliches.

Was hatte sie nicht schon alles hingegeben in dem unbändigen Drang nach ihrem innersten Selbst, das so viel zum Opfer wollte – Heimat, Geschwister, selbst den Bruder, den sie so sehr liebte, denn der war schließlich auch von ihr gegangen zu den anderen – den Mann, dem ihre erste große Leidenschaft gehörte – sein Kind – Reinhard – alles, alles von sich geworfen, ihr war, als ob sie immer nur über Leichen hinweggegangen sei –, um schließlich vor ihrer eigenen anzukommen, und daneben stand das Schicksal und grinste sie eisig an: Es ist noch nicht genug – jetzt nehme ich dir auch noch deine letzte Kraft, deinen jungen Körper, der noch blühen wollte, deine jungen Jahre, die noch heißes Verlangen trugen –, und schlage dich zum Krüppel. Ohnmächtig sollst du vor mir daliegen, und es war alles umsonst.

Und sie konnte nicht einmal aufspringen, um sich zu wehren oder zu fliehen. Was half es ihr, wenn sie die Fäuste zum Himmel ballte und ihrem Geschick fluchte? – Nein – kraftlos daliegen und warten, bis der Schlag sie traf oder an ihr vorbeiglitt. – Wie hatte sie nicht schon warten gelernt – auf Gesundheit und auf die Rückkehr zum Leben, aber auf den Tod warten, auf den wirklichen oder den anderen – den Tod bei lebendigem Leibe –, das war eine fürchterliche, verzehrende Geduld, die sie noch zu lernen hatte.

 

Als der Arzt am nächsten Morgen wiederkam, stand Ellens Entschluß fest, sie wollte nun alles so rasch wie möglich festgesetzt haben. Aber es hieß noch eine Reihe von Tagen warten und sich zur Ruhe zwingen.

Draußen war immer noch Sonnenschein und goldne Tage. Ellen meinte noch nie einen so lichten, strahlenden Herbst gesehen zu haben, es schien ihr fast wie eine gute Vorbedeutung, und mit der Entscheidung kam allmählich eine Art Zuversicht über sie. Manchmal lag sie lange da und betrachtete sich in ihrem Handspiegel – nein, sie sah noch nicht aus wie ein zerstörter Mensch. – Sonnenkind, so nannte Johnny sie – ja, sie hatte eigentlich immer noch ein Kindergesicht, nur etwas schmaler war es geworden, aber keine Leidenszüge.

Am letzten Tage kamen viele von ihren Bekannten mit dem verborgenen Gedanken, sie vielleicht zum letztenmal zu sehen, Schwester Maria fragte, ob sie nicht doch mit einem Geistlichen reden wollte – und dann Johnny – er legte ihr einen Haufen Rosen aufs Bett, seinen Kopf dazu, und Ellen glaubte zu sehen, daß er weinte.

»Aber Johnny«, sagte sie, »was habt ihr alle? – Tut, als ob ihr mich schon begraben wolltet, und ich denke ja gar nicht daran zu sterben.«

Jetzt, wo es so dicht vor ihr war, fand sie beinah etwas Festliches in der Gefahr und gewann ihre alte Fähigkeit wieder, über alles zu lachen.

Es war ein trüber, grauer Nachmittag, und die ersten Schneeflocken trieben gegen die Fenster, als Ellen aus langer Betäubung wieder erwachte – wie durch einen Nebel sah sie Gesichter um sich her, dann sank sie wieder in den Nebel zurück, und es kam eine lange, halb bewußtlose Nacht – neben ihr die Schwester – ihre weißen Schleier schwankten hin und her wie große Flügel – noch mehr Tage und Nächte – ein Gewirr von neuen wühlenden Schmerzen, schreckhaften Träumen und sengendem Durst – ein dumpfes, willenloses Ringen gegen unerträgliche Pein und dann wieder Zurücksinken in die milde Morphiumbetäubung.

War das noch Leben oder war es schon Todeskampf?

Am ersten Morgen, wo sie wieder klar um sich sehen konnte, war ihr zumut, als sei sie schon weit fortgewesen, in dem dunklen Land, aus dem keiner mehr zurückkommt – und ein seltsames Gefühl von Erdenfremdheit durchzog sie, als ginge es sie nichts mehr an, ob sie wieder zu den Lebenden gehören sollte.

 

Dezember 93

Den ganzen Tag in alten Briefen gelesen und zuletzt in meinem einstigen Münchener Tagebuch – bis dahin, wo es plötzlich abbricht ... Seither habe ich nie wieder geschrieben, es taumelte alles zu überstürzend rasch an mir vorbei und über mich weg, von einer Katastrophe zur andern, bis zu der langen Ruhezeit im Krankenhaus.

