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Victor von Scheffel: Ekkehard - Kapitel 56
Quellenangabe
typefiction
booktitleEkkehard
authorJoseph Victor von Scheffel
year1979
publisherFleischhauer & Spohn
addressStuttgart
isbn3-87230-301-5
titleEkkehard
pagesIII-XV, 1-419
created19990430
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1855
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Er weiß nicht, wo die Ebenalp steht? sprach das Hirtenkind mitleidig. Ich will's Euch zeigen!

Ihr Kienspan brannte noch.

Sie wandte sich dem Innern der Höhle zu, die Männer folgten ihr. Da ging's durch enge dunkle Wölbung ins Innere des Berges, niedergestürztes Gestein sperrte den Pfad, oft mußten sie gebückt weiter kriechen. Scharfe rötliche Streiflichter zuckten auf den Kanten der Wände, – dann fiel fahler Schimmer des Tages herein. Es ging in die Höhe, dort öffnete sich ein Ausgang. Die Hirtin stieß ihren Span an die seltsam geformten Tropfsteingebilde, die von der Decke niederhingen, daß er erlosch... noch etliche Schritte, und sie stunden auf weiter herrlicher Alp.

Würziger Duft von Alpenpflanzen umströmte sie, da blühte Mannstreu und Knabenkraut und blauer Eisenhut, der prächtige Alpenschmetterling Apollo mit dem rotleuchtenden Auge auf den Flügeln wiegte sich über den Blumenkelchen – nach enger Höhennacht erquickte ein weites unendliches Rundbild den Blick.

Noch lag der Frühnebel in den Tälern, schwer, unbeweglich, zusammengeballt, als hätte überall ein gewaltiges Meer geströmt und wäre im Augenblick, da es zu sprühendem Schaum aufwogte, versteinert worden; aber klar und scharf schnitten die Häupter der Berge ihren Umriß in das tiefe Blau der Himmelsdecke, wie riesige Inseln dem Schoß des Nebelmeers entsteigend. Auch der Bodensee war umnebelt, in leisem Duft türmten sich die Reihen der fernen Gebirge an rhätischer Landmark mit ihren zackigen Felshörnern übereinand. Friedlich tönte weidender Herden Geläut von den Halden herauf. In Ekkehards Gemüt klang es wie ein stolz demütiges Morgengebet.

Ihr bleibet bei uns, sprach der alte Senn, ich seh' Euch's an den Augen an.

Ich bin ein landfremder Mann, erwiderte Ekkehard traurig, mich hat der Abt nicht gesendet.

Das gilt gleich, rief der Alte. Wenn's uns recht ist und dem Säntis dort droben, so hat niemand was drein zu reden. Des Abts Twing und Bann reicht nicht in unsere Höhen, wir zahlen ihm den Herdenzins, wenn seine Vögte am Milchprüfungstag.. in visitatione lactis. zur Schau unserer Senntümer heraufkommen, weil's alter Brauch ist, aber sonst: Sein' Grund und Boden pflanz' ich nicht, nach seiner Pfeife tanz' ich nicht,Nec sua rura colo, nec sua jura volo! heißt's hier zu Lande.

Schaut her! – er wies Ekkehard eine graue Bergspitze, die aus langgestreckten Eisfeldern einsam aufragte – das ist der hohe Säntis, der ist Herr in den Bergen, vor dem schwenken wir den Hut, sonst vor niemand. Dort zur Rechten ist der blaue Schnee; da war früher Alm und Weide und saß ein übermütiger Mann drauf, der war ein Riese und ihm wuchsen die Herden und der Stolz, daß er sprach: ich will König sein über alles, was mein Auge umfaßt! Aber in des Säntis Tiefen hub sich ein Donnern und Beben und der Felsgrund regte sich und Eisströme rannen hervor und deckten den Riesen samt Hütte und Stall und Vieh und Alm, und vom blauen Schnee weht's jetzt noch frierend herunter, – ein Denkzeichen, daß neben dem Alten der Berge keiner zur Herrschaft berufen!

Der Hirt schuf Ekkehard Vertrauen. Trotzige Kraft und gutes Herz strömte in seinen Worten. Sein Kind hatte einen Strauß Alpenrosen gepflückt und reichte sie Ekkehard dar.

Wie heißt du? fragte er.

Benedicta, sprach sie.

Das ist ein guter Name, sagte Ekkehard und steckte die Alpenrosen in den Gürtel seiner Kutte; ich bleibe bei Euch.

