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Elisabeth, ein Hitlermädchen

Maria Leitner: Elisabeth, ein Hitlermädchen - Kapitel 18
Quellenangabe
authorMaria Leitner
titleElisabeth, ein Hitlermädchen
publisherAufbau-Verlag
year1985
firstpub1937
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180928
projectid8c745c16
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Siebzehntes Kapitel.
Gilda

Dieser Morgen begann gleich anders als die andern Tage.

Tina erwachte, und ihr erster Blick fiel auf Gildas Bett. Es war leer. Später erzählte sie jedem, daß sie schon immer zuerst nach Gildas Bett geschaut hatte. Sie hätte es vom ersten Augenblick an gewußt, daß die eines Tages sang- und klanglos verschwinden würde.

Vorläufig aber empfand sie nur eine Unruhe, und sie lief hinunter auf den Hof und zur Latrine und schrie nach Gilda. Aber diese meldete sich nicht.

Tina eilte zurück zur Baracke, sie guckte unter die Betten. Vielleicht wollte Gilda sie nur erschrecken und ärgern. Sie schlug die Decke von Gildas Bett zurück. Aber es atmete kühle Verlassenheit.

Das bleibt ewig an mir hängen, daß eine aus meiner Bude ausrücken konnte. Natürlich werde ich es büßen. Ach, es war schrecklich, die Sünden anderer zu sühnen. Die Mädchen schliefen noch. Tina weckte sofort Minna und ließ sie tüchtig blasen. Doch Gilda wurde auch von diesem Weckruf nicht herbeigeholt.

Elisabeth hatte gar nicht geschlafen, aber sie merkte nichts. Sie war nur von dem einzigen Gedanken erfüllt: Wie kann ich Montag nachmittag um vier Uhr in Frankfurt an der Oder sein, in der Bahnhofswirtschaft. Wenn Fräulein Kuczinsky keinen Urlaub gibt, lauf ich davon.

Als Tina sie am Arm rüttelte, blickte sie aufgestört wie eine Schlafwandlerin sie an.

»Du, Gilda ist davongelaufen. Hörst du denn?«

Davongelaufen? Nicht ich? Gilda.

»Warum muß das gerade mir passieren? Ich muß alles ausbaden. Schweinerei so was!«

Tina durchstöberte ganz sinnlos die Betten, die Ecken, die Blechkästen, als wäre Gilda eine Stecknadel.

Überdies meldete sich auch noch Hilde krank. Sie hatte Gliederschmerzen wie Cilly. Man mutete den Kindern vielleicht doch zuviel zu, dachte Tina etwas verständnisvoller als sonst. Diese Hilde gehörte, obgleich sie ein widerspenstiges Gör war, zu den Eifrigsten.

Hilde wußte zwar nicht, wozu die Ordnungsübungen gut waren, aber sie dachte, da es die Feinde so wichtig nahmen, müßte sie es mindestens so gut können wie sie. Aber heute hatte sie das Gefühl, es ginge nicht mehr, sie könne nicht durchhalten.

Tina war wie verwandelt. Sie flehte die Mädchen in einem weinerlichen Ton um Ruhe und Ordnung an. Wieder war Klara Führerin vom Dienst. Nur sie hatte dieses hohe Amt tagelang nacheinander. Gerade ihr mußte sie diese Schande melden.

Trotzdem versuchte Tina, als Klara mit Herta, dem »Feldscher«, die Baracke betrat, so forsch wie möglich ihre Meldung zu machen:

»Baracke drei, belegt mit vierundzwanzig Mädel, zur Stelle! Grete Barth erkältungskrank, Cilly Marlé fußkrank, Hilde Keller fußkrank, Gilda Bertram verschwunden. Sonst alles in Ordnung. Heil Hitler!«

Klara platzte gleich los: »Warum meldest du nicht gleich, Baracke drei abgebrannt, alle Mädchen zu Kohle verbrannt. Sonst alles in Ordnung!«

»Ich sag dir was, wie man eine Meldung abfaßt, weiß ich besser als du. Ich habe schon für Hitler gekämpft, als du noch für Conrad Veidt geschwärmt hast.« Tina redete sich in immer größere Wut und Erregung.

»Bist du verrückt geworden, oder willst du ablenken?« fragte Klara.