Danach kann ich mich oft noch zurücksehnen – mein Gott, es war nicht leicht, von der stillen Zeit Abschied zu nehmen und so mit halben Kräften wieder hinaus – sich am Stock herumschleppen wie ein Krüppel. Und wo mich Bekannte sehen, dies Erstaunen – man hat ja immer nur gehört: mit der ist's aus. Es kommt mir beinahe vor, als wären sie enttäuscht, wenn einer wieder aufersteht von den Toten. – Und diese endlosen Fragen, warum ich immer noch hier bin, nicht bei meinem Mann. – Das weht einen so kalt und feindlich an, man möchte seine Habe auf den Rücken nehmen und davongehen – Gott weiß wohin. – Aber ich hätte es mir vorhersagen können. – Und wenn ich so dasitze und meine Umgebung ansehe, in der ich jetzt lebe – dies kleine, enge Atelier mit dem Feldbett und dem großen Tisch, weiter ist fast nichts darin –, da kommen so allerhand Gedanken. – Ja, ich bin jetzt nicht mehr die verwöhnte junge Frau, der man jeden Wunsch an den Augen abliest –, und auch nicht mehr die unverwüstliche Ellen früherer Tage, der die größte Misere am lustigsten schien. Der schwerste Kampf wird jetzt erst beginnen, wo ich ihm eigentlich nicht mehr gewachsen und schon recht kampfmüde bin.

Da steht der Stock neben mir – der Stab Wehe – mein guter Doktor versichert mir, daß ich mit der Zeit wieder würde gehen können wie andere Menschen, aber dann redet er auch von Schonung und Pflege und ist entsetzt, wenn er hier heraufkommt: »Kann denn niemand etwas für Sie tun?« – Aber das kann ich ihm nicht auseinandersetzen – Reinhard tut immer noch für mich, was er kann, aber die Krankenzeit hat mehr verschlungen, wie ich ihm sagen möchte, und noch Schulden von früher her. – Es kommt eine ziemliche Misere dabei heraus. Nur gut, daß wir immer zwei sind, die Dalwendt ist jetzt auch ganz auf sich selbst angewiesen, und wir teilen gute und schlechte Tage wie früher.

Alles in allem bin ich ja gerade dahin gelangt, wo ich wollte, mein Leben gehört nur noch mir, ich kann daraus machen, was ich will. Ich bin auch noch jung genug – wie viele fangen in meinem Alter erst an hinauszukommen. Wenn ich daran denke, wie ich mich in ganz jungen Jahren fürchtete, ich möchte nicht genug erleben! – Jetzt liegt viel hinter mir in den kurzen Jahren.

Die alten Briefe haben mich heute ganz wehmütig gemacht – Detlev, Friedl und all die andern. – Wir waren ja noch halbe Kinder damals, in unserer Begeisterung und unserem Pathos, fühlten uns als die Vorkämpfer einer neuen Zeit – jeden Augenblick wären wir bereit gewesen, uns dafür zu opfern.

Ich weiß wenig davon, was aus ihnen allen geworden ist und wie weit sie dem Damals »treugeblieben« sind. – Aber wer mag so dafür geblutet haben wie ich? – Ja, »der letzte Mut zu sich selbst« – ein blutiger Weg, der dahin führt –, der die Füße wund und müde macht.

Und manchmal möchten Heimweh und Sehnsucht rufen: Komm zurück! – Als ich anfing, mich zu erholen, den ganzen Tag im Lehnstuhl am Fenster saß und daran dachte, wie Reinhard jetzt einsam ist und sich vielleicht noch nach mir sehnt –, da haben sie oft nach mir gerufen –

Aber dann der erste Besuch bei Johnny –, er trug mich die Treppe hinauf, die ich so lange nicht mehr gegangen war –, und da droben, wo alles an unsere wilden Stunden erinnerte –, da fühlte ich wieder den heißen Hauch der Stürme, die draußen wehen, wo man frei ist. Die am warmen Kamin sitzen, wissen nichts davon – nur wir, die auf der Landstraße gehen.

 

Januar 94

Endlich kann ich wieder etwas an die Arbeit, und der Stab Wehe ist verbannt.

Allmählich fangen nun die Erfahrungen an, die man mir früher so oft weissagte –, daß wir nie ungestraft vom geraden Wege abweichen dürfen. – Ich wollte in unsere frühere Malschule eintreten, aber man hat etwas von Ehescheidung gehört und erhebt Bedenken. – So bin ich denn in eine andere gegangen, wo es nicht so strenge genommen wird.

Und das andere ist dem gleich. – Bei meinem ersten Münchener Aufenthalt verkehrte ich noch in einigen Familien – trotzdem ich damals doch ein ziemlich extravagantes Leben führte, aber man wußte nicht, wie weit es in Wahrheit ging, und vor allem wußte man, daß ein geachteter Mann in sicherer Stellung mich heiraten wollte. – Eine Mittelsperson macht mich jetzt schonend darauf aufmerksam, daß man an mir irre geworden sei – aus dem, was sie sagt, fühle ich wohl heraus, daß ein offenes Bekenntnis vielleicht alles wieder gutmacht – man könnte ja vielleicht eingreifen, helfen – tout comprendre est tout pardonner – man weiß ja nichts Genaues.

