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Elisabeth, ein Hitlermädchen

Maria Leitner: Elisabeth, ein Hitlermädchen - Kapitel 6
Quellenangabe
authorMaria Leitner
titleElisabeth, ein Hitlermädchen
publisherAufbau-Verlag
year1985
firstpub1937
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180928
projectid8c745c16
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Fünftes Kapitel.
Gespensterzug der Gasmasken

Wieder war Sonntag. Kein Sommertag mehr; grau fiel der Himmel durch die Fensterscheiben des Hauses Alderman, die so weit waren, als wollten sie es mit der Stadt, mit ihrem Menschenstrom, mit ihren Häuserschluchten vermählen.

Vor den Verkaufstischen, manche schlummerten unter grauen Tüchern, standen Verkäuferinnen, aber sie mimten nur ihr wochentägliches Selbst. Andere Angestellte hatten sich in Kundinnen verwandelt, die laut wählten, feilschten, mäkelten, aber so übertrieben, daß es gleich klar war, das Ganze sei nur ein Spiel.

Noch merkwürdiger: an der großen Treppe, bei dem Hauptaufgang, wand sich eine schmale Gestalt, mit einer schweren Gasmaske angetan, die sie zu erdrücken schien, im Tanz.

Zwei Lehrmädchen schlugen Schuhleisten gegeneinander; es hörte sich an, als klapperten Invaliden mit ihren hölzernen Beinen. Das war die Musik.

Elisabeth stand hinter einer Säule. Die Töne schlugen hart gegen ihren Schädel, als wollten sie ihn zerschellen. Wenn sie die Hände zu ihrem wunden Kopf hob, klebten sie eisig.

Bin ich krank? Was ist nur mit mir? Wäre die Gasschutzübung doch endlich vorbei, und Gilda sollte aufhören zu tanzen.

Der hölzerne Rhythmus der Schuhleisten brach jäh ab. Das Getue der Verkäuferinnen und unechten Kundinnen verstummte. Das Rauschen des schwarzen Seidenkleides Frau Marchs erfüllte die Halle.

Nur die kleine Gestalt mit der unförmigen Maske wand sich unbekümmert wie in Todesqualen.

Sie hörte nicht den empörten Aufschrei Frau Marchs:

»Bist du irrsinnig geworden?«

Erst als die energischen Hände Frau Marchs ihr die Maske vom Gesicht rissen, sah sie sich mit aufgeschreckten Augen im Raum um, als wäre sie aus einem grausigen Traum erwacht.

»Es ist unerhört, was du hier treibst, man spielt nicht mit ernsthaften Dingen.«

»Aber, Frau March, ich habe nur geübt, ich werde doch eine Gelbkreuz-Vergiftete sein.«

»Ich werde auch eine Gasvergiftete vorstellen«, sagte Emilie zurechtweisend, »und drehe mich deshalb doch nicht im Kreis wie eine toll gewordene Katze.«

Da alle Umstehenden lachten, gestattete sich auch Frau March ein zwischen Nase und Mund leicht dahinhuschendes Lächeln.

»Trage jetzt sofort die Gasmaske auf ihren Platz; aber wir werden noch miteinander reden.«

Frau March ließ ihre Augen im Kreise umherwandern. Unter ihren scharf prüfenden Blicken nahmen die Mädchen unwillkürlich straffere Haltung an.

»Die Luftschutzkommission kommt sogleich, macht mir keine Schande; ich erwarte von euch strengste Disziplin.«

Vorläufig aber nahte nur, wie die Vorhut einer kommenden Armee, Pg. Brandel, Betriebszellenobmann und Luftschutzobmann des Hauses Alderman. Er kam mit gewichtigen Schritten, als lastete auf ihm ständig das schwere Gewicht seiner verantwortungsvollen Posten.

Pg. Brandel, der in seiner zivilen Stellung immer noch der wenig fähige Abteilungsleiter geblieben war, hatte amtlich im Hause Alderman eine von allen beneidete Karriere gemacht.