Tina gestand sich selbst, daß das letztere der Fall war. In ihrer Zerknirschung ging sie so weit, daß sie die beiden Kranken bettelnd bat, doch hinunterzukommen, damit ihre Schande geringer würde. Sie versprach ihnen, sie von allen Übungen freizukriegen. Da die beiden auf die Entwicklung der Ereignisse neugierig waren, humpelten sie auch mit in den Hof.

Fräulein Kuczinsky schien schon alles zu wissen, obgleich Klara noch keine Meldung erstattet hatte.

Wieder stand sie auf erhöhtem Platz, zu einer Rede bereit. Aber noch nie hatten die Mädchen sie so unbeherrscht gesehen. Rote Wolken des Unmuts jagten über ihr Gesicht. Ihre Hände zitterten, von ihrem Willen befreit. Sie rief: »Unser Lager ist geschändet worden. Ein scheußlicher Bubenstreich wurde verübt, nein, das Wort ist zu zahm, ein wahres Verbrechen, ein Einbruchsdiebstahl. Die äußeren Umstände lassen keinen Zweifel darüber, daß mit den Verhältnissen wohlvertraute Personen die widerliche Tat begingen. Diese Vandalen haben die Papiere durchwühlt, Schriftstücke vernichtet, die Kasse erbrochen und aus ihr Geld entwendet.« (Die Kasse war eine Zigarrenkiste, die vor langen Jahren einer der Kommandanten liegenließ und die im Auftrag Fräulein Kuczinskys mit blauem Papier überklebt wurde.) »Aber die Schuldigen mögen ja nicht denken, daß sie unentdeckt bleiben könnten. Ich werde sie finden und sie ihrer wohlverdienten Strafe entgegenführen.«

Kaum hatte die Leiterin ihre Rede beendet, flüsterte ihr Klara etwas zu. Und sofort verkündete Fräulein Kuczinsky mit triumphierender Stimme die Aufhellung dieses unerhört verwickelten Verbrecherstückes. »Gilda, natürlich! Sie ist überführt! Aber es wird ihr nicht gelingen, zu entkommen. Wie aber konnte, wie aber durfte ihr die Flucht gelingen. Haben wir denn keine Wache, keine Aufsicht?«

Sie rief sofort die Station der Lokalbahn und die in Frankfurt an der Oder an, sie verständigte die Polizei, dann begann sie, unterstützt von Klara, die Untersuchung.

Die Wache erschien. Sie bestand aus zwei Mädchen, die weiße Armbinden mit dem rotbestickten Wort »Wache« trugen. Klara hatte sie gestern ernannt. Ein langes dürres Mädchen und eine dicke Kleine. Nichts machte ihr solchen Spaß, als für jedes Amt immer die Unpassendste zu wählen.

»Ihr Pflichtvergessenen! Wie konnte die Verbrecherin unsichtbar verschwinden?«

»Wir haben ja Gilda gestern abend gesehen. Aber wir haben uns dabei nichts gedacht.«

»Das glaube ich euch, daß ihr nichts gedacht habt.«

»In der Kommandantur war Licht, und wir dachten, sie geht zu Ihnen, Fräulein Kuczinsky.«

»Zu mir? Spät in der Nacht?«

»Es war um halb zehn. Um diese Zeit waren schon öfters Mädchen bei Fräulein Kuczinsky.«

»Wenn wir die Zeit verplaudert haben. Aber sie kamen doch immer viel früher.«

»Erst sahen wir nur eine kleine Gestalt. Da haben wir das Paßwort verlangt«, sagte die große Dünne.

»›Schlageter!‹, hat sie sofort gerufen, an ihrer Stimme haben wir sie erkannt. Es war auch Mondlicht«, erklärte die Dicke.

