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Elisabeth, ein Hitlermädchen

Maria Leitner: Elisabeth, ein Hitlermädchen - Kapitel 11
Quellenangabe
authorMaria Leitner
titleElisabeth, ein Hitlermädchen
publisherAufbau-Verlag
year1985
firstpub1937
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180928
projectid8c745c16
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Zehntes Kapitel.
Muß i denn, muß i denn, zum Städtele hinaus

Die SA-Kapelle ging vor dem langen Zuge und spielte blechern und herzzerreißend: Muß i denn, muß i denn, zum Städtele hinaus!

Die Trompeten blitzten, der weiße Bart des Schellenbaumes erzitterte, die Trommelstöcke tanzten wirbelnd.

Die Menschen blieben an den Bürgersteigen stehen und sahen dieser Mädchenschlange nach, die endlos durch die Straßen kroch.

»Die Mädels haben Mumm in den Knochen«, sagte ein dicker Herr, »da könnte ich stundenlang zusehen, wie die die Beinchen soldatisch werfen. Heut möcht ich jung sein!«

»Ach Gott, nein, die armen Mädels!« rief eine Frau mit grauen Haaren. »Genauso zogen die Soldaten 1914 in den Krieg, mit Musik und Pappschachteln, und die Mütter und Bräute liefen nebenher. Bloß sind es jetzt die Bräutigame, die mitlaufen. Ach, ist das traurig!«

»Liebe Frau, daß Sie so sprechen, das ist traurig. Daß die Mädels Disziplin lernen, ist nur schön und gut. Was meinen Sie, wenn die Millionen Mädels zurückkommen, stramm und stark, da werden sie Angst kriegen, unsere Feinde!«

»Wär gar nicht übel, eine gemischte Armee!« lachte meckernd jemand dazwischen.

»Haha, dann gäbe es keine Sorge um die neuen Jahrgänge.«

»Dann zöge ich in den Krieg – und wenn ich siebzig wäre!«

Die BdM-Führerinnen in streng geschnittener Uniform pfiffen trillernd, der Zug hielt.

»Abmarsch zum Bahnhof!«

Die Kapelle begann wieder zu spielen:

»Siegreich wolln wir Frankreich schlagen!«

Hinter der Musik zogen sie mit Pappschachteln, Rucksäcken, Pappköfferchen; in dünnen Mänteln und Kletterwesten, in dünnen Schuhen mit schiefen Absätzen marschierten sie in Reih und Glied.

Trotz der scharfen Kommandoworte trafen sich die Hände mit anderen, die nicht zu dem Zuge gehörten.

»Wirst du auch schreiben?«

»Jeden Tag, und wenn ich kein Geld für Porto habe, schreibe ich dir doch; schlimmstenfalls schicke ich's dann nicht weg. Du wirst schon wissen, was ich schreiben wollte.«

Elisabeth marschierte mit Gilda. Sie fühlte sich so müde, so leer. Sie wollte Erwin am Bahnhof treffen, aber unsichtbar ging er neben ihr her. Er sprach zu ihr, wie der fremde Junge zu dem fremden Mädchen. – Wirst du mir schreiben? – Ja, jeden Tag! – Wie lange werden wir uns nicht sehen? – Elisabeth, ein Jahr ist schnell um, und dann beginnt das neue Leben!

Gilda warf die Füße nach dem Takt der Trommeln, sie zog die Beine wie ein gut abgerichteter Soldat beim Parademarsch. Sie ahmte abwechselnd die Mädchen nach, die vor ihnen gingen, und die Führerinnen, die die Richtung gaben.

Elisabeth fühlte sich alt neben ihr.

Sie hat es gut, sie hat keine Sorgen, sie ist noch ein Kind.

Der Bahnhof war ganz in Hakenkreuzfahnen eingewickelt wie in ein festliches Kleid. Am Eingang drückten SA-Männer den Mädchen Hakenkreuzwimpel in die Hände, als wären sie Kinder auf einem Jahrmarkt.

Auf dem Bahnsteig mischten sich Amtswalter, SA-Männer und auch höhere Chargen zwischen die wartenden Angehörigen. Eine Kiste, von Hakenkreuzbändern umkränzt, sollte dem Abschiedsredner dienen.

Die Kapelle spielte, die Trompeten, die Schellen, die Trommeln klangen hier viel lauter als auf der Straße.

Und man hatte doch noch so viel Wichtiges zu besprechen, das waren doch jetzt die letzten Minuten; man mußte sich schnell noch alles sagen.

Eine Dame mit kanariengelben Haaren und einem riesigen, wippenden Hut stürzte sich auf Gilda.

»Mein Kind, man nimmt dich mir doch!«

Gildas Gesicht veränderte sich sofort, eine fremde Verzweiflung legte sich über ihr Kinderantlitz.

