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Elisabeth, ein Hitlermädchen

Maria Leitner: Elisabeth, ein Hitlermädchen - Kapitel 20
Quellenangabe
authorMaria Leitner
titleElisabeth, ein Hitlermädchen
publisherAufbau-Verlag
year1985
firstpub1937
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180928
projectid8c745c16
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Neunzehntes Kapitel.
Ausgestoßen

Das dem Lager nächstliegende Städtchen K. an der Oder hat etwa zwanzigtausend Einwohner. Ein großer Teil der Bevölkerung findet seinen Unterhalt in den Ziegeleien und in einigen mittleren Filzhutfabriken. Unsichtbar herrscht Herr von Trettau über die Stadt. Ihm gehören das angrenzende Rittergut, die Ziegeleien; er ist Bauernführer und Gefolgschaftsführer, sein Wort gilt bei den hohen Amtsstellen. Aber sichtbar ist der mächtigste Mann des Städtchens Pg. Zeller, früherer Inspektor des Herrn von Trettau, der etwa anderthalb Jahre vor Hitlers Machtantritt die Ortsgruppe K. an der Oder und Umgebung gegründet hatte.

Es war der Einfall Pg. Zellers, daß die Mädchen im Beisein der ganzen Stadt die Verkündung ihrer Strafe entgegennehmen müßten. Sie sollten wissen, daß sie mit ihrer Auflehnung gegen die Nation, gegen alle ihre staatserhaltenden Elemente, gesündigt hatten. Pg. Zeller mochte Fräulein Kuczinsky komisch finden, nichtsdestoweniger sollte ihre Person auf dem Platz, an den die nationalsozialistische Partei sie gestellt hatte, unantastbar, sozusagen geheiligt, bleiben.

Gleichzeitig sollte das groß aufgezogene Schauspiel, die Bestrafung des Lagers Ost 2/68, zur Belebung der Geister des Städtchens K. an der Oder beitragen. Man müsse den Menschen Gelegenheit geben, zu marschieren, zu singen, ihre Überlegenheit zu fühlen. Das lulle den kritischen Geist ein und die unzufriedenen Gedanken.

K. an der Oder wurde nur in geringem Maße von den wohlstandbringenden Wellen der Aufrüstung berührt. Die Ziegeleien waren zwar nicht schlecht beschäftigt, aber die Löhne blieben niedrig. Die Filzhutfabriken dagegen arbeiteten, wenn sie überhaupt arbeiteten, nur mit gekürzter Zeit. Gefolgschaftsführer Billinger pflegte sauersüß lächelnd zu sagen: »Wenn Mars regiert, tragen die Männer keine Filzhüte. Aber wir wollen stolz sein, in einem heroischen Zeitalter zu leben.« Doch gab es Leute auch in K. an der Oder, die sich nicht allein mit dem Stolz begnügen wollten.

Jetzt sollte ihnen wieder einmal Gelegenheit gegeben werden, ihre Gewichtigkeit zu fühlen, gleichzeitig aber müßten sie anschaulich die schnell strafende Hand des Staates auch seinen jüngsten Bürgerinnen gegenüber wahrnehmen.

Die Mädchen hatten schon im Hof in gleichmäßigem Abstand Aufstellung genommen. Keine durfte sprechen, keine durfte singen, die Augen unverwandt geradeaus gerichtet, unbeweglich, sollten sie im Angesicht K.s an der Oder, das für sie die ganze Nation versinnbildlichen sollte, ihre Schande fühlen. Sie mußten wissen, daß sie sich gegen die ganze Nation versündigten, auch wenn sie sich gegen eine Einzelperson auflehnten, die der allmächtige Staat auf seinen Posten stellte.

Ganz abgesondert, isoliert noch zwischen den Isolierten, stand Elisabeth. Ihr war die schwerste Strafe zugedacht. Während alle Hitlermädchen degradiert wurden, sollte sie aus der Hitlerjugend für alle Zeiten ausgestoßen werden. Keines der Mädchen sollte in den nächsten zwei Jahren die Arbeitskarte erhalten, der Ausgestoßenen aber blieb sie für immer verwehrt.

