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Elisabeth, ein Hitlermädchen

Maria Leitner: Elisabeth, ein Hitlermädchen - Kapitel 3
Quellenangabe
authorMaria Leitner
titleElisabeth, ein Hitlermädchen
publisherAufbau-Verlag
year1985
firstpub1937
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180928
projectid8c745c16
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Zweites Kapitel.
Warenhaus Alderman, Schuhabteilung

In der Kantine schwebte der ranzige Hauch von abgestandenem Fett und zerkochtem Kohl. Auch nach sorgfältigster Lüftung blieben Geruchsfetzen in dem Raum hängen, die sich schnell mit den Dämpfen der neuen, sich immer gleichenden, freudlosen Mahlzeiten vermischten.

Der Tisch der Schuhabteilung stand in der linken Ecke des weiten Saales gegenüber einem der wandlangen Fenster, in die sich wie in Rahmen die Bilder von Häuserriesen, das Grün verkrüppelter Bäume, dunkle Menschenknäuel einhängten.

Ohne Unterlaß strömte die Menge durch die einladenden, von goldbetreßten Portiers behüteten Türen.

Das Verpönte gab diesem Palast aus seltenen Hölzern und teuren Steinen nur neue Anziehungskraft. Kein Verbot konnte den Wunsch, in Seide, Spitzen, Stoffen zu wühlen, ersticken, den Wunsch, Neues, Vielfältiges zu sehen.

Die Rosenholzintarsien, die perlmutterfarben schimmernden Porphyrsäulen, das Licht, das hell, doch ohne Grellheit aus blitzenden Röhren strahlte, gab dem billigsten Schund begehrenswerten Schimmer.

Mit glänzenden Augen rechneten die Frauen ersparte Groschen zusammen, um den verführerischen Kram erstehen zu können.

Aber auch, wenn man nicht kaufte, weil das Portemonnaie sich schwindsüchtig in der Tasche barg, oder auch, weil höhere Weltanschauung es verbot, konnte man dem Reiz des Suchens und Wählens nicht entgehen. Hier war im grauen, nüchternen Häusermeer der märchenhafte Basar aus Tausendundeiner Nacht.

Man mochte weniger kaufen, aber um so eifriger beschäftigte man die dienstbaren Geister des Hauses.

Sie stärkten sich jetzt in Etappen zu neuem Dienst.

Die Schuhabteilung wirkte im Saal wie ein großer lila Fleck. Die Mädchen trugen veilchenfarbene Kleiderschürzen. »Sie wirken dekorativ und schmutzen nicht leicht«, hatte der Zeichner, der ihre Tracht entworfen hatte, dem Dekorationschef erklärt. Aus der Ferne glichen sich die Verkäuferinnen, als wären sie standardisierte Blumen, die ein ehrgeiziger Gärtner nach neuesten Methoden züchtete.

Elisabeth war nicht mehr braun, auch sie war veilchenfarben. Jetzt war sie kein Hitlermädchen, jetzt stand sie im Dienste des Hauses Alderman, und das zwischen Martha, Tilly, Emilie und Anna. Sie saß genauso erschöpft da wie alle. Sie tauchten ihre Löffel mit dem gleichen Ausdruck der Müdigkeit in die trübe Brühe, die schon durch ihre graue Schleimigkeit jede Hoffnung auf Freuden des Gaumens erstickte.

Nur ein Mädchen kam erst jetzt mit ihrem Suppenteller, den sie auf der Handfläche balancierte.

Sie mimte eine Frau mit neuen engen Schuhen, die aber ungeheuer stolz auf diese Schuhe ist, das eitle Gesicht schmerzgeplagt, und doch vor Stolz strahlend.

»Gilda, setz dich endlich!«

Gilda tänzelte mit dem Teller zum Tisch, die braunen Locken tänzelten, die langen Wimpern tänzelten.

»Ich verstehe nicht, daß diese Gilda nicht müde ist.« Martha hielt den Suppenlöffel in der Hand, als wäre seine Last zuviel für sie. »Die Pause sollte man wenigstens ausnützen, um sich auszuruhen.«

»Ich kann doch nichts dafür, ich muß doch immerfort an meine letzte Kundin denken.« Gilda lachte und machte große Augen. Die Mädchen sagten, daß sie Gildas wegen lila Schürzen tragen müßten, damit Gildas Augen noch veilchenfarbener wirkten. Der Zeichner hatte sich in sie verguckt.

