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Elisabeth, ein Hitlermädchen

Maria Leitner: Elisabeth, ein Hitlermädchen - Kapitel 21
Quellenangabe
authorMaria Leitner
titleElisabeth, ein Hitlermädchen
publisherAufbau-Verlag
year1985
firstpub1937
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180928
projectid8c745c16
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Zwanzigstes Kapitel.
Schatten preußischer Könige und das Glück

Der Zug schlich langsam durch die Landschaft, als langweilten ihn die platten, grün und gelb gewürfelten Felder, die Häuser, die aussehen, als hätte sie jemand zufällig achtlos stehengelassen.

Elisabeth fühlte sich auf der unsanft schaukelnden Holzbank so nackt, so kahl, so schutzlos wie ein Neugeborenes. Sie hielt den Brief Erwins in der Hand, sie las ihn, zum wievielten Male.

Dann ließ sie ihn sinken. Sie sah hinab auf ihre Schuhe. Die Sohlen ließen schon wie nachlässige Wächter Wasser, Schnee und Schmutz zu ihren Füßen dringen. Sie hielt mit sich selbst Zwiesprache:

Elisabeth aus der Schuhabteilung Alderman, du hast keine Schuhe mehr. So arm bist du. – Dein Erwin.

Du bist ausgestoßen. Du kannst von Tür zu Tür gehen und um Arbeit betteln. Du wirst keine bekommen. – Dein Erwin.

Du bist eine Verfemte. Deine alten Kameraden, mit denen du zusammen gekämpft hast, werden den Kopf abwenden, wenn sie dich aus der Ferne kommen sehen werden. – Dein Erwin.

Deine Eltern, die es dir einmal vorausgesagt hatten, werden dich voll Hohn und Spott empfangen. – Dein Erwin.

Wenn du die alten Kameraden suchen wirst, mit denen du dich entzweit hast, werden sie dir nur mit Mißtrauen begegnen. – Dein Erwin.

Mein Erwin? Bin ich denn wirklich arm? Nein. Werden wir nicht den Kampf aufnehmen können mit der ganzen Welt! Du wirst mir etwas Wichtiges, Neues mitteilen. Ich weiß, was es sein wird. Sollten wir nichts voneinander wissen, nur weil wir uns fern sind? Haben wir nicht dasselbe erlebt, dasselbe erlitten? Fühlte ich dich nicht, wie von einer warmen Hand angerührt, oft neben mir? Flüsterten wir uns nicht unsere Zweifel zu und unsere Liebe?

Da stand sie im Warteraum. Ihr gegenüber erhob sich die weiße Scheibe der Uhr, auf der die Zeiger, als webten sie geheimnisvoll die Netze des Schicksals, sich langsam, mit unausweichlicher Gleichmäßigkeit vorwärts bewegten.

Zwischen schrillem Zuggepfiff, Glockengeläut trat ihr Erwin aus einer Rauchwolke entgegen. In seiner grünen Uniform sah er wie ein Jäger aus. Die Pfeile seiner Augenbrauen erschienen wie geweißt in seinem tiefbraunen Gesicht.

Ihre Hände trafen sich in dem Durcheinander der Wartenden, der aus Umarmungen sich Scheidenden, der sich in Küssen wieder Vereinigenden.

»Elisabeth.«

»Erwin.«

Nach so langer Zeit saßen sie wieder an dem gleichen Tisch.

»Erzähle.«

»Erzähle du.«

Die Kellner in den Bahnhofswirtschaften haben einen Gang, als wollten sie ständig an die Vergänglichkeit der Zeit mahnen. Sogar wenn sie stehen, sehen sie aus wie Vögel, die sich auf Telegrafenstangen niederlassen. Die Uhrenzeiger sind voller Heimtücke. Als schrieben sie unsichtbar immerfort: vorbei, vorbei.

Die kostbare Zeit, und man sagt sich nichts.

»Elisabeth.«

»Erwin.«

Ihre Hände ruhen nebeneinander, als müßte sich ihr Blut dem gleichen Kreislauf anpassen.

