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Elisabeth, ein Hitlermädchen

Maria Leitner: Elisabeth, ein Hitlermädchen - Kapitel 17
Quellenangabe
authorMaria Leitner
titleElisabeth, ein Hitlermädchen
publisherAufbau-Verlag
year1985
firstpub1937
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180928
projectid8c745c16
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Sechzehntes Kapitel.
Der Brief

Wieder trompetete Minna. Aber es war ein neuer Morgen. Schon waren viele Tage vergangen. Die rostigen Töne schlugen gegen die Ohren, die sich widerwillig abschließen wollten, doch das Lied drang zudringlich und hämmernd in die Gehirne:

»Deutschland erwache! Juda den Tod!«
»Volk ans Gewehr! Volk ans Gewehr!«

Aus einigen Betten kamen Rufe:

»Aufhören, Minna! Es ist noch zu früh für dein Wecken!«

»Der Teufel hol die Minna, ich will schlafen!«

»Diese Trompete ist eine Gemeinheit.«

Aber Minna trompetete weiter.

»Ichweißwas« setzte sich im Bett auf und leckte genießerisch den Mund: »Daß du mich gerade jetzt wecken mußtest, wo ich einen sooo schönen Traum hatte.«

»Du brüstest dich immer, du Lügenliese.«

»Ha, ihr seid ja nur neidisch. Habe ich schön geträumt! Ich bin spazierengegangen und hatte einen Schießprügel in der Hand. Ich konnte so gut schießen, besser als Herr von Kreuth. – Und da kam ich zu einer feinen Konditorei, und im Schaufenster war eine riesige Schokoladentorte aufgebaut. Da habe ich geknallt, mitten in die Scheibe, und klirr, fiel das Glas zu Boden. Ich langte mit der Hand hinein und nahm mir die Torte. Au, hat die fein geschmeckt. War aber noch ein großes Stück übriggeblieben. Wozu hat mich die blöde Trompete geweckt! Hätt sie mich doch auffressen lassen sollen!«

»Im Traum kann man ja gar nicht schmecken«, sagte Minna und unterbrach für einen Augenblick das Trompeten.

»Hast du 'ne Ahnung, wie die fein geschmeckt hat. Sie war mit Aprikosenmarmelade gefüllt, und darüber war Schlagsahne.«

»Warum kann ich nie so etwas träumen«, seufzte Hanna Köhler, das frühere Dienstmädchen. »Ich träume immer nur vom Exerzieren: ›Stillgestanden‹, ›Knien‹, ›Hinlegen‹.«

»Haha«, schrie »Ichweißwas«. »Du träumst ja noch was Schöneres. Hinlegen. So was möcht ich auch träumen!«

»Ruhe!« brüllte kommandierend Tina. »Sputet euch mit dem Bettenbau.«

Minna aber dachte noch an die Schokoladentorte. Sie ließ die Trompete stumm in die Luft baumeln und sagte zu »Ichweißwas«: »Aber was nützt dir, wenn sie noch so gut schmeckt; satt kannst du im Traum nicht werden.«

»Wenn du wach bist, kannste auch nicht satt werden.«

»Hätte man nur genug zu fressen, könnte man's schon.«

Gleich aber erinnerte sie sich wieder ihrer Pflicht, und sie blies wieder in die Trompete: »Volk ans Gewehr! Volk ans Gewehr!«

»Ich habe auch schön geträumt«, sagte Gilda, die ihre Haare zu bändigen suchte. Fräulein Kuczinsky hatte gestern auf ihre schönen braunen Locken gewiesen und gesagt: »Solche Zotteln tragen nur Untermenschen.« Im Traum war sie ganz weit weg von hier.

»Ich habe getanzt, ohne den Boden zu berühren. So leicht war ich. Es war herrlich, so zu schweben und gar nicht mehr zur Erde zu gehören.«

Elisabeth mußte lächeln: Gerade zur Erde zu gehören ist schön. Wo gäbe es anderswo ein solches Gesicht, das mir im Traum erschien. Tagsüber ist es oft schwer, sich die Züge, an die man so oft denkt, vorzustellen, nachts aber erscheinen sie ungerufen, ganz unvergessen sind sie da.