»Wir konnten nichts ahnen. Sie ging schnurstracks auf die Kommandantur, als ob sie bestellt wäre.«

»Diese durchtriebene Verbrecherin. Sie hat sich versteckt. Und nur darauf gelauert, daß ich schlafen gehe.«

»Ja«, schluckte die Dünne. »Dann wurde es dunkel. Fräulein Kuczinsky sind in Baracke eins gegangen.«

»Na, und dann?«

»Nach einer Weile haben wir wieder Licht in der Kommandantur gesehen. Wir dachten –«

»Ja, denken statt handeln.«

»Wir dachten, Fräulein Kuczinsky sind auf die Kommandantur zurückgegangen«, flüsterte die Dünne. »Es war Licht in Ihrem Arbeitszimmer.«

»Da hatte die Verbrecherin in meinen Papieren gewühlt, die Kasse aufgebrochen. Wie lange war Licht?«

»Eine halbe Stunde, oder eine Stunde.«

»Vielleicht noch länger.«

»Das nenne ich eine Wache, die genau Bescheid weiß! Und dann?«

»Dann wurde es dunkel.«

»Wir dachten, Fräulein Kuczinsky sind wieder in Baracke eins gegangen.«

»Aber gesehen habt ihr mich nicht. Auch Gilda habt ihr nicht aus der Kommandantur kommen sehen.«

»Nein, aber Sie konnten ja hinübergehen, als wir unsern Rundgang machten.«

»Natürlich ist die Verbrecherin durch ein Fenster der Kommandantur ins Freie gelangt. Zweifellos war ihr das nicht schwergefallen.«

Die Mädchen befanden sich in angenehmer Spannung. Schon daß überhaupt etwas geschah, das das ewige Einerlei durchbrach, erfreute sie. Die Gilda, die jetzt frei umherging, wurde von dem Glanz des Heldischen umlodert. Sie hatte etwas, das im geheimen sich schon jede gewünscht hatte, mit Mut und Schlauheit durchgeführt. Alle, auch jene, die von ihrer Fremdartigkeit abgestoßen wurden, wünschten jetzt, ihre Flucht möge gelingen. Sogar Tina erhoffte es, obgleich sie wegen ihres allzu guten Schlafes ins Strafkommando versetzt wurde.

+++

Die Zeit verging langsam. Es war Weltanschauungsstunde. Fräulein Kuczinsky sprach über die Vernegerung Frankreichs. Während sie seinen nahen Untergang prophezeite, hob sie manchmal den Kopf, als versuchten ihre Ohren, Telefonklingeln aufzufangen. Die Mädchen seufzten. Wenn Gilda bis Mittag nicht auftauchte, war sie wahrscheinlich gerettet.

»Frankreich wollte versuchen, die deutsche Rasse auch zu verderben, deshalb wurde das besetzte Gebiet mit Negerregimentern überschwemmt. Deutsche Frauen sollten von den Schwarzen geschändet werden –«, rief Fräulein Kuczinsky, als man von der Landstraße her Laute vernahm. Alle horchten. Man hörte so selten fremde Stimmen.

Fräulein Kuczinsky lief zum Fenster, von dem man einen weiten Blick auf Felder und auf die Straße hatte. Obgleich sie sich selbst Ruhe befahl, um die Ordnung aufrechtzuerhalten, konnte sie einen kleinen Freudenschrei nicht unterdrücken. Sie erblickte eine kleine Gruppe, die dem Lager zustrebte.

Zwischen einem Landjäger und einem SS-Mann sah sie klein, wie verloren, Gilda. Sie machte keinerlei Versuche zu entkommen, sie lachte sogar und unterhielt sich mit ihren Begleitern ganz freundschaftlich, wie jemand, der sich mit dem Unabänderlichen abfindet.

Sofort rannten auch die Mädchen zum Fenster und waren nicht mehr auf ihre Plätze zurückzuscheuchen. Gilda war es also doch nicht gelungen zu entkommen.

Sie sah ganz verändert aus, als wäre sie aus einer fernen Fremde gekommen. Das machte, weil sie ihre zierlichen Kleider aus der früheren Zeit trug und nicht die unförmigen des Lagers. Auf ihren Locken saß keck und unternehmungslustig ihr Käppchen. Ihr Gesicht war ruhig, nur ein wenig spöttisch, oder waren die dahinhuschenden Schatten Trauer?

Als die Leiterin sie in Empfang nahm, schleuderte sie sofort ihre Anklage gegen die Ausreißerin: »Du bist des Einbruchsdiebstahls überführt. Nur deine Jugend rettet dich vor dem Zuchthaus. Aber in der Fürsorgeanstalt sollst du lernen, welche Pflichten du der Gemeinschaft gegenüber hast.«

Die Mädchen oben hörten nichts von diesen Worten, aber alle fühlten, als hätten sie selbst eine Niederlage erlitten.

