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Elisabeth, ein Hitlermädchen

Maria Leitner: Elisabeth, ein Hitlermädchen - Kapitel 10
Quellenangabe
authorMaria Leitner
titleElisabeth, ein Hitlermädchen
publisherAufbau-Verlag
year1985
firstpub1937
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180928
projectid8c745c16
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Neuntes Kapitel.
Das Reich der Ungeborenen

Elisabeth tat einige Wäschestücke in ihren Rucksack, es war etwas so Fremdes in ihren zögernden Bewegungen, daß die Mutter sie fragte:

»Hast du etwas vor, Elisabeth?«

»Was sollte ich denn vorhaben? Wir machen eine Wanderung.«

»In diesem schlechten Wetter?«

»Wenn wir wandern, fragen wir nicht nach dem Wetter.«

Ach, könnte ich doch wirklich wandern, irgendwohin, ganz weit weg! Sicher ist es komisch, mit einem Rucksack in die Klinik zu gehen, und in dieser Kluft!

Elisabeth trug ihre Hitleruniform, weil sie kein anständiges Zivilkleid hatte, aber das schwarze Tuch mit der braungeflochtenen Schluppe fehlte um ihren Hals. Die Abzeichen hatte sie sorgfältig ausgetrennt, und die angerauhten Stellen noch überbügelt; niemand sollte sehen, daß sie ein Hitlermädchen sei. Es war unrecht, daß sie in dem Hitlerkleid diesen Gang antrat, nein, unrecht war der Gang selbst, unrecht war alles.

Mit Erwin hatte sie jede Einzelheit genau beraten. Nachher – ihr Gehirn weigerte sich, in bestimmten Worten das, was vor diesem Nachher geschehen sollte, zu formen. – Nachher würde Erwin sie nach Hause bringen, er würde der Mutter sagen, sie hätte einen kleinen Unfall erlitten, er hätte sie zum Arzt gebracht, und der hätte ihr Bettruhe verordnet.

Elisabeth sah klar die spitzen Falten, die die Sorgen in das Gesicht der Mutter kritzeln, die Bewegung, mit der sie ihr Bett öffnen, die Kissen und Decken zurechtrücken würde. Läge sie doch schon im Bett ihrer Mutter, in diesem fremden, und aus der Kindheit doch so wohlvertrauten Geruch.

Nein, noch ist nichts vorbei, noch kann der Lauf der Dinge aufgehalten, noch kann alles gut werden.

An der verabredeten Haltestelle stand Erwin, er war sehr blaß. Sofort waren die Hoffnungen verflogen, sie wußte erst jetzt, daß hinter den Bildern der Trauer und Verzweiflung sich freudige, zuversichtliche abspielten:

In diesen Traumbildern, die kaum ihr Bewußtsein erreichten, sah ihr Erwin froh und erwartungsvoll entgegen. Er nahm ihr den Rucksack ab und flüsterte ihr ins Ohr: Du hast heute Urlaub, wir wollen den nicht ungenutzt lassen, wir machen eine kleine Hochzeitsreise zu dem Saarower See. Das hast du dir schon so lange gewünscht. Und das andere, das Schwere, das dich so niederdrückt, das muß nicht sein, ist nicht mehr nötig. Alles ist geordnet, mein Kind. Für den Anfang wirst du bei uns wohnen, und dann, wenn wir uns einrichten, bekommen wir einen kleinen Zuschuß. Du hast meine Mutter gründlich mißverstanden, mein Kind, sie hat dich nicht abgelehnt, ganz im Gegenteil.

Aber Erwin sagt nichts; er nimmt ihr den Rucksack ab, ganz wie im Traum.

»Wollen wir fahren oder gehen?«

»Wir müssen doch noch miteinander sprechen.«

Sie hielten sich an den Händen, wie am ersten Tage, als sie Angst hatten, sie könnten sich verlieren.

Elisabeth trug nicht ihre Kletterweste, sondern einen Regenmantel, sie zerknüllte nervös die Mütze, die sie auf dem Kopf nicht dulden konnte.

