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Elisabeth, ein Hitlermädchen

Maria Leitner: Elisabeth, ein Hitlermädchen - Kapitel 19
Quellenangabe
authorMaria Leitner
titleElisabeth, ein Hitlermädchen
publisherAufbau-Verlag
year1985
firstpub1937
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180928
projectid8c745c16
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Achtzehntes Kapitel.
Die Aufrührerischen

Mitleidslos fiel das Mondlicht auf das Lager. Sein weißes Licht tastete die Baracken ab, als wollte es übermütig seine glitzernde Helligkeit mit dem fleckigen Grau der armseligen Mauern vergleichen. Alle Fenster waren abwehrend verschlossen. Wie tot lag die Häusergruppe da.

Und doch hielten Angst, Grauen, Schmerz alle Bewohner wach. Aber sie verkrochen sich in ihren Betten, sie verschlossen Augen und Ohren, sie hielten den Atem an, als wären sie dem gleichmäßigen Kreislauf des Lebens enthoben. Wie die Tote in Baracke eins.

Da wurde die lastende Stummheit von dem Knirschen und Sausen eines schnell vorfahrenden Autos durchbrochen. Wie auf einen Schlag kam Leben in die Baracken, und an den Fensterscheiben klebten junge Mädchengesichter.

Schon hatten Furcht und Wut die Ordnung zersetzt. Auch auf ausdrücklichen Befehl hätte keine einen nächtlichen Rundgang im Hof gewagt. Dort war es nicht geheuer.

Unhörbar, als schlüpfte sie aus einer Mauerritze, wie eine Fledermaus, eilte Fräulein Kuczinsky zum Tor. In das helle Mondlicht zeichneten sich dunkel zwei Männer, in deren Händen eine Tragbahre schaukelte. Ihnen folgte ein Mann mit einer schwarzen Handtasche. Alle verschwanden in Baracke eins.

Als sie wieder in das Mondlicht traten, war die Tragbahre zwischen den Händen der Männer schwer geworden. Während sie hastig zum Tor schritten, flatterte das Tuch, das sie über ihre Last gelegt hatten.

Dünne Mädchenstimmen riefen durcheinander:

»Ich habe die blutige Wunde auf ihrer Stirn gesehen. Ein Loch mit schwarzrotem Blut verstopft.«

»Du lügst. Man sieht gar nichts.«

»Doch, man kann was sehen. Aber keine Wunde auf der Stirn. Nur den dunklen Fleck auf dem Tuch. Das ist Blut. Sie hat sich ins Herz geschossen.«

Tina erinnerte sich ihrer Pflicht. Sie schrie: »Ruhe! Zurück in die Betten.«

Aber Cilly Marlé, die sich umgedreht hatte und deren Blick auf Gildas Bett fiel, schrie gellend: »Gilda ist da! Seht ihr nicht ihre Locken auf dem Kissen!«

»Dummes Gör! Das sind ja nur die Schatten der Zweige.«

»Du hast doch selbst gesehen, daß man sie weggetragen hat.«

»Tote gehen überall hin, und sie können gleichzeitig an verschiedenen Orten sein.«

»Ach was, Tote sind tot.«

»Nein, das glaube ich nicht«, flüsterte ein Mädchen. »Als mein Vater starb, erschien er mir nachts. Er war schrecklich blaß, und wenn er sich bewegte, schimmerte er grünlich. Ich stand furchtbare Angst aus, daß er plötzlich in Staub zerfallen würde. Denn im Traum wußte ich, daß die Toten in nichts zergehen, wenn sie einen Gegenstand oder etwas Lebendiges berühren.«

»Aufhören!« brüllte Tina. »Schlafen!«

Eine Weile blieb es still im Raum.

Elisabeth sah Gilda ausgestreckt auf der Pritsche liegen. Sie war eingehüllt in die graue zermürbte Decke. Das Gewehr lag bei ihr. Die Decke hatte vor zwanzig Jahren einem russischen Kriegsgefangenen gehört. Er hatte sie ihnen vererbt, obgleich sie in Wirklichkeit gar nicht ihm gehörte. Auch sie besaßen nichts und hatten doch eine Erbschaft.