»Hätte sie doch wenigstens den Zug erreicht!«

»Die Polizei findet auch in Berlin jeden.«

»Man wird uns von nun an noch strenger bewachen!«

»Und ich kann Scheißhaus putzen.« Tina ließ ihre rauhesten Töne erklingen.

»Du hast gar nichts zu jammern. Der Gilda wird's schlimmer ergehen.«

»In der ihrer Haut möcht ich nicht stecken.«

»Ich habe das Ganze satt.«

Wie ein Echo ertönte es von allen Seiten: »Ich auch! Ich auch!«

Da die Leiterin nicht kam, liefen sie hinunter. Das Verhör nahm seinen Fortgang. Gilda verteidigte sich.

»Ich habe keinen Einbruch verübt. Ich habe nur sovielmal fünfundzwanzig Pfennige genommen, wie ich Tage hier gearbeitet habe. Auf das Geld hatte ich Anspruch.«

Flüsternd und zischelnd formte sich von allen Seiten das Wort: »Sold«.

»Gearbeitet?! Du bist hier nur mit Opfern für eine Arbeit vorbereitet worden, für eine Arbeit, die du erst leisten sollst.«

»Ich habe früher schon Geld verdient«, sagte Gilda trotzig.

Das Flüstern ringsherum verstärkte sich und erhöhte nur den Unwillen der Leiterin.

»Deine Unverschämtheit wird nur strafverschärfend wirken. Verlaß dich darauf.«

Gilda schwieg. Nicht etwa verängstigt, sondern so, als hätte sie die Eitelkeit aller Worte eingesehen.

Sie wurde von Fräulein Kuczinsky in Baracke eins transportiert. Dort wurde sie in einen dunklen, karzerähnlichen Raum eingesperrt. Wahrscheinlich diente er auch zur Zeit des Kriegsgefangenenlagers als Hausgefängnis.

Dann telefonierte die Leiterin.

Mittags schien sie Gilda vergessen zu haben. Sie machte keinerlei Anstalten, sie mit Essen zu versorgen.

Elisabeth wartete eine Weile, dann stand sie auf und sagte: »Darf ich Gilda etwas hinüberbringen?«

Fräulein Kuczinsky blickte sie an, als wäre ihr unvermutet eine Wahnsinnige begegnet. »Was fällt dir ein?«

»Ich kenne Gilda noch von früher. Ich fühle mich für sie verantwortlich.«

»Daran hättest du etwas früher denken und sie vom bösen Weg abhalten sollen.«

Elisabeth füllte einen Suppenteller.

»Du erlaubst dir viel. Deine Gilda wird nicht so schnell verhungern.«

Aber Elisabeth streckte nur ihre Hand aus nach dem Schlüssel. Ihr Blick ruhte so unverwandt, so entschlossen in Fräulein Kuczinskys dunklen, flackernden Augen, daß diese sich bezwungen gab.

»Du weißt, wie ich dir vertraue. Rede auf ihr Gewissen ein. Trachte, sie zur Einsicht zu bringen.«

Die kleine Hilde verfolgte gespannt jede Bewegung Elisabeths. Aber diese merkte nichts davon.

Gilda lag auf einer Pritsche, als Elisabeth eintrat. Sie zog die Decke höher. Nur ihr schöner, kindlicher Kopf lugte aus dem verwaschenen bitteren Grau. Sie lächelte Elisabeth entgegen.

»Schäm dich. Solche Dummheiten machst du. Davonlaufen und Geld nehmen.«

»Hätt ich doch mehr genommen. Hätt ich doch alles genommen, was in der Kasse war. Dann hätte ich mir ein Auto mieten können und hätte Frankfurt an der Oder erreicht. Und wäre bis zur Grenze gefahren. Dann zu Fuß hinüber. Ich wäre gerettet gewesen.«

»Gerettet, wovon?«

»Von allem, was hier ist.«

»Meinst du, über der Grenze ist es anders? Dort würdest du glücklicher sein?«

»Das weiß ich nicht. Es ist jetzt auch gleich. Es ist alles zu Ende.«

»Laß die Überspanntheiten. Man wird dir schon nicht den Kopf abreißen.«

»Man kann mir Schlimmeres antun.«

»Rede keinen Unsinn. Iß jetzt lieber deine Suppe. Wir wollen überlegen, was man tun könnte.«