Stolz erklärte er jedem, der es hören wollte, daß er die erste Zelle der Zerstörung im Hause Alderman gewesen sei. Eine Zelle der Zerstörung aber, die bei den Betriebswahlen auf Unterstützung seitens des Hauses rechnen konnte. Pg. Brandel war ein erbitterter Kommunistenhasser, der die Untermenschensaat mit Stiel und Wurzel auszurotten versprach. Aus diesem Grunde verzieh ihm das Haus Alderman einige kleine Entgleisungen gegen das Judentum.

Heute fühlte er sich als Statthalter des Nationalsozialismus in dem einst so scharf bekämpften Haus.

»Alles in Ordnung?« fragte Luftschutzobmann Pg. Brandel seine Untergebene, Luftschutzhauswartin Frau March.

»Jawohl«, schnarrte Frau March. Sie war nur im Rahmen des Luftschutzes dem Pg. Brandel untergeordnet. Im Hause Alderman nahm sie als Leiterin der Personalabteilung einen bedeutend höheren Grad ein. Ihre von den Chefs gepriesene und von den Untergebenen gefürchtete Tüchtigkeit hatte dem Pg. Brandel harte Worte gegen Frauenvorherrschaft in den Mund gelegt. Die Frau sollte ihren von der Natur und Gott zugewiesenen Platz einnehmen und nicht nach Stellungen streben, die dem Mann und Familienvater vorbehalten bleiben sollten.

Überdies, Frau March hatte seine Annäherungen, die ihren weiblichen Reizen galten und die trotz ihrer unweiblichen Beschäftigung so üppig von der Dürre der Frau Brandel abstachen, deutlich abgewiesen.

Jetzt fand er endlich Gelegenheit, ihr seine Überlegenheit zu beweisen.

Schon nahte die Luftschutzkommission, geführt von Herrn Direktor Lanz. Zwei Reichswehroffiziere und drei Herren aus dem Luftschutzministerium.

»Die Uniformen des dritten Wehrmachtteils, der Reichsluftwaffe, gefallen mir wirklich gut«, flüsterte fachmännisch erläuternd Pg. Brandel Frau March zu. »Die Farbe wie Stahl und der Sakkoschnitt des offenen Rockes praktisch und elegant.«

»Ja, sehr fesch«, versicherte Frau March, die ihrem Wortschatz gern Ausdrücke der Wiener Direktrice aus der Maßabteilung beilegte.

»Sehen Sie die Hoheitsabzeichen der Luftwaffe, ein anfliegender Adler auf dem hochgekanteten Hakenkreuz.«

Herr Direktor Lanz diente den Herren mit Erläuterungen über die technischen Einrichtungen des Hauses, die auf Abwehrmaßnahmen sowohl gegen Feuer wie Gasbomben zielten. Er hatte seit Tagen Zahlen und Daten wie ein Schuljunge in der Stille des Direktionszimmers gebüffelt. Jetzt war er überzeugt, daß seine Fachkenntnisse ohne weiteres ausreichen würden, um ganz Deutschland gegen alle Gefahren des Luftkrieges zu sichern.

Pg. Brandel hatte erst gehofft, daß er zur Führung der Luftschutzkommission auserwählt sein würde. Er versuchte sogar die Zelle zur Erfüllung seines ehrgeizigen Wunsches zu mobilisieren. Aber das nützte ihm nichts; es gab höhere Stellen, gegen die er machtlos blieb.

Herr Direktor Lanz war früher Offizier, wenn auch nur in der etwas verschlampten Armee der ehemaligen österreichischen Verbündeten, während es Pg. Brandel nicht einmal zum Gefreiten gebracht hatte. Aus unerklärlichen Gründen – er selbst konnte es sich jedenfalls nicht erklären – blieb er einfacher Infanterist.

Herr Direktor Lanz führte die Herren zu dem Rand der Balustrade, von wo man das Haus wie einen märchenhaften Tempel, gefüllt mit allen Eitelkeiten des Lebens, übersehen konnte.

Hinter ihnen stand, verborgen von einer Säule, Elisabeth. Die Stimme des Direktors Lanz drang zu ihr mit gleichmäßigem Gemurmel.