Die Untersuchung hatte klar ergeben: Elisabeth Weber war die Anstifterin. Sie hatte die Verbrennung der kostbaren Dokumente vorgeschlagen. Klara hatte es verstanden, sich auf das glänzendste reinzuwaschen, sie wußte dramatisch ihren Versuch, die Schriften doch noch zu retten, zu schildern.

Ein Teil der Mädchen sollte in besonders verschriene und strenge Straflager kommen, andere würden einzeln und abgesondert bei Bauern in den abgelegensten Teilen Ostpreußens arbeiten. Elisabeth aber wurde nicht mehr des Dienstes an der Nation für würdig befunden. Sie sei ausgestoßen aus der Gemeinschaft.

Heimatlos, ausgestoßen, dachte Elisabeth. Aber morgen bin ich frei. Um vier Uhr nachmittags in der Bahnhofswirtschaft Frankfurt an der Oder. Das Schicksal hat gesprochen. Ich bin frei, und wenn auch nur an diesem einzigen Nachmittag.

Auf erhöhtem Stand hatte wartend Fräulein Kuczinsky Platz genommen. Sie fühlte sich selbst gestraft, selbst in Ungnade gefallen. Sie hatte es erst erkämpfen müssen, den Scheidenden eine Rede halten zu dürfen. Das Lager wurde aufgelöst. Aber sie würde sich nicht geschlagen geben. Sie würde es mit ihrer ganzen Kraft, mit stärkstem Willen erzwingen, daß man ihr ein anderes anvertraute.

Neben ihr saß Ortsgruppenleiter Zeller in PO-Uniform und die Kreisleiterin des BdM, die eigens aus Frankfurt an der Oder hergekommen war, um die Degradierung der Mädchen durchzuführen. Auch Dr. Meißner, der Lagerarzt des Kreises, ließ es sich nicht nehmen, dem Strafgericht beizuwohnen.

Schon strömte Musik auf den Platz, der aussah wie ein Gefängnishof, den unbewegliche Sträflinge säumen.

Die Frauenschaft nahte. In der vordersten Reihe schritt rüstig und aus voller Kehle singend Frau Direktor Haller aus, besser gesagt, die Ortsfrauenschaftsleiterin. Sie war unbestritten die erste Frau in K. an der Oder. Zweifellos verdankte Herr Direktor Haller nur ihr, daß er Herr Direktor wurde. Früher hatte er, immer unter den strafenden Blicken seiner Gattin, die Nationalsozialisten unverantwortliche Abenteurer genannt. Dann aber hatte er sich eines Besseren besonnen. Genau zwei Wochen vor Hitlers Machtantritt trat er der Nationalsozialistischen Partei bei. Hatte ihn seine Frau oder Herr von Trettau bekehrt? Jedenfalls erhielt der rechtzeitig Bekehrte seinen Lohn, und er wurde aus dem einfachen Geschäftsführer Direktor der Ziegelei. Zu Hause aber fiel sein Ansehen, und es wurde ihm schwer, je seiner Frau gegenüber, die solchen Scharfsinn bewiesen hatte, recht zu behalten.

Ihre Stimme beherrschte jetzt siegreich den Chor. Sie sang mit Gefühl:

»Wir wollen still das Gute wirken
In Freud und Leid, nach Frauenart,
Und neigen uns wie fromme Birken,
Die neben Eichen stehn so zart.
Wir gehen im selben Gewande
Dem Mann zur Seite, eine Macht!
Wir wollen deutsch die deutschen Lande,
Dem Zeichen treu, dem Zeichen treu,
Das mit uns wacht.«

Das blitzende Hakenkreuz auf der Fahnenstange der Frauenschaft erglänzte in der Sonne, als wollte es selbst ein Zeichen geben. So wenigstens war die Meinung der Frau Direktor Haller.

