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Elisabeth, ein Hitlermädchen

Maria Leitner: Elisabeth, ein Hitlermädchen - Kapitel 9
Quellenangabe
authorMaria Leitner
titleElisabeth, ein Hitlermädchen
publisherAufbau-Verlag
year1985
firstpub1937
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180928
projectid8c745c16
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Achtes Kapitel.
Jugend, mach Platz!

Für Elisabeth tragen die Minuten schwere Bleigewichte. Es mußte eine Entscheidung kommen, etwas Endgültiges beschlossen werden. Aber sie machen nur Pläne. Wenn sie Erwin hört, ist alles gut: Dummes Kleines, warum machst du dir Sorgen? Meinst du, ich werde dich im Stich lassen? Schau mir in die Augen, glaubst du so etwas?

Nein, Elisabeth glaubt das nicht! Wird die Last nicht zu schwer, armer Erwin?

Kleinmütige, hast du Angst vor dem Leben? Wenn ich dich stütze, brauchst du dich nicht zu fürchten, wir werden uns schon durchbeißen, wir werden uns durchschlagen.

Ja, Erwin.

Wir werden heiraten, wir werden erst ein möbliertes Zimmer nehmen; man kann auch in einem möblierten Zimmer glücklich sein.

Ja, ich werde weiterarbeiten, und wir werden sparen.

Wir werden nur das Billigste essen, Sülze mit Bratkartoffeln.

Es gibt noch Billigeres; du wirst sehen, was für eine gute Hausfrau ich sein werde.

Und erst, wenn du deine Arbeit aufgeben mußt, werden wir um die Ehestandsbeihilfe einkommen.

Und ein Drittel wird gleich erlassen, wenn das Kind da ist.

Und dann, was meinst du, liebes Kind, bis dahin werde ich ja viel mehr verdienen. Ich werde die Gehaltsstufen mit ungeheurer Schnelligkeit hinaufklettern. Ich werde alle Frechheiten des Herrn Prokuristen Melchior wortlos schlucken.

Guter Erwin!

Wenn er da ist, scheint alles leicht. Aber wenn Elisabeth allein ist, sind seine Worte längst verklungen. Dann kehren die Gedanken, die Sorgen im gleichen Kreislauf immer wieder wie Gefangene im Kerkerhof.

Sie stand im Ankleideraum der Angestellten im Hause Alderman und zog den veilchenfarbenen Kittel über. Wuchs sie nicht unförmig mit jedem Tage? Sie fühlte sich so schwer, sie war überrascht, daß der Spiegel ihr Bild schlank wiedergab.

»Na, du tust ja so, als ob dich die ganze Sache gar nichts anginge«, schrie Tilly und packte sie am Arme.

»Was ist denn los?« – Ahnte man schon etwas?

»Du bist wohl ganz und gar damit einverstanden? Dir paßt es so!? Du hast es ja gewünscht, herbeigesehnt.« Tilly hatte ein ganz verzerrtes Gesicht.

»Tilly, bist du verrückt geworden? Sprich doch nicht in Rätseln!«

»Bist du denn blind die Treppe raufgegangen, hast du nichts gesehen?«

»Ich weiß von nichts.« Aber Elisabeth begann sich zu erinnern, daß am Eingang und auf den Treppen ungewöhnliches Leben herrschte, aber sie war zu sehr mit ihren eigenen Gedanken beschäftigt, als daß sie darauf besonders geachtet hätte.

»Hast du denn den Anschlag nicht gesehen, er betrifft dich doch auch.«

»Tilly, rede endlich!«

»Also komm!«

Unten im Flur standen dicht zusammengedrängt, durcheinanderrufend und -schreiend, Angestellte aus allen Abteilungen. Zum unzähligsten Male las einer laut den Anschlag:

Zur Kenntnisnahme an das Personal!

Wir geben hiermit bekannt, daß die Regierung einen Gesetzentwurf vorbereitet, der den Arbeitsplatzaustausch für Jugendliche regeln soll.

»Was soll denn das?« flüsterte Elisabeth.

»Das heißt, daß man uns Jugendliche in Lager sperren wird!« rief Gilda und machte eine Bewegung, als wollte sie sich auf das Plakat stürzen.

»Werde nur nicht hysterisch!« sagte Emilie.

Die Stimme des Plakatvorlesers wurde lauter:

Um die glatte Durchführung des Gesetzes zu gewährleisten, sollen schon jetzt die nötigen Vorkehrungen getroffen werden.

