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Victor von Scheffel: Ekkehard - Kapitel 46
Quellenangabe
typefiction
booktitleEkkehard
authorJoseph Victor von Scheffel
year1979
publisherFleischhauer & Spohn
addressStuttgart
isbn3-87230-301-5
titleEkkehard
pagesIII-XV, 1-419
created19990430
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1855
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Der Knecht hatte indes den Hornschröter zwischen zwei platten Feldkieseln zermalmt und grub die Steine in den BodenDem Schröter, den es mit Donner und Feuer in Bezug setzt, mag das deutsche Volk besondere Ehre angetan haben. Grimm, Mythologie (3. Ausg.) p. 657. Siehe auch p. 167 über die Bedeutung dieses und anderer Käfer. Jetzt schleppten sie den Cappan vorwärts übers Blachfeld und schleppten ihn zum hunnischen Grabhügel und schnürten ihm mit Weidenruten Hand und Fuß zusammen; dann sprang der Knecht zum Schlangenhof hinüber und rief seine Mitknechte. Wild und mordlustig kamen sie heran, etliche davon hatten auf Cappans Hochzeit getanzt, das stand nicht im Weg, daß sie jetzt zu seiner Steinigung auszogen.

Cappan fing an nachzudenken. Was ihm zur Last gelegt ward, begriff er nicht, wohl aber, daß Gefahr da. Darum tat er einen Schrei, der klang gell und durchdringend durch die Luft, wie der Schrei eines wunden Rosses in der Todesstunde; davon ward Ekkehard aus seinen Träumen unter dem Fliederbaum aufgejagt, er kannte die Stimme seines Täuflings und schaute hinunter. Ein zweitesmal klang Cappans Schrei auf, da vergaß Ekkehard sein hohes Lied und eilte die Bergeshalde hinab.

Er kam zu rechter Zeit. Sie hatten den Cappan an das Felsstück gelehnt, das den Hügel deckte, und standen im Halbkreis dabei. Der Klostermeier tat kund, wie er ihn auf handhafter Tat des Wettermachens betroffen, und fragte herum; da sprachen sie ihn schuldig, gesteinigt zu werden.

In die unheimliche Versammlung sprang Ekkehard. Die Männer geistlichen Standes waren dazumal minder verblendet, als etliche hundert Jahre später, wo Tausende unter gleich begründeter Anschuldigung auf dem Scheiterhaufen verenden mußten und der Staat sein »von Rechtswegen« drunter setzte und die Kirche ihren Segen dazu gab. Und Ekkehard, so sehr er sonst an zauberische Kunst glaubte, hatte selber einstmals im Kloster des frommen Bischofs Agobard Schrift gegen unsinnige Volksmeinung von Hagel und Wetter abgeschrieben; zürnender Unwille schuf ihm Beredsamkeit.

Was tut ihr, Unsinnige, die ihr richten wollet, wo euch zu beten geziemt, daß ihr nicht selber möget gerichtet werden! Hat der Mann gefrevelt, so wartet bis zum Neumond, wenn der Leutpriester von Radolfszell das SendgerichtÜber die Einrichtung der Sendgerichte vgl. I. v. Arx, Geschichten des Kantons St. Gallen. I. 257. hält, dort mögen ihn die sieben Eidmänner verbotener Kunst zeihen, wie es des Kaisers und der Kirche Vorschrift!

Aber die Männer vom Schlangenhof trauten ihm nicht. Ein drohend Murren erhob sich.

Da gedachte Ekkehard in den wilden Gemütern eine andere Saite anzuklingen.

Und glaubt ihr wirklich, ihr, die Söhne des Landes der Heiligen, der Gott wohlgefälligen schwäbischen Erde, daß ein so arm hergelaufener Hunnenmensch Macht haben könnte, unsere Wolken zu beschwören? Glaubt ihr, daß die Wolken ihm gehorchen? daß nicht vielmehr ein guter Hegauer Blitz ihm das Haupt zerschmettert hätte zur Strafe des Frevels, daß ein fremder Mann ihn angerufen?

Wenig fehlte, so hätte dieser Grund den heimatstolzen Gemütern eingeleuchtet. Aber der Klostermeier rief: Der Donnerkäfer! Der Donnerkäfer! Wir haben ihn mit eigenen Augen zu seinen Füßen kriechen sehen! Da erscholl es von neuem: Steiniget ihn! Ein Feldstein flog herüber und schlug den Armen blutrünstig. Da warf sich Ekkehard unverzagt über seinen Täufling und schirmte ihn mit seinem eigenen Leib. Das wirkte.

