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Victor von Scheffel: Ekkehard - Kapitel 58
Quellenangabe
typefiction
booktitleEkkehard
authorJoseph Victor von Scheffel
year1979
publisherFleischhauer & Spohn
addressStuttgart
isbn3-87230-301-5
titleEkkehard
pagesIII-XV, 1-419
created19990430
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1855
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Der Senn wollte mit seinem Beil wider die Bärin ausziehen, aber Ekkehard hielt ihn zurück und sprach: Lasset ihr das Leben, wir haben genug an dem da! und sie zogen ihn herfür und mochten ihn kaum selbander von der Stelle bringen. Die Bärin saß auf ihrem Stein und schaute betrübt herunter und brummte und warf einen feuchten Blick auf Ekkehard, als habe sie ihn verstanden. Dann stieg sie hernieder, aber nicht wie zum Angriff; die Männer banden Fichtengezweig zu einer Schlinge zusammen, die Beute fortzuschleifen, sie traten zurück, Beil und Speer geschwungen, die Bärenwitib aber beugte sich über den toten Ehegespons und biß ihm das rechte Ohr ab und fraß es auf zu ewigem Angedenken an glückliches Ehemals, dann wandte sie sich gegen Ekkehard, auf den Hinterfüßen einherwandelnd. Er erschrak, als drohte ihm eine Umarmung, da schlug er ein Kreuz und sprach den Bärensegen des heiligen Gallus wider sie: »Zeuch aus und weiche von unserem Tal, du Ungetüm des Waldes, Berg und Alpenschlucht seien dein Revier, uns aber laß in Ruh und die Herden der Alm.«.. In nomine Domini mei Jesu Christi, recede ab hac valle. Sint tibi montes et colles communes nec tamen hic pecus ledas aut homines. Vita S. Galli bei Pertz, Monum. II. 9. Die Bären waren in jener Zeit häufige Besucher der Appenzeller Alpen und einige Plätze tragen noch jetzt den Namen zur Erinnerung an sie, z. B. Bärenbach, Bärental, Bärenalp. Seit die Touristen in jenen Revieren zahlreicher geworden, haben sie sich indes gänzlich zurückgezogen. – Die Geschichtsquellen liefern, Bären betreffend, eine so reiche Ausbeute, daß es einem fleißigen Mann nicht schwer fallen würde, sie in einer Abhandlung »über die Bedeutung und soziale Stellung der Bären im Mittelalter« zu verwerten. Wir erinnern an den Bären des heiligen Gallus, der ihm wie ein getreuer Diener Scheiterholz beitrug und Brot aus der Hand fraß, – an die kunstreichen Tanzbären, die im Ruodlieb Fr. III. 85 u. ff. besungen sind und mit ihrem aufrechten Eimertragen und Reihentanz im Verein mit singenden Spielweibern den Zuschauern ein Vergnügen geboten haben mögen, von dem man begreift, daß die Geistlichkeit in besonderen Synodalbeschlüssen dawider eiferte. (Regino de eccles. disciplin. II. 213.) Die lex Alamannor. tit. 99. 12 schlägt das Wehrgeld eines zahmen Hausbären auf 6  solidi an – alles Beweise, daß man die Bären in Deutschland zu schätzen wußte, auch ehe ihr Stammverwandter aus den Pyrenäen zum Helden epischer Dichtung erhoben ward. Und die Bärin war still gestanden, im Aug' einen bitter wehmütigen Blick, als wäre sie gekränkt ob der Verschmähung ihres Gefühls, sie ließ die Tatzen zur Erde sinken, drehte dem Bannenden den Rücken und schritt auf allen vieren von dannen. Noch zweimal hatte sie umgeschaut, ehe sie aus dem Blick der Bergbewohner verschwand.

So ein Tier hat zwölf Männer Verstand und sieht dem Menschen an den Augen an, was er will, sprach der Senn, sonst würd' ich sagen, Ihr seid ein heiliger Mann, daß Euch die Völkerschaften der Wildnis gehorchen.

Er wiegte die Tatzen des Toten prüfend im Arm:

Juhuhu, das wird ein Festschmaus. Die verzehren wir am nächsten Sonntag, Bergbruder, und ein Salätlein von Alpenkräutern dazu. Das Fleisch gibt Wintervorrat für uns zwei beide, ums Fell losen wir.

