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Elisabeth, ein Hitlermädchen

Maria Leitner: Elisabeth, ein Hitlermädchen - Kapitel 12
Quellenangabe
authorMaria Leitner
titleElisabeth, ein Hitlermädchen
publisherAufbau-Verlag
year1985
firstpub1937
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180928
projectid8c745c16
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Elftes Kapitel.
Mädchen mit Pappschachteln

Es war schon dunkel, als die Mädchen das Lager Ost 2/68 erreichten.

Nach der Vesper und nach dem Abendappell standen sie mit ihren Pappschachteln in den Räumen, die sie für lange Zeit beherbergen sollten.

Die Betten, je zwei übereinander, waren in gleichmäßigen Abständen aufgestellt hier in Baracke drei. Zwölf Bettpaare, und der Raum war bis zum Übermaß gefüllt. In eine Ecke hatte sich ein Blechschrank verkrochen, der in vierundzwanzig engbrüstige Fächer eingeteilt war. Alle Baracken im Lager hatten die gleiche Einrichtung.

»Ach Gott, sieht es hier aus, scheußlich!«

»Das ist ja wie 'n Gefängnis!«

»Schau nur her, wie mir die Zähne klappern!«

»'s riecht so komisch, spürt ihr es auch?«

Die Mädchennasen schnupperten in der feuchtkalten und doch muffigen Luft wie Spürhunde, die einen fremden Geruch ergründen möchten.

Lager Ost 2/68 war in einem früheren Gefangenenlager untergebracht. Damals im Krieg schreckte man die Kinder der Umgebung mit dem Spruch: Wenn du unartig bist, kommst du ins Russenlager! – Wie die Fliegen starben die Russen im Winter. Hunger war im Land, wie sollten da nicht die Feinde hungern! Die Einheimischen im Lande froren, wie sollten da nicht die Feinde frieren! Die Fliegen sterben leicht, aber die Menschen, fern der Heimat, fern ihren Angehörigen, sterben schwer. Ihre Seufzer und ihre Qualen mußten sich in die Mauern eingenistet haben, das war vielleicht das Unheimliche, das die Mädchen fühlten.

Der Raum, überhaupt das ganze Lager, war von peinlichster Sauberkeit; der Boden sah gebürstet, gescheuert, gekratzt aus, die Wäsche war bis zum Zerreißen gewaschen, dann hundertmal geflickt. Die Decken hatten schon ihre Farben ausgehaucht, dünnfädig gingen sie dem Untergang entgegen. Jedes Loch war verstopft wie bei einem kostbaren Stoff.

»Es ist so sauber hier wie in einem Mordhause!« flüsterte Gilda Elisabeth zu. »Man wollte die Spuren verwischen. Man kann das Blut riechen!«

»Hör auf mit dem Unsinn!« Wirklich, diese Gilda war überspannt.

In der Mitte des Raumes machte sich ein Ofen breit, er hatte noch einen leicht erröteten Bauch; aber er fühlte sich schon kühl an, als die Mädchen zu ihm eilten.

»Wenigstens am ersten Tag hätte man ordentlich heizen können.«

»Man erfriert ja!«

»Und wo soll ich mit meinen Sachen hin? Da ist doch kein Platz!«

»Die Kleider werden kaputtgehen, wenn man sie nicht aufhängen kann.«

»Ich rate euch, laßt das Meckern!« sagte ein großes, mageres, knochiges Mädchen. »Ich werde hier schon Ordnung schaffen, darauf könnt ihr euch verlassen, Ich werde die Stubenälteste. Ich glaube kaum, daß es hier eine gibt, die länger für Hitler gekämpft hat als ich. In jedem Lager war ich die Dienstälteste. Und wenn ihr was auf dem Herzen habt, dann kommt nur zu mir, ich sage euch Bescheid. Ich bin Tina!«

»Und ich bin Minna!« sagte ein dickes Mädchen, das auf einem oberen Bett in der Mitte des Raumes saß und auf einer Trompete übte und zwischendurch den Mädchen Erklärungen gab. »Wir sind Freundinnen!« Sie zeigte auf Tina. »Wir kennen das Lagerleben, wir werden euch schon alles beibringen. Ich werde Weckwart.«

»Was, mit einer Trompete wirst du uns wecken?« schrie Cilly, das jüngste Hitlermädchen des Lagers. »Bei den Jungens ist wirklich alles besser. Mein Bruder ist Pimpf, und die haben einen richtigen Hornisten zum Wecken.«

»Warum soll ein Horn mehr sein als eine Trompete, das verstehe ich nicht«, sagte Minna beleidigt.

»Sogar eine Flöte ist mehr, oder ein Schifferklavier ist noch mehr.«

»Du bist wirklich noch ein ganz kleines Kind!«

»Ruhe!« brüllte Tina.

Sie durchmaß den Raum wie ein Feldherr.

»Ich weiß nicht, Minna, ob ich nicht lieber das obere Bett nehme. Ich muß alles übersehen.« Dann aber entschied sie sich doch für das untere, denn sie wollte auch schnellstens überall sein.