Cilly konnte die Stummheit im Raum nicht vertragen. Sie jammerte laut: »Ich bleib nicht länger hier. Tote können sich in die Betten verkriechen und in die Schränke. Ich graule mich.«

»Du gehörst in eine Kinderbewahranstalt«, erklärte Tina voller Verachtung. Es war eine Schande, wie wenig tapfer sich das jüngste Hitlermädel benahm. Aber jetzt begann auch die andere Kleine, die Hilde, zu flüstern: »Ich will auch nicht länger bleiben. Rücken wir alle aus.«

»Das gibst du gut. Ausrücken ohne Geld. Was könnten wir beginnen?«

»Wenn wir alle zusammenhielten, wäre es leichter.«

»Sollen wir zusammenbleiben? Das gäb ja eine schöne Horde.«

»Das geht nicht, das ist doch klar. Wir würden ja sofort überall auffallen.«

»Jede nimmt sich Geld und verschwindet in einer anderen Richtung. Dann könnten sie uns nicht so leicht finden.«

»Aber wenn sie uns fangen, ergeht es uns wie Gilda. Ich geh nicht in die Fürsorge. Ich laß mir nicht den Bauch aufschlitzen.«

»Würdest du dich aus Angst töten, wie Gilda?«

»Ich würde es erst tun, wenn es schon geschehen ist. Man hat doch Zeit, so was zu tun.«

»Na, dann besser gleich, wozu Angst ausstehen und Schmerzen.«

»Quatschköpfe. Hab ich mich aufgehängt? Bin ich ins Wasser? Hab ich mich erschossen? Nee. Ich lebe. Wie sie's gemacht haben, das merkte ich gar nicht. Erst später hat's weh getan. Wenn ich die Hand auf den Bauch gedrückt habe, da brüllte ich vor Schmerz. Aber jetzt? Nichts zu merken. Ich schlage gegen den Bauch und spüre nichts.«

»Es ist doch wegen der Kinder, die man nicht bekommen kann, daß man unglücklich ist.«

»Was weißt du schon. Ihr seid ja alle doof. Ihr habt von nichts 'ne Ahnung. Unglücklich? Da müßt ich ja ganz auf den Kopf gefallen sein. Die wollten mich strafen, aber ich lache nur.« »Ichweißwas« lachte meckernd. »Hört ihr, ich lache.«

»Hör auf mit deinem idiotischen Lachen.«

Jetzt wurde sie übertönt von Grete Barth: »Wir werden doch keine Kinder kriegen. Sie nehmen uns unsere Männer. Sie machen aus uns Soldaten. Sie richten uns zugrunde.«

Tina sah sich genötigt einzugreifen: »Wer richtet dich zugrunde? Körperliche Ertüchtigung schadet nicht den Tüchtigen. Und die Zimperliesen braucht der Staat gar nicht.«

»Ja, rottet uns nur aus. Rottet aus die Schwachen. Aber warum sind wir schwach?«

»Wer ist schwach?«

»Du, Tina, solltest lieber in den Spiegel gucken. Du siehst aus wie eine der mageren Kühe in Josephs Traum.«

»Wie ich aussehe, ist scheißegal. Auf mich kommt es überhaupt nicht an. Es kommt nur auf Deutschland an. Und wenn sie mir sagen würden: ›Es wäre nicht gut für Deutschland, wenn du Kinder bekämest, wir müssen dich sterilisieren‹, dann antwortete ich nur: ›In Gottes Namen, tut es.‹ Und würde nicht weinen, und würde nicht lachen, und würde mich nicht töten, sondern es einfach hinnehmen.«

»Nur solltest du nicht sagen: in Gottes Namen«, rief Cäcilie Scherer. »Denn was du sprichst und was getan wird, ist gegen Gott.«

»Ich sag dir was, es gibt einen Judengott. Aber einen richtigen Gott gibt es nicht mehr. Wo war er im Krieg? Kannst du es mir vielleicht sagen, heilige Cäcilie?«

»Wißt ihr, warum die Gilda davongelaufen ist?«

»Na, hör mal, warum? Davonlaufen möchte jede.«

»Wäre ich eine Schützin wie die Gilda, ich hätte mich nicht selbst erschossen«, rief eine.

»Vielleicht hat sich die Gilda gar nicht getötet? Vielleicht hat die Kuczinsky sie erschossen, weil sie zuviel wußte«, flüsterte jemand.

»Ich habe eine gute Idee«, frohlockte »Ichweißwas«. »Erschießen wir die Kuczinsky, dann sind wir frei. Bis jemand es merkt, sind wir schon längst über alle Berge.«

Plötzlich wurde das Licht eingeschaltet. Inmitten des Raumes stand Klara. Niemand hatte sie kommen hören, niemand wußte, seit wann sie sich schon in Baracke drei aufhielt.