Frau Zeller, die Gattin des Ortsgruppenführers, die ihr auf dem Fuße folgte, fand das Vordrängen der Frau Haller widerlich. Sie hatte sich nun einmal, wie es sich einer rechten deutschen Frau geziemt, nie um Politik gekümmert. Arbeitend hatte sie immer ihrem Mann beigestanden, und die Herrschaft hielt große Stücke auf sie. Die Deputantenfrauen haßten sie allerdings. Sie behaupteten, daß sie bei der Milchverteilung mogele. Aber das war nur, weil sie streng war. Streng und gerecht. Aber sollte sie abseits stehen, nur weil sie sich um die Wirtschaft gekümmert hatte? Die Ehre, die ihr Mann genoß, müsse auch auf sie voll zurückstrahlen. Waren Mann und Frau nicht eins? Und war ein Parteileiter nicht mehr als die Leiterin einer Gliederung?

Bei dem neuen Lied, das frisch eingesetzt wurde, würde sie die Führung an sich reißen. Ihre Stimme war nicht schön, aber kräftig, und sie übertönte mit Leichtigkeit Frau Direktor Haller.

Sie betonte dramatisch:

»Völkischen Geist verbreiten,
Hungernde zu erfreun,
Frierende wieder kleiden,
Soll unser Streben sein.
Deutsche Frauen lieben
Fremde Rassen nicht.
Treu dem Hakenkreuze
Ist auch unsere Pflicht.«

Auch die Frau Gefolgschaftsführerin Billinger sang, aber ihre schleppende Stimme gab auch den heldischen Liedern einen müden Unterton:

»Mutterschaft aus Heldenblut
Wird ein stolzes Volk erschaffen.
Erz, das in der Tiefe ruht,
Schmiedet zu der Zukunft Waffen.
Liebe lobjauchzet!
Die heilige Schar baue das Reich uns,
Und lebe es dar!«

Die Handarbeitslehrerin, die Postsekretärsgattin, die Besitzerin des Papierwarengeschäfts gegenüber der Volksschule sangen eifrig, aber doch bescheiden. Sie waren erst Frauenschaftsanwärterinnen. Sie wären schon gern endgültig »drin« gewesen. In dieser Probezeit konnte man nicht vorsichtig genug sein; man wußte überhaupt nicht, was man sprechen sollte. Aber singen konnte man aus Herzenslust:

»Priesterin im Heim, am Herd,
Sollt ihr Schwestern den erlösen,
Der, von Waffen hart umwehrt,
Mutig streitet mit dem Bösen,
Tapfer seid Mütter, ein Heldengeschlecht,
Kämpfet für Freiheit, für Ehre und Recht.«

Den Frauen folgte bald die SA. Dem Sturmbannführer Hohlbaum machte es entschieden Spaß, an der Spitze seiner Leute zwischen so vielen Weibern dahinzuschreiten. Zwischen gerechten und sündigen. Die schwarzen Lämmchen waren entschieden leckerer und zarter als die weißen Mutterschafe. Man müßte es ihm überlassen, die kleinen Verbrecherinnen zu strafen. Wie sie da standen, wie kleine Steinpuppen, und bohrten die Augen in die Luft. Sie sollten lieber nach ihm gucken, was für ein Mann er war.

Die SA-Männer, »alte« und »neue« Kämpfer, dachten durcheinander: Für so einen Blödsinn wieder den ganzen Sonntag zu opfern. – Besser immerhin als Geländeübung. – Der Kolberg ist einfach nicht gekommen. So was kann man doch gar nicht machen. Man hat doch Familie. Und was machste, wenn du die Arbeit verlierst? – Gibt's recht Hübsche unter ihnen? Die hätten sie nicht so einsperren sollen. Wenn sie an ein paar feste Kerle geraten wären, hätte es ihnen hier gleich besser gefallen. – Schade, die Mädels haben mehr Mumm wie wir. 'ne Schande.