Heiligste Pflicht der Jugend ist es, den Männern, die für die nationale Befreiung gekämpft haben, den Männern, die bereit waren, ihr Blut auf den Schlachtfeldern hinzugeben, ihre Dankbarkeit zu beweisen. Es ist ihre nationale Pflicht, ihren Arbeitsplatz alten Kämpfern, verdienten Frontsoldaten und Familienvätern zu überlassen. Nur wenn sie freudig diese Pflicht erfüllt, ist sie des Führers würdig!

»Es ist die nationale Pflicht der Jugend, keine Arbeitslosenunterstützung zu nehmen«, flüsterte jemand.

Die Jugend braucht im nationalsozialistischen Deutschland nicht zu fürchten, daß sie auf die Straße gesetzt wird. Arbeitsdienstpflichtlager und Lager für Landhelfer werden sie aufnehmen, um sie zum Dienst am Vaterland im Geiste des Führers zu erziehen. So soll allen Jugendlichen die Möglichkeit gegeben werden, ihre Pflicht der Volksgemeinschaft gegenüber zu erfüllen.

»Ich werfe mich vom Dachgarten runter«, jammerte Gilda.

»Du Schandfleck!« Emilie gab ihr einen Rippenstoß.

Jugendliche Angestellte unseres Betriebes, erleichtert uns unsere vom Führer gestellte Aufgabe, meldet euch freiwillig! Die Fragebogen, die wir an das Personal verteilen werden, müssen unverzüglich, wahrheitsgemäß ausgefüllt, an die Personalabteilung geleitet werden.

»Wann meldest du dich freiwillig?« fragte Gilda Emilie.

»Mit Drückebergern unterhalte ich mich nicht.«

Ausnahmen können nur in den Fällen gemacht werden, wo Jugendliche alleinige Familienerhalter sind. Als alleinige Familienerhalter gelten nur solche, deren Eltern keine Unterstützung, Renten oder Pension erhalten, und dort, wo kein älteres Familienmitglied einem Erwerb nachzugehen imstande ist. Will ein Jugendlicher, um dieses Gesetz zu umgehen, heiraten, wird ihm und seiner Familie jede Unterstützung gesperrt.

Heil Hitler!

(gez.) Heinrich Lanz, Führer des Betriebes
Wilhelm Brandel, Betriebsobmann
Katharina March, Leiterin der Personalabteilung

Neben dem großen Aushang stand auf einem Zettel:

»Alle Jugendlichen werden angehalten, dem ausgefüllten Fragebogen ein ärztliches Attest über ihre Tauglichkeit bzw. Untauglichkeit zum Arbeitsdienst beizufügen.«

Elisabeth strich sich mit der Hand über das Gesicht – wie feucht und kalt ihre Finger waren!

Was mochte das nur heißen? Zu heiraten, um das Gesetz zu umgehen? Wenn man ein Kind bekommt, umgeht man doch das Gesetz nicht! Und zum Arzt muß man auch! Warum mußte das alles noch kommen?

Das alberne Lachen der Elsa Kranz, die im Büro bei Frau March arbeitet, drang zu ihr: »Nein, habe ich ein Glück!! Vorige Woche bin ich fünfundzwanzig Jahre alt geworden, die ganze Nacht habe ich geweint, man wird doch schon alt, wenn man die Fünfundzwanzig überschritten hat! Ach, nein, und jetzt muß ich merken, was für ein Glück ich habe, daß ich schon ein hohes Alter erreicht habe.«

»Die Gans möchte ich am liebsten gleich erschlagen«, flüsterte Gilda.

Die Stimme des Fräulein Karcher aus der Handarbeitsabteilung übertönte das Lachen von Elsa Kranz: »Es schadet gar nichts, wenn das Grünzeug ein bißchen Disziplin lernt. Bisher waren nur die Jungen angesehen, die durften frech sein; wir Alten waren Dreck.«

Die junge Generation nannte Fräulein Karcher »das alte Möbelstück von Anno Tobak«. – »Wie untüchtig die heutige Jugend ist«, jammerte ständig Fräulein Karcher, sie wollte damit die Angst um ihre abnehmenden Kräfte betäuben.