»Iß doch erst mal.«

»Eidechsenschuhe hat sie gekauft, ihre Hühneraugen tun mir ja so leid; ich habe ihr von den Eidechsen erzählt, was die für eine unverwüstliche Haut haben, weil sie ein so gefährliches Leben in den Urwäldern führen. Eidechsenschuhe zerreißen nie. – Sind das auch echte Eidechsen? hat sie mich gefragt; darauf habe ich ihr gesagt: Aber, gnädige Frau, unser Chef, Mister Elderman, war selbst mit einer Expedition in den südamerikanischen Urwäldern auf der Eidechsenjagd. Und ich habe dazu nicht gelacht! Sie hat's mir geglaubt. Deshalb mußte sie die Schuhe kaufen, auch wenn sie ihr zu eng waren.«

»Du wirst noch wegen deiner Albernheiten herausfliegen; denk daran, daß ich dir das prophezeit habe«, sagte Emilie, die Gilda nicht anders als mißbilligend anblicken konnte.

»Mister Elderman auf der Eidechsenjagd, das ist gut; ich möchte nur wissen, woher er wirklich kommt.«

»Aus Amerika jedenfalls.«

»Er ist Amerikaner, ein Mister, da kannst du nichts gegen machen; jetzt gehören die meisten Aktien einem Amerikaner.«

»Nichts gehört ihm, man tut nur so, man muß nur sehen, wie er vor Herrn Direktor Lanz katzbuckelt.«

Tilly spürte gegen diesen neuaufgetauchten Chef Abneigung, weil er einmal mißbilligend sich über ihre Art, Schuhe zu präsentieren, geäußert hatte.

Dieser Mister Elderman, der im Hause Alderman plötzlich aufgetaucht war, hatte vor vielen Jahren als ein simpler, sich vor Gläubigern flüchtender Herr mit einer kleinen Abfindung seines reichen Onkels Europa verlassen; er wurde kein Millionär wie in den Märchen, das Schicksal war ihm nicht hold. Er fristete sein Leben aus jämmerlichen Provisionen, die ihm aus kleinen, bunt zusammengewürfelten Geschäften zuflossen. Er hatte sich schon damit abgefunden, daß er als verbrauchter Mann, zermürbt von kleinlichen Sorgen, im Exil sterben würde, als ihn ein Notar im eingeschriebenen Brief zu sich bat. Er hatte zwar keine Erbschaft gemacht, wie er in der ersten freudigen Überraschung erhofft hatte; der Notar wollte von ihm wissen, ob er amerikanischer Staatsangehöriger geworden sei, und prüfte aufmerksam seine Papiere. Als kein Zweifel mehr bestand, daß er Bürger des mächtigsten Staates sei, eröffnete ihm der Notar, daß seiner eine bedeutende und ausgezeichnet bezahlte Stellung im Hause Alderman harrte. Er würde sogar, allerdings mit allen nötigen Rückversicherungen, pro forma Mitbesitzer des Hauses. Mister Elderman konnte sich erst kaum über diese neue Wendung in seinem Schicksal fassen, aber er nahm natürlich die Berufung an. Warum auch nicht? Wenn man ihn in Deutschland brauchte! Er würde seine Verwandten nicht im Stich lassen.

So erhielt das Haus Alderman eine amerikanische Note, und Verordnungen des dahinstürmenden Nationalsozialismus wurden von ihr besänftigt und entgiftet.

»Natürlich ist das Ganze nur eine Schiebung«, sagte Elisabeth. »Die Juden verstehen es zu gut, sich zu drehen und zu wenden.«

»Warum nur die Juden?« fragte Anna und sah dabei Elisabeth so prüfend an, daß diese sich verärgert wieder mit ihrer Suppe zu beschäftigen begann. »Hat sich bei den Großkonzernen irgendwas geändert?«

»Hast du Sorgen, Anna! Großkonzerne! Das interessiert mich nicht. Mich interessiert nur, wie schlecht heute wieder die Suppe ist, das ist auch 'ne Schiebung.« Tilly sah unzufrieden um sich.

Auf die Anna muß man aufpassen, ich hätte das Flugblatt doch anzeigen sollen. Elisabeths Gesicht wurde ganz düster.