»Woran denkst du jetzt?«

»Das Schlimmste an allem ist die Lüge, es ist ein Verbrechen.«

»Elisabeth, alles ist gesetzlich. Hast du das Attest mit?«

Die zitternden Finger kramten in der Tasche: »Ja, es ist da.«

»Du darfst kein so trauriges Gesicht machen, es wird ja noch alles gut, später! Wir müssen Geduld haben, immer muß die Jugend Geduld haben.«

»Aber jetzt sollte es nicht so sein, jetzt, da wir erreicht hatten, was wir wollten. Es ist gegen den Geist unseres Bundes.«

»Schau, alle in unserem Sturm denken wie du und ich, und doch sind sie gezwungen, gegen ihre beste Überzeugung zu handeln. Das Leben ist stärker als wir. Aber du brauchst dir keine Sorgen zu machen, es ist gesetzlich. Der Arzt ist ein Nationalsozialist.«

»Weißt du, ich hätte gewünscht, dieser Arzt, der dies alles so glatt hinschrieb, wäre Marxist oder Jude.«

»Elisabeth, sieh mich an, sag, daß ich nicht schuld daran bin.«

Elisabeth merkte erst jetzt, daß sich in sein Knabengesicht schwerer männlicher Schmerz verirrt hatte. Er kann noch aus ihm flüchten, aus dieser glatten, straffen Haut, in die die Zeit noch keine Gruben geritzt hat.

»Du bist nicht schuld, wirklich, Erwin, hör mich doch. Du bist nicht schuld!«

Sie dachte an das Attest; da stand: nächtlicher Schweiß, Tuberkulose, Lebensgefahr! Es war nicht einmal alles Lüge. Erwachte sie nicht jede Nacht, als wäre ihr Körper von eiskaltem, glitschigem Tau überzogen?

»Ich hasse es zu lügen, meine Mutter zu belügen. Frau March habe ich gesagt, wir haben heute Geländeübung.«

»Das ist nicht so schlimm, Elisabeth.«

Während sich unzählige Häuser, Bäume, eilige Menschen, spielende Kinder, Zeitungsüberschriften, Schaufenster zwischen ihre Worte schoben, hofften sie immer noch, daß sich etwas ereignen würde, daß irgendwelche Ereignisse sich gegen den Ablauf des Geschehens stellen würden. Irgendwo wird eine gefüllte Geldtasche liegen, sie würden einem reichen Mann das Leben retten, der ihnen hohen Lohn bieten würde. Riesige Plakate verkündeten den neuen Regierungsbeschluß, wonach Jugendliche ihren Arbeitsplatz behalten dürften und sofort in eine höhere Lohnklasse treten würden.

Aber unvermutet standen sie vor dem Haus, das sie schon einmal vor wenigen Tagen ängstlich umkreist hatten.

»Wir haben noch etwas Zeit, wir können noch einmal herumgehen.«

Elisabeth spürte an ihren nackten Fingern eine zarte Berührung, als ginge es neben ihnen. Es wandelte sich, war einmal ein Junge, dann ein Mädchen. Wuchs heran, dann wurde es wieder ganz winzig und hilfsbedürftig. Aber in jeder Gestalt folgte es ihnen unverlierbar.

Wieder standen sie vor dem Hause.

Ihre Hände umschlossen sich, als könnten sie sich nie mehr trennen.

»Ich werde drüben stehen und auf dich warten, ich werde nicht fortgehen, bis du wieder aus der Tür trittst.«

»Nein, du sollst dich in ein Café setzen, dann wird dir die Zeit schneller vergehen. Dann kommst du wieder. Aber geh jetzt!«

»Nein, ich bleibe hier. Wenn du mich brauchst, winkst du mir mit dem Taschentuch oder sagst es der Schwester, daß sie mich ruft. Ich werde hier stehen und hinaufschauen.«

»Geh, es ist besser für uns beide.«

»Sobald ich dich kommen sehe, hole ich eine Taxe. Oder wäre es vielleicht besser, wenn du bleiben würdest, eine Nacht? Ich würde zu deiner Mutter gehen und sie beruhigen.«

»Erwin, sorg dich nicht so; du wirst sehen, es wird alles glattgehen.«

»Elisabeth, ich werde immer gut zu dir sein, ich verspreche es dir. Wir werden zusammengehören gegen die ganze Welt.«

Ihre Hände trennten sich, als müßten sie sich für immer trennen.

Elisabeth betrat das Haus. Es verriet sofort seine Besonderheit. Die Gerüche des Lebens waren von jenen der Sterilität überspült, von Sublimat, Karbol, Chloroform, Äther.

Die Portierloge war in ein Büro verwandelt. Eine Pflegerin mit weißer Haube und gestärkter Schürze sollte dem einstigen Mietshaus den Anstrich einer Klinik geben.

Mit ihrem Rucksack stand Elisabeth vor ihr wie vor einem Richterstuhl.