Die Männer vom Schlangenhof schauten einander an; allmählich wurden sie stumm, dann machte einer im Kreise kehrt und ging feldeinwärts, andere folgten, zuletzt stand der Klostermeier allein, Ihr haltet's mit dem Landverderber! rief er zürnend, aber Ekkehard antwortete nicht, da ließ auch er den erhobenen Stein zur Erde sinken und ging brummend von dannen.

Cappan war übel zugerichtet. Auf einem Rücken, den alemannische Bauernfäuste durchgearbeitet, wächst jahrelang kein Gras. Der Steinwurf hatte eine Wunde in den Kopf geschlagen, die blutete stark. Ekkehard wusch ihm das Haupt mit Regenwasser und machte das Zeichen des Kreuzes drüber, das rinnende Blut zu stillen, dann verband er ihn notdürftig. Er gedachte ans Evangelium vom barmherzigen Samariter. Der wunde Mann schaute dankbar aus den gekniffenen Augen zu ihm empor. Langsam führte ihn Ekkehard zur Burg hinauf; er mußte ihm zureden, bis er's wagte, sich auf seinen Arm zu stützen. Auch der Fuß mit der Narbe aus der Hunnenschlacht tat ihm weh, stöhnend hinkte er bergaufwärts.

Auf dem hohen Twiel gab's großen Lärm, wie sie ankamen. Alle waren dem Hunnen gut. Die Herzogin kam in den Hof herunter, sie nickte Ekkehard freundlich zu ob seiner Barmherzigkeit. Der Klosterleute Frevel an ihrem Untertan versetzte sie in zürnende Aufregung.

Das soll nicht vergessen sein, sprach sie, sei getrost, Mausfänger! Sie sollen dir ein Wehrgeld zahlen für den wunden Schädel, das einer Aussteuer gleichkommt. Und für den gestörten Herzogsfrieden setzen wir ihnen die höchste Buße, zehn Pfund Silbers soll nicht genug sein. Die Klosterleute werden frech wie ihre Herren.

Am wildesten war Herr Spazzo, der Kämmerer. Hab' ich darum mein Schwert von seinem Haupt zurückgezuckt, schalt er, wie er mit zerstochenem Schenkel vor mir lag, daß ihm's die Lümmel vom Schlangenhof mit Feldsteinen pflastern sollen? Und wenn er auch unser Feind war, jetzt ist er getauft und ich bin sein Pate und hab' für seine Seele und seines Leibes Heil Sorge zu tragen. Sei vergnügt, Patenkind! rief er ihm zu und klirrte mit seinem Schwert auf den Steinboden, wenn deine Schramme geflickt ist, begleit' ich dich zum ersten Spaziergang, da wollen wir mit dem Klostermeier rechnen, Hagel und Wetter, rechnen wollen wir, daß ihm die Späne vom Kopf fliegen! Mit den Meiern kann's so nicht mehr fortgehen! Die Burschen führen Schild und Waffen wie Edelleute, richten statt ziemender Bauernjagd Hunde und Wildschweine und Bären und blasen auf ihren Weidhörnern, als wären sie die Könige der Welt. Wo einer den Kopf am höchsten trägt, ist's ein Meier, man mag darauf wetten!Maiores locorum de quibus scriptum est, »quia servi, si non timent, tument,« scuta et arma polita gestare incoeperant; tubas alio quam ceteri villani clanctu inflare didicerant, canes primo ad lepores, postremo etiam non ad lupos sed ad ursos et ad tuscos, ut quidam ait, minandos aluerant apros. Ekkeh. IV. casus S. Galli cap. 3 bei Pertz, Monum. II. 103.

Wo ist der Frevel geschehen? fragte die Herzogin.

Sie haben ihn von der Feldmark, wo der Halbmond ausgehauen steht, bis an den hunnischen Grabhügel geschleppt, sagte Ekkehard.

Also mitten auf unserem Grund und Boden, zürnte Frau Hadwig, das ist zu viel! Herr Spazzo, Ihr werdet reiten!

Wir werden reiten! sprach der Kämmerer grimmig.

Und vom Abt auf der Reichenau noch heute Wehrgeld und Friedbruchbuße und volle Genugtuung verlangen. Unsern landesherrlichen Rechten soll durch klösterliche Anmaßung kein Eintrag geschehen!

... durch klösterliche Anmaßung kein Eintrag geschehen! wiederholte Herr Spazzo noch grimmiger denn zuvor.

