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Elisabeth, ein Hitlermädchen

Maria Leitner: Elisabeth, ein Hitlermädchen - Kapitel 5
Quellenangabe
authorMaria Leitner
titleElisabeth, ein Hitlermädchen
publisherAufbau-Verlag
year1985
firstpub1937
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180928
projectid8c745c16
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Viertes Kapitel.
Junge Liebe im Gelände

Der See liegt zwischen Sandhügeln, über deren sanften Buckel Kiefern klettern, schlank und dürr; nur ihr Haupt grünt grau angehaucht, wie vom Sand gepudert. Auf das trübe Wasser hat der Himmel abgefärbt und ihm blauen Glanz verliehen.

Zwischen dem Geäst ragen hohe Essen; Rauchwolken, diese schwarzen Fahnen der Arbeit, wehen auch an diesem Sonntag in der Luft.

Die beiden standen auf dem obersten Kamm und blickten hinab, aufmerksam, als müßten sie jede Einzelheit ihrem Gedächtnis einprägen.

Elisabeth lehnte sich an Erwin, ihre Nasenflügel bebten, als versuchten sie, die Bestandteile der Luft zu prüfen:

»Spürst du das? Das ist Jasmin, vermischt mit trockenem Gras. Der Sand riecht auch, wenn er heiß wird. Und die Kiefern.«

Der Junge zeigte wie ein Feldherr hinab auf die Sandfläche, die die Winde gewellt hatten, als hätten sie versucht, sie dem Meere ähnlich zu machen:

»Jetzt will ich mal sehen, was du von Geländekunde verstehst. Also was ist das für ein Gelände?«

»Schau den See, ich glaube, ich habe noch nie etwas so Blaues gesehen. Warum schreibt niemand ein Lied über den blauen Tegeler See?«

»Natürlich, jetzt beeilst du dich, über etwas anderes zu sprechen, weil du nichts weißt. Also, ich will dir helfen. – Ist das ein offenes, ein bedecktes oder durchschnittenes Gelände?«

»Schön wäre es, zu segeln. So ein Boot wünschte ich mir, wie das dort.«

»Du weißt es also nicht. Und du willst ein Hitlermädchen sein?!«

»Schau, wie schneeweiß die Segel sind, als hätte sie die Sonne wie eine gute Hausfrau gebleicht.«

»Also, ich will's dir erklären, auch wenn du noch so gern unwissend bleiben möchtest. Das ist ein durchschnittenes Gelände. Wir haben eine weite Sicht, aber die Begehbarkeit des Geländes ist durch Gräben und Bodenerhebungen gehindert. Siehst du die Geländefalten und Mulden? Was ist dabei zu lachen? Mädchen können doch nichts ernst nehmen.«

»Ich lache doch nicht über dich. Ich lache, weil es warm ist und weil es so schön duftet. Wir wollen mal sehen, ob du mich fangen kannst in deinem durchschnittenen Gelände.«

Sie stößt einen Schrei aus wie jemand, der nicht weiß, was er mit seiner vielen Kraft anfangen soll. Ihre junge Stimme schwebt lange hallend, torkelt trunken von der Sommerluft.

Ihre Muskeln spannen sich, ihr Körper fühlt sich, als wäre er nach langer Gefangenschaft befreit; er schnellt hoch, verliert seine Schwere, überfliegt Gräben, ihre Arme stemmen sich gegen die Luft, als wollten sie die Erfahrungen der Vögel und der Flugzeuge sich zunutze machen.

Jetzt braucht sie nicht ängstlich Befehlen der Vorgesetzten zu folgen. Sie muß nicht Wünsche von Kunden erraten, sie ist frei, sie kann schreien, und niemand sagt ihr: Bist du wahnsinnig geworden? Sie kann dahinrasen, niemand fragt sie: Wohin rennst du, Irre?

Sie läuft, als flüchte sie vor übergroßer Gefahr, und fühlt sich doch beglückt, als Männerarme sie umklammern, ihren Kopf nach hinten biegen. Er bettet sich heimatlich auf das braune Linnen des Hemdes.

Sein Gesicht schwebt über ihr, dieses Gesicht, das sie vor wenigen Wochen noch gar nicht kannte, das fremd in der Welt umherging, ohne daß sie etwas von ihm ahnte. Und jetzt gehörten seine Züge mehr zu ihrem Leben als ihre eigenen. Das Leben war leer ohne dieses Gesicht; es erschien ihr unerwartet in allen Ecken des Hauses Alderman, es erschien ihr abends, wenn sie am Familientisch saß, nahm ungefragt den Platz des Vaters ein und lächelte.