»Ich verstehe gar nicht, wie ihr euch erlauben könnt, von Schiebung zu sprechen«, sagte Emilie, die, obgleich sie in letzter Zeit glühende Nationalsozialistin geworden war, nie vergaß, daß sie das Brot des Hauses Alderman aß. »Man hat doch keinen Amerikaner nötig; Herr Direktor Lanz ist doch der eigentliche Inhaber, und er ist Arier.«

»Er ist Schwiegersohn und nicht Inhaber.«

»Er hätte's nicht mal nötig, Arier zu sein, er ist doch Österreicher.«

»Ich kann gar nicht verstehen, wie ihr so viel reden könnt«, sagte Martha. Sie ist eine geschiedene Frau, die noch für zwei Kinder zu sorgen hat. Ihr Mann hat sich einfach aus dem Staube gemacht und ist jetzt irgendwo im Ausland. »Ich habe das Gefühl, ich schaffe es nimmer; mein Rücken – als hätte man ihn in Stücke geschlagen.«

»Das ist auch kein Wunder, wir müssen jetzt viel mehr schaffen. Rechne es dir aus: aus unserer Abteilung sind zwei Mädchen entlassen: die Hirsch, weil sie Jüdin ist, die Mertens wegen marxistischer Umtriebe.«

Anna sprach ruhig, aber Elisabeth betrachtete sie voller Mißtrauen: Warte nur, du, ob du nicht auch wegen marxistischer Umtriebe entlassen wirst. Wühlmaus! Immer mit diesen hinterhältigen, aufreizenden Bemerkungen. Sie versucht, die Mädchen aufzuhetzen. Das ist unrecht. Man soll nicht das Aufbauwerk stören. Ich kenne diese Stillen, an die man nicht so leicht heran kann. Aber ich werde aufpassen!

Anna sieht gar nicht wie eine Maus aus. Sie hat große braune Augen und ein so klares Gesicht. Sie ist die beste Verkäuferin in der Abteilung, ruhig und sicher; die Kunden lassen sich gern von ihr beraten, und sie schwätzt ihnen nie etwas aus Spaß auf wie Gilda.

»Ach, ich habe es euch noch gar nicht erzählt«, rief Tilly, »ich habe vor einigen Tagen die Hirsch, das arme Luder, getroffen. Wie die aussieht! Jeden Knochen an ihr kannst du zählen. Fünfzehn Jahre war sie hier angestellt; geschuftet hat sie wie keine, und jetzt kann sie glatt verhungern.«

Die Tilly soll schweigen, dachte Elisabeth. Jetzt bedauern sie natürlich alle die Hirsch, sie kann doch nichts dafür, daß sie Jüdin ist, denken sie, auch wenn sie es nicht sagen. Aber warum sollen die Fremden Brot haben und die Deutschen hungern. Wieviel Millionen Arbeitslose haben kaum zu essen. Sie überlegte das alles schnell, um das Gefühl zu betäuben: die arme Hirsch!

»Weißt du, das ist gar nicht so klug von dir, eine Jüdin zu bedauern«, sagte Emilie und sah kampfbereit auf Tilly.

Elisabeth, die eigentlich auch aussprechen wollte, was Emilie sagte, empfand doch Unwillen, vielleicht nur, weil Emilie erst seit so kurzer Zeit in der Bewegung war.

Gilda schnupperte in der Luft herum und machte dann ein ganz begeistertes Gesicht.

»Ich weiß nicht, hier riecht's so stark nach Märzveilchen, spürt ihr's auch?«

Das allgemeine Lachen erboste nur Emilie:

»Ach, Gilda«, sagte sie geringschätzig, »weißt du, deine Mutter hat den richtigen Namen für dich ausgesucht, so ausländisch und komödiantisch.«

Gilda schluckte, das war gemein von der Emilie, ihr ihren Namen vorzuwerfen. Kann sie etwa dafür, daß ihre Mutter eine Opernschwärmerin ist? Eine Opernsängerin, die ihre Stimme verloren hatte und die jetzt armen Mädchen, die genauso hoffnungslos für Opern schwärmten wie sie, Stunden gab?

Die Mädchen hatten ihre Teller gewechselt und stocherten jetzt unlustig im Gemüse und dem hauchdünnen Fleisch herum.