Durcheinanderstolpernd quoll der Gesang:

»Der schwarze Tod ist mein Gesell
Bei Tage und bei Nacht,
Auf wildem, sturmbewegtem Meer,
In heißer, blut'ger Schlacht.
Trutz, Grab und Trän',
Ich fürcht euch nicht!
Heil! Hakenkreuz voran!
Dem Feind ins Aug schaut frank und frei
Der Sturmabteilungsmann.«

Der Hof hatte sich schon ganz in zwei Lager geteilt. In das der Guten und Bösen. Die Guten standen dicht beisammen mit geröteten Gesichtern, zwischen Fahnen und blitzenden Musikinstrumenten. Die Bösen waren abgesondert, unbeweglich, stumm. Sie fühlten ihren Körper wie von Tausenden Nadelstichen gepikt und gestichelt.

»Ich begreife nur nicht«, flüsterte Herr Doktor Meißner dem Ortsgruppenleiter zu, »wieso man diese ganze Mädchenbande einer einzigen Aufsichtsperson anvertrauen konnte.«

»Deutschland ist arm, Herr Doktor. Wir können nicht viel Personal bezahlen. Aber wir haben ja auch ein anderes Ziel. Im nationalsozialistischen Staat soll jeder Untergebener, aber auch jeder Vorgesetzter sein, soweit ihm das seine Rassezugehörigkeit und politische Einstellung ermöglichen. Dieses System muß noch vollkommen ausgebaut werden.«

»Aber könnte es nicht versagen?«

»Kaum, wenn es richtig durchgeführt ist. Auch der kleinste Pimpf muß überzeugt sein, er sei nicht nur Untergebener, sondern auch Vorgesetzter. Ist er auch der Dienstjüngste, soll er wissen, schon am nächsten Tage kann ein Junge seinen zehnten Geburtstag feiern und in das Jungvolk eintreten.«

Mit Trommeln und Flöten näherte sich die Jugend. Jungvolk und Jungmädels, Hitlerjungens und der Bund deutscher Mädel. Hart und soldatisch klapperten die Sohlen.

Hell erklangen die Töne:

»Vorwärts! Vorwärts schmettern die hellen Fanfaren.
Vorwärts! Vorwärts! Jugend kennt keine Gefahren.
Deutschland, du wirst leuchtend stehen,
Mögen wir auch untergehen.«

Ein Zug Jungvolk streifte leicht Elisabeth, die ganz abseits und einsam dastand. Die Jungens warfen ihr einen scheuen Blick zu und stolperten dann eilends davon.

Elisabeth sah ihnen wie beschwörend nach: Nein, ihr dürft nicht untergehen. Ihr sollt nicht untergehen. Wie könnte Deutschland glänzend dastehen, wenn die Jugend untergeht. Warum singen sie alle vom Tod?

Jetzt kam der Zug der Arbeitsdienstler aus dem Nachbarlager.

Elisabeths Herz schlug heftiger. Nie noch hatte sie Erwin in seiner Uniform gesehen, und doch lebten sie so nahe beieinander. Wie würde er aussehen in der hohen grünen Mütze?

Die Spaten geschultert, marschierten die Arbeitsdienstler über den Hof. Ein Junger, ganz braun im Gesicht, mit braunen Augen, guckte sich immerfort nach Elisabeth um, die sich sehr gerade hielt, aber doch ein bißchen aussah wie eine arme Sünderin.