Selten war ihm ein annehmlicherer Auftrag geworden. Er strich seinen Bart. Wir werden reiten, Herr Abt! sprach er und ging hinauf, sich zu rüsten.

Aber sein grünsamtnes Unterwams und seinen goldverbrämten Kämmerermantel ließ er geruhig im Kasten hängen; er suchte ein abgetragen grau Jagdgewand aus und legte die großen Beinschienen an, mit denen er in die Schlacht geritten, und die größten Sporen dran und probierte etlichemal einen festen Tritt. Auf den Eisenhut aber steckte er der wallendsten Federn drei und tat sein Schlachtschwert um.

So kam er in den Burghof herunter.

Schaut mich einmal an, holdselige Jungfrau Praxedis, sprach er zu dieser, was mach' ich heut für ein Gesicht? Er hatte den Eisenhut aufs linke Ohr gerückt und sein Haupt hochfahrend über die rechte Schulter gedreht.

Sehr ein unverschämtes, Herr Kämmerer, war der Griechin Antwort.

Dann ist's recht! sprach Herr Spazzo und schwang sich auf den Gaul. Er ritt aus dem Burgtor, daß die Funken stoben, mit dem erfreulichen Gefühl, daß heute Unverschämtheit Pflicht sei.

Unterwegs übte er sich. Das Wetter hatte eine Tanne niedergeworfen; im Wurzelwerk haftete noch das vom Sturz mit aufgerissene Erdreich. Die schweren Äste sperrten den Pfad.

Aus dem Weg, geistlicher Holzklotz! rief Herr Spazzo der Tanne zu. Wie die sich nicht rührte, zog er sein Schwert. Vorwärts, Falada! spornte er die Mähre und setzte in kühnem Satze über den Baum. Im Drübersprengen tat er einen Schwerthieb ins Geäst, daß die Zweige herumflogen.

Nach weniger denn anderthalb Stunden war er schon vor der Klosterpforte. Der schmale Streif Landes, der bei niederem Wasserstand des Sees das Ufer mit der Insel verbindet, war frei von Überschwemmung und gestattete das Hinüberreiten.

Ein dienender Bruder tat ihm auf. Es war um Mittagszeit. Der blödsinnige Heribald kam neugierig aus dem Klostergarten hergelaufen, zu schauen, wer der fremde Reiter. Er drängte sich nah' ans Roß, wie Herr Spazzo absprang. Der Hofhund tobte an seiner Kette mit Gebell dem Rappen des Kämmerers entgegen, daß er sich aufbäumte. Schier hätte Herr Spazzo Schaden genommen. Wie er mit beiden Füßen auf die Erde gesprungen war, griff er seine Schwertscheide und hieb dem Heribald flach über den Rücken.

Es ist nicht für Euch! rief er und strich seinen Bart, es ist für den Hofhund. Gebt's weiter!

Heribald stand betroffen und griff nach seiner Schulter. Heiliger Pirmin! jammerte er.

Es gibt heute keinen heiligen Pirmin! sprach Herr Spazzo entschieden.

Da lachte Heribald, als wenn er seinen Mann kennte. Eia, gnädiger Herr, die Hunnen sind auch bei uns gewesen, und war niemand da als Heribald, sie zu empfangen, aber so gottlos haben sie nicht mit ihm gesprochen.

Die Hunnen sind keine herzoglichen Kämmerer! sprach Herr Spazzo mit Stolz.

In Heribalds blödsinnigem Gehirn begann der Gedanke aufzudämmern, die Hunnen seien nicht die schlimmsten Gäste auf deutscher Erde. Er schwieg und ging in den Garten. Dort riß er ein paar Salbeiblätter ab und rieb seinen Rücken.

Herr Spazzo schritt über den Klosterhof zum Tor, das durch den Kreuzgang ins Innere führte. Er trat fest auf. Die Glocke zum Mittagsmahl läutete. Einer der Brüder kam schnellen Ganges über den Hof. Herr Spazzo faßte ihn am dunkeln Gewand.

Rufet mir den Abt herunter! sprach er. Der Mönch sah ihn verwundert an und tat einen Seitenblick auf des Kämmerers abgetragenen Jagdhabit.

Es ist die Stunde der Mahlzeit, sprach er. Wenn Ihr geladen seid, was ich aber.... er schaute wiederum etwas spöttisch auf Spazzos Jagdrock; der Schluß ward ihm erspart, der Kämmerer würdigte den hungrigen Bruder eines gediegenen Faustschlages, daß er taumelnd von der Schwelle in den Hof hinausflog wie ein wohlgeschleuderter Federball. Die Mittagssonne schien auf des Gefallenen Tonsur.