Wie sie das Opfer der Lawine zum Waldkirchlein empor schleiften, sang Benedicta:

Und wer Schneeglöcklein graben will
Und hat das Glück dabei,
Der gräbt wohl einen Bären aus
Und gräbt auch ihrer zwei.

Der Schnee war ein luftiger FlutterschneeFlutterschnee, ein lockerer, leichter, nicht kompakter Schnee. Siehe Tobler, Appenzell. Sprachschatz 196. gewesen und war in Bälde wieder zerschmolzen, Spätsommer zog noch einmal mit herzwärmender Kraft in den Bergen ein, ein stiller Sonntagfriede lag über dem Hochland.

Ekkehard hatte des Mittags mit dem Senn und seiner Tochter die Bärentatzen verzehrt, eine lecker kräftige Speise, rauh aber stark, wie die Altvorderen selber; dann war er hinaufgestiegen auf den Gipfel der Ebenalp und hatte sich ins duftende Gras geworfen und schaute behaglich in die Himmelsbläue, von wohligem Hauch der Gesundheit erquickt. Um ihn weideten Benedictas Ziegen; schier war's zu hören, wie das Alpengras zwischen den Zähnen der Kauenden sich bog und zerbrach. Unstets Gewölk zog an den Bergwänden herum, – auf weißer Kalksteinplatte, dem Säntis zugewendet, saß Benedicta; sie blies auf der Schwegelpfeife. Einfach, melodisch wie ein Klang aus ferner Jugendzeit tönte die Weise, mit zwei hölzernen Milchlöffeln in der Linken schlug sie den Takt dazu. Sie war Meisterin in dieser Kunst, und ihr Vater pflegte oftmals mit Bedauern zu sagen: Es ist schade, sie verdiente Benedictus zu heißen, sie hätt' wahrlich einen tollen Handbuben gegeben.

Wenn die Tonweise rhythmisch zu Ende ging, tat sie einen scharfen Jodelruf zur benachbarten Alp, dann schallte von dort ein sanftkräftiges Blasen des Alphorns herüber, ihr Liebster, der Senn auf der Klus, stand unter dem zwergigen Fichtenbaum und blies den KuhreigenTubas alio quam ceteri villani clanctu inflare didicerant. Ekkeh. IV. casus S. Galli c. 3 bei Pertz, Monum. II. 103. Ein echter kanonischer Kuhreigen ist übrigens trotz der Untersuchungen der Gelehrten nicht festgestellt und im Gebirge schwanken die Ansichten derer, die als geborene Sachverständige ein festes Urteil haben sollten, so daß die einen behaupten, der Kuhreigen werde gar nie mit Worten begleitet, während andere einen – jedenfalls alten und eigentümlichen Text mit dem Refrain »Loba! loba!« zu geben wissen. Dem Verfasser wurde am Säntis auf die Frage nach dem Kuhreigen dadurch geantwortet, daß man das Alphorn vom Rücken nahm und ihn blies, ohne ein Wort dazu zu singen oder zu jodeln. – jenen seltsamen Naturlaut, der, keiner Melodei vergleichbar, erst dumpfes Geräusch scheint, als säße eine Hummel oder ein Käfer im Horn eingesperrt und suche summend den Ausweg, der aber mählich und mählich das große Lied von Sehnsucht, Liebe und Heimweh in alle Gänge des Menschenherzens hinein drommetet, daß es aufjubelt oder zerbricht.

Ich glaube, Euch ist wieder ganz wohl, Bergbruder, rief Benedicta zu Ekkehard herauf, daß Ihr Euch so vergnügt auf den Rücken strecket. Gefällt's Euch?

Ja, sprach Ekkehard, pfeif weiter.

Er konnte sich nicht satt schauen an all der Pracht. Zur Linken stund in schweigender Größe der Säntis mit seiner Sippe, – er kannte schon all die einzelnen Häupter bei ihren Namen und hieß sie seine lieben Nachbarn; vor ihm breitete sich ein Gewimmel niedriger Berge und Hügel aus, grünes üppiges Mattenland und dunkle Wälder, ein Stück Rheintal glänzte herauf, von den Höhen des Arlbergs und fernen rhätischen Alpen umsäumt, – ein dunstiger Streif Nebel deutete das Becken des Bodensees an, das er umhüllte – alles war weit und groß und schön.

