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Elisabeth, ein Hitlermädchen

Maria Leitner: Elisabeth, ein Hitlermädchen - Kapitel 13
Quellenangabe
authorMaria Leitner
titleElisabeth, ein Hitlermädchen
publisherAufbau-Verlag
year1985
firstpub1937
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180928
projectid8c745c16
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Zwölftes Kapitel.
»Du bist nichts!«

Das Viereck, das von den rötlichen Baracken umsäumt war wie von einer verglimmenden Mauer, hatte der Frost mit weißen Flecken angehaucht, die leise aufknirschten, als die Mädchenfüße im Gleichtakt über sie hinwegschritten.

Ein riesiges Transparent spannte sich gegen den klarkalten Winterhimmel; groß und dunkel verkündeten die Buchstaben:

»Du bist nichts, deine Nation ist alles!«

Von Kommandoworten wie auf Draht geführt, von unsichtbarer Hand zum Stehen angehalten, reihten sich die Mädchenkolonnen vor einer Balustrade, auf der weit sichtbar Fräulein Kuczinsky, Leiterin des Lagers Ost 2/68, Platz genommen hatte.

Mit erhobenem Arm nahm sie die erste Morgenparade der Mädchen ab. Sie wirkte wie ein zum Standbild erstarrter Heerführer, der wieder zum Leben erwacht, als seine Armee an ihm vorbeizieht. Aber diese Armee war noch eine unausgebildete, durcheinanderwankende Masse, die erst zu einem Heer zusammengeschweißt werden mußte.

Ihre Augen, deren kalter Glanz in zuviel weiches Fleisch eingebettet war, durchwanderten prüfend die Köpfe, die ihr zugewandt waren. Sie blieben an den Hitleruniformen länger haften; sie suchten eine Würdige. Nur eine, die des Führers Kleid trug, konnte wirklich würdig sein. Morgen schon würden alle die Lageruniform tragen, aber heute unterschieden sie noch ihre Kleider. Die Blicke der Leiterin glitten ab von vielen Hitlermädchen, sie wandten sich weg von Tina und Minna und ruhten dann aus auf den breiten, hellen Wangen Elisabeths. Diese ruhigen, braunen Augen zogen sie an.

Ihre Hand sonderte Elisabeth ab und rief sie zu sich.

Sie sagte feierlich:

»Du sollst heute und in den nächsten Tagen Führerin vom Dienst sein. So trägst du im Lager den höchsten Rang nach mir. Du ernennst die Warte und die Fahnenwache; du führst die Inspektion, du verteilst die Post. Ich hoffe, daß du ein gutes Beispiel denen geben wirst, die dir folgen sollen. Die Führerin vom Dienst werde ich von Fall zu Fall, oft von Tag zu Tag ernennen; dieses hohe Amt soll nur den Besten anvertraut sein. – Bist du bereit, deine Aufgabe nach bestem Willen zu erfüllen?«

»Jawohl«, sagte Elisabeth und blickte geradeaus in Fräulein Kuczinskys flackernde Augen.

»Ernenne also die Fahnenwache!«

Elisabeth sah sich im Kreise um, sie blickte auf Hilde, dieses Kindergesicht, das das Elend schon mit grauen Griffeln gezeichnet hatte.

Sie hob die Hand, sie wollte Hilde zur Fahnenwache ernennen, aber die Augen der Kleinen waren so abweisend, daß sie den Arm sinken ließ.

Sie würde mich nur hassen und denken, ich will sie zwingen, die Hakenkreuzfahne zu hissen; sie würde nicht verstehen, daß ich sie in die Gemeinschaft aufnehmen will.

Dann wandte sie sich an das frühere Dienstmädchen mit den großen braunen Händen und dem hellen Körper und sagte: »Ich ernenne Hanna Köhler zur Fahnenwache.«

Fräulein Kuczinsky kommandierte: »Die Augen links!«

Einige schielten, einige drehten das Gesicht.