Da schüttelte ihm der alte Senn die Rechte, daß sie in ihren Grundfesten erbebte, dann griff er das Alphorn, das er an rohhäutigem Riemen auf der Schulter trug, und blies ein seltsam klingendes Zeichen. Aus Höhen und Tiefen klang's antwortend herüber, die benachbarten Sennen kamen herbei, starke wilde Hirten, und standen zu dem Alten, den sie in der Frühlingszeit seiner Tüchtigkeit halber zum Alpmeister und Aufseher über die Bergweiden der Ebenalp erwählt.

Wir haben einen Bergbruder überkommen, sprach er, es wird keiner von euch dawider schelten und tosen?»Tosen«: an der Volksversammlung murmelnd rauschen. Wenn ein Vorschlag der Landesgemeinde sehr mißfällt, so toset's gewöhnlich. Tobler, Appenz. Sprachschatz p. 148.

Und sie erhoben alle die Hände als Zeichen der Zustimmung und gingen auf Ekkehard zu und hießen ihn willkommen, und er ward gerührt und machte das Zeichen des Kreuzes über sie.

So ward Ekkehard Einsiedel auf dem Wildkirchlein und wußte eigentlich selber nicht wie. Der Senn von der Ebenalp hielt Wort und half ihm, sich einzurichten, und stellte ihm drei Ziegen ein und wies ihm den Pfad zwischen Kluft und Spalt zum Seealpsee hinunter, wo die großen Forellen schwimmen, und schindelte ihm die Lücken zu, die tropfend Gewässer und Unbill des Wetters in das Dach von Gottschalks Blockhaus geschlagen. Mählich gewöhnte sich Ekkehard an die Enge des Raumes vor seiner Behausung, und wie der nächste Sonntag kam, trug er das hölzerne Kreuz ins Innere der vorderen Höhle, wand einen Kranz Blumen drum, zog die Glocke, die aus Gottschalks Zeiten am Eingang hing – (sie trug das Zeichen Tanchos, des tückischen Glockengießers von Sankt Gallen) und als seine Sennen mit Buben und Mägdlein beisammen waren, hielt er der kleinen Gemeinde eine Predigt über das Evangelium von der Verklärung und sprach darüber, daß ein jeder Mensch, der mit rechtem Sinn zu Bergeshöhen steige, ein verklärter werde. Und wenn auch Moses und Elias nicht zu uns herabtreten, rief er, so haben wir den Säntis und den Kamor bei uns stehen, das sind auch Männer eines alten Bundes und es ist gut bei ihnen sein!

Seine Worte waren groß und keck, und er wunderte sich, daß sie ihm so entströmten, denn es war schier ketzerisch und er hatte in keinem Kirchenvater solch Gleichnis gelesen. Aber den Sennen war's recht und den Bergen auch und niemand tat Einsprache.

Des Mittags kam Benedicta, das Hirtenkind; ein silbern Kettlein schmückte das Sonntagsmieder, das wie ein Panzer die Brust umschloß. Sie brachte einen saubern eschenholzenen Milchkübel, darauf war in kunstlosen Linien eine Kuh geschnitzt. Den schickt Euch der Vater, sagte sie, darum, daß Ihr so auferbaulich gepredigt und von den Bergen Gutes gesprochen – und wenn Euch einer was Leides tun will, sollt Ihr wissen, wo die Ebenalp steht.

Sie warf etliche Handvoll Haselnüsse aus ihrer Schurztasche in das Milchgefäß; die hab' ich für Euch gepflückt, sagte sie, und ich weiß noch mehr, wenn sie Euch schmecken.

Bevor sich Ekkehard bedanken konnte, war sie in der Höhlentiefe verschwunden.

Schwarzbraun sind die Haselnüss'
Und schwarzbraun bin auch ich,
Und wenn mich einer lieben will,
So muß er sein wie ich,

tönte verklingend ihr schalkhafter Gesang durch die Klause.

Ekkehard lächelte wehmütig.

Aber ganz war der Sturm in seinem Herzen noch nicht geschwichtigt; es hallte und tönte in ihm nach wie der Donner des Alpengewitters, der an ferner Bergwand zu neuem Dröhnen sich zusammenrafft.

Eine riesige Felsplatte war bei der Höhle niedergestürzt, schmelzendes Seewasser hatte sie im Frühling losgenagt, sie sah aus wie die Decke eines Grabmals. Dort saß er oft, er nannte sie stillschweigend das Grab seiner Liebe; oft kam's ihm vor, als ruhe die Herzogin und er selber in kühlem Schlaf der Toten darunter, und er saß drauf und schaute über die tannumsäumten grünen Rücken nach dem Bodensee hinüber und träumte. Es war ihm nicht gut, daß er den See von seiner Klause erschauen konnte, wunde Rückerinnerung durchschmerzte sein Inneres. Oft wollt' er zornig aufbrausen, oft bog er sich abendlich um die Ecke seines Felsens in der Richtung des Untersees und hauchte Grüße hinaus. 