Wer das Geheimnis erlauscht hat, das auf luftiger Berghöhe waltet und des Menschen Herz weitet und dehnt und himmelan hebt in freiem Schwung der Gedanken, den faßt ein lächelnd Mitleid, wenn er derer gedenkt, die drunten in der Tiefe Ziegel und Sand zum Bau neuer babylonischer Türme beischleppen, und er stimmt ein in jenes rechtschaffene Jauchzen, von dem die Hirten sagen, daß es vor Gott gelte wie ein Vaterunser.

Die Sonne stund über dem Kronberg und neigte sich zum Untergang und sprühte ein glühgolden Feuer an Himmel und schoß lustig ihre Strahlen in den Nebel über dem Bodensee. Itzt riß die weiße Umhüllung, in leiser ahnungsvoller Bläue lag der Untersee vor Ekkehards Blick; sein Auge schärfte sich im Glanz des Abends, er sah einen verschwindenden dunkeln Punkt, das war die Reichenau, er sah einen Berg, kaum hob er sich am Himmelsgrund, aber er kannte ihn – es war der hohe Twiel.

Und der Kuhreigen tönte ins Herdengeläut und wärmer und wärmer färbte sich alles auf der Alp, goldbraungrün leuchteten die Matten, leiser Abglanz der Röte warf sich auf die grauen Kalksteinwände des Kamor, da hub sich auch in Ekkehards Seele ein Leuchten und Glänzen, – die Gedanken flogen hinüber ins ferne Hegau und weiter, es war ihm, als säße er wieder bei Frau Hadwig auf dem Hohenstoffeln, wie damals, als sie des Hunnen Cappan Hochzeit feierten, als käme Audifax mit Hadumoth aus der Hunnennot heimgeritten, als säh' er das Glück in Gestalt jener zwei verkörpert, und aus dem Schutt vergangener Zeit tauchte auf, was der sinnige Konrad von Alzey ihm dereinst von Walthari und Hiltgunde erzählt, mit Sang und Klang zog der Geist der Dichtung bei ihm ein, er sprang auf und tat einen Satz in die Luft, daß der Säntis seine Freude an ihm haben mochte. Im Bild der Dichtung soll das arme Herz sich dessen freuen, was ihm das Leben nimmer bieten kann, an Reckenkampf und Minnelohn, – ich will das Lied vom Walthari von Aquitanien singen! rief er der scheidenden Sonne zu, und es war ihm, als stünde drüben in der Gemsenlucke zwischen Sigelsalp und Maarwies glanzumwallt der Freund seiner Jugend, der Meister Konrad, und winkte ihm mild lächelnd herüber und spreche: Tu's!

Und Ekkehard ging fröhlich ans Werk. Was bei uns geschieht, muß recht geschehen oder gar nicht, sonst lachen uns die Berge aus – so hatte der Senn eines Tages zu ihm gesprochen und er hatte beifällig dazu genickt. Der Handbub ward ins Tal geschickt, Eier und Honig zu holen, da bat ihn Ekkehard für einen Tag bei seinem Meister frei und gab ihm einen Brief nach Sankt Gallen an seinen Neffen. Er schrieb ihn in damals üblicher dort wohlbekannter Stabrunenschrift,Ekkehardus autem, notularum peritissimus, paene omnia haec eisdem notavit in tabula verbis etc. Ekkeh. IV. casus S. Galli c. 19. Pertz, Mon. II. 140. Die sanktgallische Handschrift 270 gibt nähere Auskunft über die verschiedenen Arten von Geheimschrift, deren man sich allgemein bediente. Siehe W. Grimm, über deutsche Runen und Hattemer, Denkmale usw. I. 417, wo auch als Beilage in Steindruck mehrere genaue Faksimile mitgeteilt sind. Es ist auffallend, wie eine gewisse Ähnlichkeit zwischen diesen Charakteren und denen etruskischer Inschriften stattfindet. damit ihn kein Unberufener lese. Darin aber stand:

»Dem Klosterschüler Burkard Heil und Segen.