Minna und Tina trugen Übungsanzüge, erstens waren Nachthemden zu weibisch, dann mußte man sie immerfort waschen; kalt waren sie auch obendrein. Das Lagerleben mußte man eben kennen.

Da jammerte schon wieder eine:

»Ach, ich ziehe alles an, was ich überhaupt habe, dann werde ich wenigstens nicht erfrieren.«

»Ich schlafe im Wintermantel.«

»Lauter Zuckerpüppchen«, sagte Tina zu Minna.

»Wo soll ich nur mit meinen Büchern hin, man hat doch überhaupt keinen Platz!«

»Jedenfalls stell den Dreck nicht auf dein Bett!« sagte Tina, die mit wichtiger und strenger Miene schon zu inspizieren begann. »Wozu hast du überhaupt Bücher mitgebracht?«

»Ich möchte mich auf meine Prüfung vorbereiten. Meine Eltern haben mit größten Schwierigkeiten Geld für mein Studium aufgetrieben; wenn ich ein Jahr lang nicht lerne, vergesse ich wieder alles.«

»Vergiß nur ruhig den Quatsch, Fräulein Doktor!«

»Ich bin noch kein Fräulein Doktor, ich heiße Lilli.«

»Na gut, dann ernenne ich dich zum Fräulein Doktor. Werde dir über eins klar: Hier rechnet deine Gelehrtheit nicht, hier ist nur eins wichtig – ob du für den Führer gekämpft hast.«

Sie ging mit prüfenden Augen weiter zwischen den Betten: »Was ist das? Lederzeug, Maniküre? Kommt nur hier nicht mit solchem Dreck! Mit so was geben wir uns nicht ab, bei uns herrscht Gleichheit.«

Minna hielt ein Hitlerbild in der Hand:

»Soll ich ihn am Kopfende aufhängen, oder am Fußende? Am Fußende könnte ich ihn besser sehen. Aber wenn er über meinem Kopfe hinge, hätte ich das Gefühl, ein Schutzengel schwebt über mir.«

»Am Fußende könntest du ihm Fußtritte geben«, sagte ein Mädchen im Tone übertriebener Besorgtheit.

»Laß die Unverschämtheiten!« schrie Tina.

»Wer hat denn dich zum Feldwebel ernannt?« gab die andere zurück.

»Feldwebel ist gut!« – »Das ist der richtige Name!« riefen einige.

»Feldwebel und Trompete!« lachte eine.

»Aber wir wollen uns doch nicht zanken«, sagte Elisabeth, »wir wollen wirkliche Kameradinnen sein. Es sollen keine Unterschiede zwischen uns bestehen; wir wollen gleich leben, gleich schaffen!«

Sie verfolgte mit forschenden Augen die Mädchen, die sich auszogen, ihre Armut, ihre Entbehrungen enthüllten. Wie viele dieser jungen Körper waren unterernährt, schon ermüdet. Was hat denn dieses Menschenkind für spitze Schultern, was für eine flache Brust! Jetzt gab sie keine spöttischen Antworten mehr, ihr Blick hatte sich verdüstert, ihr Mund bewegte sich klanglos, als klagte sie einem Unsichtbaren.

»Wo hast du früher gearbeitet?« fragte Elisabeth sie.

Grete Barth – so hieß das Mädchen – bekam ihren spöttischen Blick wieder; sie sah erst Elisabeth an, als wollte sie sagen: Was geht das dich an? Dann aber antwortete sie: »In einer Teigwarenfabrik.«

»Sicher hattest du es nicht leicht.«

»Nein, wie du aber auch alles durchschaust. Man hat es nicht leicht, wenn man die Woche zwanzig oder fünfundzwanzig Mark verdient.«

»Davon kann man nicht gut leben.«

»Aber von den fünfundzwanzig Pfennig pro Tag, die man uns gnädigst vielleicht geben wird, kann man sicher große Sprünge machen.«

»Aber in der Fabrik war es doch sicher sehr ungesund?«

»Sehr trockene Hitze, Hetze, Ausnutzung. Aber jetzt, jetzt haben wir es wunderbar, nicht wahr? Diese herrliche Landluft hier in der Baracke, und die schöne Strohmatratze zum Ausruhen. Versuch mir lieber nicht einzureden, daß ich einen guten Tausch gemacht habe. Unterhalte dich lieber mit den Mädchen, zu denen du gehörst.« Dabei zeigte sie auf Tina und Minna.

Elisabeth wandte sich verletzt von ihr ab. Warum mußte die so gehässig sein?

Nebenan zog sich ein Mädchen aus, seine großen, braunen Hände stachen gegen die Helligkeit ihres Körpers ab. Man sah ihm an, daß er nie der Sonne ausgesetzt gewesen war, nie helle Luft getrunken hatte. Ihre altmodische Wäsche war makellos weiß gestärkt.

»Was warst du früher?« fragte Elisabeth.