»Ha, mein Kind, du meinst, ich könnte dich nicht mit Leichtigkeit fangen, hier, wo ich jede Krume Erde kenne. Wie oft bin ich hier im Dunkeln herumgeklettert, hier hatte ich meine erste Nachtübung. War das aufregend! Ich mußte mich von zu Hause fortstehlen, meine Mutter hätte es nie erlaubt, daß ich gehe. Sie war für Hitler, ja, aber meinst du, sie hätte gern gesehen, daß ich auch wirklich für ihn kämpfe? I wo! Ich sollte zu Hause schön meine Schularbeiten machen und dann bei Mama und Tante hocken. Stell dir vor, es war ja auch etwas Besonderes, ein Schuljunge in Uniform bei einer militärischen Nachtübung. Meinen alten Damen wären die Haare zu Berge gestanden, wenn sie es geahnt hätten. Natürlich war ich nie in Uniform zu Hause, niemand im Haus oder in der Straße durfte mich sehen, ich wäre sonst glatt aus der Schule geflogen. Na, mir selbst lag ja nicht viel an der Penne.«

»Vielleicht hätte der kleine Junge wirklich lieber Schularbeiten machen sollen«, sagte Elisabeth.

»Du bist mir eine schöne Kämpferin. So, ich hätte Schulaufgaben machen sollen? Wie aber wäre dann Hitler an die Macht gekommen?«

»Ja, du hast recht, es wäre schlimm geworden, wenn du nicht früh genug mitgemacht hättest. – Also erzähle weiter.«

»Ich bin im langen Mantel zu unserer Kneipe geschlichen, dann zogen wir los. Jetzt konnte jeder meine Uniform sehen. Wir gingen soldatisch, unsere Schritte knallten scharf auf dem Asphalt. Manchmal blieben Leute stehen, sie machten dumme Bemerkungen wie: Und so was gestattet die Regierung! Wenn sie sich ärgerten, machte es uns erst richtigen Spaß. Die Regierung! Als ob die uns viel zu sagen hatte. Aber riskiert haben wir doch alle was. Stellung oder Schule, nicht? Wir waren schon über Spandau marschiert, da kamen uns Arbeiter entgegen. Sie hatten sicher Nachtschicht bei Borsig; sie wurden ganz frech und unverschämt. Wir waren nicht faul und antworteten ihnen gehörig. Es waren nur vier oder fünf und wir ein ganzer Sturm. Sie konnten ja doch nichts gegen uns ausrichten. Es hat Spaß gemacht, so herumzubrüllen, jeder konnte seine Wut auslassen, und es passierte doch nichts. Aber der eine, so ein ganz Kleiner, Magerer, hat sich ganz nahe an uns herangewagt und beschimpfte uns gemein.«

»Warum mußtet ihr euch gerade mit den Arbeitern herumzanken?«

»Warum? Weil sie uns angepöbelt haben! Es kam ja noch schöner. Wir hatten einen Scharführer, der war ein richtiger Raufbold; der ließ sich das schon gar nicht bieten. Mit einem Sprung war er bei dem Kleinen und knallte ihm eine. Er knallte ihm eine, daß er gleich hinfiel und das Blut ihm aus Mund und Nase floß.«

»Ach, scheußlich!«

»Ach ja, scheußlich, das dachte ich auch. Zwei von den Arbeitern gingen gleich davon, in Richtung Borsig, um Verstärkung zu holen. Einer blieb bei dem Verletzten, und einer schlich uns ganz vorsichtig nach, wir konnten ihn aber doch sehen. Wahrscheinlich, um unsere Spur nicht zu verlieren.«

»Aber das ist doch nicht richtig, wenn man in Überzahl ist, jemanden zu überfallen.«

»Du hättest nur hören sollen, was die herumschrien, da konnte man wirklich in Wut geraten über solche Dummheit und Beschränktheit. Was meinst du, was sie gebrüllt haben?« –

»Was denn?«

»Kapitalistenknechte! Lakaien der Bourgeoisie! Ist das nicht geradezu blöd, mit so etwas zu kommen? Ich zum Beispiel, ich ein Lakai der Bourgeoisie! Ich habe meine Zukunft aufs Spiel gesetzt, um an der Nachtübung teilzunehmen. Warum, warum habe ich es getan? Für Deutschlands Ehre! Für Deutschlands Ehre war es mir ganz egal, ob ich aus der Schule flog. Es war mir gleich, was für ein Zeugnis ich bekam. Ich mußte mich aus dem Hause schleichen, ich mußte vor meiner Mutter Angst haben. Und so ein Kerl nennt mich ›Lakai der Bourgeoisie‹! Wieso denn, warum denn?«

»Meinst du, sie haben mich nicht auch genug beschimpft? Hysterische Hitlerrieke haben sie gesagt. Braune Ziege und so ähnlich.«