Sie trug die unförmigen Drillichhosen und die Jacke, die Arbeitskleidung bei den Ordnungsübungen, in der die Mädchen wie Sträflinge aussahen. Klara hatte noch ein graues Tuch zu einer runden Kappe gerollt, um so die Ähnlichkeit mit einer Zuchthausuniform zu unterstreichen.

»Ihr redet da ja schöne Sachen von Mord und Totschlag. Gut noch, daß ich euch bei eurer Verschwörung erwischt habe. Wenn ihr mir aber alles beichtet, will ich Gnade vor Recht sein lassen und der Obrigkeit gegenüber schweigen.«

Gleich brüllte es im Chor: »Schwatzweib, Klatschmaul!«

So ein Geschrei. Wo blieb die Ordnung?

»Stubenälteste, was soll dieser Lärm bedeuten?« rief Klara im Vorgesetztenton.

Tina unterließ es hochzuspringen, sie machte keinerlei Anstalten, eine Meldung zu erstatten, sie schnarchte ohrenzersägend.

Klara lenkte schnell ein: »Ich gebe euch mein Wort, ich werde schweigen. Ich bin jetzt nicht ›Führerin vom Dienst‹, sondern einfache Kameradin.«

»Nein, wie bescheiden: einfache Kameradin. Deine Zeit ist ohnehin abgelaufen«, höhnten einige. »Was willst du hier eigentlich?«

Klara wurde von den Gedanken an die Geheimnisse, die aufgespeichert im Arbeitszimmer der Leiterin lagen, gequält. Warum mußte sich Gilda einfach aus dem Staube machen? Sie hätte so vieles von ihr erfahren können. Was stand in den Akten über sie selbst und ihre Abstammung? Der Vater mit seinen Trübsinnsanfällen und mit seiner plötzlich auflodernden Lebenslust. – Die Eifersuchtsszenen der Mutter. – Wußte davon Fräulein Kuczinsky – führte sie über ihre Erbschaft ein Buch?

»Wir müssen alles in Ruhe überlegen«, sagte Klara zu den Mädchen mit Wichtigkeit im Ton. »Wir wollen keine unverantwortlichen Reden halten, die uns noch an den Galgen bringen könnten.«

»Haben wir ein Leben auf dem Gewissen?« fragte Grete Barth. »Oder? –«, ihr Finger zeigte gegen Baracke eins.

»Ich will euch sagen, was mit der Gilda los war. Sie hat über sich selbst etwas in den Akten Fräulein Kuczinskys gelesen, was sie ganz umwarf.«

»Ich kann mir vorstellen, was die über uns zusammengeschmiert hat.«

»Paßt mal auf. Möchtet ihr wissen, was in den Papieren steht?«

»Klar wollen wir es wissen ...«

»Also, wenn ihr sehr artig seid, will ich euch zu dieser Wissenschaft verhelfen. Aber ihr müßt mir beistehen. Wir müssen abwarten, bis die Kuczinsky in die Kommandantur geht und anfängt, unter ihren Schriften zu kramen. Dann muß sie jemand mit einem Vorwand herausrufen. Und dann müssen die anderen sie zurückhalten, ganz lange. So lange, bis ich alles gelesen habe und euch erzählen kann.«

»Was nützt es uns, wenn du über uns liest.«

»Das ist ein ganz großer Blödsinn. Das machen wir nicht mit.«

»Schlagt etwas Besseres vor.«

»Wir müssen die Papiere verbrennen. Sie sollen keinen Schaden mehr anrichten. Wir wollen sie vernichten.« Elisabeth hörte mit Schrecken und Verwunderung ihre eigene Stimme.

»Na schön«, sagte Klara. »Ich bin damit einverstanden. Aber erst will ich alles durchlesen.«

»Nein, jede soll nur über sich und über ihre Familie lesen.«

»So kann man aber nicht viel Neues erfahren.«

»Das sollst du gar nicht!«

»Was hat denn Gilda erfahren?«

»Ihr Vater war wahnsinnig.«

»Mein Vater ist sicher auch verrückt«, rief Cilly, die ihre Angst langsam überwunden hatte. »Mein Großpapa ist Franzose. Das durfte ich früher auch jedem sagen. Aber dann hat mir Papa gesagt, das brauchte niemand zu wissen. Aber in unserer Stadt wissen es doch alle. Früher habe ich Locken getragen, und ein Bekannter von Papa hat mir gesagt, ich sähe aus wie eine französische Puppe, und ich habe geantwortet, ich bin ja französischer Abstammung. Als der wegging, hatte mein Vater mir eine gelangt.«

»Französisches Püppchen, du mußt ja schön ausgesehen haben«, lachte Tina höhnisch.

