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Elisabeth, ein Hitlermädchen

Maria Leitner: Elisabeth, ein Hitlermädchen - Kapitel 15
Quellenangabe
authorMaria Leitner
titleElisabeth, ein Hitlermädchen
publisherAufbau-Verlag
year1985
firstpub1937
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180928
projectid8c745c16
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Vierzehntes Kapitel.
Das Mädchen »Ichweißwas«

Erst nannte man Erna die »Neue«, denn sie kam einige Wochen später als die anderen Mädchen ins Lager. Etwas Fremdes, Unerklärliches beschattete dies verschwommene Gesicht, das aussah, als hätte sein Schöpfer, gelangweilt von seinem schlecht gelungenen Werk, die Züge verwischt.

Fräulein Kuczinsky hatte die Neue Elisabeth anvertraut: »Du mußt sie scharf beobachten«, hatte sie ihr gesagt, »ohne daß sie dessen selbst gewahr wird. Du mußt mir über sie genau Bericht erstatten.« Und als sie Elisabeths Augen empört auffunkeln sah, fügte sie noch schnell hinzu: »Es ist im Interesse des Mädchens; es handelt sich um ein wissenschaftliches Experiment, das mir besonders am Herzen liegt.«

Elisabeth hatte sich erst über diesen Ausspruch weiter keine Gedanken gemacht, aber die Neue sorgte dafür, daß sie die Aufmerksamkeit auf sich zog.

Sie gestattete sich Freiheiten wie keine andere. Mitten beim Exerzieren oder bei einer weltanschaulichen Unterrichtsstunde lachte sie laut und ungeniert. Fräulein Kuczinsky, die sonst jeden Unernst auf das strengste verfolgte, übersah diese Unehrerbietigkeit. Für sie war Erna ein Untermensch, Verkörperung der Verdammten.

Kaum war Fräulein Kuczinsky außer Seh- und Hörweite, begann Erna ihr Sprüchlein und beobachtete gespannt die erwachte Neugierde ihrer Kameradinnen.

Im Schlafsaal und beim Essen wiederholte sie immer, nach den Mädchen schielend:

»Ich weiß was, was keines von euch weiß, aber ich darf's niemandem sagen. Ihr möchtet wohl wissen, was ich weiß?«

»Hör mal, ›Ichweißwas‹, wir wissen ganz gut, daß du dich nur brüstest, wir sind auf deine Weisheiten nicht neugierig«, sagte Gilda.

»Die Trauben sind sauer, sagte der Fuchs«, erwiderte Erna und kicherte vor sich hin. Den Namen »Ichweißwas« behielt sie von nun an.

+++

Es geschah am ersten Morgen, der den Frühling ankündigte. Durch die offenen, aber vergitterten Barackenfenster drang nicht mehr die geruchlose, wie entkeimte, feucht-kalte Winterluft, dem leichten Wind hatte sich der erste unbestimmbare, vielfältige Duft der erwachenden Fruchtbarkeit beigemengt. Die Bäume streckten noch kahl ihre Äste in die Luft, aber in ihrem dürren Grau bargen sich schon grüne Säfte, bereit, hervorzubrechen und sie mit strotzendem Leben zu überziehen.

Ein Vogelschrei brach durch die Stille, als wollte er das Drängen, die Sehnsucht, das Hervorbrechen, die Fruchtbarkeit in Töne umschreiben. Die Mädchen erwachten, als wären sie angerufen von der ewigen Stimme der Natur.

Singt ein Vogel, oder sind es zwei, dachte Elisabeth. Einer, dem sein Pärchen antwortet, oder ist es ein Einsamer? – Wir dürfen nicht mehr lange getrennt bleiben, Erwin.

Die Gegenstände hatten sich noch im Dunkel verborgen. Aber es war, als stünden sie nur hinter einem Schleier, der bald reißen würde.

Hier liegen wie eine Gefangene. Es ist schrecklich, wenn sich der Atem mit dem Atem von dreiundzwanzig Fremden vermischt. Könnte man nur hier einmal endlich heraus! überlegte Lilli. Ich könnte eigentlich eine Doktorarbeit schreiben: »Warum singen die Vögel?« Sicher gäbe es da riesig viel Literatur, und man würde nicht so leicht anecken wie bei einem sozialen Thema. Nur endlich hier rauskommen. Warum singen die Vögel?

Sing, Vogel, sing! Gilda versuchte, die Töne sich in Noten vorzustellen. Wie wunderschön könnte das Leben sein, wie herrlich ist die Welt; aber werde ich je wirklich leben, werde ich die Welt kennen, Städte und Landschaften?