»Der Rohbau ist aus Eisenbeton hergestellt – Novo-Zement, wurde aus Elbkies, dem 33? Prozent Salzsplitt hinzugefügt wurde, zubereitet. – Der Beton hat eine durchschnittliche Festigkeit von über 100 kg.«

Er umfing eine Säule und rüttelte an ihr. »Bei uns hätte Simson kein Glück; unsere Säulen stehen unerschütterlich fest!«

Aber Elisabeth hatte zum erstenmal das Gefühl, daß nichts sicher und fest sei, daß das Haus Alderman zusammenstürzen könnte und in Nichts vergehen.

Auf der anderen Seite der Balustrade stand Pg. Brandel und verriet in leisem Ton der Frau March, welchen Rang die Uniformstreifen und -abzeichen bedeuteten: »Sehen Sie, der Herr mit den grünen Brustaufschlägen und grünen Hosenstreifen ist ein Ministerialdirektor im Range eines Generalmajors.«

»Sie wissen aber auch alles, Herr Brandel«, versicherte anerkennend Frau March.

»Ich verstehe vielleicht mehr von Militär als ein richtiger Militär«, gab Pg. Brandel zu. »Die zwei anderen Herren, das sind Stabsoffiziere der Reichsluftwaffe.«

»Wieso wissen Sie das, Herr Brandel?«

»Die Schwingen aus Aluminiumgespinst verraten mir das«, lachte Pg. Brandel zufrieden. »Ich kann Ihnen sogar sagen, daß der eine Herr einen sehr wichtigen Posten haben muß, denn er trägt einen Eichenkranz auf dem Kragenspiegel. So einer mit dem Eichenkranz arbeitet vielleicht die Pläne aus für unsere Luftangriffe, wenn es einmal soweit ist. Der andere, der ist keine so wichtige Persönlichkeit, hat nur ein kleines Eichenlaub auf dem Kragen, kann im höchsten Fall ein Hauptmann sein, nicht mehr!«

»Nein, wie Sie sich auskennen, großartig!«

Dem Pg. Brandel entging der höhnische Unterton.

»Wissen Sie, Frau March, ich finde es eigentlich nicht richtig, daß der zivile Luftschutz gar keine Uniformen trägt.«

Pg. Brandel besaß eine Uniform in seiner Eigenschaft als Sturmbannführer und eine zweite als Amtswalter. In dieser konnte er sogar das Haus Alderman betreten, allerdings wurde er gebeten, im Kundendienst möglichst die Uniform zu meiden. Aber eine Luftschutzuniform wäre etwas so ganz Neutrales, die könnte man immer tragen. Er träumte von Kordeln, Tressen, Uniformen, Knöpfen, Stickereien und von einem weiten, rot oder weiß gefütterten Mantel. Könnte ihm Frau March, wenn er aussähe wie ein General, widerstehen? Und war er nicht eigentlich ein General im zivilen Luftschutz?

Herr Direktor Lanz dozierte:

»Unser ganzes Haus ist mit einer Sprinkleranlage versehen, die mit nicht weniger als 10 200 Sprinklerdüsen alle Räume vom Keller bis zum Dach vor jeder Art Brandkatastrophe mit unbedingter Sicherheit schützt. Sobald irgendwo im Haus eine Temperatur von zweiundsiebzig Grad erreicht wird, lösen sich automatisch die in der Nähe befindlichen Sprinklerdüsen aus und überströmen die Brandstelle mit einem Wasserregen, der das Feuer im Keim erstickt. Uns könnten Feuerbomben nicht so leicht etwas anhaben.«

»Ausgezeichnet, wirklich bemerkenswert«, versicherte der Ministerialrat.

Herr Lanz lächelt pflichteifrig: »Wir können aber auch wirklich regnen lassen; neben unseren Sprinkleranlagen verfügen wir auch über eine Drencheranlage. Durch sie können wir das Haus, im Falle eines Brandes, vom Dach bis zum Erdgeschoß in Regenschleier hüllen.«

»Sehr schön, sehr schön«, sagte der Generalstabsoffizier mit dem Eichenlaub.

Herr Direktor Lanz versuchte jetzt schnell, das Haus Alderman als richtung- und beispielgebend hinzustellen: »Man müßte alle lebenswichtigen Betriebe in Deutschland mit Sprinkler- und Drencheranlagen versehen«, sagte er.