»Wendet gleichzeitig den Kopf zur Fahne, hebt den rechten Arm zum Gruß, laßt die linke Hand angelegt!«

Elisabeth stand vor der Fahnenstange; sie sah die Gesichter, die alle auf sie gerichtet waren. Sie sah Hilde, klein und mager, so dürftig zwischen den anderen stehen, sie sah, wie sich die magere, kleine Hand verkrampfte, als wollte sie sich zu einer Faust ballen.

»Heiß Flagge!«

Die braunen Hände des früheren Dienstmädchens zogen unlustig die Fahne hoch, die jetzt über allen Köpfen flatterte.

»Heute werde ich den Fahnenspruch sagen«, sprach Fräulein Kuczinsky.

Ihre Augen lagen über den Mädchenkolonnen, von dem Willen erfüllt, diese Mädchen zu ändern. Das sollte der Sinn ihres Schicksals sein; die Mädchen fühlten diese gefährliche Flamme des fanatischen Wollens, sie fühlten, daß sie auf ihr Geschick einwirken würde wie ein böser Stern.

Ihre Worte klirrten, als wären sie erst erfroren in der nebelschweren, kalten Morgenluft und dann wieder zerschellt von überheizter innerer Erregung:

»An diesem ersten Tage unseres gemeinschaftlichen Lebens, an dem wir jeden Eindruck bereitwillig und empfänglich in uns aufnehmen, richtet eure Augen auf die Worte, die unsichtbar immer und ewig vor euch schweben sollen, diese Worte, sie lauten: Du bist nichts, deine Nation ist alles!

Die große Zeit, in der wir leben, erfordert von jeder einzelnen großzügiges Denken. Nicht um die kleine Persönlichkeit geht es, sondern um den Bestand unseres Volkes, um seine rassische Wiedergeburt!

Ihr alle, Studentinnen und Dienstmädchen, Fabrikarbeiterinnen und Verkäuferinnen, ihr sollt ein Stück blutgebundener Volksgemeinschaft bilden!

Ihr, die ihr aus verpesteten Fabriken und Werkstätten, aus Warenhäusern und aus Bänken der Universitäten kommt, ihr seid ausersehen, zurückzukehren zu dem heiligen Boden Deutschlands. Ihr seid ausersehen, helfend dem schwer ringenden Bauer – denn er ringt schwer, ob sein Land karg oder fett, klein oder von großem Umfang ist – beizustehen. Ihr sollt ihm nicht nur helfen, sein Land zu bebauen, ihr sollt vor allem helfen, ihn mit nationalsozialistischem Geiste zu erfüllen. Deshalb sollt ihr nicht unvorbereitet zu den Bauern kommen. Wichtiger als landwirtschaftliche Kenntnisse ist die Kenntnis des deutschen Blutes. Meine Aufgabe ist es, diese euch zu vermitteln. Und so, ganz durchdrungen von nationalsozialistischem Geist, sollt ihr nicht nur Landhelfer sein, sondern Helfer des Landes, Helfer Deutschlands, daß es wieder groß, mächtig und von der ganzen Welt gefürchtet werde!«

Die Fahne flatterte im Winde; die Augen mußten unbeweglich sich der Führerin zuwenden, die Glieder begannen in dieser Starrheit abzusterben, die Worte machten sie noch steifer, so als verwandelten sie langsam den Körper in totes Holz.

»Schwer und dunkel war der Weg, den das deutsche Volk seit jenem 9. November 1918 ging; nur wenige Gläubige trugen in sich den Willen zum Widerstand gegen den Untergang. Und ein Führer wurde uns und pflanzte neu in das deutsche Volk den Glauben an seine Kraft und an sein Lebenmüssen, daß es die Fesseln sprengte, die es gewaltsam in ehrloser Knechtschaft nach außen und blutigem Klassenkampf nach innen hielten.

Ich bin stolz, sagen zu können, daß ich zu jenen gehört habe, die nie den Glauben an Deutschlands Aufstieg verloren haben. Ich bin stolz, daß ich den Retter erkannt hatte, als er noch verhöhnt und verfolgt wurde. Ich wurde wegen meiner Liebe zu ihm selbst verfolgt; doch das schreckte mich nicht. Ich fürchtete weder Elend noch Jammer, um ihm die Treue zu halten.«

Die schmalen Lippen bewegten sich wie ein schiefer, bläulichroter Strich in dem breiten Gesicht.