Aber ich danke schön – ich suche niemand mehr auf, der nicht zu mir kommt. Es wacht etwas von dem alten Ibsenklubgeist in mir auf. Wenn mir etwa Steine in die Fenster fliegen sollten, so werde ich sie mit Vergnügen aufsammeln und für meine Kinder aufheben. – Ich habe eine stille Freude dabei, all diesen guten Leuten in Gedanken die Tür recht weit aufzumachen.

 

2. Februar

Diesen Winter hat sich eine etwas merkwürdige Freundschaft angeknüpft – ich war abends bei strömendem Regen in der Stadt, wollte beim Marienplatz in den letzten Fiaker steigen. Als ich ankam, stand schon jemand daneben, will mir aber aus Höflichkeit den Wagen überlassen, hält sogar seinen Regenschirm über mich. Mir machte das so tiefen Eindruck, daß ich sagte, er könne ja mitfahren, wenn wir denselben Weg hätten. Das Ende war, daß wir dreimal zwischen dem Hoftheater und dem letzten Stück der Theresienstraße hin- und herfuhren und uns noch nicht darüber geeinigt hatten, wer wir eigentlich wären. Dann trafen wir uns am Weihnachtsabend wieder auf der Straße, hatten beide nichts anderes vor und feierten ihn zusammen in einer Weinstube, gerieten so tief in ein Gespräch über Boheme, Gesellschaft, guten Ton und Etikette, daß wir eine Stunde vor meiner Haustür standen und ich ihn schließlich zu einem Kaffee bei mir einlud.

So ähnlich hat sich unser Verkehr dann weitergesponnen, er kommt oft abends zu mir herauf, und wir schwätzen die halbe Nacht durch – trotz allem guten Ton, an dem wir übrigens aufs strengste festhalten. Denn unser Benehmen ist tadellos korrekt in Gedanken, Worten und Werken, man könnte es eigentlich nicht einmal Freundschaft nennen, wir verkehren nur wie zwei liebenswerte Eisblöcke, die irgendwelchen Gefallen aneinander finden.

Bel-ami – den Namen hat er bekommen, wie ich seinen wirklichen noch nicht wußte – gehört der sehr guten Gesellschaft an – ist immer sehr elegant und scheint ein ziemlich unruhiges Leben zu führen. – Jetzt im Karneval, kommt er einmal im Frack, einmal in irgendeiner Maske zwischen zwei Festlichkeiten bei mir angestürzt, um sich auszuruhen. Wir suchen erst lange nach einem geeigneten Platz für seinen Zylinder, dann sitze ich auf dem Bett, er auf dem einzigen Klappstuhl und erzählt mir seine Erlebnisse. Einmal schlief er dabei im Stuhl ein – und entschuldigte sich wenigstens drei Stunden lang. Ich versicherte ihn meiner Nachsicht, und so ist es allmählich Brauch geworden, daß er bei mir seine nächtliche Siesta hält.

Ach, dieser Karneval! Wenn ich Bel-amis Schlaf bewache oder Johnny zu irgendeinem Fest schminken und kostümieren helfe, da wird es mir doch manchmal arg schwer, immer zu Hause zu bleiben – aber dies Jahr darf ich nicht tanzen – wer weiß, ob später.

 

März

Nun ist bald Frühjahr – und dann geht Johnny fort – vielleicht auf Jahre. Aber wir sind beide sehr tapfer und machen uns keine Abschiedsschmerzen. – Eigentlich sind wir überhaupt sehr weise, nehmen das Leben nun von der Sonnenseite, soweit es uns zusammen angeht. Wir wissen wohl, was der andre an trüben und schweren Sachen zu tragen hat; aber das behält jeder für sich. Es gibt keine abgründigen Gespräche zwischen uns über Seelenzustände und dergleichen, aber auch keine Verstimmungen und keine Szenen. Der Tag gehört jedem allein und der Tagesordnung, die man nie miteinander teilen sollte. – Wir kennen eben alle Weisheiten.

Und Eifersucht, ich glaube, davon wissen wir auch nichts. Oder doch – ich fühlte so etwas, weil er ein Kind hat. Sonntags kommt die Mutter manchmal damit, um es ihm zu zeigen – einmal auch, wie ich da war. Und dabei wurde mir ganz weh – man hat mir gesagt, daß ich wohl nie eins haben werde. Und wenn ich dann solche kleine Wesen sehe, schmerzt mich das Gefühl, daß es eine Sehnsucht gibt, die mir nie erfüllt werden kann.

Aber Johnny hat mich furchtbar ausgelacht, als ich ihn bat, er sollte es mir schenken.

 

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