»Ach, Kinder«, sagte Tilly und schob ihren Teller plötzlich weit von sich, »ich hatte heute einen Kunden, der hatte Schweißfüße, ihr könnt euch das nicht vorstellen.«

»Du Schweinigel. Dich hat sicher die Direktion gemietet, uns noch das bißchen Appetit zu verderben, das wir noch haben«, rief Martha.

»Natürlich, wir sollen nicht merken, daß die Portionen immer kleiner werden.«

»Kein Wunder, wird ja alles ständig teuerer.« Das sagte Anna.

Jetzt konnte Elisabeth nicht länger an sich halten. Sie wußte, Anna machte nur ihre Bemerkungen, um Unzufriedenheit zu säen. Es war ihre Mundpropaganda. Sie wollte nur das Schlechte sehen, nie das Gute.

»Wie kannst du immer nur so kleinlich sein.« Sie blickte erst Anna an, als sich aber ihre Augen begegneten, wandte sie sich ab und sah geradeaus vor sich hin. »Du willst nicht das Große sehen, jeder Kampf bringt Schwierigkeiten mit sich, jeder Kampf verlangt Opfer. Wenn man eine neue Welt aufbauen will, muß man von jedem Opfer verlangen.«

»Opfer von wem?« fragte Anna. »Wer bringt die Opfer, Elisabeth? Wer soll die Opfer bringen?«

Natürlich, jetzt denkt sie an die Margarine und an das Fett; die Reichen kaufen keine Margarine, die Reichen verdienen mehr und die Armen weniger, will sie mir sagen. Sie will es nicht sehen, daß sich dahinter noch etwas Großes abspielt. Es ist nur so schwer, das in Worte zu fassen, es zu erklären. Ich könnte ja ein leichtes Spiel mit der Anna haben, aber ich will sie überzeugen, nicht anzeigen.

»Man kann doch die Opfer nicht auf die Waagschale legen, wir wollen eine neue Welt. –«

»Kuckuck, ich kann auf die neue Welt blicken.«

Tilly hatte das Fleisch auf die Gabel gespießt und hielt die dünne Scheibe, als wäre es durchsichtiges Papier, vor ihre Augen.

»Laß doch die dummen Späße, jede Revolution hat Schwierigkeiten mit sich gebracht.«

»Ach was, Revolution, das ist doch gar keine Revolution.«

Emilie wollte dazwischenfahren, aber Gilda ließ sich nicht aufhalten. »Es hat sich doch nichts geändert, es ist alles beim alten geblieben. Wißt ihr, wie eine wirkliche Revolution aussehen würde? Da käme eine Kommission und suchte nach Talenten. Mich würden sie freilich gleich entdecken. Wie, Fräulein Gilda, Sie mit Ihrer Begabung für Tanz und Schauspielerei Schuhverkäuferin? Das ist ja Wahnsinn. Vergeudung der edelsten Menschenkräfte. Sie müssen lernen, sich bilden. Sie müssen eine große Künstlerin werden. – Aber ich habe kein Geld, würde ich sagen. – Kein Geld, was für eine Kleinigkeit, machen Sie sich keine Sorgen! Gibt es denn nicht genug Geld in der Welt? Wieviel Geld brauchen Sie, um sich ausbilden zu lassen? Wie, nicht mehr? Hier haben Sie es, bitte sehr! – Aber meine Mutter braucht auch Geld, um zu leben. – Natürlich, ja, wieviel? Erledigt, bitte sehr! – Aber, ach, mein Großvater braucht auch Geld! – Aber ja, natürlich, bitte sehr! – Das wäre eine Revolution.«

Alle lachen.

»Das könnte dir so passen«, sagte Emilie.

Elisabeth konnte die Augen nicht von Gilda wenden, während sie sprach. Was konnte sich dieses Mädchen alles ausdenken? Wie, wenn eine Kommission zu ihr käme? Was würde sie sich wünschen? Das Glück! – Das Glück? Das ist viel; was für ein Glück? – Nur das einfachste. – Liebe? – Ja, Liebe! – Wen lieben Sie? Wissen Sie es schon? – Ja, sie wußte es schon! – Was möchten Sie, ein Häuschen, ein Gärtchen? – Es genügte mir ein Fleckchen Erde, von dem ich sagen könnte: Hier bin ich zu Hause. – Sie verlangen nicht viel, ja bitte sehr. Sie möchten Kinder? – Ja, Kinder. – Bitte sehr.