»Schläfst du noch? Mach lieber dein Bett!« schrie Tina sie an.

»Wer ist heute Schmor?« rief jemand.

»Die Lilli.«

»Daß uns Gott erbarm. Heute kann man wieder mal glatt verhungern!«

»Wißt ihr, warum man ›Schmor‹ sagt und nicht Köchin?«

»Guckt mal an, Hanna Köhler stellt Rätselfragen. Na, schieß man los.«

»Weil unsere Köchinnen in der Hölle schmoren werden.«

»Koch du was Gutes aus den Zutaten, die wir kriegen«, sagte Lilli verletzt.

»Was gibt's denn heute?«

»Knorrs Erbsenwürste.«

»Die Würste muß man sich dazudenken.«

»Ach, wie herrlich wären dicke, fette Würste.«

»Würste mit Speck und Knorpel.«

»Knusprige Bratwürste.«

»Schinkenwürste.«

»Aufhören! Mir läuft das Wasser im Mund zusammen.«

»Es gibt ja doch nichts weiter als Malzbrühe, bitter wie das Leben.«

»Wenn wir wenigstens Kühe hätten.«

»Dann müßten wir immerfort melken.«

»Mir wär das Melken lieber als Ordnungsübungen.«

»Ach ja, Kühe wären herrlich. Es gäbe Milch, Butter, Sahne.«

»Schlagsahne!« schrie »Ichweißwas«.

»Ach, du mit deiner ewigen Schlagsahne«, sagte Tina, die auf einen Augenblick ihre Würde vergaß. »Ich möchte etwas Deftiges essen, Speck mit Bauernbrot und ein Stück fettes Fleisch.«

Tinas Hals ragte knochig und sehnig aus dem Trainingsanzug. Von Tag zu Tag wurde dieser Hals dürrer.

Tina wollte schnell das Bekenntnis ihrer Gefräßigkeit gutmachen und kommandierte wieder laut schallend und soldatisch: »Alles aufstehen!«

»Es wäre besser, wenn wir schon bei den Bauern wären, die haben Kühe.«

»Dann müßtest du noch früher aufstehen.«

Ein Mädchen, das langsam aus seiner Decke kroch, sagte: »Bei den Bauern ist auch nichts. Meine Schwester war schon einmal Landhelferin. Glaubt nur ja nicht, wir bekämen die Butter und die Sahne. Wir kriegen nur Magermilch.«

»Wir müßten unseren Sold verlangen, dann könnten wir uns allerlei gute Sachen kaufen.«

»Ja, unseren Sold müßten wir haben, aber viel könnte man dafür nicht kaufen, für fünfundzwanzig Pfennig den Tag.«

»Aber wenn wir jetzt das ganze Geld herausbekämen, hätten wir gleich ein paar Mark, dafür könnte man sich schon eine Menge leisten.«

»Ach, du mit den paar Mark.«

»Ich würde mir sofort Zigaretten kaufen. Ich sterbe nach Zigaretten. Und wenn man raucht, hat man nie Hunger.«

»Ich würde mir eine Schokoladentorte kaufen mit Schlagsahne, aber Tina gäbe ich nichts davon ab.«

»Das Geld wird für uns aufgehoben, wir bekommen es als Fahrgeld, wenn wir zu den Bauern fahren«, sagte Tina, und in ihrer Stimme schwang einiges Bedauern.

»Das ist unrecht. Sold ist kein Fahrgeld.«

»Wenn du aber Fahrgeld brauchst, von wo willst du es dann nehmen?«

Alle diese Gespräche waren von der Trompete Minnas, die in allen Baracken weckte, bald nah, bald fern, begleitet: »Volk ans Gewehr! Volk ans Gewehr!« klang es manchmal leise, dann wieder laut.