»Sie sollen so etwas nicht sagen, Fräulein Karcher«, entgegnete ihr Anna. »Sie wissen sehr gut, wie bitter schwer es die Jugend heute hat. Wir Angestellten sollten zusammenhalten; heute geht es gegen die Jungen, morgen kann es die Alten treffen.«

Mich hat es schwer getroffen, schwerer als irgend jemanden, dachte Elisabeth. Sie beneidete Anna, die jetzt dagegen sprechen konnte. Sie durfte jetzt gegen diese Ungerechtigkeit kämpfen. Ja, es war eine Ungerechtigkeit, wenn sie auch der Führer befohlen hatte. Niemand heiratet, um ein Gesetz zu umgehen, sondern weil er heiraten wollte, heiraten mußte.

»Sie trifft es ja nicht, Sie sind doch über das Alter schon hinaus«, erwiderte kampflustig Fräulein Karcher.

»Ja, ich bin schon achtundzwanzig, aber welche Gewißheit habe ich, daß nächstes Jahr nicht auch die Achtundzwanzigjährigen als Jugendliche gelten. – Und sind Sie wirklich so sicher, daß man nicht Sie mit irgendeiner anderen Ausrede entläßt?«

»Später wird man überhaupt alle Frauen entlassen«, rief Tilly und sah Elisabeth ganz zornig an, »du bist es ja zufrieden, du hast ja dafür gekämpft!«

»Laß mich, willst du mich auch noch quälen?«

»Wozu das Gejammere? Wenn wir Dienst getan haben, können wir doch wieder zurückkommen«, sagte Emilie.

»Wer hat dir das vorgesungen? Meinst du, man wird dann uns zuliebe die Familienväter wieder auf die Straße setzen?«

»Also, man muß auch gerecht sein«, sprach bedächtig Martha. »Dieses Gesetz richtet sich auch gegen Alderman. Der würde doch lieber die Karcher oder mich entlassen als Gilda oder Elisabeth. Ich kann euch nur sagen, ich bin froh, daß ich nicht mehr in Angst leben muß, man würde mich entlassen und ich stünde mit meinen zwei Kindern auf der Straße. Der Alderman kann jetzt nicht mehr tun, was ihm paßt.«

»Du kannst ganz sicher sein, die Zeche wird nicht das Haus Alderman bezahlen, sondern du und ich und wir alle. Wir, die kleinen Angestellten, die man jeden Tag auf die Straße setzen kann, mit und ohne Gesetz. Das Haus Alderman bekommt eine große Anleihe – es steht in der Zeitung –, man kauft ihm Verwaltungsgebäude für viele Millionen ab, man kämpft gegen die Warenhäuser, aber man schenkt ihnen Millionen vom Geld der Steuerzahler.«

Plötzlich stand Elisabeth vor Anna: »Hör mal, Anna, du darfst nicht so unvorsichtig reden, du kannst dir damit schaden.«

Anna sah sie prüfend und doch voller Wärme an, aber da erschien sofort eine tiefe Falte zwischen Elisabeths Augen: »Da irrst du dich aber gründlich, meine Liebe; du denkst, ich laufe den Meinen davon und komme zu euch, nur weil einmal ein bißchen etwas schiefgeht, weil es schwer für mich wird. Nein, nein, ich bleibe bei dem, an den ich glaube. Ich halte die Treue, auch wenn man Opfer von mir verlangt.«

Ein Mädchen aus dem Glaswarenlager sprach: »Meine Schwester hat bei Loeser und Wolff gearbeitet. Sie hatte ihren Bräutigam mit Ehestandsbeihilfe geheiratet, und er hat dafür ihre Stellung in der Fabrik bekommen. Früher haben sie auch zusammen gelebt, der Mann bekam Unterstützung. Jetzt fällt die Unterstützung weg. Und wieviel verdient mein Schwager? Genausoviel, wie meine Schwester bekam, als sie mit sechzehn Jahren angefangen hat, und die Firma Loeser und Wolff bekommt ein halbes Jahr lang für jeden Neuen Anlernebeihilfen.«

»Das Haus Alderman wird auch Beihilfe bekommen, da könnt ihr euch drauf verlassen.«

Das Rauschen eines Seidenkleides ließ schnell alle Gespräche verstummen, Frau March stand vor den Mädchen: »Ja, wollt ihr denn heute überhaupt nicht mit der Arbeit beginnen?«

»Arbeiten soll man auch noch!« Gilda ging mit Elisabeth die Treppe hinauf. »Wie ich diese Bude hasse, und doch bin ich verzweifelt, daß ich von hier fort muß.«