»Eure Zugehörigkeit zu dem deutschen Blut und Boden legt auch euch höchste Verpflichtungen auf. Auch ihr sollt nicht nach eurem eigenen Wohlergehen fragen; auf euren Schultern liegt es, Deutschland groß und mächtig zu machen und das Werk des Führers zu erfüllen!«

Immer starrer wurden die Mädchenblicke.

»Wir Mädel tragen die Verantwortung dafür, daß sich alle Frauen und Mädchen Deutschlands zu Blut und Rasse bekennen. Was frühere Frauengenerationen durch ihre Instinktlosigkeit gesündigt haben, wollen wir aus bewußter Erkenntnis heraus wiedergutmachen durch stete Opferbereitschaft für die höchste Ehre: die Ehre unseres deutschen Blutes!

Wir wollen euch Körper und Seele stählen, damit ihr fähig werdet, Deutschland ein gesundes, starkes Geschlecht zu schenken!«

Elisabeth fühlte einen quälenden, stechenden Schmerz in dem ausgestreckten Arm, als müßte er absterben.

»Über unserem Tun müssen als leuchtende Wegweiser die Worte des Führers stehen: Die deutsche Jugend wird entweder Bauherr eines neuen völkischen Staates werden, oder sie wird als letzter Zeuge den völligen Zusammenbruch, das Ende der bürgerlichen Welt erleben!«

Elisabeth sah die zusammengekniffenen Augen Hildes, die nach der Fahne äugte, als wollte sie nur das Rot sehen. Sie merkte, daß Elisabeth sie beobachtete, und streifte sie mit einem höhnischen und doch triumphierenden Blick.

Die Stimme aus der Höhe riß die Mädchen aus ihrer Bewegungslosigkeit: »Augen geradeaus! Wegtreten!«

Aber nur eine kurze Ruhepause wurde ihnen gegönnt.

Fräulein Kuczinsky rief:

»Wir wollen gleich mit den Ordnungsübungen beginnen. Wir werden nie müde werden, sie täglich, Stunde um Stunde zu üben, denn wir wollen nicht eine Herde sein, sondern eine Armee. Also, noch einmal, Augen geradeaus!«

Die Köpfe richteten sich gerade.

»Schlecht gemacht! Es genügt nicht, daß ihr nach vorne starrt, ihr müßt den Kopf blitzschnell geradeaus nehmen!«

Sie kommandierte wieder: »Stillgestanden!«

»Schlecht, schlecht! Alles, was ihr macht, ist schlecht! Es genügt nicht, daß ihr einfach stillsteht, wenn ich ›Stillgestanden!‹ kommandiere. Wir wollen keine Kinderspiele spielen, wir wollen eine Armee werden. – Hacken zusammen, gleichmäßig. Zentimetergenau müssen die Fußspitzen auseinanderstehen, nicht ganz neunzig Grad. Verstanden? Nicht ganz neunzig Grad! Neunundachtzig ungefähr! – Knie durchdrücken, Körpergewicht gleichmäßig auf Hacke und Spitze verteilen. Auf Hacke und Spitze! Versteht ihr nicht? – Oberkörper frei aufrichten, Brust heraus, Schultern locker, nicht angezogen! Und wie haltet ihr die Arme! Ihr müßt sie mit leicht gekrümmtem Ellenbogen etwas vordrücken. – Die Hände liegen mit der Handwurzel und Fingerspitze an den Oberschenkeln. Aber nicht gleich die ganzen Tatzen andrücken. Die Finger strecken, der Mittelfinger muß dort liegen, wo sich die Hosennaht befände, wenn ihr Jungens wäret. – Den Kopf frei erheben! Das Kinn leicht anziehen! Den Blick unbeweglich! – Die Muskeln nicht anspannen. Macht keine Henkeltöpfe. Steht vollkommen still! – Das ist stillgestanden! Noch einmal: Stillgestanden! Hundertmal stillgestanden, bis ihr es verstanden habt. Wir wollen eine Armee sein!«

»Rührt euch!«

Endlich kann man sich bewegen; schnell flüstern einige ihre Klagen den Nachbarinnen zu.