»Ja, das wäre recht nützlich, vor allem für die lebenswichtigsten, die Rüstungsbetriebe; nur ein bißchen kostspielig.«

»Aber das gäbe die glänzendsten Arbeitsbeschaffungsmöglichkeiten. Für die Sicherheit des Vaterlandes dürfte auch nichts zu teuer sein.« Herr Direktor Lanz sah sich schon als Ratgeber des Generalstabes der Luftwehr.

In diesem Augenblick heulten die Sirenen auf, und Glocken begleiteten unheilvoll ihr schrilles Aufheulen.

Alle wußten, daß das nur ein Signal sei zur Probe, und doch wurden die Mädchen aufgescheucht von den Alarmzeichen, die klangen, als wüßten sie um die Vergeblichkeit ihres Rufes. Kopflos liefen die Angestellten durcheinander.

Aber Frau March hatte ihre Kaltblütigkeit bewahrt. Mit einer Armbewegung rief sie alle zur Besinnung. Sie stand da wie ein Dirigent, der den Tumult der Töne zu einem gesetzmäßigen Zusammenklang zwingt.

Schnell erinnerten sich einige Verkäufer und Lehrlinge ihrer Pflicht und begannen mit Streifen aus starkem Papier, die in einem besonderen Schrank in Reserve standen, die wandhohen Fensterscheiben quer zu überkleben.

»Wir wollen so die Scheiben vor dem Zerspringen schützen. Im Falle, daß eine Fliegerbombe in der Nähe krepieren sollte. Wir kombinieren die Schutzübung gegen Gas- und Brandbomben«, erläuterte Herr Lanz, der sozusagen außerhalb des giftigen Zauberkreises stehen sollte und sprechen durfte.

»Wirklich bemerkenswert«, versicherte der Ministerialrat mit dem grünen Rockaufschlag.

Die Mädchen hatten sich schon inzwischen, geführt von der dirigierenden Hand Frau Marchs, aus dem Knäuel des Durcheinanders zu einer ordentlichen Gänsereihe gefügt.

Alle hatten Taschentücher hervorgeholt, saubere, kräftige, sorgfältig gebügelte Taschentücher, denn man wußte, man würde sie in voller Öffentlichkeit zu einem höheren Zweck gebrauchen.

Diese Taschentücher, vor Mund und Nase gepreßt, sollten sie vor den Einwirkungen der Giftgase schützen, bis sie den Raum, in dem sich ihre Gasmasken befanden, erreichten.

»Leider war es technisch undurchführbar, daß jeder auf seinem Arbeitsplatz die Gasmaske aufbewahrte«, sagte Direktor Lanz zu den Stabsoffizieren.

Emilie hatte noch schnell und auffallend, damit ihr Eifer Frau March nicht entgehe, ihr Taschentuch in ein zu diesem Zweck schon am Morgen hingestelltes Wasserglas getaucht. Ja, sie hatte es nicht vergessen, daß ein nasses Tuch besonders geeignet sei, das Eindringen von Giftgasen zu verhindern.

»So eine Streberin, diese Emilie«, flüsterte Tilly Anna zu. Sie hielt aber betreten inne, als sie die warnende Hand Frau Marchs erblickte. Tilly fand die ganze Szene wahnsinnig komisch. Diese endlose Reihe von weißen Taschentüchern, als hätte das ganze Haus Alderman gleichzeitig Nasenbluten bekommen! Ein dummer Lachreiz quälte sie. Von Zeit zu Zeit brachen aus ihr kleine, undisziplinierte Gickser.

Elisabeth ging vor ihr. Sie preßte das Taschentuch vor Nase und Mund, als könnte sie so die Übelkeit bezwingen. Alle ihre Poren spürten giftigen Gasgeruch; es nützte ihr nichts, daß sie sich beschwichtigte: es ist nur eine dumme Einbildung, das ist unmöglich.

Vor Elisabeth wankte Gilda, wie eine, die durch Giftschwaden watet.

Alle Mädchen gingen, als wären sie gezwungen, durch schwere Hindernisse ihren Weg zu bahnen.

Die Hand Frau Marchs schrieb ihnen vor: Geht langsam! Schnelle Bewegung beschleunigt die Atemtätigkeit! Ihr müßt euch seitlich halten, so könnt ihr den Giftgasen leichter entgehen! Atmet flach, nicht tief!