Die Schwester nahm gleichmütig und mit einem Gesicht, auf dem die Gedanken ausgelöscht schienen, die Personalien Elisabeths auf. Statt, wie sie in tausend Ängsten fürchtete, eines Menschen, der sie richten und verurteilen würde, fragte eine Maschine sie nach Namen, Wohnung, Geburtsdatum, ärztlichem Attest und Gelddepot.

Die weiße Haube holte dann mit einer Stimme, die in dieser bedrückten Luft zu laut schien, ein Dienstmädchen herbei.

Das Mädchen ging Elisabeth die Treppe voraus, ließ sie aber oben stehen, als eine Klingel nach ihm rief.

Elisabeth drückte die Klinke der nächsten Tür nieder und war plötzlich in ein Durcheinander von würgenden Lauten, Frauenschreien, Jammern hineingewirbelt. Es wäre gleich gewesen, welchen Eingang sie auch gewählt hätte, denn die Verbindungstüren waren sperrangelweit offen.

Zwei Frauen hockten auf einem Bett, wie große, dicke Vögel in einem Käfig, die sich ihr Leben vorkrächzen. Sie überschrien sich ständig, aber das schadete nichts, da das Erzählte sich so glich, daß sie nicht wußten, ob sie die eigene Stimme hörten oder die der anderen.

»Vier Kinder zu Hause, das ist mehr, als man durchfüttern kann, das können Sie mir glauben. Stellen Sie sich vor, jetzt noch ein fünftes dazu, das ist gar nicht zu machen; mein Mann verdient weniger heute als damals, als wir eins hatten.«

»Ich habe zwei zu Hause, aber nicht einmal die kann ich satt kriegen. Und meine Tochter ist schon sechzehn, soll ich da wieder mit einem Säugling anfangen? Man würde noch denken, das Kind gehörte ihr.«

»Ach ja, ach ja, schrecklich ist das, ich habe schon einen großen Sohn. Man gibt schon gar nicht mehr acht, ich dachte, es ist alles längst vorbei.«

»Denken Sie, es ist mir erst gar nicht aufgefallen, daß meine Regel ausblieb; ich dachte, es wäre halt die Zeit.«

»Oje, oje, und was das Geld kostet!«

»Richtige Räuber sind es, diese Ärzte, immer denkt man nur an Sparen und wie man ein paar Pfennige retten kann, und so wirft man das viele schöne Geld raus.«

»Später wird das ja noch schlimmer werden, jetzt genügt ein Zeugnis, nachher wird man zwei brauchen, das andere, ein amtliches vom Bezirksarzt.«

»Die amtlichen Ärzte werden überhaupt keine Zeugnisse geben.«

»Ach was, wenn man viel Geld zahlen will, bekommt man's schon, nur Verbindungen wird man haben müssen. Ich habe ja Gott sei Dank welche, mein Mann ist in der Partei. Sonst lehnen die Ärzte glatt ab.«

»Ja, vor allem die jüdischen, die haben ja so 'ne Angst.«

»Man muß zu nationalsozialistischen Ärzten gehen, das war ja auch unrecht, daß früher nur die Juden das viele Geld verdient haben.«

»Jaja, es kostet Geld genug. – Wenn man kein Zeugnis bekommen würde, ginge man zu einer Frau. Ich weiß noch, wie ich mir zum ersten Mal hab was wegbringen lassen, es war billiger als der Arzt, aber ich habe Todesangst ausgestanden, sage ich Ihnen.«

»Und ich, ich war vom Lande; damals war ich noch nicht verheiratet, ging nur so mit meinem Mann. Eine Freundin hat mir eine Hebamme empfohlen, die hat mir was eingegeben, dann hat sie mich aufs Klosett geschickt. Oje, oje, ich dachte, ich werde sterben!«

»Die Männer wissen nicht, wie schwer es die Frauen haben.«

»Ihrer ist in der Partei?«

»Ja, nicht direkt bei der Partei, aber in der Gliederung.«

»In der Gliederung ist meiner auch, in der SA. Alle im Betrieb müssen in der SA sein!«

»Ja, ja.«

»Bis ich das wieder einspare, was ich jetzt ausgebe.«

»Ich habe eine Bekannte, die für mich in der Lebensmittelabteilung im Warenhaus einkauft, es ist doch alles ein paar Pfennige billiger. Ich würde selbst ja nie hingehen!«

»Mir würde es auch nichts machen, wenn ich so die Kosten einbringen könnte, aber was kann man so schon viel sparen!«