»Erwin, du wolltest Wichtiges, Neues sagen.«

»Und du, wie ist es dir ergangen, wie hast du gelebt?«

»Sprich du zuerst.«

»Also gut, höre, Elisabeth. Mein Lebenstraum wird in Erfüllung gehen. Ich brauche mich nicht mehr zu ängstigen, ob die Bank die Gnade haben wird, mich wieder aufzunehmen. Ich brauche mich nicht mehr vor dem Herrn Prokuristen Melchior zu ducken. Meine Lebensaufgabe soll nicht mehr sein, die Zinsscheine der Herren Kapitalisten zu berechnen.«

»Du hast recht. Etwas wird sich schon finden. Wir werden von unserer Hände Arbeit leben. Ich dachte mir, daß du einmal nicht mehr so weiter wirst können.«

»So, genau so, dacht ich mir, würdest du sprechen. Aber auf Händearbeit werden wir nicht angewiesen sein. Weißt du, was aus mir werden soll? Höre und staune. Ich werde Offizier.«

»Nein, das kann nicht wahr sein.«

»Und ob es nicht wahr sein kann. Natürlich muß man, um das zu erreichen, so ein tüchtiger Kerl sein wie ich. Und ich habe noch den richtigen Moment erwischt. Stell dir vor, wenn ich zu alt geworden wäre. Nach vierundzwanzig Jahren ist es ausgeschlossen, daß man als Offizier ausgebildet wird. Es hätte geschehen können, daß meine Zeit schon vorüber gewesen wäre. Wie unausdenkbar schrecklich. Oder ich hätte die Prüfungen nicht bestanden. Ich hätte gar nicht weiterleben mögen.«

»Und das sagst du mir, Erwin.«

»Aber Elisabeth, willst du mich mißverstehen. Bist du denn nicht auch glücklich? Ein zukünftiger Offizier liebt dich. Leicht war es nicht, alle Erfordernisse zu erfüllen. Ich mußte mein Abiturientenzeugnis einreichen. Berühmt ist es nicht, aber auf die Zivilwissenschaften kommt es gar nicht an, und in Geschichte und Mathematik war ich immer gut. Natürlich mußte ich den Beweis meiner arischen Abstammung erbringen. Daß in unserer Familie irgendwelche jüdische Ahnen spuken, brauchte ich ja nicht zu befürchten, aber es war gar nicht so einfach, alle Urkunden der Großeltern und Urgroßeltern väterlicherseits und mütterlicherseits zu beschaffen. Meine Mutter hat mir dabei redlich geholfen. Überhaupt, man muß es den alten Damen lassen, zu solchen Aufgaben eignen sie sich ganz ausgezeichnet. Mein Gott, was mußte ich nicht noch alles besorgen: den Beweis körperlicher Tauglichkeit auf Grund heeresärztlichen Urteils, ein Unbescholtenheitszeugnis, ein Attest, daß ich körperlich, sittlich und geistig hervorragend bin. Jawohl, mein liebes Kind, du liebst einen Mann, der durch und durch hervorragend ist. Er kann es dir schwarz auf weiß beweisen. Oder liebst du ihn gar nicht? Elisabeth, was machst du für ein Gesicht? Sag, freust du dich denn gar nicht?«

»Erzähl nur weiter.«

»Das war aber beileibe nicht alles. Drei hervorragende Persönlichkeiten mußten über mich Auskunft erteilen. Die Hervorragenden über den Hervorragenden. Es ging natürlich glänzend. Ich habe mich bei einem Potsdamer Truppenteil gemeldet, bei dem mein Vater gedient hatte. Es ging alles wie geschmiert. Ich erhielt Bescheid, daß ich in die engere Wahl komme. Mein erster Gedanke war, dir sofort zu schreiben, aber dann überlegte ich: wenn ich durchsause, welche Schande!«

»Aber deiner Mutter hast du geschrieben?«

»Was ist denn mit dir los, Mädchen? Klar habe ich ihr geschrieben. Das mußte ich doch. Wen hätte ich um Rat fragen sollen?«

»Ja, wen?«

»Sei doch nicht so ungemütlich. Für dich sollte die Überraschung sein. Ich habe mir eingebildet, du würdest dich genauso freuen wie ich.«

»Und was war dann?«

»Dann bin ich einberufen worden zur psychologischen Prüfung. Zwei Tage lang sollte sie dauern. Vom Lagerleiter bekam ich natürlich Urlaub. Dem hat's ja mächtig imponiert, daß einer von seinen Leuten Offizier werden soll. Der schlägt ja jetzt geradezu die Hacken vor mir zusammen.«

»Du fühlst dich jetzt als Herr.«

»Als Herr? Was ist das für eine Redensart? Ich fühle mich nur stolz. Und mit Recht stolz, glaube ich. Ich werde auf wichtigstem Posten dem Vaterland dienen. Und du fragst mich gar nicht, wie ich die Prüfung bestanden habe?«

Sein Gesicht ist nicht mehr eine kleine Welt mit allen Freuden und allen Leiden. Es ist das Gesicht eines hübschen jungen Mannes, der ehrgeizig von seiner Offizierslaufbahn erzählt.