Sie hatten die Garderobenräume erreicht, in deren Schränken die Gasmasken, jede auf ihrem Platz, warteten.

Die befehlenden Gebärden Frau Marchs gaben den Mädchenhänden den Auftrag, die Gasmasken zu umfangen. Sie hielten sie jetzt vor sich hin. Das alles ging lautlos und so schnell vor sich, daß die Gedanken dahinsterben mußten.

Elisabeth erzitterte, als sie das Gebilde aus Glas, Schlauch, Asbest in den Händen hielt. Sie wollte alles auf Kommando, ohne Bewußtsein tun wie die anderen. Aber die Gedanken brachen aus dem Gekläffe und Gehämmer der Schmerzen. Niemand darf ahnen, daß ich Angst habe, Angst, meinen Kopf in der Maske zu begraben. Wenn ich mich weigerte, wäre es eine nie wiedergutzumachende Schande. Ich muß sie aufsetzen, und wenn ich sterbe.

Aber wie sollte sie sie nicht aufsetzen, da sie in einer Linie mit so vielen steht, die mit der gleichen Bewegung die Masken über ihre Köpfe heben, um sie dann gleichzeitig fallen zu lassen wie ein Visier. Alle Gesichter sind jetzt vergraben, wie in einem Sarg.

Sie marschieren. Wie sollte Elisabeth nicht auch marschieren! Wie sollte sie die Füße anders setzen als die anderen. Wie sollte sie nicht gleich den anderen die Treppe gleichmäßig trappend hinuntergehen! Jetzt durfte man schnell gehen, jetzt hatten sie alle Gasmasken an. Jetzt streicht die vergiftete Luft, ehe sie sie einatmen, ehe sie in die Augen gelangt, durch chemische Stoffe, die das Gas unwirksam machen. Alle wissen das, sie haben es gelernt; Elisabeth weiß es.

Und doch, sie spürt das Gift, sie kann kaum atmen. In einem Atemeinsatz, der in die Gasmaske eingeschraubt ist, befindet sich das Filter. Elisabeth weiß das, Elisabeth hat das gelernt. Aber ihr ist, als läge ein schwerer Stein vor ihrem Mund. Der Helm stülpt sich auf ihren Kopf, als wollte er Bitterkeit aus allen Blutstropfen zu ihrem Mund pressen. Die Bitterkeit legt sich in die Höhlen der Wangen, auf die Zunge, ganz rauh wird das rohe Fleisch. Ihr ist, als würde sich von nun an jeder Bissen und jeder Schluck in ihrem Munde bitter verwandeln.

Ihre Augen wurden eine widerliche, geleeartige Masse, trüb spiegeln sich die Gegenstände in ihnen wie in einem Sumpf; und doch sieht sie durch die Fenster der Maske die Gegenstände schärfer als sonst. Aber sie sind wie von Gift zersetzt.

In der Abteilung für Herrenkleidung sehen die Wachspuppen, an denen die Anzüge beispielhaft sitzen, wie Tote aus. Einige Frackschöße sind durch die dahinstürmenden Mädchentruppen in Bewegung geraten und wirken wie schwarze, fliegende Fledermäuse.

Die schillernden duftigen Abendkleider wehen leise und traurig wie leere Hüllen, unter denen das Fleisch von Maden zerfressen wurde.

Die Hüte mit grünen und roten Federn, die quer durch die weichen Filze gezogen sind, die Hüte mit zarten Blumen und Schleiern sehen aus, als wären unter ihnen die Köpfe weggeschossen.

In der Spielwarenabteilung ist das dumme Lächeln auf den Porzellangesichtern der Puppen erfroren, als wüßten sie, daß nie warme Kinderhände sie berühren würden.

In der großen Lederwarenabteilung türmen sich Koffer übereinander, als hätten sie Flüchtlinge in Verzweiflung durcheinander stehengelassen.

Die Uhren in der Uhrenabteilung zeigen alle eine andere Zeit, aber diese Zeiten sind vergangen; die Uhren stehen, als müßte man nicht mehr die Stunden kennen.

Ich bin vergiftet, dachte Elisabeth in hilflosem Schreck.