»Haben Sie keinen Hunger? Ich habe seit vierundzwanzig Stunden nichts gegessen, man will sich doch nicht so erbrechen.«

»Ich hätte auch gar keinen Appetit gehabt.«

»Aber wenn das Warten so lange dauert?«

»Und ich hätte zu Hause so viel zu tun.«

»Ich doch auch, ich bin direkt am Sonnabend gekommen, damit die Kinder helfen können. – Sehen Sie die dort! So ein junges Mädchen – ist schon so weit?!«

»Ist das ein Hitlermädel?«

»Sie trägt ja kein schwarzes Tuch, sehen Sie das nicht? Und am Arm fehlt das Abzeichen. Manche tun mit Willen so, als ob sie dazugehörten.«

Scharfes Klingeln durchriß das dahinfließende Redegeplätscher, in das ihre Leiden wie fremdes Strandgut sich hineinwühlten.

»Also so zu klingeln, das ist geradezu rücksichtslos.«

Elisabeth stand am Fußende eines leeren Bettes. Ihr Rucksack lag vor ihren Füßen. Sie sah aus wie ein Soldat auf der Rast, bevor er in den Tod geht. Jedes Wort und jedes Bild prägte sich so scharf in ihr Gehirn, als dürfte sie nie etwas davon vergessen.

Die Klingel hatte endlich in Verzweiflung die Schwester herbeigerufen.

Ihr Gesicht erinnerte an eine Nußschale. Die Haut war so braun und runzelig und so hart, als wollte sie wie die Schale einer Frucht das Innere von der Welt abschließen.

Die spitze Nase, die dünnen Lippen, die Stirn mit den zwei Hügeln, dieser weiten Fläche zwischen Haaransatz und Nase, schienen zu sagen: Dein Leid ist nicht mein Leid, dein Schmerz ist nicht mein Schmerz.

Die Schwester ging durch die Zimmer in ihrem gestärkten Kleid, das von ihr abstand, als wollte es ihr nicht gehören.

Erst als sie zum zweiten Mal mit erhobener Stimme nach der Klingelnden fragte, meldete sich mit dünnem, hohem Laut eine Frau, die sich würgend über ein Waschbecken beugte:

»Ich, ach, ich sterbe!«

»Sie sterben nicht! Sie stören nur! Sie sind hier nicht allein!«

»Ja, ich bin allein.« Gurgelnd verließen die Töne ihre Kehle.

»Vielleicht stirbt sie doch«, die Worte, die stumm ersticken wollten, brachen aus Elisabeth gegen ihren Willen. Und gegen ihren Willen war sie vorgetreten.

Die Schwester sah sie mit dieser Überlegenheit an, mit der Ältere die Jugend betrachten: »Wir sterben alle nicht so leicht. Diese Worte werden oft geübt, bis man soweit ist.«

»Aber Sie müssen ihr helfen.«

Das Blau der Augen in diesem harten Gesicht, dieses Blau, das sie doch mit dem Leben verband, wurde tiefer, als erinnerte sie sich plötzlich, daß man die unverheilbaren Wunden in der Jugend erhält.

Elisabeth wußte nicht, daß sich ihre Hände wie in Verzweiflung aneinanderscheuerten:

»Wann, wann«, flüsterte sie.

Die Schwester wußte, daß Elisabeth jetzt nicht an andere dachte, nur an sich selbst. Wann würde sie endlich von hier fort können?

»Wie heißen Sie? Elisabeth Weber? Die Reihe wird auch an Sie kommen. Man wird Sie rufen.«

Bei jedem Schritt, den sie tat, wurde die Schwester mit Klagen angerufen: »Ach, Schwester, mir ist ja so schlecht.« – »Kommen Sie, helfen Sie mir.« – »Das ist ja gar nicht auszuhalten, das lange Warten.« – »Kommen Sie doch zu mir, Schwester.«

Wie eine traurige Melodie begleitete gleichmäßiges leises Weinen das Durcheinander der Klagelaute, des Jammerns, des Redeschwalls und der Würgetöne der sich Erbrechenden. Das Schluchzen kam von einem Bett, in dem eine Frau ihren Kopf in die Kissen vergrub.

»Wo bleibt mein Nachmittagskaffee?« schrie eine, die im Bett aufrecht saß und alles, was um sie geschah, mit neugierigen Augen verfolgte.

Sie wandte sich an eine andere, die ihr gegenüber auf einem Bett saß und ohne aufzublicken strickte. Stumm bewegte sich ihr Mund, als unterhielte sie sich mit den Stricknadeln.