.. dic illi nunc de me corde fideli
Tantundem liebes, veniat quantum modo loubes,
Et volucrum wunna quot sint, tot dic sibi minna,
Graminis et fiorum quantum sit, dic et honorum.
Ruodlieb fr. XVI. 11-15.
Wem galten sie?

Der Traum der Nacht war wirr und bewegt. Er sah sich wieder in der Burgkapelle und die ewige Lampe schwebte über der Herzogin Haupt wie damals, und wie er auf seine Gebieterin zustürzen wollte, hatte sie das Antlitz der Waldfrau und lachte ihm höhnisch ins Gesicht; und wenn er frühmorgens von seinem Streulager aufsprang, hörte er sein eigen Herz pochen und das Wort Frau Hadwigs: o Schulmeister, warum bist du kein Kriegsmann worden? verfolgte ihn, bis die Sonne hoch am Himmel stand oder der Anblick Benedictas es verscheuchte.

Oft warf er sich ins kurze schwellende Gras am Abhang und überdachte die letzten Monate; in läuternder Schärfe der Alpenluft prägten sich Gestalten und Ereignisse klar vor seinem Denken, es peinigte ihn das Gefühl, daß er sich zag und scheu und töricht benommen und nicht einmal die Aufgabe gelöst, eine Geschichte zu erzählen, wie Herr Spazzo und Praxedis. Ekkehard, du bist lächerlich geworden, sprach er höhnisch leise zu sich selber und vermeinte dabei, er müsse an den Felswänden sein Gehirn einrennen.

Melancholisch Gemüt zehrt lang an erlittener Beschädigung und vergißt in seinem Brüten, daß tadelhafte Tat nur durch nachfolgende bessere im Gemüt der Menschen verwischt wird.

Darum war Ekkehard noch nicht reif für die klärenden Wonnen der Einsamkeit. Der haftende Eindruck vergangenen Leids tat seine seltsame Wirkung; wenn er in seiner Höhlenstille saß, glaubte er Stimmen zu hören, die spottend mit ihm plauderten von törichten Hoffnungen und den Täuschungen der Welt, Flug und Ruf der Vögel klang ihm wie kreischender Schrei der Dämonen und sein Gebet half nicht dawider. Wenn Schauer der Wildnis den Geist erfüllt, täuscht sich Ohr und Auge und glaubt die alten Sagen, daß alles von Mitte der Luft bis hernieder und die Erde selber, da wo sie unbauhaft,.. sélbun dia érda, dár si únbûhafte ist, hábent erfúllet tero lánglîbon mâniginâ in walden, íoh in ’fórsten, ioh inlóhen, in ’sêwen, in áhôon, in ’brúnnon. Notkers Paraphrase des Marcianus Capella lib. II. cap. 34. bei Hattemer usw. III. 356. erfüllt sei vom Reigentanz ewig lebender Geister.

Es war eine weiche würzige Spätsommernacht, er wollte sich auf sein einfach Lager werfen, da schien der Mond in scharfem Glanz die Höhle an, zwei weiße Wolken zogen langsam einander nach, er hörte, wie sie zueinander sprachen, und die eine Wolke war Frau Hadwig, die andere Praxedis. Ich will doch sehen, wie die Ruhestatt eines flüchtigen Toren aussieht, sprach die vordere weiße Wolke und streifte eilend über die Scheitel der waagrechten Wände und stand gegenüber der Höhle über dem Kamor, dann senkte sie sich nieder zu den Tannen, die talab in unzähligen Reihen standen. Er ist's! rief die Wolke, greifet den Frevler! und die Tannen wurden lauter Mönche, tausend und abertausend, und wurden lebendig und zogen wimmelnd aus und begannen die Abhänge des Wildkirchleins zu ersteigen, psalmend und rutenschwingend – da sprang Ekkehard schauernd auf und griff seinen Speer – itzt war's, als wenn Irrlichter aus der Höhlentiefe vorhüpften; hinaus aus den Alpen! rief's hinter ihm – alle Adern fieberten, da rannte er fort über den schmalen Steg an den dräuenden Felsüberhängen hinaus in die Nacht wie ein Verzweifelter. Noch stand die zweite Wolke beim Mond. Ich kann dir nicht helfen, sprach sie mit Praxedis' Stimme, ich weiß den Weg nicht...

Er rannte bergab, das Leben war für ihn eine Qual, und doch tastete er am abspringenden Boden und stemmte den Speer ein, um nicht hinabzustürzen und den herankletternden Spukgestalten in die Hände zu fallen.