Hilde schreckte auf, als wäre in ihrem spitzen, mageren Kinderkörper, in dem immer kalter Haß wütete, ein neues, unbekanntes Gefühl aufgebrochen. Irgendwo wartete auf sie Freude und Wärme. Sie wollte aufstehen, um ihre Wangen, ihre Stirn durch die Gitterstänge zu zwängen und sie in Morgenluft zu baden.

Schon hatte sie ihren Fuß aus der Decke gestreckt, als plötzlich »Ichweißwas« zu sprechen begann.

Schon der erste Laut bannte alle in völliger Bewegungslosigkeit.

»Ich weiß was, was ihr nicht wißt, aber jetzt sage ich es euch. Ich kann mit Männern schlafen, soviel ich will, mir kann nichts geschehen; ich kann kein Kind kriegen.«

So still war es noch nie im Schlafsaal, weil man auch den Atem der Mädchen nicht hörte. Jetzt durfte sie sprechen; die anderen waren nicht da, sie lebten vielleicht gar nicht mehr. Aber Fragen stellen konnte man.

»Wer von euch war schon in der Fürsorge?« fragte »Ichweißwas« in lautem befehlendem Ton, als wäre sie Fräulein Kuczinsky.

Dann antwortete sie ganz schnell, als müßte sie jeden verhindern, die stolze Antwort zu geben: »Ich war in der Fürsorge, ich war schon zweimal in der Fürsorge. Wißt ihr, warum man in die Fürsorge kommt?«

Sie antwortete wieder ganz schnell, als befürchtete sie, man könnte sie unterbrechen:

»Ihr denkt wohl, man kommt in die Fürsorge, weil man stiehlt oder weil man mit fremden Männern geht und dafür Geld nimmt? Ihr seid dumm, dumme Mädchen. In die Fürsorge kommt man, weil man erwischt wird.

Es stehlen genug Leute, die nicht in die Fürsorge kommen. Einmal haben sie unsere ganze Clique erwischt, wir hatten Obst geklaut und Schokolade. Die Kinder, die gut gekleidet waren, die gingen in die Läden und taten, als ob sie was kaufen wollten, wir anderen haben uns inzwischen die Taschen vollgestopft. Ach, gab's da feine Sachen zu fressen!«

»Ichweißwas« lachte lang und anhaltend, von angenehmen Erinnerungen überwältigt.

»Wäre ich auch gut in Schale gewesen, nie hätten sie mich erwischt. Die Kinder, wo die Eltern blechen konnten, kamen gar nicht in die Fürsorge. Aber ich bin auch ausgerückt. Damals war's noch nicht so streng. Wenn jemand ein bißchen Grütze im Gehirnkasten hatte, wußte er schon, wie man sich aus dem Staub machte.«

Sie lauschte, es beruhigte sie, daß sie keinen Laut vernahm, und sie sprach weiter: »Kennt ihr den Rehpark in Berlin? Ach, ist der schön! Und Männer gibt's da, soviel man will. Man bekommt von ihnen Schokolade und Geld. Da kann man essen, wozu man gerade Lust hat. Kennt ihr die Eisdiele Müllerstraße, Ecke Otawistraße? Dort konnte man so feines Himbeereis bekommen, mit Schlagsahne, ganz große Portionen. Und knorke Jungens waren da!«

»Ichweißwas« schnalzte mit der Zunge.

»Es sollte keine Fürsorgeschwestern geben, und sie sollten nicht im Rehpark herumpirschen. Das ist eine Schweinerei von ihnen, daß sie uns auflauern. Geht sie gar nichts an, was wir machen. Da hat mich wieder eine geschnappt; niemand konnte ahnen, daß es eine Fürsorgeschwester ist. Sie war genauso angezogen wie andere Frauen.«

Sie war in Wut geraten, als fände sie sich von einer Fremden wieder unerwartet gefangen.

»Da war schon der Hitler ran. In der Fürsorge waren sie noch ekliger als früher. Der Herr Anstaltsleiter mit dem Hakenkreuz, er hat mir gesagt, ich bin schwachsinnig. Schwachsinnig, so ein Dummkopf! Weil ich nicht hungern will! Der Dummkopf!«

Sie sang vor sich hin:

»Kartoffelsupp, Kartoffelsupp.«

Das sang sie wie einen Trauermarsch.

Dann freudig:

»Himbeereis, Himbeereis!«

»Kartoffelsupp, Kartoffelsupp!«

»Schokoladentorte!«

»Kartoffelsupp, Kartoffelsupp!«

»Schlagsahne!«

Immer langsamer und leiser, als wollte sie sich einlullen.