Tina maß nervös den Raum. »Wann wollt ihr endlich mit dem Bettenbauen beginnen! Und räumt alles weg. Klara Kranz ist heute Führerin vom Dienst.«

Klara hatte den Ruf, zu schnüffeln und zu horchen. Sie gehörte zu den Lieblingen Fräulein Kuczinskys. Das verdankte sie ihrer krausen Phantasie. Irgendein Bild, das sie entdeckte, einige Zeilen eines Briefes genügten ihr, um Familienschicksale darzustellen, Charakterstudien zu entwerfen für die Akten und Mappen Fräulein Kuczinskys.

»Ich trinke Bohnenkaffee für mein Leben gern«, versicherte sie immer wieder der Leiterin, die ihr Geplapper in Notizen festhielt und Klaras Tasse neu füllte. Klara konnte sich auch rühmen, die Glanzstücke, Schokoladenplätzchen, aus Fräulein Kuczinskys Kekssammlung wie hohe Auszeichnungen zu erhalten. Klara nahm ihre Ämter durchaus nicht ernst. Sie war immer auf Schabernack bedacht.

Das mißfiel Tina gründlich. Vor der wollte sie sich keine Blöße geben. Ihre Baracke sollte ein Muster an Ordnung und Disziplin sein.

Sie entdeckte einige Mädchen, die keinerlei Anstalten machten aufzustehen.

»Schande, du willst dich nicht etwa wieder krank melden«, herrschte sie Grete Barth an, deren glühendes Gesicht gegen die Pritsche klebte.

»Laß mich in Ruh«, sie hustete trocken.

»Du simulierst, meinst du, man kann deinem Husten nicht anmerken, wie du dich anstrengst?«

»Ja, es strengt mich an, mir die Lunge auszuspucken. Du Unmensch, willst du mich vielleicht zwingen aufzustehen?«

»Meinetwegen könntest du liegen bleiben, aber alles bleibt an mir hängen, ich bin die Stubenälteste.«

Tina musterte düster die Betten.

Sie entdeckte, ganz eingerollt in eine Decke, Cilly, das jüngste Hitlermädchen.

»Hast du auch nicht die Absicht aufzustehen?«

»Ich kann ja nicht«, stöhnte Cilly, »ich bin überanstrengt, ich kann nicht mehr stehen.«

»Überanstrengt? Wir kennen hier nicht solche verweichlichten Ausdrücke. Such den Fehler in dir selbst, nicht in andern!«

Elisabeth hatte sich an Cillys Bett gesetzt.

»Laß doch das Poltern, Tina. Wenn sich Cilly krank meldet, ist auch etwas mit ihr los.«

Cilly hatte doch den Ehrgeiz, das tüchtigste Hitlermädchen zu werden.

Tina sah sich nach neuen Opfern um. Natürlich Gildas Bett. Nie ist es straffgezogen. Nie sieht es ordentlich aus.

»Was soll dieser Zettel da am Fußende?«

»Das sind Noten, das sind die Anfangstakte aus der Ouvertüre von ›Figaros Hochzeit‹. Ich brauch sie nur anzusehen, und sie überstrahlen wunderbar die Trompete Minnas.«

»So was gehört nicht hierher. Du bist ein Ferkel, Gilda«, sagte Tina und zerknüllte das Blatt. »Meinst du, ich habe Lust, deinetwegen wieder ins Strafkommando zu kommen und Scheißhaus zu putzen?«

Da betrat die Inspektion die Baracke. Klara, begleitet von Herta Hacker, dem »Feldscher«.

Herta war gelernte Krankenschwester ohne Arbeit. Ihr Titel »Feldscher«, die Hausapotheke, »Feldapotheke«, die sie auf allen Gängen immer mitschleppen durfte, und der Militärton, in dem sie die Kranken anschnauzen konnte, gab ihr einige Genugtuung für ihre gescheiterte Existenz.

Die beiden wurden von Tina feierlich mit erhobenem Arm empfangen. Als sie in gehörige Nähe kamen, ließ sie heiser und so laut, daß die Wände es widerschallten, ihr Sprüchlein ertönen:

»Baracke drei, belegt mit vierundzwanzig Mädel, zur Stelle. Grete Barth erkältet. Cilly Marie fußkrank. Sonst alles in Ordnung. Heil Hitler.«

Klara winkte gnädig ab.

Der »Feldscher« ging mit langen, gewichtigen Schritten auf die Kranken zu.