Der nächtliche Rutsch den Hohentwiel hinab war ein Kinderspiel gegen dieses Klimmen; über schwindelnden Abgrund, der Gefahr unwissend kam er zur Tiefe. Die Ziegen stürzen dort in zerschmetterndem Fall zu Tale, wenn sie die Augen von Gras und Berghang weg zur halsbrechenden Schlucht wenden.

Jetzt stand er unten; da lag geheimnisvoll lockend der grüne Seealpsee, vom Mondlicht umzittert. Von den verfaulten Stämmen am Ufer ging ein gespenstig Scheinen. Es ward trüb vor Ekkehards Blick. Nimm du mich auf! rief er, mein Herz will Ruhe!

Er rannte hinein in die stille glatte Flut, – aber der Boden wich nicht unter ihm, wohltätig kühlend drang ihm des Bergsees Frische durch Mark und Bein.

Schon stund er bis an die Brust im Wasser, da hemmte er seinen Schritt. Wirr schaute er auf, die weißen Wolken waren verschwunden, vom Mond in Duft zerlöst, traurig prächtig funkelte Stern an Stern ihm zu Häupten.

In kühn phantastischer Linie schwang die Möglisalp ihren bis zur höchsten Höhe grasumwachsenen Gipfel mondaufwärts; ihr zur Linken ruhig und ernst das durchfurchte Haupt des alten Mann, zur Rechten aus gedoppeltem Eisfeld sich emportürmend die graue Pyramide des Säntis, Zacken und Felshörner ringsum wie furchtbare Schrecken der Nacht. Da kniete Ekkehard auf den Steinboden des Sees, daß ihm die Flut über dem Haupt zusammenschlug, dann tauchte er wieder auf und stund unbeweglich, die Arme hoch erhoben wie ein Beter.Siehe Grimm, deutsche Mythologie p. 29.

Der Mond ging über dem Säntis unter, bläulicher Schimmer leuchtete auf dem alten Schnee der Gletscher, da zuckte ein stechender Schmerz durch Ekkehards Gehirn, die Berge um ihn tanzten und schwankten, sausendes Getön strömte durch die Wälder, aufschäumte der See, viel tausend werdende Frösche in schwarzen Kaulquappengestalten wimmelten in den Wogen... Aber in tauiger Schöne stieg die Gestalt eines WeibesAuch der heilige Gallus ward von solchen Erscheinungen dämonischer Weibergestalten nude ad litus stantes, quasi ad balneum ingredi volentes, turpitudinemque corporis sui ei monstrantes, heimgesucht. Vita S. Galli bei Pertz, Mon. II. 9. empor und entschwebte bis zum Gipfel der Möglisalp, dort saß sie im sammetweichen Grün und strich das Wasser aus dem langen triefenden Haar und flocht sich einen Kranz aus Alpenblumen, in den Schluchten hob sich ein Krachen, der Säntis reckte sich auf, der alte Mann zur Rechten nicht minder, Gestalten himmelstürmenden Ursprungs tobten sie gegen einand, der Säntis griff seine Wände und schleuderte sie hinüber, und der alte Mann riß sich sein Haupt und warf's auf die Säntispyramide – itzt stund der Säntis zur Rechten und der alte Mann floh vor ihm zur Linken, aber die Jungfrau des Sees saß in lächelnder Ruhe auf ihrer Alpe und spottete der steinernen Zweikämpfer und rang ihr felsgelbes Gelock, draus entströmte perlender Wasserfall und strömte stärker und strömte wilder und wirbelte die Maid mit den feuchten Augen rauschend hinab in den See – da schwichtigte sich das Toben der Berge, der Altmann griff sein weggeworfenes Haupt und setzte es auf und wandelte schmerztraurig jodelnd zurück zur Kluft, in die er gehörte, und der Säntis stund wieder am alten Platz und seine Schneefelder leuchteten wie vordem.

... Als Ekkehard des andern Tages erwachte, lag er in seiner Höhle, von fiebrigem Frost durchschüttelt – in den Knien todmüde Zerbrochenheit.

Die Sonne stand in der Mittagshöhe.

Benedicta huschte draußen vorbei und sah ihn zitternd daliegen, den Wolfspelz umgeschlagen. Die Kutte hing triefend und wasserschwer über einem Felsstück.

Wenn Ihr wieder Forellen im Seealpsee fangen wollt, Bergbruder, sprach sie, so laßt mich's wissen, daß ich Euch führe. Der Handbub, der Euch vor Sonnenaufgang begegnete, hat gesagt, Ihr seid den Berg herauf gewankt wie ein Nachtwandler.

Sie ging und läutete die Mittagglocke für ihn.

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