Sie schwieg. Sie schwieg so lange, daß die Mädchen dachten, sie würde aufhören zu sprechen. Dann begann sie wieder: »Den Schwachsinnigen schlitzt man den Bauch auf und schneidet alles raus, damit sie keine Kinder bekommen. Alle Kinder in der Fürsorge sind schwachsinnig oder asozial. Du bist ein schwachsinniges asoziales Element, hat der Herr Anstaltsleiter, der Herr Dummkopf, gesagt. Immer hat er extra dumme Fragen gestellt, damit man dumm antwortete. Man mußte über ihn lachen. Ein Mädchen, das den Laden schon kannte, hat mich gewarnt: ›Lach nicht, er ist antragsberechtigt.‹ Da wußte ich noch gar nicht, was sie meint. Er kann beantragen, daß man einem den Bauch aufschneidet.«

»Ichweißwas« sollte aufhören zu reden, dachten die Mädchen, aber sie hielten den Atem weiter an, um ihr Wachsein nicht zu verraten.

»Ichweißwas« begann mit ganz fremder Stimme zu leiern: »Im Hinblick darauf, daß die Allgemeinheit ein erhebliches Interesse an der Sterilisierung (sie sagte nicht ›Sterilisierung‹, sondern ›Stelirisierung‹) hat, übergebe ich dir dieses Merkblatt, so hat er gesprochen, der Herr Anstaltsleiter, und hat uns allen ein Merkblatt gegeben, das ist ein Blatt zum Merken, weil er schon den Antrag gestellt hat wegen dem Bauchaufschneiden. Wartet nur, ich zeige es euch.«

Sie begann, in ihrem Strohsack zu kramen. Alle Mädchen hatten ihre Strohsäcke zum Aufbewahrungsort ihrer Schätze gemacht, die sie vor unbefugten Augen verbergen wollten. Sie hatten sie sorgfältig mit Sicherheitsnadeln wieder zugesteckt. Jedes Mädchen hatte eine Art Geheimcode mit diesen Nadeln eingeführt, der ermöglichte, daß man sofort bemerkte, wenn sich Neugierige dem Sack genaht hatten.

»Ichweißwas« raschelte wie eine dicke Ratte in dem Strohsack; dann holte sie ein stark zerknülltes Blatt heraus, stand im Bett auf und rief: »Hört, hört, ich will es euch vorlesen, was sie uns geschrieben haben von den Behörden. Die Zettel hat uns der Anstaltsleiter gegeben, als er den Antrag gestellt hatte. Jedes Mädchen bekam einen, ich habe meinen aufgehoben; niemand darf es mir nehmen.«

Die Mädchen hatten sich ganz in ihren Betten eingegraben. Gut so, es war besser, zu Unsichtbaren zu sprechen.

Tina hatte einen Augenblick daran gedacht, kraft ihres Amtes als Stubenälteste einzugreifen und den weiteren Unfug zu verhindern, aber der Gedanke, ich schlafe ja doch eigentlich, betäubte ihr Pflichtgefühl.

»Ichweißwas« glättete den Zettel und hob ihn dicht vor ihre Augen. Es war noch dunkel, sicher las sie das meiste auswendig.

Krächzend und wiehernd begann »Ichweißwas«:

»Merkblatt über die Unfruchtbarmachung gemäß Artikel 2. Abs. 3 – Abs., was haben die für komische Worte – der Verordnung zur Ausführung des Gesetzes der Verhütung erbkranken Nachwuchses vom 5. Dezember 1933, Reichsgesetzbl. – was ist hier wieder bl., die Dummköpfe schreiben Quatsch – bl. I, Seite 1021.

Die Unfruchtbarmachung, das heißt die Unterbindung der Zeugungsfähigkeit männlicher und weiblicher Personen, hat den Zweck, die Weiterverbreitung von Erbkrankheiten zu verhindern. – Reden die aber geschraubt! – Jetzt kommt was Gutes, paßt mal auf!

Die Unfruchtbarmachung erfolgt in der Weise, daß ohne Entfernung der Hoden oder Eierstöcke die Samenleiter oder Eileiter verlegt, undurchgängig gemacht oder durchgetrennt werden. – Was sich diese Verrückten ausdenken. – Die Eingriffe werden von Fachärzten in den dazu bestimmten Krankenanstalten ausgeführt.«

Ich will das nicht hören, dachte Gilda, sing, Vogel, sing.