Der kleine, kalte Verstand wollte den Körper in Panik beruhigen, ihn einschläfern, einlullen mit dem Einwand, alles sei nur Spiel. Unernst. Einbildung. Aber der Körper ließ sich nicht beschwichtigen, er konnte das Spiel nicht mehr für Spiel nehmen.

Man hatte jetzt den Treppenabsatz erreicht, der zu den Kellern hinabführte. Hier war es schon ganz dunkel; die elektrischen Licht- und Gasanlagen blieben wegen der »Feuersgefahr« ausgeschaltet.

Vor den Mädchen stand Frau March und gab ihnen ein Zeichen; mit der Gasmaske sah sie genau aus wie die anderen. Nur das Rauschen ihres schwarzen, seidenen Kleides verriet sie.

Die Lichtwarte, die zwischen den Gruppen in bestimmten Abständen verstreut waren, zündeten die Kerzen an, die sie mit sich geführt hatten.

Der Weg hinab glich einer Schlucht, die zu einer Berghöhle führte.

Die Schatten der unförmigen Köpfe glitten über die Stiegen, als fielen sie in einen Abgrund.

Die Schritte zerstörten die Stille unten, aufgeschreckt gab sie die Laute weit hallend wider.

Man hatte jetzt über einen Vorraum, der mit automatisch zuklappbaren Türen versehen war, die Schutzhalle erreicht.

Die Luken waren mit Sandsäcken verrammelt. In der Dunkelheit flammten Tafeln mit Aufschriften auf, die sich schnell wieder im Dunkel verbargen.

»Senfgasspritzer nicht mit der Hand abwischen!«

»Benetzte Hautstellen mit einem Tuch abtupfen!«

»Gegenstände nicht berühren!«

Über große Kisten leuchteten in Phosphor Worte: »Erde«, »Chlorkalkbrei«. Wie Reklameschriften in der Nacht!

Dann blitzte wieder eine leuchtende Schrift auf:

»Von Gas getroffene Hautstellen mit Chlor oder Erde bedecken!«

Die Kerzen wurden ausgelöscht. Die Lichtwarte erinnerten sich, daß offene Flammen Sauerstoff verbrauchen.

Nur hier und da blitzten Taschenlampen auf. Die Masken hockten auf der Erde, die abweisende Kühle ausströmte.

Die Giftgasvergifteten fielen vorschriftsmäßig um. Emilie hatte mit der Lebenswahrheit einer in die Ecke geschleuderten Wachspuppe die Beine von sich gestreckt.

Gilda aber lag da, als arbeitete in ihrem sich aufbäumenden, bebenden Körper das zerstörende Gift.

Sanitäter, die Gummianzüge und Gummihandschuhe schützend übergezogen hatten, näherten sich ihnen und gossen Chlor über sie aus. Dann stellten sie phosphoreszierende Tafeln über die Köpfe der Getroffenen mit der Aufschrift: »Giftgasvergiftete! Nicht anrühren!«

Emilie fiel ganz aus ihrer Rolle. Sie schüttelte sich wie eine Katze, die sich in einen Kalkeimer verirrt hatte.

Gilda aber erduldete alles, als wäre sie nicht mehr von dieser Welt. Ihr schönes Kindergesicht war von so grausamen Qualen verzerrt, daß die Mädchen trotz des Verbotes zu ihr eilten, sie trösteten, beschwichtigten.

Jetzt war das Programm eigentlich schon erledigt; man wartete auf das Signal, das das offizielle Ende der Übung verkünden sollte.

Die meisten Mädchen hatten die Gasmasken abgenommen. Tilly hatte sich gerade gegenüber den »Gasvergifteten« auf den Boden gekauert, sie hielt die Haube im Schoß und lachte; die Tränen liefen über ihr Gesicht. Sie lachte. Sie glich einer Irren. Sie lachte.

Die Offiziellen kümmerten sich nicht um sie, sie umstanden die Herren aus dem Luftfahrtministerium.

Herr Direktor Lanz machte mit seiner gleichmäßigen Stimme, die doch die Wichtigkeit seiner Worte unterstrich, Angaben über Kosten und Entstehungszeit des Schutzkellers. Das Haus Alderman hatte ein Lagerhaus errichten lassen, um die Keller, in denen früher Ware aufgestapelt war, frei zu machen.