Er sprach weiter und versuchte nicht, in ihrem Gesicht zu lesen.

»Natürlich habe ich die Prüfung glänzend bestanden. Das kannst du dir leicht vorstellen, bei meiner glänzenden Begabung für Strategie. Ich glaube, die Offiziere bei der Prüfungsstelle der Wehrmacht haben selbst gestaunt. Ich weiß doch Bescheid, wie man das Gelände am besten übersieht, die Schwächen des Gegners auskundschaftet, gegen den Feind vorgeht und auch aus verzweifelter Lage sich und seine Truppen rettet. Wie großartig wäre es, ein neuer Moltke zu werden! Die Franzosen einkreisen, zermalmen.«

»Aber dann müßte es einen neuen Krieg geben.«

»Deutschland kann nur durch einen Sieg wieder groß werden. Nicht der Krieg ist schlimm, sondern der Verrat. ›Der Krieg ist der Vater aller Dinge‹, hat Friedrich der Große gesagt. Siehst du, alles Große ist im Krieg entstanden. Wenn man ihn verdammt, ist es dasselbe, als ersehnte man die unbefleckte Empfängnis.«

»Warum soll das dasselbe sein? Weil Friedrich der Große so was gesagt hat? Als ob der sich nicht irren konnte. Ein schöner Vater, der Krieg.«

»Und weißt du, was Friedrich Wilhelm gesagt hat? Das preußische Volk verdankt seine Erziehung der Armee. Vielleicht verwechsle ich auch die Zitate, aber darauf kommt es ja gar nicht an, sondern auf den Geist.«

»Was gehen mich die preußischen Könige an?«

»Elisabeth, du bist anders als sonst. So gereizt. Du weißt sehr gut, daß ich es dir klarmachen möchte, wie groß die Sache ist, der ich mich widmen will.«

»Aber an mich denkst du nicht.«

»Ihr Mädels seid doch alle gleich. Auch du denkst nur an dich.«

Wie hart und scharf sein Kinn ist. Wie fremd, wie unwirklich sein Gesicht. Da sitzt er neben ihr und denkt an die preußischen Könige. Er ist wie ein Schatten in deren Schatten.

»Hast du mich gefragt? Wolltest du meinen Rat?«

»Es gibt Sachen, bei denen man keinen Rat brauchen kann.«

»Aber deine Mutter hast du gefragt?«

»Ich mußte ihre Einwilligung haben. Ich brauche von zu Hause einen Zuschuß. Als Fahnenjunker kann ich von dem Sold allein nicht leben. Man erwartet auch von uns, daß wir von unserer Familie unterstützt werden.«

Wohin war der Erwin der Träume verschwunden? Der Erwin, der litt wie sie, der die gleichen Enttäuschungen erlebte, der zweifelnd wurde, der Erwin, der ihr tröstend nachts erschien, sie befreien wollte.

Seine Finger glitten sanft über ihren Scheitel.

»Elisabeth, wir müssen Geduld haben. Zwei Jahre Geduld. Zwei Jahre lang dauert die Ausbildung. Erst werde ich in der Front ausgebildet. Da werde ich ja mächtig exerzieren müssen. Dann komme ich in die Kriegsschule, dort werde ich an Sonderlehrgängen in den einzelnen Waffen teilnehmen. Vielleicht komme ich später in den Generalstab und werde etwas Großes. Ein zweiter Moltke, der Deutschland groß und mächtig macht.«

»Erwin, schau jetzt her.«

Elisabeth hatte ihren Regenmantel mit einer Gebärde herabgezogen, als entblößte sie sich.

Erwin suchte erst nur in ihrem Gesicht, das grau geworden war, als hätte sich der Rauch eines abfahrenden Zuges wie eine Maske darübergelegt.

»Merkst du immer noch nichts?«

Jetzt erst blickte er auf ihr Kleid. Er sah, daß das schwarze Halstuch fehlte und die braune Schluppe. Er sah die Kahlheit des Ärmels, an dem sich die Spuren der Abzeichen wie Blatternarben eingefressen haben.