Cilly schwieg erst betreten. Hatte sie eine Dummheit gesagt? Sie fügte schnell entschuldigend hinzu: »Ich trage ja jetzt Zöpfchen. Und in den Leistungsprüfungen bei den ›Kücken‹ war ich die Vierte. Ich habe es auf achtundsiebzig Prozent des Solls gebracht. Und mein Bruder ist Pimpf.«

»Schon gut«, sagte Tina wegwerfend. »Ich habe mir auch über dich, als ich dich vor Angst winseln sah, gleich Gedanken gemacht.«

»Mein Vater ist sicher auch wahnsinnig«, flüsterte ein Mädchen. »Er ist oft so komisch. Ganz unvermittelt fängt er an zu schreien, oder er brütet stundenlang vor sich hin. Meine Mutter sagt dann immer: Das ist noch der Krieg.«

»Also, was machen wir mit den Papieren?«

»Wir verbrennen sie. Das ist abgemacht.«

»Ja, aber die Kuczinsky wird das doch nicht einfach zulassen.«

»Die werden wir nicht fragen, die werden wir gefangennehmen«, rief eine und fuchtelte mit ihren Armen.

»Aber wir müssen erst einen genauen Kriegsplan entwerfen«, schrie erregt die kleine Hilde. Ihre Stimme versagte, so atemlos war sie. Endlich würde sich etwas ereignen, würde etwas geschehen. Damals, als sie ganz allein in der Wohnung geblieben war, wachte sie oft nachts auf, geweckt von irgendeinem Schrei auf der Straße. Sie glaubte dann zu hören, die Leute riefen »Nieder mit Hitler!« und liefen stampfend, die Gefängnisse zu stürmen. Aber sie merkte bald mit verzweifelter Enttäuschung, daß draußen nur Betrunkene oder Streitende Radau machten. Doch jetzt geschah etwas.

Eine rief: »Zuerst müssen wir die Kommandantur stürmen.«

»Wozu stürmen? Wir nehmen den Schlüssel der Kuczinsky einfach ab.«

»Die Baracke öffnen wir auch ohne Schlüssel.«

»Zuerst müssen wir den Telefondraht durchschneiden«, sagte stolz über ihre Umsichtigkeit »Ichweißwas«. »Im Kino wird, wenn eingebrochen wird, das immer sofort gemacht.«

»Aber wir sind keine Einbrecher.«

»Und wir sind nicht im Kino.«

»Deshalb kann ›Ichweißwas‹ doch recht haben.«

»Also gut, durchschneiden wir die Telefonschnur.«

Tina, die eine Weile gedöst hatte, wurde wach vor Empörung: »Ich werde euch alle sofort anzeigen. Ich wecke Fräulein Kuczinsky.«

»Tu das nur«, meinte Klara gelassen, »so wirst du wenigstens nie erfahren, was über dich alles Interessantes in den Papieren steht.«

»Ich bin nicht neugierig.«

»O doch, du bist es. Viel mehr, als du gestehen möchtest.«

»Und was steht über mich?« fragte Minna.

»Morgen sollst du es erfahren.«

Tina machte einen neuen Vorschlag: »Wir schreiben einen Brief an Baldur von Schirach und berichten über die Mißstände.«

»Du gibst es also zu, daß es Mißstände gibt.«

Die kleine Hilde weinte fast: »Nein, nein, schreiben wir nicht an Baldur von Schirach. Der will es ja gerade, daß es hier so sein soll, wie es ist.«

»Wie kannst du eine solche Unverschämtheit behaupten.«

»Schreiben wir lieber an Trude Mohr«, sagte Minna. »Der Baldur von Schirach ist zu dick. Aber die Trude Mohr gefiel mir. Sie hat eine gute Stimme.«

»Eine noch bessere als deine Trompete?«

»Die Trude Mohr kenn ich auch«, rief Cilly stolz. »Ich war auf dem Parteitag mit der Abordnung der ›Kücken‹. Die Trude sah großartig aus, als sie ihre Rede hielt, wie ein Mann.«

»Wir werden deshalb doch nicht an sie schreiben, verlaß dich darauf«, sagte Grete Barth. »Wir stellen unsere Forderungen auf und damit basta.«

»Wir verlangen unseren Sold«, rief Hilde.