Der Raum wurde jetzt ganz erfüllt von dem Lied der Arbeitsdienstler:

»Es tönt auf grüner Heide
Das Werksoldatenlied,
Im grauen Arbeitskleide
Ziehn wir in Reih und Glied.
Wir tragen Beil und Spaten
Statt Kugel und Gewehr,
Wir sind die Werksoldaten,
Wir sind das graue Heer.«

Zuletzt wurde das Lied noch dröhnender:

»Und wenn ein neuer Morgen
Den Freiheitskampf entfacht,
Und über Not und Sorgen
Das deutsche Volk erwacht,
Dann lassen wir vom Spaten
Und greifen zum Gewehr.
Wir sind die Werksoldaten,
Wir sind das graue Heer.«

Herr Ortsgruppenleiter Zeller stand auf und gebot mit weiter Armbewegung Ruhe. Sofort erstarben alle Laute. In die große Stille hoben sich seine Worte, scharf und bedeutsam:

»Parteigenossen, SA-Männer, Mitglieder der NS-Frauenschaft, Hitlerjugend, Bund deutscher Mädel, Jungvolk, Jungmädel, Amtswalter und Amtswalterinnen, Arbeitsdienstler sowie alle Volksgenossen und Volksgenossinnen, ich heiße sie alle willkommen.

Wie sich in einer Familie jung und alt zusammenfinden, so haben wir uns hier zu einer großen nationalsozialistischen Familie vereinigt. Wir haben uns hier versammelt, um über die unwürdigen Mitglieder dieser Familie zu beschließen. Das heißt, Mitglieder unserer Familie sind sie nicht länger. Sie haben sich selbst ausgeschlossen. Eine von ihnen, die Haupträdelsführerin, zwiefach verantwortlich, weil sie schon seit Jahren des Führers Kleid trägt, soll für immer ausgestoßen bleiben.«

Seine Augen waren strafend auf Elisabeth gerichtet, jetzt wies seine Hand sogar nach ihr hin. Sie trug heute ihre Uniform, alle Mädchen, die in der Hitlerjugend waren, mußten sie tragen, mit den Abzeichen und Auszeichnungen, nur damit sie ihnen schmählich, vor aller Welt, abgerissen werden sollten. Wie die Frauen tuschelnd, mit Verachtung in den Blicken, zu ihr hinübersahen. Einige zeigten sogar mit den Fingern nach ihr.

Ihre Augen wanderten wie auf der Flucht zu den Jungen in Grün. Ein brauner Blick aus braunem Gesicht traf sie, als wollte er ihr Mut zusprechen, als wollte er ihr sagen, daß sie stolz sein müsse und nicht zerknirscht. Und er trug dasselbe Kleid wie Erwin, dieselbe hohe grüne Kappe. Eine warme Welle lief zu ihrem Herzen, als hätte sie eine tröstende Hand berührt. Sie reckte sich ein wenig und begegnete frei den Blicken der Frauen.

»Nein, ist die frech«, flüsterte Frau Direktor Haller der Frau Gefolgschaftsführer Billinger zu.

Die Kreisleiterin des BdM war aufgestanden und schleuderte weitschallend ihre anklagenden Worte gegen die Mädchen.

Cilly staunte mit weit aufgerissenen Augen über solche Stimmenkraft. Plötzlich aber drang es in ihr Bewußtsein, daß die männlich dröhnende Frauenstimme, die ihre Bewunderung erregte, sie und die Kameradinnen verdammte. Welch verworfene Geschöpfe waren sie doch, daß sie sich gegen die Nation auflehnten.

Die Leiter waren von dem höchsten Führer auf ihren Platz gestellt, und wer sich gegen sie auflehnte, verriet das deutsche Volk.

Sie würde auch nicht die faule Ausrede verschiedener Mädchen gelten lassen, die behaupteten, sie hätten von den schändlichen Ereignissen, die sich im Lager abspielten, keine Ahnung. Es sei Pflicht und Schuldigkeit jeder einzelnen, die Taten und Worte der Kameradinnen zu beobachten und darüber den vom Führer eingesetzten Leitern zu berichten.

Die härteste Strafe soll gerade jene treffen, die sich unwürdig erwiesen, sich Nationalsozialistinnen zu nennen. Aber auch die anderen würden die Arbeitskarte nicht erlangen, bis sie nicht durch jahrelange gute Führung den Fehler, den sie begangen hatten, auswetzten.