»Schon wieder Kranke«, sagte sie mißbilligend, »alle Baracken sind voll Drückeberger. Wenn der Arzt nachmittags kommen wird, werden die Simulanten was erleben.«

»Du bist dazu da, um zu pflegen, und nicht, um dein Maul aufzureißen. Du bist eine schöne Krankenschwester«, würgte Grete zwischen einem Hustenanfall.

»Krankenschwester? Ich bin Feldscher. Im Krieg wird man euch lehren, zimperlich zu sein.« Herta Hacker sah im Krieg eine Gelegenheit zu großem Aufstieg. Als man sie entließ, hatte die Oberschwester auf ihre Klage, daß sie nun überflüssig sei, tröstend gesagt: »Du wirst noch sehr wichtig sein und eine hohe Stellung erreichen können, wenn der Krieg kommen wird.« Seitdem wartete Herta Hacker auf den Krieg.

Sie legte ihre Hand auf die heiße Stirn Gretes und erklärte: »Es ist nichts Schlimmes, ich werde dir ein Pulver zum Schwitzen geben.«

Dann ging sie zu Cilly:

»Schäm dich, wegen ein bißchen Muskelkater im Bett bleiben zu wollen.«

»Au«, schrie Cilly, als die knochigen Finger Hertas ihren Fuß berührten. »Ich werde nie mehr richtig gehen können.«

»Du wirst schon sehen, wie gut du morgen wieder deine Ordnungsübungen machen wirst. Heute bleibst du im Bett und bekommst kalte Umschläge.«

Als Herta Hacker weitermarschieren wollte, versperrten ihr die roten Dienstmädchenhände Hanna Köhlers den Weg.

»Du, hör mal. Bei mir ist auch nicht alles in Ordnung. Ich wollte schon den Arzt fragen, aber es ist mir unangenehm. Wir leben hier ganz abgeschlossen, sonst könnt ich ja einen Verdacht haben, aber so. –«

Herta lachte trocken: »Mach dir nur ja keine überflüssigen Sorgen. Im Lager ergeht es mancher ähnlich von den starken körperlichen Bewegungen.«

»Und dem üblen Fraß«, sagte Grete Barth, »wir hören ja auf, Frauen zu sein.«

»Die berühmte Amazonenkrankheit«, trug Lilli vor. »Auch in Griechenland wagte die gütige Natur nicht, die kämpfenden Amazonen an ihr Weibtum zu erinnern.«

»Das ›Fräulein Doktor‹ weiß aber auch alles. Daß man hier nicht mit so was belästigt wird, finde ich sehr in Ordnung. Das gefällt mir gerade am Lagerleben«, sagte Tina.

Cilly hatte sich aufgesetzt und folgte gespannt dem Gespräch. Sie hatte auf einen Augenblick ihre Fußschmerzen vergessen.

»Wißt ihr, ich habe es bei mir auch bemerkt, aber ich habe mich mächtig gefreut.« Ihre Stimme erstickte flüsternd. »Ich dachte, ich werde vielleicht ein Mann. – Warum lacht ihr so blödsinnig, ihr dummen Gänse?«

»Nein, daß so etwas bei uns im Lager lebt! Die gehört ja in eine Kleinkinderbewahranstalt.«

»In die Abteilung für Dreijährige.«

»Ihr seid so eingebildet, weil ihr alt seid, ihr Altmodischen! Ihr wißt ja nicht einmal, was in der Welt vorgeht. Ist nicht die tschechische Olympiasiegerin ein Mann geworden; und die polnische und die belgische vom vielen Sport? Ich möcht ja viel lieber bei den Pimpfen sein als bei euch. Bei den Jungens ist es so viel schöner. Ich weiß es von meinem Bruder.«

»Und dein Bruder möchte sicher ein ›Kücken‹ sein«, sagte Lilli. »Ihr schneidet gegenseitig feste auf, was?«

»Genug vom Gequassel, Abmarsch zum Frühsport«, brüllte Tina.

»Kannst du es dir vorstellen, daß es in der Welt Musik gibt und Schönheit.« Gilda hatte Elisabeths Arm gepackt.