»Rückwirkend, den ganzen Betrag auf einmal.«

»Besseres Essen.«

»Und die Kuczinsky muß fort.«

»Wir stellen eine Wache an die Baracke eins. Und die Kuczinsky darf nicht hinaus. So kann sie nichts gegen uns unternehmen. Wir schreiben an die Amtsstellen.«

»Also doch wieder Schreibereien.«

»Aber kein Bittgesuch, sondern Forderungen. Und zuerst nehmen wir der Kuczinsky jede Macht.«

»Ich sag euch etwas, ich zeige euch nicht an, weil ich die Angeberei hasse und auch diese ganze Günstlingswirtschaft mit Schokoladenplätzchen«, erklärte Tina. »Aber ich mache nur mit, wenn Ordnung herrscht.«

»Klar herrscht Ordnung. Was denn sonst?«

Schon hatte Minna, bezwungen von dem Gesetz der Gewohnheit, ihre Trompete umklammert. Es begann zu dämmern.

Würde das Licht das waghalsige Gerede wie einen Spuk verjagen?

Die Stimmen aber überlegten weiter aufrührerisch, gierig nach Rache und Abenteuern.

»Eine Wache muß vor Baracke eins gestellt werden, und die Kuczinsky darf nicht hinaus.«

»Ich werde die Minna und die dicke Berta zur Wache ernennen«, erklärte Klara.

»Aber die Kuczinsky hat das Gewehr; sie kann uns doch einfach über den Haufen schießen«, sagte besorgt Minna.

»Sie kann doch gar nicht schießen, sie ist auch viel zu feige. Sie wird sich still verhalten wie eine aufgeschreckte Maus.«

»Die Wache darf niemanden passieren lassen, der nicht die Parole kennt.«

»Wie soll sie lauten?«

»Nieder Kuczinsky.«

»Zwei Worte, das ist doch keine Parole, das ist ein Feldgeschrei«, rief Cilly zurechtweisend. »Das können wir bei einer Geländeübung nehmen, aber doch nicht im Lager.«

»Dreikäsehoch weiß aber auch alles.«

»Also ›Freiheit‹.«

»Ach, die gibt es gar nicht.«

»Die gibt es, aber die können wir allein nicht erkämpfen«, sprach die harte Kinderstimme.

»Ich weiß was Besseres. ›Schlagsahne‹ soll die Parole sein.«

»So dumm wie ›Ichweißwas‹ ist doch keine zweite. Wie kommst du nur auf so etwas Blödes?«

»Wieso denn blöd? Wenn wir unseren Sold bekommen, können wir Schlagsahne essen.«

»Einen Tag lang. Und dann?«

»›Brot‹, das ist die beste Parole. Wir wollen Brot. Wir haben unser Brot verloren. Brot.«

»›Gerechtigkeit‹ soll die Parole sein«, sagte Tina. »Ich bin für Gerechtigkeit.«

»Jetzt will ich die anderen Baracken besorgen.« Klara fegte wie ein Irrwisch dahin.

Der Wecker Tinas zeigte bald surrend den Beginn des alltäglichen Ablaufs an.

Minna begann zu trompeten: »Volk ans Gewehr! Volk ans Gewehr.«

»Heute wollen wir nicht geweckt werden.«

»Doch, gerade heute wollen wir früh den Tag beginnen. Aber kannst du uns nicht mal was anderes vorblasen als dein ewiges ›Volk ans Gewehr‹?«

»Nein, ich kenne doch nichts anderes.«

An die Mauer der Kommandantur wurde ein Zettel angeschlagen:

Tagesordnung:
8- 9 Uhr
Großes Schriften-Verbrennen
9-10 Uhr
Abfassung der Beschwerde
10-12 Uhr
Ordnungsübungen

»Wozu auch heute Ordnungsübungen?«

»Was sollen wir denn den ganzen Tag machen?« erklärte Tina. »Ich habe es euch schon gesagt. Ich mache überhaupt nur mit, wenn völlige Ordnung herrscht.«

Die »dicke Berta«, deren Kraft Neid und Bewunderung des ganzen Lagers erregte, hatte mit einer Schulterbewegung die Tür zur Kommandantur eingedrückt. Hier befand sich die Vorratskammer der Leiterin, aus der sie ihre berühmten »Kaffeekränzchen« verproviantierte.