Tilly schreit: »Ich würde der Kommission sagen ... jetzt weiß ich gar nicht, was ich sagen würde, man hat soviel zu wünschen –«

Emilie schüttelt mißbilligend den Kopf. »Gilda, du bist doch das verrückteste Luder hier im ganzen Hause. Ach was, das ist ein Kompliment für dich. Es gibt keine Verrücktere in der ganzen Stadt.«

»Warum müßt ihr euch immer zanken?« fragte Martha.

»Du hast recht, man sollte gar nicht hinhören auf diesen Quatsch«, sagte Emilie. »Gestern war ich im Kino, da habe ich ein wunderbares Stück gesehen. ›Blut und Erde!‹ Was führen die Bauern für ein schönes Leben! In einem Bildstreifen konnte man sehen, wie Adolf zu den Bauern spricht und wie er umjubelt wird. Und wie das fremde Blut den Bauern schadet. – Herrlich war es, sage ich euch!«

»Im Kino finde ich ja das Landleben sehr langweilig«, erklärte Tilly.

»Du verstehst eben nichts Höheres.«

»Gestern war ich mit meinem Freund auch im Kino. Mein Freund hat ein kleines Lichtspieltheater entdeckt, wo sie ganz alte Filme spielen. Da kann man wenigstens lachen. Einen Chaplin habe ich gesehen.«

»Gib mir die Adresse.«

»Ach, du möchtest dir auch so was ansehen!«

»Beruhige dich, ich würde nie etwas sehen wollen, was eigentlich gar nicht erlaubt ist.«

»Ach Gott, wir wissen schon längst, wie tugendhaft du bist, aber da gebe ich dir auch gar nicht die Adresse.«

»Brauche ich nicht, das wird ja sowieso verboten werden.«

»Übrigens haben sie noch einen ollen Film gespielt, wo der Albers als Nationalsozialist auftrat.«

»Das ist doch unmöglich. Früher hat der doch mit einer Jüdin gelebt. Da konnte er doch gar keine Nazis spielen!«

Tilly begann zu trällern: »Das ist die Liebe der Matrooosen!«

»Na, hör mal, so uralte Klamotten singst du – und noch dazu ganz falsch.«

»Das ist doch aus dem Film ›Bomben auf Monte Carlo‹.«

»Na, das ist doch noch lange vor Adolf gewesen, und den Film haben Juden gemacht, der wird doch auch verboten werden.«

»Aber der Albers ist doch darin wie ein Nationalsozialist. – Elegant, sag ich dir, ganz in Weiß und mit Gold. Du, er sieht wirklich dem ›Hermann‹ ähnlich. Ach, ist er schick. Er verliert sein Geld im Kasino, aber das Geld gehört ihm gar nicht. Er verlangt es von der Spielbank zurück, aber die tun, als hätten sie gar nichts gehört. Da bombardiert er Monte Carlo. Tolle Sache, was? Er hat nämlich ein Kriegsschiff; natürlich kriegen die von der Spielbank Angst und rücken das Geld raus. – Warum soll das verboten werden?«

»Der Film ist doch von Juden gemacht, das Lied darfst du gar nicht singen: Das ist die Liebe der Matrosen. Das hat ein Jude komponiert. Mein Freund ist SS-Mann, der weiß das alles.«

»Ach, ist dein Freund SS-Mann?« rief Gilda. »Schwarz muß dir sehr gut zu Gesicht stehen. Erinnert ihr euch noch, als Emiliens Freund Reichsbannermann war? Ein hoher Reichsbanner-Funktionär.«

Die Schuhabteilung lachte so schallend, daß sich die andern Tische nach den Veilchenfarbenen umsahen, denn es war viel stiller geworden im Saal.

Frau March durchschritt den Raum. Sie ist die Leiterin der Personalabteilung. Die Mädchen erzittern, wenn sie sie mit den Blicken nur streift; sie möchten sich am liebsten unsichtbar machen. Sie könnte vielleicht auf den Einfall kommen, man sei überflüssig. Frau March hat eine besondere Organisationsbegabung. Ihre Chefs erkennen sie dankbar an.