»Nichts. Für mich gab es nur die Flucht oder -«

»Oder?«

»Nichts. Das Nichts. Ich wollte ja gar nicht davonlaufen. Ich wollte nur Großvaters Brief. Damit die Kuczinsky ihn nicht anzeigen kann. Dann wollte ich auch wissen, was er geschrieben hat.«

»Und was hat er geschrieben?«

»Armer Großvater. Weil ich so stolz darauf war, daß ich die Schützenkönigin wurde, dachte er, ich spiele auch gern Soldat. Er wollte mich warnen. Soldaten braucht man zum Krieg, schrieb er, Soldaten, die nicht denken. Man will uns alle dumm machen und ins Verderbnis stürzen, wie schon einmal.«

»Du hättest den Brief zerreißen sollen. Dann hätte man keinen Beweis gegen ihn.«

»Das habe ich ja getan. Aber ich habe noch anderes gefunden.«

»Was denn?«

»Die Papiere. Jede von uns hat einen Gesundheitspaß und eine Stammrolle. Und über jede hat die ›Zange‹ einen Bericht verfaßt. Darin hat sie alles zusammengetragen, was sie über uns ausgeforscht hat. Über unsere Gesundheit und über unsere Abstammung und über unsere Eltern und über unsere moralische Haltung und ob wir für die Gemeinschaft nützlich sind oder schädlich.«

»Ach, über mich steht etwas?«

»Über uns alle.«

»Aber ich verstehe immer noch nicht, warum du davonlaufen mußtest.«

»Du. Mein Vater ist in der Nervenheilanstalt Buch gestorben. Das habe ich nie gewußt. Nie hat man mir das gesagt. Und über mich hat die Kuczinsky geschrieben: Gilda Bertram, erblich schwer belastet. Asozial. Zu jeder Gemeinschaft unfähig. Für die Nation unnütz.«

»Das ist gemein. Dazu hat sie kein Recht.«

»Sie hat das Recht. Du, es ist schrecklich, so ausgeliefert zu sein.«

»Rede doch nicht so. Du hast vielleicht alles mißverstanden.«

»Ich habe sehr gut verstanden: Mein Vater hatte eine Gehirnverletzung, aber die Ärzte bestritten, daß sein Nervenleiden eine Folge dieser Kriegswunde sei. Deshalb mußte der Staat nicht zahlen. Jetzt erst begreife ich den Kampf meiner Mutter und meines Großvaters mit dem Versorgungsamt. Wie sie es hassen. In meiner Vorstellung war es das Drachenungeheuer der Märchen.«

»Überleg doch ein bißchen ruhig, Gilda. Wann wurde dein Vater verwundet? Vor deiner Geburt? Steht das in den Akten?«

»Ja. Ich habe die Daten genau berechnet. Ich wurde gezeugt vor seiner Verwundung.«

»Wie kannst du da ›erblich belastet‹ sein?«

»Elisabeth, verstehst du denn nicht? Die Ärzte erklärten, er war schon früher krank. Vielleicht war er es wirklich. Meine Mutter hat oft über ihn gesprochen, nur über seinen Tod schwiegen sie alle. Er wollte ein großer Musiker werden, ein Komponist. Und er hat sich doch freiwillig gemeldet.«

»Wieso haben sie ihn aber genommen, wenn er krank war?«

»Das fragst du. Die Ärzte haben es nicht gefragt. Aber, daß er sich freiwillig gemeldet hat, war vielleicht Flucht. Er hat nicht mehr an seine Begabung geglaubt. Ich glaube auch nicht mehr an mich. Ich habe nicht die Kraft, gegen das Schicksal zu kämpfen.«

»Du redest richtig dumm und kindisch.«

»Jetzt komme ich in die Fürsorge. Und es wird mir ergehen wie ›Ichweißwas‹. Aber ich will nicht werden wie ›Ichweißwas‹. So ausgestoßen und ausgelöscht. Kalt und unempfänglich gemacht. Das wäre tausendmal schlimmer als blind zu sein oder taub. So will ich nicht leben.«

»Gilda, du sollst nicht in die Fürsorge kommen. Wir werden ein Gesuch einreichen und beweisen, daß du nicht gestohlen hast, sondern nur das Geld genommen, das dir zukommt.«