»Ja, umsonst arbeiten, dazu sind wir gut genug«, zischte Grete Barth. Auf ihre Wangen malten sich krankhaft zwei kreisrunde rote Flecken.

»Mein Schatz wird sich eine andere nehmen, wenn ich dort oben in Ostpreußen hocke«, flüsterte Hanna Köhler.

»Rück doch aus.«

»Zum Heiraten verdient er nicht genug, und auf Ehestandsbeihilfe können wir auch nicht mehr rechnen.«

»Wir Erwachsenen werden wie Kinder behandelt, und die Kinder, als wären sie richtige Soldaten.«

»Von der Gilda wird kein Wort gesprochen.«

»Die leiern nur ihre Redensarten.«

Ein streng warnender Blick aus Fräulein Kuczinskys Augen traf sie, darauf verstummten sie.

Die Leiterin hielt jetzt ihre Rede. Sie mußte sich ganz kurz fassen. Sie erklärte den Mädchen, daß sie die Milde des Urteils nur ihren Vermittlungsversuchen verdankten; durch ihre Tat hätten sie Fürsorge oder Gefängnis verwirkt. Aber im Sinne des Nationalsozialismus seien sie vorbestraft, und würden sie noch einmal straucheln, könnten sie nicht mehr auf Erbarmen rechnen.

»Ichweißwas« gluckste wie erstickt vom zurückgehaltenen Lachen: »Mich können sie nicht mehr strafen. Mir können sie nichts mehr tun.«

Sie wurde von der Kreisleiterin unsanft beiseite geschoben. Die Hitlermädchen mußten in Reihe vortreten.

Der Musikzug des Sturmbannes begann blechern dröhnend das Horst-Wessel-Lied zu intonieren.

Einzeln mußten sich die Mädchen in Positur stellen, laut ihren Namen und ihren Rang in der Hitlerjugend sagen. Dann ging die Kreisleiterin zu ihnen hin und riß ihnen von Brust und Schultern die Schnüre, die Abzeichen, die Auszeichnungen.

Jetzt, da alles Blut aus ihren Wangen gewichen war, sahen die Mädchen gebrechlich und verfallen aus. Die Sonnenbräune verwandelte sich in durchscheinende Tünche, die das schlecht genährte Fleisch nicht mehr verbergen konnte. Spitz drangen die Knochen durch die engen Kleider.

»Das ist keine gesunde Generation«, flüsterte Dr. Meißner dem Ortsgruppenleiter zu. »Auch die Robustesten unter ihnen haben zu empfindsame Nerven. Sehen Sie dort das Mädchen mit den weißen zitternden Lippen.« Er zeigte auf Tina.

Herr Zeller blickte ihn von der Seite scharf und mißtrauisch an. Was fiel dem guten Mann da eigentlich ein?

»Die Jugend im nationalsozialistischen Staat muß gesund sein. Der Staat fordert es. Er gibt ihr jede Möglichkeit dazu. Er führt sie zurück zur Natur und stählt sie.« Fast wäre Dr. Meißner etwas Unvorsichtiges über Ernährung und Körperstählung entschlüpft, aber er entsann sich noch schnell im richtigen Moment. Was gingen ihn im Grunde diese Fremden an, er hatte eigene Kinder. Die Wissenschaft war dazu da, ihren Mann zu ernähren, nicht ihn zum Märtyrer zu machen. »Ich meine natürlich, die Jugend, die im nationalsozialistischen Staat aufwächst, wird die gesündeste der Welt.«

Ein Mädchen mit hellblonden Schnecken, die sich um ihre roten dicken Wangen schlängelten, sammelte in einen seidenen Kissenbezug die den Mädchen entrissenen Medaillen, Tressen, Schnüre. Da lag auch das schwarze Halstuch, die braune geflochtene Lederschluppe Elisabeths.