»Ich war Dienstmädchen bei Juden; sie konnten mich nicht länger behalten.«

»Sicher ist es nicht schön, Dienstmädchen zu sein.«

»Freilich ist es nicht schön.«

»Hier wirst du dich körperlich erholen, du wirst immer in der frischen Luft leben, nicht eingesperrt.«

Das Mädchen lachte bitter auf: »Nicht eingesperrt! Siehst du denn nicht die Eisengitter?«

»Die sind doch von früher, als die Russen noch hier waren.«

»Das ist ein Gefangenenlager, du kannst von hier nicht fort. Es ist nicht schön, Dienstmädchen zu sein, nein, aber ich habe verdient, ich hatte mein anständiges Zimmer und anständiges Essen. Nicht so einen Fraß, wie man ihn uns heute abend vorgesetzt hat. Und dann wollte ich heiraten, aber mein Schatz ist im Arbeitsdienstlager.«

»Meiner kommt auch hin; aber darf man deshalb verbittert sein?«

»Ja, wenn man dir alles nimmt, wirst du verbittert.«

Sie zog die Decke mit Widerwillen über ihren Körper.

Sicher hat sie sich eine Wäscheausstattung erspart, wie meine Mutter, als sie jung war. Sie kann nicht für eine Idee Opfer bringen.

Elisabeth fühlte sich wie ausgestoßen. Und doch war es schwer, allein zu sein! Zwei Füße hingen hinab zu ihr aus dem oberen Bett. Dort wohnte ein kleines Mädchen, wohl die Jüngste im Lager. Sie war noch jünger als Cilly, das jüngste Hitlermädchen. Die Füße waren sauber gewaschen, mit schiefgeschnittenen Fußnägeln. Das kleine Persönchen schien ganz von tiefster Traurigkeit niedergedrückt. Die Knochen zeichneten sich mit dunklen Schatten in die Haut, die wie bei alten Leuten trocken und grau war, als durchflösse sie kein rotes lebendiges Blut. Das Kind sah aus wie verhungert nach Speise, nach Wärme, nach Zärtlichkeit.

Elisabeth streckte ihm ihre Hand entgegen, als wollte sie es aus seiner Einsamkeit entreißen.

Aber die Kleine ließ die Hand unbeachtet. Elisabeth fragte sie: »Wie heißt du?«

»Hilde«, sagte das Kind kurz angebunden.

»Und ich heiße Elisabeth. Wollen wir Freunde sein, Hilde?«

Da traf sie ein Blick voll kaltem Hohn. Wie konnten diese Kinderaugen so viel Verachtung und Bitterkeit ausstrahlen? Sie streiften ihr Kleid, als trüge sie die Uniform einer feindlichen Armee, die brandschatzend über das Land hinfegt; sie sahen in ihr den unerbittlichen Feind.

Elisabeth nahm ihre Hand zurück und strich damit über ihr Kleid; wenn es auch andere haßten, sie liebte es.

Aber sie spürte jetzt die Kälte, die böswillig in sie eindrang, und verbarg sich schnell in ihrem Bett.

Tina befahl, das Licht auszulöschen.

»In drei Minuten schläft alles! Heil Hitler!«

Sie und Minna befolgten sofort den Befehl; ihr Atem durchsägte gleichmäßig die Luft.

Ein unbeherrschtes, wütendes Schluchzen durchbrach die Schnarchlaute. Ein Weinen wie von einem verschleppten Kinde, das in eine Höhle gebracht wurde.

Gilda, das ist Gilda! Ich hätte mich mehr um sie kümmern sollen!

»Gilda, hör auf! Du machst ja erst alles schlimm. Schäm dich, Gilda!«

Da klang über ihrem Kopfe eine fremde Stimme, diese Kinderstimme war hart und ganz alt:

»Ich würde nie weinen, das macht denen ja nur Spaß, wenn wir weinen!«

Denen! Zu »denen« gehöre ich auch! So eine kleine, haßerfüllte Katze!

»Ich habe nie geweint. Einmal kamen sie nachts zu uns und haben geklopft und gebrüllt: ›Mach auf, rote Brut!‹ – Und dann haben sie die Tür eingeschlagen und sind hereingekommen. Alles haben sie zertrümmert und zerrissen, und dann haben sie mit dem Gummiknüppel auf meinen Vater losgedroschen, bis er auf den Boden fiel und sich nicht mehr rühren konnte. Nur das Blut lief über sein Gesicht. Aber ich habe nicht geweint! Dann haben sie meinen Vater und meine Mutter mitgenommen, und ich bin ganz allein geblieben. Ich bin nicht weg aus der Wohnung, weil ich immer gewartet habe, daß meine Mutter zurückkommt. Ich habe so lange gewartet, aber ich habe nicht geweint; ich habe auch nicht geweint, als sie mich geholt und hierhergebracht haben.«

»Schweig!« herrschte Elisabeths Stimme die Kinderklage an, dann fügte sie, als es wirklich still wurde, freundlicher hinzu:

»Wir wollen schlafen.«

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