»Man würde euch doch nicht hören. Aber auch wenn ich jetzt nicht in die Fürsorge käme, wäre ich nicht doch in ihrer Macht? Die Kuczinsky ist auch antragsberechtigt. Deshalb bin ich ja geflohen. Ich könnte nicht in ewiger Angst leben.«

»Aber leben wir nicht alle in ewiger Angst? Auch ich habe oft Angst und weiß gar nicht warum. Meinst du, das ist in Ordnung? Ich sehe vielleicht gesund aus, aber das kann täuschen. Und was steht über uns andere in den Papieren?«

»Unsere Väter waren Soldaten.«

»Sind sie alle krank?«

»Krank oder tot. Ist es nicht merkwürdig, daß wir in einem Kriegsgefangenenlager leben?«

»Bis jetzt habe ich darüber gar nicht nachgedacht.«

»Ich auch nicht. Auch nicht über die Mädchen. Nicht über Tina. Ihr Vater war Unteroffizier. Als der Krieg zu Ende war, blieb er verschollen. Man wußte nicht, ob er gefallen war. Später hatte die Mutter Tinas ihn tot erklären lassen. Dann heiratete sie einen anderen Mann. Tina haßte ihren Stiefvater, und sie malte sich aus, daß ihr wirklicher Vater, den sie nie gekannt hatte, lebte. Mit dreizehn Jahren ist sie von zu Hause fortgelaufen, um ihn zu suchen.«

»Besser wäre es gewesen, du hättest die Papiere nie gefunden.«

»Jetzt weiß ich vieles. Die Minna ist aus Karlsruhe. Sie war in einem Kinderwagen auf der Straße, als in der Nähe eine Fliegerbombe platzte.«

»So?«

»Mir ist es schon früher, besonders bei der Schießübung, aufgefallen! Wenn sie einen Knall hört, verbirgt sie so komisch ihren Kopf zwischen den Schultern.«

»Beim Trompeten sieht sie auch oft aus, als hätte sie Angst.«

»Ja. Über Hanna Köhler habe ich auch gelesen. Ihr Vater fiel im Krieg. Später lebte ihre Mutter mit einem französischen Kriegsgefangenen. Keiner im Dorf wollte mehr mit ihr sprechen, weil sie es mit dem Feind hielt. Als der Franzose zurückfuhr in seine Heimat und sie allein ließ, beging sie Selbstmord.«

»Gilda, ich möchte nichts mehr hören.«

»Der Vater von ›Ichweißwas‹ sitzt im Zuchthaus. Und Hildes Eltern sind im Konzentrationslager.«

»Das weiß ich.«

»Ihr Vater hat als junger Soldat die Revolution mitgemacht. Er wurde in einen Soldatenrat gewählt. Im Bericht steht, daß er störrisch und bösartig ist und daß er auch seine Frau auf den schlechten Weg gebracht hätte. Die Mutter Hildes ist schwer erkrankt. Und über Hilde schrieb die ›Zange‹: Untermenschentyp.«

»Wie gemein. Sie dürfte das nicht. Und was steht in den Akten über mich und meine Eltern?«

»Dein Vater ist Kriegsverletzter.«

»Ja. Er ist immer so leicht aufbrausend. Oft brütet er vor sich hin und klagt über Schmerzen. Aber ich habe mir darüber nie Gedanken gemacht. Ich fand es natürlich. Väter sind halt so. Väter sind Kriegsverletzte. Und was hat sie über mich geschrieben?«

»Sie hat dich erst als ›wertvoll‹ gebucht. Dann aber hat sie ein Fragezeichen gemacht: Schlechter Umwelteinfluß?«

»So? Und sonst? Was hat sie noch über meine Familie geschrieben?«

»Du hattest einen kleinen Bruder?«

»Ja, er starb als Kind. Ich entsinne mich ganz dunkel, daß ich einmal sah, wie er sich in schweren Krämpfen wand, ganz blau im Gesicht. Meine Mutter sagte, er starb von den schlechten, gefälschten Lebensmitteln.«

»Das ist aber nicht vermerkt.«

»Und darf man fragen, was du über mich und meinen bedauernswerten Erzeuger erfahren hast?« Klara stand mit verschränkten Armen im Türrahmen und lachte. »Und was weißt du über meinen Onkel Helmuth und über meine Tante Jenny?«