Hier sollte ein Muster-Sammelschutzraum entstehen, der kaum seinesgleichen hatte. Im Falle einer Gefahr würden phosphoreszierende Tafeln die Passanten, die von einem Bomben- oder Giftgasangriff auf der Straße überrascht würden, auf den Sammelschutzraum des Hauses Alderman hinweisen. Von der Straße her würde auch erst eine Vorhalle, die mit Saugapparaten versehen sei, zu dem Hauptschutzraum führen. Auch hier würden die Türen hermetisch zuklappen, um das Eindringen der Giftgase von der Straße aus zu verhindern.

»Und hier, die Wände!« Die Hand Direktor Lanz' glitt streichelnd über die Mauer. »Alle sind mit feuerhemmendem Anstrich überzogen.«

»Ausgezeichnet, wirklich bemerkenswert«, sagte der Ministerialrat, während die Herren mit Eichenkranz und Eichenlaub sämtliche Luftschutzwarte zu der ungewöhnlich gelungenen Übung beglückwünschten.

Der Herr mit dem Eichenkranz wandte sich noch besonders zu Direktor Lanz:

»Die Sorgfalt, mit der Sie alle Einzelheiten bedacht haben, ist wirklich vorbildlich. Wir werden nicht versäumen, Luftschutzrevier I/182 unserer vorgesetzten Stelle besonders lobend zu erwähnen.«

»Ein Lob von so fachmännischem Mund ist Lohn für alle Mühen und Kosten«, versicherte Direktor Lanz im Namen des Hauses Alderman. »Sie sehen hier bei uns die Organisationsmöglichkeiten eines großen Hauses.«

»Unleugbar, unleugbar«, bestätigte der Herr mit dem Eichenkranz.

Die »Gasvergifteten« begannen sich vom Chlorbrei zu säubern. Aus dem Durcheinander wurden befreite Rufe hörbar: »Gott sei Dank, das Theater ist vorbei!« – »Ich will nie wieder Gasvergiftete sein!« sagte Emilie. »Ich habe genug davon.«

Nur Elisabeth stand an die Wand gelehnt, unfähig, sich zu bewegen. Ihre Hände wehrten sich gegen die geringste Kraftanstrengung und lagen tatenlos an den Seiten. Sie hoben sich nicht, um die Maske abzulegen. Wieder entstieg widerliche Bitterkeit ihrem Inneren und brach aus ihrem Mund. Vielleicht wollte sie ihren Händen diese Bewegung gar nicht befehlen; sie hatte Angst, die Mädchen könnten ihre Niederlage erspähen, wenn sie die Maske ablegte. Das wäre schrecklich, niemand darf erfahren, daß gerade sie versagt hatte. Sie blieb abgeschlossen in der doppelten Dunkelheit des Kellers und der Haube.

Ich bin vergiftet, etwas in mir ist vergiftet.

»Menschenskind, was ist mit dir los? Du zitterst ja am ganzen Körper.«

Sie hörte die ruhige, warme Stimme Annas. Anna, ein Mensch aus dieser Welt, liebe Anna! Sie klammerte sich an diese Hand, die sich ihr entgegenstreckte, als könnte sie sie ins Leben zurückführen.

Anna nahm ihr die Gasmaske ab. Die breiten, straffen Wangen waren verschmiert. Ihr Gehirn schmerzte, als lastete weiter die Haube auf ihm.

Anna hatte sich über sie gebeugt: »So, jetzt tupfen wir die bösen Gase ab, ganz vorsichtig.«

Anna lachte. Ganz leicht huschte das Tuch über Elisabeths Gesicht.

»Du, Anna, du darfst nie im Leben jemandem erzählen, was mit mir geschehen ist.«

»Sei ruhig, ich werde es nie verraten.«

»Ich begreife mich nicht. Ich verstehe nicht, wie mir das geschehen konnte. Anna, schwöre.«

»Also, Elisabeth, ich schwöre dir genauso feierlich, als wäre ich Frau March und stünde vor dem Amtsvorstand, der mich als Luftschutzhauswartin verpflichtet, von genauso tiefem Ernst durchdrungen, schwöre ich, kein Lebender soll je erfahren, daß sich Elisabeth Weber bei der Gasschutzübung bekotzt hat. Bist du nun zufrieden?«

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