»Was fällt euch ein zu sprechen, wenn ich ›Rührt euch!‹ kommandiere! Ihr denkt, ihr könnt dann herumspringen! Den linken Fuß einen halben Schritt vorsetzen, einen halben, sage ich! Das Gewicht des Körpers ruht auf dem rechten Fuß. – Und bringt euch schnell in Ordnung, verbessert die Richtung und die Fühlung mit dem Vordermann!«

Fräulein Kuczinskys Augen fallen auf Hanna Köhler, das frühere Dienstmädchen. Welches Unverständnis liegt über diesem Gesicht, welche Dumpfheit, welcher Widerstand! Aber wir werden ihn brechen!

»Links um! – Wenn ich Gänse kommandierte, würden sie sich genauso drehen. – Aufgepaßt! Die linke Fußspitze anheben, die rechte Fußspitze abstoßen. Ihr dreht euch auf der linken Hacke um neunzig Grad, der rechte Fuß wird angehoben, der ganze Körper macht, in sich unbeweglich, die Wendung mit.«

Gilda führte die Befehle auf das genaueste aus, so genau, daß sie ihre Lächerlichkeit enthüllte. Mit ihrer Leichtigkeit mimte sie Schwere, eine Libelle ahmte einen Elefanten nach.

Die Mädchen hörten nicht mehr Fräulein Kuczinsky, sie versuchten nur, sich den Bewegungen Gildas anzupassen.

Die Trillerpfeife der Leiterin zwang die Mädchen, ihren Unfug aufzugeben.

Sie hatte wohl gemerkt, daß Gilda die Anführerin war.

Dumme Puppe, unfähig zu jedem Ernst! Auch dich will ich lehren!

»Hammelherde! Könnt ihr euch nicht sagen: Ich bin ein Teil der Nation, danach habe ich mich zu benehmen!? Ein Soldat wird nicht den Arm schwingen wie ein Verrückter, der Fliegen fangen will; er wird nicht den Oberkörper hin und her pendeln wie ein Derwisch, wird nicht mit den Hacken knallen wie ein Straßenjunge, der Radauplätzchen losläßt!«

Nur einige lachten; über die meisten Gesichter kroch stumpfe Müdigkeit. Aber die Übungen begannen ja erst.

»Knien!«

»Was denkt ihr euch eigentlich, seid ihr in einer katholischen Kirche oder schmachtende Liebhaber aus der alten Gartenlaube? Was ist das für ein blödsinniges Knien, was ihr mir da vormacht? – Aufgepaßt! Der linke Fuß wird beim Knien einen Schritt vorgesetzt, und das rechte Knie etwas nach rechtsaußen auf den Boden gebracht. Es wird immer nach vorn gekniet, werte Damen! – Der linke Unterschenkel muß senkrecht stehen, die linke Hand ruht auf dem linken Knie. Auf dem linken habe ich gesagt!! – Weißt du nicht den Unterschied zwischen links und rechts? – Der Oberkörper ist aufgerichtet. – Verstanden? So kniet jemand, der der großen deutschen Armee angehören will.«

»Auf!«

»Was ist das für eine Aufsteherei! Als ob ihr alte Damen wäret, die sich nicht hochkrabbeln können. Drückt mit der linken Hand und steht nach vorn auf! Der rechte Fuß wird ruhig herangezogen, Grundstellung eingenommen und dann gerührt!«

»Knien!«

»Auf!«

»Hinlegen!«

Mit zusammengebissenen Lippen folgten die Mädchen den Befehlen. Ihre Muskeln zitterten, sie glitten aus, ihr Körper schlug hart gegen die kaltgefrorene Erde.

»Ihr müßt euch auslöschen! Nicht euren Wünschen darf sich der Körper fügen, sondern dem Kommando! Du bist nichts, deine Nation ist alles!«

»Ich kann nicht mehr«, sagte ein Mädchen und blieb aufrecht stehen, als wieder das Kommando »Knien!« kam. Es ist Grete Barth, die Arbeiterin aus der Teigwarenfabrik.