Die Stimme »Ichweißwas'« war von Lachen erstickt: »Irgendwelche gesundheitlichen Störungen sind von der Unfruchtbarmachung weder beim Manne noch bei der Frau zu befürchten. Das Geschlechtsempfinden und die Fähigkeit zum Geschlechtsverkehr werden durch die Operation nicht beeinträchtigt.«

Den Satz las sie unter Kichern zweimal, dann raschelte sie wieder im Strohsack und verbarg den Zettel sorgfältig. Dann legte sie sich erschöpft hin, als hätte sie sich überanstrengt. Ihre Augen wanderten über die Decke, sie seufzte lang und in Kadenzen wie eine alte Frau: »Erst haben die Mädchen in der Fürsorge gelacht, als sie den Zettel bekamen, dann haben sie geweint; ich habe auch geweint, weil ich Angst hatte vor dem Krankenhaus. Als der Beschluß kam, hat der Anstaltsleiter gesagt, man könne Einspruch erheben gegen den Beschluß. Aber die Eltern wollen doch keine Scherereien mit den Behörden.«

Einen Augenblick wartete sie auf Bestätigung, dann sprach sie: »Als die Lisa nach Hause kam, da hat ihre Mutter gesagt: Besser so, da bringst du uns wenigstens keine Gören auf den Hals; aber meine Mutter, die hat schrecklich geweint: Du armes Kind, hat sie gesagt, daß dir so etwas geschehen mußte mit deinen sechzehn Jahren. Die Armen sind wirklich arm, sagte sie.«

»Ichweißwas« schwieg eine Weile, als überlegte sie.

»Das sagt man doch immer, die Armen und die Reichen. Bei den Reichen ist's anders, und bei den Armen ist's anders. In der Fürsorge war ein Mädchen, die hat allen die Meinung gesagt, dem Anstaltsleiter und den Fürsorgeschwestern. Hat die gebrüllt! Aber die konnte sich das leisten, die ist gleich danach aus dem Fenster gesprungen, da konnte sie ja sagen, was sie denkt. Sie war gleich tot, aber wir durften sie nicht sehen, nicht einmal zum Fenster konnten wir gehen, um hinunterzuschauen. Weil man einen Apfel stiehlt, hat sie gesagt, wird man unfruchtbar gemacht; aber wenn einer Millionen raubt, dann ist er nicht schwachsinnig oder asozial. Wer kommt denn in die Fürsorge? hat sie geschrien, nicht die Brut der Reichen. Oh, was hat die geflucht! Und die Faust hat sie gehoben, auf den Anstaltsleiter wollte sie losgehen. Aber sie wußte doch, daß sie hinunterspringen wird und daß ihr nichts mehr geschehen konnte. Alle haben geweint, da habe ich auch geheult.«

Die »Trompete« streckte wie im Traum die Hand nach ihrer Trompete aus. Der Augenblick nahte, da sie beginnen würde zu blasen: »Volk ans Gewehr«. Sie wußten nicht, ob sie diesen Moment fürchteten oder herbeisehnten.

»Ichweißwas« redete jetzt mit ganz dünner, hoher Stimme: »Weh getan hat's nicht, ich habe gar nicht bemerkt, was sie mit mir gemacht haben. Ich habe geschlafen, nur wie ich erwacht bin, war mir so übel.«

Elisabeth spürte jetzt durch den Geruch des aufbrechenden Frühlings den Gestank von Chloroform, Sublimat, Karbol.

Ich kenne das, »Ichweißwas«, wenn man so erwacht wie ausgeraubt und es ist einem übel und elend. Schweig, »Ichweißwas«.

»Ichweißwas« hatte die Decke abgeworfen: »Wenn ich auf den Bauch drücke, tut es auch jetzt weh, schaut doch her, wie eine dünne, rote Schlange.«

Sie blickte auf ihren nackten Bauch, es war schon so hell, daß sie die Wundstelle klar sehen konnte. Aber sie war nicht mehr rot, sie verzog sich langsam in die Farbe des Fleisches: »Warum seht ihr nicht her, habt ihr Angst? Memmen, Feiglinge! Wie eine rote Schlange!«

Sie suchte die Köpfe ab, ob jemand nach ihr schaute, aber die Lider verhängten die Augen wie eine blinde Wand: »Ich war nicht so feige wie ihr; im Krankenhause, da habe ich viel schlimmere Wunden gesehen, ganz scheußliche, widerliche Wunden. Die Frauen im Krankenhause, wie haben die geschrien und geweint; wenn ihr das gehört hättet. Die ganze Nacht haben sie geheult, ich konnte gar nicht schlafen. Sie haben den Verband abgerissen, ich konnte das blutige Fleisch sehen. Mit ihren Fingern haben sie darin gewühlt. Wenn ihr das gesehen hättet! Aber ihr seid Feiglinge, ihr hättet gar nicht hingeschaut. Ich will so nicht leben, haben die Frauen geschrien, ich will sterben, haben sie geheult. Warum nur?«

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