»Was ist denn los? Wolltest du nicht, daß man weiß, daß du ein Hitlermädel bist?«

»Was los ist? Kannst du es nicht erraten? Ich bin ausgestoßen.«

»Ich verstehe nicht. Soll das ein schlechter Witz sein? Aber es gibt Sachen, die zu gut sind für einen Spaß.«

»Du weißt, es ist Ernst.«

»Aber was hast du denn angestellt, Elisabeth?«

»Vielleicht hat man etwas mit uns angestellt? – Kanntest du die Gilda aus dem Warenhaus Alderman?«

»Die Kleine mit den braunen Locken und den blauen Augen?«

»Ja, sie war mit mir im Lager. Sie hat Selbstmord begangen.«

»Aber warum hat man dich deshalb bestraft? Hattest du denn schuld daran?«

»Ja, bin ich denn nicht auch schuld? Haben wir denn deshalb gekämpft? Damit die Jugend zur Verzweiflung getrieben wird?«

»Was redest du da? Wer wird zur Verzweiflung getrieben? Einige Schwache, die die harte Disziplin nicht vertragen. Aber die gesunde Jugend will eine starke Hand fühlen.«

»Es gibt aber keine gesunde Jugend. Sie tun nur so, als ob sie nach den rassisch Wertvollen und den rassisch Wertlosen suchten, aber sie wollen nur verbergen, daß wir die Kinder von kranken und toten Soldaten sind. Und wenn unsere Väter noch nicht krank waren, als sie uns zeugten, in unserer frühesten Jugend haben wir doch nur Gift und Verzweiflung eingeatmet.«

»Elisabeth, ich muß dich bitten, schweig.«

»Wie kann ich schweigen? Hast nicht du gesagt, der Krieg wäre der Vater aller Dinge? Was aber geschähe mit den Kindern, wenn ein Krieg käme? Gleich, ob wir verlören oder siegten?«

»Ich begreife dich nicht. Du bist eine andere geworden.«

»Du bist also nicht enttäuscht? Du nicht?«

»Enttäuscht? Hat der Führer nicht wieder Deutschland groß gemacht? Haben wir nicht unsere Ehre? Unseren Platz an der Sonne?«

Ihre Hand lag an der kahlen Stelle des Ärmels, wo die Spuren der Abzeichen sich rauh anfühlten.

»Weißt du noch, Erwin, wann ich mein Kleid so getragen habe?«

Ihre Augen suchten in den seinen etwas Verlorenes, Unwiederbringliches.

»Elisabeth, das hättest du nicht sagen dürfen. Wir müssen auch vergessen können, wenn es die Pflicht fordert.«

»Du wirst mich also leicht vergessen können. Deine Pflicht wird es fordern.«

»Elisabeth, ich werde dich immer, glaube es mir, immer werde ich dich lieben. Was ich jetzt sagen werde, klingt vielleicht großschnauzig, aber ich könnte es nicht anders ausdrücken: Elisabeth, ich gehöre erst meinem Vaterland. Auch wenn ich die Offizierslaufbahn nicht ergreifen würde, hättest du mit deiner Tat unseren Bund gelöst. Du hast dich gegen den Staat aufgelehnt, dem ich mit Leib und Seele angehöre.«

Sein Gesicht verwandelte sich; es wurde steinhart. Es war wie das Antlitz preußischer Soldaten auf alten Bildern. Erbarmungslos gegen andere, aber auch gegen sich selbst.

»Wollten wir aber das? Wollten wir den Tod? Kämpften wir denn nicht für das Glück?«

»Was nennst du denn das Glück?«

»Ruhig und zufrieden mit dir zu leben, so dachte ich mir das Glück.«

»Hättest du in deiner Ungeduld nicht alles zerstört, wäre es auch so gekommen.«

»Ruhig und zufrieden leben, wenn alles um uns brennt, wenn ich befürchtete, du müßtest in den Krieg.«

»Ja, war es nicht immer so? Hatte man je ruhige Gewißheit?«

»Das ist es ja. Die Menschen konnten nicht miteinander ruhig und zufrieden leben. Immer kamen Kriege dazwischen und zerstörten alles. Immer hungerten die Menschen bei vollen Scheunen. Ich dachte mir, es müsse kinderleicht sein, das zu ändern, wäre man nur guten Willens. Alle Menschen könnten in Frieden leben und ohne Angst vor der Zukunft. Und niemand würde hungern und niemand würde frieren.«

»Keiner soll hungern und keiner soll frieren. Das ist es ja, was der Führer sagt.«