»Man wird so nachlässig bedient. Heute ist hier aber auch ein Betrieb, schrecklich. Das ist sicher wegen Sonnabend. Gestern war es viel ruhiger.«

Die Strickende machte eine Pause und blickte auf die Frau, die nach ihrem Kaffee verlangte:

»Bei Ihnen ist es schon vorbei? Sie haben's schon überstanden?«

»Ach ja, schon gestern. Ist gar keine so große Sache. Das erscheint einem nur vorher so. Ich war ja auch so schrecklich nervös. Genau acht Minuten dauert's, ich schau immer auf meine Uhr, wenn eine gerufen und dann wieder zurückgebracht wird. Acht Minuten sind's.«

»So, acht Minuten?«

»Was stricken Sie?«

»Einen Jumper, einen Hut mach ich mir auch dazu, weiß mit blau. Es paßt mir eigentlich gar nicht, es ist auch so unpraktisch. Die Wolle hab ich für das Kind gekauft. Ich habe auch schon angefangen, Verschiedenes zu stricken, Hemdchen und Jäckchen. Dann hab ich alles aufgetrennt.«

»Wollten Sie es doch nicht behalten?«

Die Strickende klapperte schon wieder mit den Nadeln, sie schien nur dieses Klappern zu hören. Sie antwortete nicht.

Elisabeth stand wieder am Bettende, als wartete sie auf einen Befehl. Sie wollte nichts hören, nichts sehen. Aber unaufhaltsam drängten sich die Worte in ihr Gehirn.

Das Dienstmädchen mit dem mürrischen Gesicht brachte in einer angeschlagenen Tasse den dünnen Kaffee mit einem karg beschmierten Brötchen an das Bett der Dame, die schon alles überstanden hatte.

»Holen Sie mir bitte auch etwas zu lesen! Aber nichts Politisches. Vielleicht die ›Wahren Geschichten‹.«

»Na, Sie erleben doch selbst genug wahre Geschichten«, sagte die Mürrische.

»Ach, aber die geschriebenen sind viel schöner. Hier ist eine Mark. Beeilen Sie sich bitte. Ich langweile mich so.

Ich habe drei Tage voll bezahlt, da will ich auch etwas für mein Geld haben. Es vergeht einem ja eigentlich der Appetit hier, aber Extrazimmer kostet zuviel. Meinem Freund sag ich natürlich, daß ich Extrazimmer hatte. Ich sollte hierbleiben, daß ich mich etwas erhole, bevor ich nach Hause fahre. Ich lebe in Stettin. Und Sie, sind Sie aus Berlin?«

»Ja.«

»Ach, wie ich Sie beneide. Stettin ist ja ein richtiges Nest. Man sagt, es ist eine Großstadt, aber glauben Sie das nur ja nicht. Die Leute kümmern sich um den anderen wie in einem Dorf. Deshalb bin ich nach Berlin gefahren. Es kostet ja eine Menge Geld, aber mein Freund bezahlt's ja. Sind Sie verheiratet?«

»Nein.«

»Ich war früher verheiratet, jetzt bin ich geschieden. Es ist kein Vergnügen, nicht so und nicht so. – Jetzt ist mein Chef mein Freund. Es hat seine Vorteile, aber auch seine Nachteile. Er ist verheiratet und hat immer Angst. Glauben Sie mir, man muß mehr arbeiten, als hätte man gar nichts mit ihm zu tun. Nur wegen der Kolleginnen, damit die nichts merken. Er ist ja nicht knausrig, aber großzügig grad auch nicht. – Die drei Tage in Berlin werden mir von meinem Urlaub abgezogen. Für das Vergnügen, das man hatte! – Warum mußten Sie herkommen, hat denn Ihr Freund Sie im Stich gelassen?«

Die Stricknadeln verstummten.

»Nein, er hat seine Arbeit verloren. Dann ist er einberufen worden zu Wegebauarbeiten. In einigen Tagen muß er schon fort. Was hätten wir tun sollen? – Ich versteh nicht, daß man mich immer noch nicht ruft.«

»Sie werden schon rankommen, da brauchen Sie sich keine Sorgen zu machen.«

»Sie haben leicht reden, Sie haben's schon überstanden. Aber ich möchte dann, nachher, nicht hier liegen und alles sehen und hören. Ich möchte dann nach Hause, und es sollte dunkel um mich sein.«