»Über dich weiß ich nichts.«

»Das ist aber wirklich rücksichtslos, daß du gerade mich ausgelassen hast.«

»Ich habe nur ganz wenige Akten gelesen. Ich mußte mich ja beeilen.«

»Es wäre viel wichtiger gewesen, alles genau zu lesen, als davonzulaufen. Wenn ich an deiner Stelle gewesen wäre, wüßte ich heute alles über alle. Wie amüsant das wäre! Ob auch das in den Akten steht, was ich Fräulein Kuczinsky über die Mädchen erzählt habe? Manchmal habe ich einfach was Spaßiges oder Interessantes ausgedacht. Ich beneide dich, Gilda, daß du auf diese Idee verfallen bist. Wir haben also alle unseren kleinen Knacks weg. Kann ich mir denken. Man quasselt uns so viel über Gesundheit vor, weil wir krank sind. Das ist immer so. Ihr solltet meine Tante Jenny kennen. Es gibt keine Krankheit, die die nicht hätte. Und von morgens bis abends redet sie von nichts weiter als von Gesundheit.«

»Die Gilda soll jetzt ihre Suppe essen.«

»Kann ich gut begreifen, daß sie auf die Lorke verzichtet. Mit dem Essen ist es genauso wie mit der Gesundheit. Wenn man nichts richtiges zu fressen hat, spricht man immer von Sattsein. Wißt ihr noch, wie die ›Zange‹ verkündet hatte: In allen Lagern müsse man von nun an statt ›Gesegnete Mahlzeit‹ mit ›Gut satt‹ grüßen. Da ahnten wir doch alle gleich: Von nun an werden wir noch mehr Kohldampf schieben. Aber Gilda, ich werde dir Schokoladenplätzchen bringen. Ich werde sie aus der ›Zange‹ herauslotsen, doch du mußt mir alles, was du weißt, erzählen.«

»Hör mal, Klara, könntest du mich nicht ein bißchen mit Gilda allein lassen?«

»Ich bin ja in einem wichtigen Auftrag hier, Elisabeth; ich soll dich holen. Es ist aber auch unerhört, so lange zu bleiben. Gib den Schlüssel her. Ich soll die Verbrecherin einsperren.«

Elisabeth stand vor der Pritsche. Gilda verschwand fast ganz in dem Grau der Decke. Sie mußten noch allein miteinander sprechen.

Da tauchte aber schon Fräulein Kuczinsky auf. Sie scheuchte sofort Elisabeth und Klara aus der Kammer.

Ihr Blick streifte verachtend Gilda.

»Du hast Schande auf das ganze Lager gebracht. Deine Strafe wird dich erreichen.«

»Ich bin die Schützenkönigin«, flüsterte Gilda mit übertriebener und komischer Selbstüberhebung.

Kleiner Hanswurst, dachte die Leiterin und drehte mit energischer Bewegung den Schlüssel im Schloß um.

Auf dem Hof schmetterten die Kommandotöne der Ordnungsübungen: »Stillgestanden!«, »Rührt euch!«, »Knien!«, »Auf!«, »Hinlegen!«, »Auf!«. Da brach ein ferner Knall in die gleichmäßigen Rufe.

Einen Augenblick horchten alle. Die Pause zwischen den Kommandos vergrößerte sich. Lastend nahm die Stille bedeutungsvollen Raum ein. Dann aber erklangen wieder scharf die Worte: »Augen geradeaus! Wegtreten!«

Fräulein Kuczinsky eilte zu Baracke eins. Dann kam sie mit verstörtem Gesicht wieder. Ihren Händen, die sinnlos umherirrten, entfielen alle Gegenstände. Die Mädchen hörten sie aufgeregt telefonieren.

Am Abend teilte sie mit zerknitterter Stimme mit, daß sich im Lager ein bedauerlicher Unglücksfall ereignet hatte. »Gilda Bertram hatte sich unerklärlicherweise ein Gewehr verschafft und es in ihrem. Bett verborgen. Beim Hantieren ging wahrscheinlich ein Schuß los und traf Gilda so unglücklich, daß sie -« Die Stimme versagte; erst später fiel hart und schwer das Wort: »starb«.

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