Die Blondschneckige trug eine weiße Bluse mit Bordüren besäumt, die sie eigenhändig mit winzigen roten Hakenkreuzchen bestickt hatte.

»Der Streberin möchte ich am liebsten in die Fresse hauen«, knurrte Tina. »So was war doch nie im Leben ›Alte Kämpferin‹.«

Die Kolonnen begannen sich wieder in Marsch zu setzen. Wie Kulissen schoben sie sich vor die Mädchen.

Die Musik spielte:

»Deutschland erwache! Juda den Tod!
Volk ans Gewehr! Volk ans Gewehr!«

»Die Trompete könnte ich eigentlich hierlassen. Die brauche ich nicht mehr«, sagte Minna.

»Wieso denn«, rief Tina. »Um zu wecken, brauchst du doch keine Charge zu haben.«

»Ich will aber gar nicht mehr trompeten.« Minnas Miene hatte sich ganz verdüstert.

»Ich mach mir gar nichts daraus, daß ich nicht mehr Dienstälteste sein werde. War doch ein großer Mist, immer das auszufressen, was die anderen eingebrockt haben. Aber scheußlich war es, wie sie die Abzeichen abgerissen haben. Du, das Erinnerungsabzeichen an den Coburger Parteitag, das hat mir einen richtigen Stich gegeben. Wenn die mit den Schnecken nicht dabeigewesen wäre, hätte ich vielleicht geheult. Ich war noch ein Gör, als ich damals nach Coburg tippelte. Nicht eine Kröte hatte ich in der Tasche, aber ich wollte den Führer sehen. Und jetzt kommt so ein Niemand, und man nimmt es mir.«

»Mir haben sie die Nürnberger Abzeichen genommen. So viele Erinnerungen, so viele Hoffnungen. Sie haben mir noch mehr genommen. – Das Kleid. Aber ich frage mich –«

»Was fragst du dich, Elisabeth?«

»Ich könnte es dir noch nicht klar sagen. Kommst du denn wieder in ein Lager, Tina?«

»Ich komme zu Bauern nach Ostpreußen. Aber das ist nichts für mich. Ich werde ausrücken. Ich wollte doch Lagerleiterin werden. Das ist vorbei.«

»Warum denn?«

»Weißt du, wenn ich Lagerleiterin geworden wäre, die Mädchen hätten bei mir nichts zu lachen gehabt. Aber ich wäre gerecht gewesen. Doch hier, hier ist keine Gerechtigkeit.«

»Nein, keine Gerechtigkeit.«

»Wenn ich nicht in ein Lager komme, werde ich Landstreicherin. Ich tauge nicht zum Zivilleben.«

Eine Marschkolonne wurde weitergespült, und die Mädchen wurden sichtbar wie auf einer Insel.

Wieder stand Elisabeth abseits, wie von allen verlassen und verfemt.

Da nahten die grünen Reihen der Arbeitsmänner. Der Junge vorne mit dem braunen Gesicht und den guten braunen Augen blickte sie an, als wäre sie jemand, den man bewundern, auf den man stolz sein kann, dem man folgen möchte.

Elisabeth schämte sich. Sie dachte: Er hält mich ja für eine ganz andere. Er denkt, ich bin mutig und tapfer; aber alles, was mit mir geschehen ist, war ja nur Zufall. Ich habe etwas gesagt, ohne es selbst ganz ernst zu nehmen, aber die anderen haben es durchgeführt.

Der Junge sang ihr zugewandt:

»Und wenn ein neuer Morgen
Den Freiheitskampf entfacht,
Und über Not und Sorgen
Das deutsche Volk erwacht,
Dann lassen wir den Spaten
Und greifen zum Gewehr.
Wir sind die Werksoldaten,
Wir sind das grüne Heer.«

Wie er sang. Die Worte bekamen eine geheime, zukunftsfrohe Bedeutung. Und er trug ein Kleid wie Erwin.

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