»Ach, Gilda, man darf sich nicht so gehenlassen.«

»Meine Mutter und mein Großvater werden verhungern; man wird mich bestimmt nicht als Familienerhalterin anerkennen. Unten im Hauseingang bei uns ist ein Schild angemacht: Else Bertram, Gesangspädagogin. Das ist meine Mutter, sie gibt Stunden für fünfzig Pfennig, für dreißig Pfennig, für nichts. Aber jedem Schüler erklärt sie: ›Sonst freilich nehme ich fünf Mark.‹ Manchmal sagt sie auch zehn Mark, sie ist so großzügig, meine Mutter, ich finde das entzückend. Aber im Haus spricht sich das natürlich herum, wieviel meine Mutter verdient. Sogar in der Steuererklärung gibt sie mehr an, aus Künstlerstolz.«

»Aber wenn du nicht da sein wirst, wird sie eben keine Stunden mehr umsonst geben, und dann wird sie mehr verdienen.«

»Aber die Leute, die zu uns kommen, haben doch kein Geld, und meine Mutter kann nicht ohne Musik leben, sie läßt ihre Schüler Opernensembles singen; was kommen da zu uns für Gestalten! Eine zweiundsechzigjährige Dame ist die Primadonna, sie zahlt jedesmal fünfzig Pfennig, damit sie die ›Blonde‹ aus der ›Entführung‹ singen kann. Kennst du die Oper?«

»Nein, ach, ich kenne ja kaum etwas.«

»Und einen ›Osmin‹ haben wir da, er ist ein Kriegsinvalide, eine Granate hatte ihm ein Auge weggeschossen und das halbe Gesicht, er kann als Opernsänger nicht auftreten, und doch liebt er nichts als Gesang. Er hat eine so schöne Stimme, aber er ist so schaurig, wenn er singt.«

»Ich war noch nie in einer Oper.«

»Du mußt einmal abends zu uns kommen, da kannst du Opern hören; wir haben eine Koloratursängerin mit Gicksern und falschen Tönen, so was kannst du dir gar nicht vorstellen. Sie singt ›Susanne‹ und die ›Gilda‹, die ›Rosine‹ und den ›Oskar‹. Manchmal kommen die Töne wunderschön und klar. Sie war eine bekannte Sängerin und hat ihre Stimme verloren. Wenn ihr ein Ton gelingt, verwandelt sich sofort ihr verwüstetes Gesicht, sie glaubt dann, sie hätte ihre Stimme wieder. Aber das ist ja alles vorbei. Ich komme ins Lager, aber nein, ich komme doch nicht, ich habe einen Plan. Wozu bin ich denn schauspielerisch begabt? Ich werde dem Arzt eine Herzkranke hinlegen, daß ihm Hören und Sehen vergehen wird. Paß auf, er wird mich untauglich schreiben, du mußt mitkommen.«

Und ich, was wird mit mir geschehen bei der ärztlichen Untersuchung? Vielleicht wird dann alles gut, man wird dann nicht mehr sagen können, wir wollen nur heiraten, um uns der Arbeitsdienstpflicht zu entziehen. Der Arzt wird mir ein Attest geben, daß ich heiraten muß. Alles kann noch gut werden.

»Ja, Gilda, wir wollen zusammen hingehen.«

+++

»Tretet in die Landhilfe!

Die Landhilfe ist ein Weg, aus den Sorgen unseres raumbeschränkten Volkes alle Erwerbslosen herauszuführen.

Tretet ein in die Landhilfe, weil unproduktive Arbeitslosenunterstützung die Arbeitslosigkeit selbsttätig vermehrt. Unproduktive Arbeitslosigkeit zehrt am Betriebskapital der Volkswirtschaft!« –

»Was hat der Arzt gesagt?«

»Er hat mich gleich tauglich geschrieben, er hat nichts gefragt, er hat mich überhaupt nicht untersucht. Er hat nur meinen Zettel unterschrieben.«

Elisabeth und Gilda saßen zwischen Hunderten von anderen Jugendlichen in dem Raum, in dem sich ihr Schicksal entscheiden sollte.

Vor ihren Augen zeichneten sich Plakate ab: eine düstere Fabrik und eine helle strahlende Landschaft. Ach, wie war diese Fabrik verrußt, dunkel, ihr Hof erinnerte an Gefängnismauern. Und daneben stand das Bild bezaubernder Frische und Anmut: Felder, ganz in Sonne getaucht.