»Schönheit«, höhnte Tina. »Deine Schönheit ist nichts weiter als Unordnung.«

Beim Frühstück ging es laut zu.

»Diese ekelhafte Brühe.«

»Verdünnte Tinte mit einem Schuß Sacharin.«

»Das Brot klebt wie Kleister.«

Wenn Klara Führerin vom Dienst war, durfte man nach Herzenslust schimpfen, aber heute gebot sie Ruhe.

»Kinder, ich rate euch, haltet 's Maul. Es gibt dicke Luft. Die ›Zange‹ will die Post selbst verteilen.«

+++

Fräulein Kuczinsky stand vor den Mädchen und hielt ein Briefpaket in den Händen. Feierlich und ernst rief sie die Empfängerinnen von Post einzeln auf. Wie fuhren die Mädchen zusammen, wenn ihnen ihr Name hart zuflog. Und doch gab es sonst nichts Ersehnteres als einen Brief.

Elisabeth schreckte auf. Sie hörte ihren Namen: Elisabeth Weber. Sie nahm aus Fräulein Kuczinskys Hand einen Brief, Erwins Brief. Sie riß den Umschlag mit ungeduldigen Händen auf:

»Liebe Elisabeth, ich muß Dir etwas Wichtiges, Neues mitteilen. Ich stehe an einem Wendepunkt meines Lebens. Wir müssen uns sprechen. Es ist für mich von größter Wichtigkeit. Heute ist Dienstag. Am Montag bin ich auf der Durchreise in Frankfurt an der Oder, in Deiner Nähe. Sei um vier Uhr nachmittags in der Bahnhofswirtschaft. Du mußt es durchführen. Dein Erwin.«

Sie hörte nicht mehr die Namen, die Fräulein Kuczinsky rief. In ihren Ohren klangen nur zwei Worte: »Dein Erwin«. Weich hüllten diese Worte den ganzen Raum ein. Sie verwandelten die abgestandene Luft in dem Lehrraum für Weltanschauung. Sie zeichneten sich zwischen den Tafeln für Rassenkunde und schlängelten sich zwischen den Spruchbändern.

In Fräulein Kuczinskys Hand blieb nur noch ein letzter Brief. Die Stimme, mit der sie »Gilda Bertram« rief, hatte jetzt den dramatischen Höhepunkt erklommen. Ihre Hand überließ aber diesen Brief nicht seiner Besitzerin. Gilda stand vor ihr mit ausgestreckter leerer Hand wie ein kleiner Hund, der Pfötchen geben soll.

»Diesen Brief gebe ich dir nicht.« Sie hielt ihn von sich wie einen verpesteten Gegenstand, der Unheil anrichten müsse. »Ihr wißt, ich überprüfe stichweise eure Korrespondenz, wie es mir meine Pflicht vorschreibt. Besonders nehme ich mich jener an, die mir gefährdet erscheinen, die unfähig sind, sich in die Gemeinschaft einzufügen. Gilda Bertram gehört zu diesen Asozialen. Sie hat von einem nahen Anverwandten ein Schreiben aufreizenden Inhalts erhalten.«

»Wer hat mir denn geschrieben? Ich bekomme doch nur von meiner Mutter und von meinem Großvater Briefe.«

»Ich verbitte mir jede Unterbrechung.«

»Dieser Brief, ja, er ist von deinem Großvater, gefährdet nicht nur mein Erziehungswerk, er wagt es, an den Grundlagen unseres Staates zu rütteln.«

»Das ist nicht wahr«, flüsterte Gilda, »bitte, geben Sie mir den Brief, liebes Fräulein Kuczinsky, geben Sie ihn mir.«

»Damit du noch verdorbener wirst, und dann brauch ich den Brief. Ich werde gegen deinen Großvater wegen Gefährdung der Sicherheit des Staates Anzeige erstatten.«

»Nein, nein«, schrie Gilda. Dieses »Nein« war so verzweifelt, daß es die Mädchen, die dahindösten, aufhorchen ließ. Dieses »Nein« löschte alles aus, auch die Worte: »Dein Erwin«.

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