»Ja, das klingt so schön. Keiner soll hungern und keiner soll frieren. Aber haben wir nicht gehungert, haben wir nicht gefroren? Gerade wir, auf die es doch ankommt? Du warst fern, und doch lagst du oft nachts bei mir im Lager und hast gefroren und hast gehungert wie ich. Und wir haben einander unser Leid geklagt. Aber du weißt nichts davon.«

»Auch du kamst oft zu mir. Aber du kamst tröstend. Du hast mir von einer großen Zukunft gesprochen.«

»Ja, habe ich dir versichert, daß nichts glorreicher ist als Tod, Elend und Vernichtung?«

»Nein, aber daß nichts schöner ist als Opferbereitschaft, Heldentum und Kampfesmut.«

Schon hatte der Zeiger einen Kreis um die weiße Scheibe gezogen, wie einen Ring der Vergänglichkeit.

Vom Bahnsteig her wehte Gesang herein:

»Im Volk uns geboren erstand uns ein Führer,
Gab Glaube und Hoffnung an Deutschland wieder.«

Ein Mann kam und rief Städtenamen aus, während ihn seine Klingel schrill begleitete.

Erwin stand auf. Er stülpte seine hohe Mütze über den Kopf. Wieder sah er aus wie ein Jäger. Man hörte das Fauchen einer Lokomotive. Jeder Augenblick riß sie weiter auseinander, wie ein Blitzzug, der sie in entgegengesetzter Richtung entführte.

»Es ist mein Zug«, sagte Erwin.

Seine Hände umfaßten ihre Schultern, als beschwörten sie ein halbvergessenes Traumbild. Sein Gesicht näherte sich ihren Wangen. Sie spürte seinen Atem, den Duft seiner Haare. Ihre Körper erinnerten sich, daß sie eins gewesen waren.

»Nie werde ich dich vergessen, Elisabeth, nie.«

Ihre Finger erfühlten die kurzgeschorenen Haare am Nacken, den harten, gewölbten Hinterkopf, sie zeichneten den Schwung der helleuchtenden Augenbrauen nach. Das war doch Erwin, ihr Erwin.

»Elisabeth, hörst du mich. Wir müssen uns noch sehen, so in der Eile kann man sich nichts sagen. Du mußt nach Dresden kommen. Wir lieben uns ja. Nur niemand darf es wissen. Wir müssen vorsichtig sein.«

Sie ließ die Arme sinken.

Das Lied von draußen drang lauter herein:

»Deutschland erwache! Juda den Tod!
Volk ans Gewehr! Volk ans Gewehr!«

»Ach, du willst mich im geheimen lieben, als wäre ich eine Jüdin.«

»Elisabeth, wie sprichst du. Hast du denn alles vergessen?«

»Nichts habe ich vergessen. Nichts.«

»Elisabeth, vielleicht könnte ich dich doch begreifen. Aber die anderen –«

»Die anderen.«

»Die über unser Schicksal entscheiden.«

Weit hallten Kommandorufe und vermengten sich mit den Tönen des Liedes und den klappernden Stiefeln.

»Hörst du, ich werde dir noch schreiben.«

»Du sollst mich vergessen.«

»Nein, nie, nie.«

Seine Füße traten hart auf und fügten sich ohne zu zögern dem Gleichtritt der anderen. Als wäre er schon Soldat und zöge in den Krieg mit einer Armee.

Wie sinnlos, daß der Zeiger auf der weißen Scheibe weiterkroch. Es war gleich, ob die Zeit stillstand oder dahinraste.

Elisabeth aus der Schuhabteilung Alderman, du hast keine Schuhe mehr. Jetzt aber hast du auch keine Hoffnung mehr. So arm bist du.

Du bist ausgestoßen. Du kannst von Tür zu Tür gehen und um Arbeit betteln. Du wirst keine bekommen.

Du bist eine Verfemte. Deine alten Kameraden, mit denen du zusammen gekämpft hast, werden den Kopf abwenden, wenn sie dich aus der Ferne nahen sehen werden.

Deine Eltern, die es dir einmal vorausgesagt haben, werden dich voll Hohn und Spott empfangen.

Wenn du die Menschen suchen wirst, mit denen du dich entzweit hast, weil du nach deinem eigenen Kopf gingst, werden sie dir nur mit Mißtrauen begegnen.

Und dein Freund, dein Geliebter, ist nicht mehr dein, nicht mehr dein Erwin, oder bin ich vielleicht ungerecht zu ihm. Will er sich nicht opfern für die Nation? Wollte ich nicht zu ihm halten, was immer auch geschähe? Wenn er ein Jude wäre oder ein Kommunist. Ist es nicht gleich, ob man im geheimen liebt oder offen? Aber er braucht mich nicht. Nicht wirklich. Nicht zum Leben.