Der du ein Augenzeuge von deines Oheims Leid gewesen, wisse zu schweigen. Und wo er weilet, frage nicht – Gottes Hand reicht weit. Du hast im ProcopiusProcop. bell. Vand. II. 6. gelesen vom Vandalenkönig Gelimer: da er im numidischen Gebirg eingeschlossen saß und sein Elend groß war, heischte er von den Belagerern eine Harfe, seinen Schmerz zu versingen. Gedenke dabei deines Ohms und wolle dem Überbringer eine eurer kleinen Harfen mitgeben und etliche Bogen reinen Pergamentes samt Farbe und Rohrfeder, denn mein Herz ist wohlgemutet zu singen in der Einsamkeit. Verbrenne das Blatt. Die Gnade Gottes sei mit dir! Leb wohl!«

Mußt schlau und fürsichtig sein, als wenn du eines Adlers Nest beschleichen wolltest, um die Jungen auszuheben, sprach Ekkehard zum Handbuben. Erkunde den Klosterschüler, der mit dem Wächter Romeias war, da die Hunnen kamen, dem entbiete den Brief. Sonst soll niemand drum wissen.

Der Handbub legte den Zeigefinger auf die Lippen. Bei uns wird nichts verplaudert! sprach er, Bergluft macht still.

Nach zwei Tagen kam er wieder bergan gestiegen. Er packte den Inhalt seines Tragkorbs vor Ekkehards Höhle aus. Eine kleine Harfe war unter grünen Eichzweigen verborgen, dreieckig, der Gestalt des griechischen Delta nachgebildet, mit zehn Saiten besaitet, Farbe und Schreibgerät dabei und viel Blätter saubern weichen Pergamentes, sorgsam waren die Linien drin punktiert, daß die Buchstaben gerade und eben drauf zu stehen kämen.

Aber der Handbub sah finster und trotzig drein.

Hast's brav gemacht, sagte Ekkehard.

Ein zweitesmal laß ich mich nicht mehr dort hinunterschicken, murrte der Bub und ballte die junge Faust.

Warum?

Weil dort keine Luft geht für unsereins. Im Stüblein der Wandersleut' hab' ich mir den Schüler erkundet und hab' den Auftrag bestellt. Hernach aber wollt' ich erschauen, was das für eine heilige Zunft sei, die dort in Kutten zur Schule geht, und bin in den Klostergarten gegangen, dort haben die jungen Herren mit Würfeln gespielt und Wein getrunken, es war ein Ergötzungstag.Die noch ganz an antike Gymnastik erinnernden Ergötzungen der sanktgallischen Schuljugend, wozu u. a. auch Wettrennen, Ringen mit gesalbten Händen, Stockfechten usw. gehörte, beschreibt Notker Labeo in seinem lateinischen Vakanzlied, mitgeteilt von I. v. Arx, Geschichten usw. I. 259. Da hab' ich zugesehen, und wie sie Steine nach dem Ziel warfen und das Stockspiel trieben, hab' ich laut auflachen müssen, weil alles schwach und spottmäßig war. Und sie wollten wissen, warum ich lachte, da hab' ich einen Stein gegriffen und hab' ihn zwanzig Schritt weiter geworfen als der beste von ihnen, und hab' gesagt: Was seid ihr für Wacholderdrosseln, wollt ein rechtschaffen Spiel spielen und habt lange Kutten an! Euch kann ich ja nicht einmal zum Hosenlupf ausfordern oder zu einem gehörigen Schwingen; euer Sach ist nichts! Da sind sie mit Stöcken auf mich los, aber den nächsten hab' ich gegriffen und durch die Lüfte geworfen, daß er ins Gras flog wie ein flügellahmer Bergrabe; und sie erhoben ein groß Geschrei und sagten, ich sei ein grober Bergbub, ihre Stärke sei Wissenschaft und Geist. Da hab' ich wissen wollen, was der Geist sei, und sie sprachen: Trink Wein, dann schreiben wir dir's auf den Rücken! Und der Klosterwein war gut, ein paar Krüge hab' ich ihnen weggetrunken, dann haben sie mir etwas auf den Rücken geschrieben, ich weiß nimmer, wie's zuging, aber andern Morgens hab' ich nur einen schweren Kopf gehabt und weiß von ihrem Geist im Kloster so wenig denn vorher.

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