Da saßen die Jungens und Mädels stundenlang, und tausendmal fraßen sich die Aufschriften unverwischbar in ihr Gedächtnis: »Lieber hier zwölf als dort acht Stunden arbeiten!«

Wenn sie den Blick hoben, fingen sie neue Aufschriften, Spruchbänder ein. Die waren nicht faul, ihnen zu sagen, warum sie hier saßen. Andere Nationen waren daran schuld. Ihre Aufgabe sei es, die Schmach zu rächen.

Die Spruchbänder schlängelten sich um ihre Gehirne, um sie zu fesseln:

»Tretet ein in die Landhilfe, weil wir die durch den Schandvertrag von Versailles stark verminderte Landfläche intensiver bewirtschaften und planvoller besiedeln müssen.«

»Mit dem Ertrag der geraubten landwirtschaftlichen Provinzen könnten ernährt werden: das Rheinland, die Pfalz und die Saar.«

»Es gingen verloren: 71 000 qkm zur Ansiedlung erwerbsloser Großstadtmenschen.«

Vieltausendmal wiederholten die Spruchbänder: Man hat uns beraubt, man hat euch beraubt, deshalb sitzt ihr so arm hier auf den Bänken. Man hat euch beraubt, aber ihr müßt noch stark werden, um das Geraubte wieder zurückzunehmen!

Ein kleines Mädchen – sie war kaum fünfzehn – kam weinend aus dem Arztzimmer:

»Ich bin krank, und der Arzt sagt, die Landluft würde mir guttun. Schöne Landluft! Ich weiß von meiner Schwester, wie man gestriezt wird.«

Die Plakate riefen:

»Gesundheit ist Ahnenerbe!«

»Ein Volk, das der Rassenpflege entsagt, gräbt sein eigenes Grab!«

Vor den Wartenden standen Glaskästen, in denen Briefe von Landhelfern ausgestellt waren. Sie waren getippt und über die handgeschriebenen Originale gelegt, die nur stellenweise herauslugten.

Viele Köpfe beugten sich über die Briefe. Da stand:

»Wir waren dumm, daß wir uns dagegen gesträubt haben, hierherzukommen. Liebe Mutter, es ist herrlich auf dem Lande!«

»Wie bin ich froh, daß ich aus der stickigen Großstadt, aus der dreckigen Fabrik herausgekommen bin und hier leben darf, in der frischen Landluft!«

»Es gibt Milch, Brot, Butter, soviel wir wollen, und Fleisch jeden Tag. So satt war ich noch nie in Berlin.« –

»Mensch, die denken wohl, man hat uns das Gehirn geklaut?« sagte ein Junge, der zwischen den Glaskästen hin und her ging und sorgfältig die Briefe studierte. »In den handgeschriebenen steht ja was ganz anderes als obenauf! Guck mal her! Siehst du, da steht -lend. In dem getippten Brief finde ich kein Wort, das mit -lend endet. Sicher hat da einer gemeckert und was von Elend geschrieben.«

»Butter, Fleisch, warum nicht gar? Ich bin gerade ausgerückt von den Bauern, muß jetzt meine Arbeitskarte abstempeln lassen, sonst krieg ich nie wieder Arbeit. Ich habe auf dem Land genauso Kohldampf geschoben wie hier. Wir haben auf Strohsäcken geschlafen, nichts wie Flöhe und Mäuse gab's. Ich habe die Neese pläng!« – »Seid doch vorsichtiger«, sagt einer. »Es gibt genug Aufpasser.«

Elisabeth und Gilda fühlten sich so klein, so verloren zwischen den vielen. Hier konnte man gar nicht mehr hoffen, daß man ein eigenes Leben haben durfte und daß es Stellen geben könnte, denen ihr Schicksal am Herzen liegen würde.

Gilda hatte seit zwei Tagen kaum gegessen und sich nur mit starkem, schwarzem Kaffee genährt:

»Fühlst du mein Herz, schlägt es nicht ganz beängstigend, bin ich nicht blaß? Mir ist ganz sterbenselend zumute, ich werde einfach ohnmächtig werden, wenn der Herr Doktor mich untersucht. Der wird mich vor Schreck untauglich schreiben, oder ich will nicht Gilda heißen.«

Wird er mir sagen: Aber Fräulein, Sie erwarten ja ein Kind! Sie können unmöglich in die Landhilfe! – Wird man mich dann bei Alderman entlassen, bekommen wir die Heiratserlaubnis, was wird nur? Man dürfte so lange nicht warten!