»Ach, wissen Sie, ich finde es ganz gut, wenn man in einer anderen Umgebung ist; dann denkt man nicht an sein eigenes Leben. Haben Sie eine Wohnung? Wohnen Sie mit Ihrem Freund zusammen?«

»Ich wohne möbliert.«

»Holt Ihr Freund Sie ab? Hat er Sie hierher begleitet? Ins Haus ist er aber sicher nicht gekommen? Seit zwei Tagen bin ich hier, aber einen Mann habe ich nicht gesehen. Die drücken sich. Sie kämen sich vor wie Verbrecher. – Hatten Sie schon ein Kind?«

»Nein.«

»Ich hatte schon eins; es ist gestorben. Vielleicht wäre alles anders geworden, wenn es noch lebte. – Sie sollten sehen, wie es in einer Geburtsklinik zugeht, wenn die Männer zu Besuch kommen. Dort tun sie so, als ob sie der Herrgott selbst wären und sie den Menschen erschaffen hätten. Sie können sich vor Stolz gar nicht fassen.«

Die Stricknadeln begannen wieder zu klappern, sie wurden so laut, als wollten sie die Worte übertönen.

Die Schwester ging jetzt an das Bett der Weinenden, sie schüttelte die Kissen zurecht. Sie beugte sich über sie.

»Sehen Sie, um die kümmert sich die Schwester, nur weil sie mit dem Geheul überhaupt nicht aufhört. Mit der ist sicher etwas los. Sie blieb nur zwei Minuten im Operationssaal, und alle anderen blieben doch acht Minuten weg. Das Dienstmädchen sagt, sie hat die Chloroformmaske vom Gesicht gerissen; sie wollte sich nicht einschläfern lassen und ist dem Arzt davongelaufen. Kann sie sich nicht überlegen, was sie will, bevor sie herkommt?«

Man hörte die beschwichtigende Stimme der Schwester.

»Also, ziehen Sie sich schön an, und gehen Sie nach Hause. Später, wenn Sie das Kind haben, werden Sie Gott danken, daß er es nicht zuließ.«

Die zwei Dicken zischelten:

»Denken Sie nur, die hat etwas mit einem Juden gehabt.«

»So was, daß die sich nicht schämt.«

Die Schwester wiederholte noch einmal: »Stehen Sie auf, ziehen Sie sich an, gehen Sie nach Hause!«

Alle schwiegen: das Weinen allein blieb im Raum wie eine klagende Stimme, die von den vielfältigen Lauten des Orchesters zurückgelassen wurde, weil nur eine einsame wirklich klagen kann.

Dann hörte es auf.

Die Weinende flüsterte: »Schwester, liebe Schwester, was soll ich nur tun? Ich liebe ihn ja, und ich wollte nicht feige sein. Ich wollte den Kampf mit der Welt aufnehmen, aber was sollte mit dem Kind geschehen? Ich kann das doch nicht verantworten. Nehmen Sie mich wieder hinunter, ich werde keine Schwierigkeiten mehr machen, wenn sie mich einschläfern wollen; nehmen Sie mich hinunter.«

»Jetzt werden Sie schon warten müssen, bis die Reihe wieder an Sie kommt. Wir haben hier keine Zeit für die Launen aller.«

Da hörte auf einmal Elisabeth wie aus der Ferne mahnend ihren Namen: »Elisabeth Weber!«

Da lag sie ausgestreckt auf dem Stuhl, der sie auseinanderriß, wie um ihr Frauengeheimnis zu ergründen.

Die Luft hatte wie ein Schwamm den Geruch von Äther, Karbol, Blut und Chloroform aufgesaugt und aufbewahrt.

Die Maske hatte sich über ihr Gesicht gelegt. – Schlafen, nur schlafen!

»Eins ... zwei ... drei ...« Erwin wartet drüben. »Vier ... fünf ... sechs.« Das ist ja keine Straße, das ist ein Fluß, der immer breiter wird. Er ist am anderen Ufer. »Acht ... neun ... zehn.« Wie wird es neblig. »Vierzehn ... fünfzehn.« Das ist nur ein Traum. Jetzt steige ich hinab zu den Ungeborenen. – Hätte mich meine Mutter nie geboren, dann wäre ich immer zusammengeblieben mit den Ungeborenen. – Sie sind besser als die Geborenen, nur sie sind gut! – Ich will nicht mehr zurück. – Ich will unten bleiben, ewig im Dunkel. –

»Wo bin ich denn? Was ist mit mir geschehen?«

»Sehen Sie, die war auch genau acht Minuten unten, ich sag's Ihnen, acht Minuten sind es!«

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