Unversehens wurde sie von einer Kinderhand aufgeschreckt. Die kleine Hilde stand vor ihr und betrachtete sie mit aufmerksamen, forschenden Augen. Sie hatte ein dünnes, kleines Täfelchen Schokolade vor ihr auf den Tisch hingeschoben.

»Du, es ist für dich. Ich konnte vom Zug aus in den Warteraum hineinschauen, und da habe ich dich gesehen. Wir haben fünfzehn Minuten Aufenthalt; natürlich ist es nicht erlaubt, auszusteigen, aber siehst du, ich habe es doch geschafft. Kaum war die Aufsicht im anderen Wagen, bin ich herausgeschlichen. Die Mädchen, die passen gar nicht auf. Alle sind wütend und schlechter Laune.«

»Aber daß du so Geld ausgibst.«

»Ich habe noch Erspartes, für Porto. Ich kann Geld so verstecken, daß es niemand findet. Jetzt darf ich meinen Eltern nicht schreiben, aus Strafe. Ich könnte schon einen Brief herausschmuggeln, so dumm bin ich nicht, wenn das Lager noch so streng bewacht wird, man kommt doch auf die Schliche, wie man sich helfen kann. Aber wenn meine Mutter oder mein Vater einen Brief bekämen, würde man sie bestrafen. Zu ihnen sind sie noch viel strenger als zu mir.«

Ihr Gesicht war ganz dunkel geworden, als läge darüber der Schatten ihrer großen, schwarzen Augen.

Elisabeth zog sie neben sich: »Das war sehr schön, daß du an mich dachtest. Du weißt gar nicht, wie sehr du mir damit geholfen hast.«

»Willst du die Schokolade nicht kosten? Ich glaube, sie muß sehr gut schmecken.«

Elisabeth nahm das Schokoladenstück, das grau angelaufene Spuren der schwitzenden Kinderhand aufwies.

»Wollen wir geschwisterlich teilen.«

Hildes Gesicht entfärbte sich. Sie machte eine Gebärde, als müßte sie einer großen Versuchung widerstehen.

»Nein, nicht solange meine Eltern – . Du verstehst doch, ich möchte keine Freuden haben, solange sie leiden.«

»Du Kind, du hast, weiß Gott, nicht zuviel Freuden.«

»Wir haben nur noch ganz wenig Zeit. Ich muß gleich zurück. Ich habe sehr gute Freunde in Berlin. Es sind Freunde von meinen Eltern. Auf die kann man rechnen, sage ich dir. Ich gebe dir die Adresse. Du kannst hingehen und sagen, ich habe dich geschickt. Warte, ich gebe dir einen Zettel.«

Ernst und bedächtig schrieb sie mit großen Buchstaben ihren Namen.

»Sie werden von meinen Eltern Nachricht haben. Ich werde dir auch dorthin schreiben. Ich werde schon einen Brief herausschmuggeln können, verlaß dich darauf. Vielleicht gelingt es mir herauszufinden, wie du mir schreiben könntest.«

Sie sah aus wie eine kleine Maus, die in großer Gefahr gegen übermächtige Feinde ihre Behendigkeit und Unscheinbarkeit zu Hilfe nimmt, um zu entrinnen.

»Geh hin zu meinen Freunden.«

Sie sagte es wie ein Vermächtnis.

Die dünnen eckigen Arme umklammerten schnell den hellen Kopf. Plötzlich spürte Elisabeth milde und kindlich die schmalen Lippen auf ihrem Mund. Dann war die kleine Hilde verschwunden. Da schlängelte sie sich heraus zwischen den Uniformierten, ein winziger Soldat aus einer anderen Armee. Aus der Armee der Mageren, Grauen, aber Zähen, die an ihrem Ziel festhielten, auch wenn es ungewiß blieb, ob sie es selbst erreichten.

Elisabeths Kopf lag jetzt geborgen in der Krümmung des Ellbogens, als könnten sich die Gedanken klarer im Gehirn abzeichnen, wenn Bilder der Außenwelt ausgeschlossen blieben:

Gehöre ich zu dieser Armee? Und ist Erwin in der anderen, der feindlichen? Wohin gehöre ich? Das Glück für mich, ja für mich, aber auch für die anderen. Immer nur wollte ich das Glück. Immer nur suche ich das Glück.

 

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