Hoffnungen und Befürchtungen waren gleich vergeblich; die Nummern blieben Nummern.

Gilda kam als erste:

»So ein Schwein!« jammerte sie. »Ich wollte gerade in Ohnmacht fallen. Ich hauchte ihm nur noch zu: ›Herr Doktor, ich habe eine schwere Herzkrankheit.‹ Was meinst du, was mir der Kerl antwortet? ›Na, Fräulein, da haben Sie doch Glück, daß Sie aus dem Warenhaus raus müssen, da wird Ihnen das Landleben recht guttun.‹ Er hat mich nicht einmal abgehorcht. Gleich hat er meinen Zettel unterschrieben, drückt ihn mir in die Hand und sagt noch ganz frech: ›Gute Erholung, kleines Fräulein!‹«

Und du, Elisabeth, was wird mit dir geschehen? Du wirst vor dem Arzt stehen, er wird dich mit einem flüchtigen Blick streifen und sagen: Solche gesunden festen Mädchen brauchen wir gerade. Du wirst sagen wollen: Aber, Herr Doktor, ich erwarte doch ein Kind, merken Sie denn das gar nicht? Ich kann nicht in die Landhilfe, Sie dürfen mich nicht dorthin schicken, sonst bin ich verloren!

Aber Elisabeth sagt gar nichts; wortlos empfängt sie das Formular, das Sprechen würde ihr auch gar nichts helfen, sie ist ja nur eine Nummer, eine unter Tausenden.

Gilda umklammerte ihren Arm: »Wir wollen in das gleiche Lager, wenn wir schon das gleiche Unglück haben, ja?«

Das gleiche Unglück! – Wenn Gilda wüßte, daß mich wirklich ein Unglück trifft!

Laut sagte Elisabeth nur: »Gut, wir gehen ins gleiche Lager.«

Überall auf den Bänken, in den Parks, auf den Plätzen, am Rande der Bürgersteige saßen junge Paare und berieten mit sorgenvollen Mienen.

Sie saßen da, als wären die Bänke kleine, einsame Inseln mitten im Ozean, die jeden Augenblick ein Sturm überfluten könnte. Sie klammerten sich aneinander, als fürchteten sie, daß die Wogen sie trennen könnten; sie fühlten sich preisgegeben, ohne menschliche Hilfe.

»Sie haben dieselben Sorgen wie wir«, sagte Elisabeth.

»Elisabeth, du sollst nicht so traurig sein«, beschwichtigte Erwin, »ich werde Rat bei den Kameraden holen. Es sind auch schon andere beim Sturm in schwierigen Lagen gewesen; sie haben da Adressen von Ärzten, von ganz zuverlässigen, nationalsozialistischen Ärzten – alles ist gesetzlich und gar nicht gefährlich, auch gesundheitlich nicht. Warum sagst du nichts, Elisabeth? Sprich doch!«

»Siehst du dort drüben das Mädchen? Es weint.«

»Aber du sollst nicht weinen; ein Jahr geht schnell vorbei, dann heiraten wir.«

»Aber wir haben doch gar kein Geld, und das würde sicher viel kosten, und der Arzt kostet doch sicher auch eine Menge.«

»Mach dir keine Sorgen, Geld könnte ich von meiner Mutter bekommen. Sie hat es mir einmal angeboten; sie sagte mir, wenn ich in Not käme, sollte ich mich nur an sie wie an einen guten Kameraden wenden, sie würde mir dann helfen.«

»Sie hat dir das angeboten? Laß mich nachdenken, Erwin.«

»Du darfst nicht alles so schwernehmen. Wenn es nicht deinetwegen wäre, könnte ich froh sein, die Bank und die alten Büroknacker loszuwerden. Wir wollen beide für Deutschlands Zukunft arbeiten und Opfer bringen. Später wird alles gut, wir werden heiraten, glücklich sein.«

»Du glaubst selbst nicht, was du sagst; was wird mit uns?«

»Wie kannst du nur so mutlos sein. Siehst du drüben das Mädchen, es weint nicht mehr, es lächelt. Der Junge lacht auch schon.«

»Vielleicht sind ihre Sorgen nicht so schwer wie unsere«; nach einer Weile fügte sie leiser hinzu: »wie meine!«

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