Fräulein Kuczinsky gebietet den anderen Halt, sie spürt den feindlichen Widerstand, aber sie wird ihn brechen.

»Du sollst sehen, wie lange du noch weiterkannst, nachdem du dir eingebildet hast, es geht nicht mehr.«

Grete Barth warf sich auf die erstarrte Erde, wie von der Wut hinabgeschleudert.

»Hinlegen!«

Sich hinlegen, nie mehr aufstehen, sich nicht mehr quälen lassen!

»Du machst alles falsch. – Die rechte Hand ausstrecken. Jetzt leg dich über das linke Knie und die rechte Hand hin. Stütz dich nicht auf den Boden, nur der linke Unterarm darf die Erde berühren. Der Körper wird flach auf den Boden gepreßt. Die Füße etwas auseinander, die Hacken an den Boden gedrückt. Du mußt den Kopf etwas heben, den Blick geradeaus richten. Du verbirgst dich vor dem Feind, du legst auf ihn an, ohne daß er dich bemerkt!«

Der Feind bist du, Kuczinsky, der Feind ist die Kälte, der Feind ist dieses Lager. Wäre doch schon alles vorbei!

»Auf!«

»Knien!«

»Knien! – Hinlegen!«

Wir sind so viele, und du bist allein, Kuczinsky! Und doch springe ich dir nicht an den Hals und erwürge dich!

»Auf! – Knien! – Hinlegen!«

Du bist allein, Kuczinsky, aber hinter dir stehen alle Mächte, die Regierung und die Partei, die SA und die SS! Alle stehen sie hinter dir, Kuczinsky!

»Siehst du, wieviel du noch kannst. Ich rate dir, verlerne das Klagen, vergiß nicht die Worte: Du bist nichts, deine Nation ist alles!«

Eine Glocke machte der Ordnungsübung ein Ende.

»Am allerschlimmsten finde ich, daß man nicht einmal im Klosett allein sein kann«, seufzte Lilli, »ich kann einfach nicht, wenn so viele dabei sind. Der Mensch ist so beschaffen, daß er bei ausgesprochen tierischen Beschäftigungen gern auf Zeugen verzichtet.«

»Laß die blöden Redensarten, Fräulein Doktor, und sorge lieber dafür, daß dein Platz bald frei wird.«

»Du bist nicht früh genug in die Hitlerjugend gekommen, sonst wärst du keine so zimperliche Spießerin!« sagte Tina im Tone des Mitleids.

»Ich fürchte, daß mich nicht einmal die erfolgreichsten Erziehungsmethoden dazu gebracht hätten, mich für diese Massenlatrine zu begeistern.«

»Du verstehst eben nichts vom Soldatentum, du Ärmste! Wir wollen eine Armee sein!« äffte Gilda Fräulein Kuczinsky nach.

»Das ist wieder einmal so recht unverschämt. Was hat das mit Soldatentum zu tun?« rief Tina verletzt.

»Was? Nur bei den Soldaten gibt's Massenlatrinen.«

»Und bei den Kriegsgefangenen!«

»Du Dumme, das ist doch genau dasselbe. Ich weiß, warum das ist. Die Soldaten müssen soviel aufs Kloster gehen. Und das weiß ich von meinem Vater. Im Krieg mußten sie immer auf dem Klo sitzen, sie hatten die Ruhr und die Cholera und Angst.«

»Schweig, du Untermensch!«

»Selbst einer!«

»Ich zerbreche mir nur immer den Kopf darüber, warum man die Latrine für vierzehn Personen gebaut hat und nicht für zwölf oder für vierundzwanzig.«

»Warum nicht für eine?«

»Das gibt's gar nicht in einem Lager; da wollen die Menschen gern allein sein. Ich würde mich stundenlang einsperren. Man müßte dann nicht exerzieren, man könnte die Weltanschauung schwänzen.«

»Aber man könnte dann gar nicht miteinander reden.«

»Ich verzichte mit Vergnügen auf jede Unterhaltung.«

»Schöne Unterhaltung, in der Stinkbude!«

»Und dann vor allem wäre man allein, könnte man nicht so ganz die Worte begreifen: Du bist nichts!«

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