»Hätte ich dich schon damals gekannt – die, die dich beschimpft haben, hätten es bitter gebüßt.«

»Oft ging's auch so: Der Hitler braucht Soldaten. Da haben sie ganz frech vor sich hin gesungen und haben mir dabei in die Augen geschaut.«

»Ja, die von der Kommune haben sich was geleistet. – Aber darin vielleicht haben sie gar nicht so unrecht. – Du, warum weichst du mir aus?«

»Aber Erwin!«

»Manchmal ist es so schwer zu sprechen. – Wir Jungens in unserem Sturm, eine ganze Gruppe, haben einen Schwur geleistet: Wir wollen die Natur nicht ausspielen. Wir wollen uns nicht gegen ihre Gesetze vergehen. Das ist undeutsch und schadet der Nation.«

»Wir Mädels im Bund haben auch den Beschluß gefaßt, uns nicht gegen die Natur aufzulehnen. Die Frau muß ihre Natur erfüllen, sonst begeht sie auch gegen die Nation eine Sünde.«

»Siehst du, und doch wehrst du dich immer gegen mich!«

»Nein, nein! – Aber du wolltest doch von deiner Nachtübung erzählen.«

»Dein Interesse soll wohl nur eine Ablenkung sein.«

»Ach, Erwin, wie kannst du nur so etwas sagen! Also, wie war es, haben sie euch gefunden?«

»I wo! Wir waren zu schlau, um Rotmord in die Arme zu laufen. Wir hatten schon Tarnübungen gemacht, wenn auch nicht nachts. Aber da war es ja noch leichter. Wir hatten auch noch keine Knarren. Die sollten wir erst am Übungsplatz bekommen, von den Waffenbrüdern, die das Waffenlager des Sturmes verwalteten. Die Waffen brachte die zivile Abordnung mit, die keinen Verdacht erregen konnte. Bei Keilereien suchte die Polizei immer die Uniformierten durch und fand natürlich nichts. Das war schlau eingefädelt. Wir Jungens durften auch gar keine Waffe mit nach Hause nehmen. Wenn die Eltern etwas rauskriegten, hätte es doch nur Krach gegeben.«

»Und was geschah weiter?«

»Die zivile Abordnung war uns weit vorausgeeilt, und wir mußten zusehen, wie wir aus dem gefährdeten Geländeteil entkommen konnten. Hier war es, hier, an dieser Stelle, hätte uns Rotmord niedermachen können! Siehst du, so habe ich mich in die Falten der Erde geklebt. Man muß geduckt vorspringen, die Beine seitlich angewinkelt, und so den Körper immer langsam vorschieben. Guck, so, auf Ellenbogen und Fußspitzen bewegen wir uns vorwärts. Wir können auch die Füße schleifen lassen und uns nur Zentimeter für Zentimeter auf den Ellenbogen vorschieben und den Körper nachziehen.«

»Und so konnte man euch nicht entdecken?«

»Nein, so konnten wir uns verbergen und doch vorwärts kommen. Weißt du, wie man diese Bewegung nennt?«

»Nun?«

»Du bist kein richtiges Hitlermädchen. ›Robben‹ nennt man das, weil man sich wie eine Robbe fortbewegt. So, ich strecke den Arm aus, meine Hände suchen einen Halt. Hier das Gestrüpp. Ich gleite auf dem Boden dahin; mein Kopf verbirgt sich in der Erde. Ich muß den Kopf tief in das Gras drücken.«

»Du guckst ja durch die Grashalme.«

»Das gehört zur Übung, man darf nicht vergessen, Umschau nach dem Feind zu halten.«

»Aber es gibt keine Feinde hier.«

»Doch, es gibt einen Feind.«

»Wer denn? Meinst du mich?«

»Ja, du! Du bist mein Feind.«

»Erwin, wie du das sagst! Ich dein Feind!?«

»Ja, du, du quälst mich!«

»Komm doch her, sprich nicht so.«

»Hast du denn nie Hunger und Durst nach einem Menschen gehabt?«

»Ach, Erwin!«

Sie sind allein im Gelände, es ist nichts auf der Welt als sie beide. Niemand als sie! Sie müssen zueinander drängen.

Ihre Gesichter sind sich ganz nahe, ihr Ausdruck ist ernst, fast düster, als lastete auf ihnen die Schwere ihres Gefühls.

Wieder schwebt über Elisabeth dieser Kopf, der in seinen Zügen das ganze Leben in sich trägt, alle Freuden und alle Leiden, die es für sie in Bereitschaft halten mag.

Die Arme hoben sich aus dem Grase und zogen ihn zu sich hinab wie das unausweichliche Schicksal.

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