Ein alter Herr kam auf die aufgeregte Dame zu und legte beruhigend seine Hand auf ihre Schulter:

»Mach es dem Kind nicht noch schwerer. Gilda kannst du nicht verlieren, sie wird immer die alte bleiben.«

Das ist Gildas Mutter, ich würde sie ja komisch finden, wenn ich nichts von ihr wüßte. Der alte Herr ist sicher der Großvater. – Aber wo sind die Meinen?

Die Eltern Elisabeths waren auch da, sie hatten so fremde, abweisende Gesichter, sicher gefielen ihnen die Fahnen nicht und die Musik nicht. Sie dachten wahrscheinlich: Rummel!

Der Vater nahm Elisabeths Hand und sagte ganz ernst: »Was ich dir sagen wollte, ist nur das – halte deine Augen offen, öffne sie, das wird dir nützen.«

Die Mutter flüsterte nur: »Was auch kommen mag, du bleibst immer mein Kind, Elisabeth.«

»Ihr tut ja so, als führe man weiß Gott wie weit.«

Wo blieb nur Erwin?

Endlich erblickt sie ihn. Wie er strahlt! Wäre es ihr lieber, wenn er mit so trauriger Miene umherginge? Nein, so gefällt er ihr, und sie ist zufrieden, daß das Hin und Her sie von den Eltern trennt. Der Vater und Erwin würden sich sicher nicht verstehen.

»Schrecklich, wie bei einem Begräbnis, diese Leichenbittermienen!«

»Du aber bist froh.«

»Froh und nicht froh zugleich. Bürosessel auf Nimmerwiedersehen! Bankkonten auf Nimmerwiedersehen! Herr Prokurist Melchior auf Nimmerwiedersehen! Aber Elisabeth auf Wiedersehen, auf bald!«

»Ja.« Du wirst wohnen wie ich, du wirst schlafen wie ich, du wirst essen wie ich, du wirst arbeiten wie ich! Wir werden gleich sein.

Ein Amtswalter stieg auf die hakenkreuzgeschmückte Kiste; schallend erfüllte seine Stimme die Halle. Die Musik schwieg, als wollte sie tief Atem schöpfen.

»Dienst am Vaterland – heiligste Pflicht – zurück zu Boden und Blut –!«

Die Wortfetzen schoben sich zwischen die Abschiednehmenden; man konnte sich nichts sagen, nur an der Hand festhalten.

Dreimal war der Raum von dem Ruf »Heil Hitler!« erfüllt, da die Musik wieder einsetzte, als hätte ihr die Pause neue Kraft verliehen.

Die Rufe »Einsteigen!« rissen die Menge auseinander in Schauspieler und Zuschauer.

Die Trillerpfeifen der BdM-Führerinnen jagten schrill die Mädchen an ihre Plätze.

Gildas Mutter lief aufgeregt durch die Gänge und suchte nach ihrer Tochter: »Gilda, wo ist meine Gilda? Man nimmt mir mein Kind!«

Eine BdM-Führerin lachte und sagte einer anderen: »Komische Nummer, diese aufgeregte Henne, die in einen Farbtopf gefallen ist!«

Aber die andere besann sich sofort ihrer Erziehungspflicht: »Beherrschen Sie sich gefälligst; hier sind wir nicht im Theater; so was Überspanntes! Wäre traurig, wenn sich alle so anstellen würden! Seien Sie einer deutschen Mutter würdig!«

Es war so schwer, einen Blick nach außen zu erhaschen, alle drängten sich ans Fenster.

Elisabeth sah ihren Vater mit Gildas Großvater sprechen.

Sicher schütten sie sich ihr Herz gegenseitig aus. Sie wollen die neue Zeit nicht verstehen.

Hurrastimmung! Sie fing dieses Wort des Großvaters auf. Jetzt sagte er: Das kennen wir! – Erwin hat es gesagt: So leben die alten Leute. – Das kennen wir, die Hurrastimmung! – Sie wollten nicht verstehen, daß das keine aufflammende Begeisterung war, sondern ein Aufbruch zu neuem Leben.

»Dafür hat man gekämpft, damit die Kinder –« hörte sie ihren Vater sagen.

Der Zug setzte sich in Bewegung. – Wo war Erwin?

Alles rief durcheinander:

»Schreibe bald!« – »Gute Fahrt!« – »Vergiß uns nicht!« Man rief so viele Mädchennamen: »Elisabeth!« – »Gilda!« – »Hanna!« – »Grete!«

Aber alle diese Rufe gingen unter in den blechernen Tönen der Musik.

Die Kapelle spielte:

»Volk ans Gewehr! Volk ans Gewehr!«

II. Teil

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