Sie hat die Fähigkeit, zu berechnen, wie eine Arbeit, die früher von zweien gemacht wurde, jetzt eine schaffen könnte. Sie hätte ihre Begabung wahrscheinlich mit demselben Eifer zur Geltung gebracht, wenn sie der Allgemeinheit Nutzen gebracht hätte. So aber erfreute sie nur die Chefs des Hauses Alderman. Wenn sie im Chefzimmer verschwand, zitterten die Mädchen: Jetzt macht sie Abbau-Vorschläge. Wer war überflüssig?

Frau March trug ein schwarzes Seidenkleid, das leise rauschte. Ihren Busen zierte als einziger Schmuck das Doppelkreuz der nationalsozialistischen Frauenschaft. Sie übertrieb aber nie die Gesinnung, die sie leicht, ohne besondere Grübeleien, wechselte.

Sie stand jetzt vor dem Tisch der Schuhabteilung und grüßte mit »Heil Hitler«, aber nicht laut und aufdringlich, sondern nur so, wie man guten Tag sagt. Die Hand reckte sie nicht hart in die Luft, sondern hob sie nur, als verscheuchte sie eine Fliege.

Der Veilchentisch merkte erst auf, als sie dicht davor stand und das »Heil Hitler« sich mit dem Mädchenlachen vermischte.

Die Mädchen begannen erschrocken, sich mit ihren Tellern zu beschäftigen. Einige murmelten leise, nur Emilie stand mit erhobenem Arm auf und schmetterte laut den Gruß.

»So ist's richtig«, sagte Frau March huldvoll. »Zu der Jugend gehört Fröhlichkeit. – Worüber habt ihr euch unterhalten?«

Emilie stand noch immer, ihr halboffener Mund rundete sich, als versuchte er, Worte zu formen, die das Gehirn noch nicht klar vorgezeichnet hatte.

Aber Frau March wandte sich an Elisabeth:

»Nun erzähl, worüber habt ihr gesprochen?«

Elisabeth erhob sich halb von ihrem Sessel, ihre braunen Augen richteten sich in ihrer klaren Offenheit, die ihr die Zuneigung ihrer Vorgesetzten gewann, auf Frau March.

»Über Hans Albers«, sagte sie und lächelte etwas verschämt.

Die Tafelrunde atmete befreit auf.

»Na, ihr seid doch immer die gleichen Dummchen. Wir leben in einer großen Zeit, und ihr merkt nichts davon.«

Frau March ging nachsichtig lächelnd weiter.

Das Rauschen ihres Kleides brachte langsam überall das Lachen und Durcheinander im Saal zum Verstummen.

Erst als sie schon längst fort war, rief Gilda:

»Emilie hätte anders geantwortet.«

»Ach was, Elisabeth gehört doch zu Frau March, die sich mit dem Direktor Lanz zusammen nur darüber den Kopf zerbricht, wen sie von uns fortschicken soll. Ich will überhaupt nichts mehr reden, ich habe ja auch nie was gesagt. Ich habe bemerkt, wie prüfend mich immer die March ansieht, wenn ich müde bin. Sie lauert nur darauf, daß man irgendein Wort sagt, das einem schaden könnte. Man weiß auch nicht, was die Elisabeth spricht, wenn wir nicht dabei sind.«

»Martha, ich glaube wirklich, du bist zu müde, als daß du noch wüßtest, was du daherredest. Das ist eine ganz große Gemeinheit, aber ich kümmere mich nicht mehr darum, was ihr zusammenmeckert. Ich sage euch etwas: Übermorgen ist Sonntag.«

Plötzlich lief über die weiten Flächen der Wangen, der schmalen Gracht zwischen den Augen ein leuchtendes Lächeln.

Noch einmal sagte sie vor sich hin: »Übermorgen ist Sonntag.«

Tilly starrte sie aufmerksam an: »Elisabeth, du bist ja verliebt – hört mal, Elisabeth Weber, das deutsche Heldenmädchen, ist verliebt. Ich sage euch das, ich, Tilly.«

Plötzlich treibt ein langanhaltendes Klingelzeichen die Mädchenschar wie ein Wirbelwind durcheinander. Eine neue Schicht kommt, die alte geht.

»Sechs Stunden noch bis zum Ende«, flüsterte Martha.

»Ach ja, aber übermorgen ist Sonntag.«

»Sechs Stunden noch, wann werden sie ein Ende nehmen?«

»Ach, Sonntag, bald ist wieder Sonntag!«

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