»Oh, Bohnenkaffee, wie das herrlich duftet.«

»Heute machen wir zum Frühstück echten Kaffee.«

»Nehmen wir zu jeder Tasse sechs Bohnen, die vermischen wir mit dem Malz, so wird der Kaffee länger halten.«

»Aber vielleicht halten wir uns nicht lange. Nehmen wir den ganzen Kaffee. Dann haben wir wenigstens gut gefrühstückt. Kondensmilch gibt es auch.«

»Und Keks und Konfitüre.«

»Wenn man jeden Tag so frühstücken könnte«, seufzte »Ichweißwas«.

»So kann man wenigstens von Herzen ›Gut satt‹ grüßen.«

»Heute kann die Kuczinsky hungern.«

Die Leiterin hatte schon, als sie aus dem Fenster blickte, das verdächtige Gehabe im Hof bemerkt. Sie fühlte sich verfolgt, noch bevor sie das Geringste von der Verschwörung ahnte. Als die merkwürdige Wache ihr den Weg versperrte, war sie sofort wortlos in ihr Zimmer zurückgekehrt.

Inzwischen umstanden die Mädchen mit Scheu das Archiv. Es war nicht schwer, die Türen der Schränke aufzureißen, die Fächer des Arbeitstisches. Aber was sollte man mit den vielen Papieren beginnen? Sie verteilen? Jeder die Schrift, die ihr zukommt? Wie aber sich zurechtfinden? Klara war die einzige, die sofort mit gierigen Fingern zugriff.

In diesem Augenblick begann das Telefon schrill und durchdringend zu läuten. Regelmäßig verstummte es, wie um den Mädchen eine kurze Spanne Zeit zum Überlegen zu geben.

»Was soll das nur bedeuten? Kinder, was machen wir jetzt?«

»Nimm den Hörer ab und leg ihn einfach hin.«

»Seht ihr, ich habe euch gleich gesagt, zuerst muß man die Telefonschnur durchschneiden«, erklärte vorwurfsvoll »Ichweißwas«.

»Du Dumme, was hätte das genützt. So und so antwortet niemand. Sicher erscheint das verdächtig.«

»Eine soll schnell zum Telefon gehen und soll tun, als wäre sie die Kuczinsky. – Ach was, ich werde das selbst machen.« Klara nahm den Hörer ab und ahmte das kurze abgehackte »Heil Hitler!« der Führerin nach. Sie schien zu horchen, dann sprach sie in fremdem, geziertem Ton: »Jawohl, alles in Ordnung. Die Mädchen sind beispielhaft pflichttreu. Das sind Truppen, auf die Deutschland stolz sein kann. – Ich fühle mich verpflichtet, Anerkennungen zu verteilen. Lassen Sie bitte ins Lager zehn Pfund Kaffee schicken und zehn Pfund Schokolade und zehn Pfund Keks und zehn Pfund Kalbsbraten und zehn Pfund Butter –« Es war niemand am Apparat.

»Laß die Hanswursterei.«

»Wir haben keine Zeit zu verlieren. Verbrennen wir schnell alles«, rief Elisabeth, von Angst bedrängt.

»Wir wollen erst alles noch lesen und nicht gleich vernichten«, beharrte Klara.

Tina hatte schon begonnen, unter den Akten ihren Namen zu suchen, dann aber ließ sie die Hände sinken.

»Es ist vielleicht besser, man weiß nichts genau. Weg damit.«

Im Hof wurden Holzscheite übereinander gerichtet und angezündet. Cilly hatte einen Stoß Papier, zuviel für ihre kurzen Arme, umklammert und rannte damit zu der Richtstätte. Sie war die erste, die ihre Last ins Feuer warf. Einige Blätter waren davongeflattert, sie lief ihnen nach, als wäre sie auf der Schmetterlingsjagd.

Laut lachend und pustend folgte ihr »Ichweißwas«. Bald war zwischen den beiden ein tolles Wettrennen im Gange.

Der verglühende Schimmer des Feuers hatte Fräulein Kuczinsky aufgescheucht. Sie ging unruhig, von Zweifeln gequält, in der Kammer, die für so kurze Zeit Gildas Gefängnis war, auf und ab.

Der tobende Lärm zog sie zum Fenster. Als sie die aufgerissene Tür der Kommandantur erblickte, erriet sie sofort alles. Es war ihr Glück noch, daß ihr Blick erst später auf den Scheiterhaufen fiel. Dort fraßen die Flammen ihr Lebenswerk, das Ergebnis ihrer Arbeit, die sie für Deutschlands Wohl begann. Sie wollte sich hinunterstürzen, zu retten versuchen, was noch gerettet werden könnte, aber die Angst lähmte sie, sie könnte, wenn sie mit den Mädchen in ein Handgemenge geriete, ihre letzte Autorität verlieren.

Ihre Zöglinge unten hatten sich zu einer militärischen Ordnung gefunden. Wie bei einer Sonnwendfeier umstanden sie in gleichen Abständen das Feuer. Immer trat eine andere aus der Reihe und rief ihren Spruch, dem Feuer zugewandt.

Fräulein Kuczinsky blickte auf das Zerstörungswerk wie ein Künstler, der seine Lebensarbeit vernichtet sieht: Verzweiflung im Herzen, beschließt er doch, den Versuch neu zu wagen. Sie würde ihre Arbeit noch einmal beginnen. Sie würde sich nicht entmutigen lassen. Und wenn die Welt voll Teufel wäre. Ach, die kleinen Teufel da unten. Aber sie würden schon die Vergeltung spüren.

Cilly schrie plötzlich mit schriller dünner Stimme:

»Dort, seht ihr, dort tanzt Gilda blutüberströmt zwischen den Flammen.«

»Dummes Gör, hör auf mit dem Geflenne«, sagte Tina unfreundlich.

Aber die Ordnung war schon wieder gestört. Die Jüngeren liefen schaudernd durcheinander.

Auch vor den Augen der Leiterin tauchte Gilda auf, schillernd, ohne Kraft zum Leben. Konnte sie, die nur die Starken liebte, Mitleid mit ihr empfinden?

Aber jetzt sah sie, daß, von den Mädchen unbemerkt, ein Auto vorfuhr. Es gab vielleicht noch Rettung.

Erst als drei Männer in Parteiuniform, mit Aktentaschen in den Händen, dem Auto entstiegen, wurde Tina aufmerksam. Mit Unruhe im Herzen, doch mit schmetternder Stimme kommandierte sie: »In die Reihe!«

Mit entgeisterten Augen folgten die Mädchen den Eindringlingen. Wer hatte sie verraten?

Aber die Abordnung betrachtete nur wohlwollend die militärische Haltung der Mädchen. Sie suchte die Leiterin. Sie ging auf die Baracke eins zu. Die Wache stand da starr, dann aber lief sie, wie vom Schreck durcheinandergewirbelt, davon.

Fräulein Kuczinsky kam den Männern entgegen, als wären ihr Flügel gewachsen: »Ich danke Ihnen, daß Sie gekommen sind. Ich habe Sie herbeigefleht. Sie Retter in der Not. Ihr Kommen hat vielleicht Schlimmstes verhütet.«

Pg. Zeller, Ortsgruppenleiter der Stadt K. an der Oder, versuchte befremdet, seine Hand aus den knochigen Weiberfingern zu befreien. Er und seine Begleiter, Amtswalter aus dem Landhelferdienst und aus der nationalsozialistischen Bildungszentrale, waren gekommen, um in Sachen Gilda Bertram ein kleines Protokoll aufzunehmen. Nichts war ihm unleidlicher als solcher Gefühlsüberschwang.

»Aber ich muß jetzt hinuntereilen. Vielleicht ist noch einiges zu retten. Und jetzt würde es keine mehr wagen, mich anzugreifen.«

Die Männer sahen der Davoneilenden kopfschüttelnd nach.

»Hysterische olle Ziege«, murmelte Pg. Zeller.

Später, bei der Beurteilung ihrer Tat, sollte diese Ansicht des Pg. Zeller den Mädchen zum Glück gereichen und strafmildernd wirken.

Unten war niemand zu sehen. Die Mädchen hatten sich verkrochen. Der Papierhaufen war schon verkohlt. Mit zitternden Händen versuchte Fräulein Kuczinsky, noch lesbare Schriften aus der verglimmenden Asche herauszuholen. Vergeblich. Wie leichte, schwarze Flocken begannen die Papierreste dahinzuschweben.

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