Dem Abt war bereits gemeldet worden, welch einen Frevel der Klostermeier sich an der Herzogin Mann erlaubt. Jetzt vernahm er den Tumult im Klosterhof. Wie er an sein Fenster trat, erschaute er just den frommen Bruder Yvo faustschlagbefördert in den Hof hinausfliegen. Glücklich, wer der Dinge geheimste Ursachen erkannt hat, singt Virgilius. Abt Wazmann erkannte sie, er hatte aus dem Dunkel des Kreuzgangs Herrn Spazzos Helmzier drohend herübernicken gesehen.

Ruft mir den Abt herunter! rief's zum zweitenmal vom Hofe herauf, daß die Scheiben der Zellenfenster klirrten. Unterdessen ward die Reichenauer Mittagssuppe kalt; die im Refektorium Versammelten griffen endlich zu, ohne des Abts zu warten.

Der Abt Wazmann hatte Rudimann, den Kellermeister, zu sich entboten. Das alles, sprach er, hat uns der Grünsprecht von Sankt Gallen wieder angezettelt. O Gunzo, Gunzo! Keiner soll seinem Nächsten ein Leid wünschen, aber doch überdenkt mein Gemüt die Frage, ob unsere Hofbauern, das riesige Geschlecht vor dem Herrn, nicht wohlgetan hätten, dem Gleisner Ekkehard die Steine an den Kopf zu werfen, die sie dem hunnischen Hexenmeister bestimmt...

Ein Mönch trat scheu ins Gemach.

Ihr sollt herunterkommen, sagte er leise, es ist einer drunten und tobt und griesgramt wie ein Gewaltiger.

Da wandte sich der Abt zu Rudimann, dem Kellermeister, und sprach: Es muß schlecht Wetter sein bei der Herzogin; ich kenne den Kämmerer, der ist ein sicher Wetterzeichen. Wenn seine Herrin ihren stolzen Mund zur Heiterkeit zuspitzt, so lacht er mit dem ganzen Gesicht, und wenn Wolken über ihre Stirn ziehen, so geht bei ihm ein volles Donnerwetter los...

... und schlägt ein, ergänzte Rudimann. Schwere Tritte klirrten durch den Gang.

Es ist keine Zeit mehr zu verlieren, sprach der Abt. Macht Euch schnell auf den Weg, Kellermeister, reitet hinüber und drückt der Herzogin unser Bedauern aus; nehmt ein paar Silberlinge aus der Klostertruhe mit als Schmerzensgeld für den Zerschlagenen und saget, daß man für seine Genesung beten wolle. Vorwärts, Ihr seid ja sein Pate und ein kluger Mann.

Es wird schwer halten, sprach Rudimann. Sie wird recht giftig sein.

Bringt ihr ein Geschenk mit, sprach der Abt. Kinder und Frauen lassen sich gern die Augen blenden.

Was für eines? wollte Rudimann fragen, da ward die Tür aufgerissen. Herr Spazzo trat ein. Sein Gesicht lag in den richtigen Falten.

Beim Leben meiner Herzogin!! rief er. Hat der Abt dieses Rattennestes heute Blei in seine Ohren gegossen, oder ist ihm Gichtbruch in die Füße gefahren? Was kommt Ihr nicht, Euern Besuch zu empfangen?

Wir sind überrascht, sprach der Abt, laßt Euch willkommen heißen. Er hob den rechten Zeigefinger, ihm den Segen zu erteilen.

Brauch keinen Willkomm! gab ihm Herr Spazzo zurück. Der Teufel ist heute Schutzpatron des Tages. Wir sind gekränkt! schwer gekränkt! Wir heischen Buße, zweihundert Pfund Silbers zum mindesten. Heraus damit!! Mord und Weltbrand! den landesherrlichen Rechten soll durch klösterliche Anmaßung kein Eintrag geschehen! Wir sind Gesandter.

Er klirrte mit den Sporen auf dem Fußboden.

Verzeihet, sprach der Abt, wir haben am grauen Jagdrock die Tracht des Gesandten nicht zu erkennen vermocht.

Beim kamelhärenen Kleid des Täufers Johannes! brauste Herr Spazzo auf, und wenn ich im Hemd angeritten käme, so wär' die Gewandung noch stolz genug, um vor euch schwarze Kutten als Herold zu treten.

Er setzte seinen Helm auf. Die Federn nickten: zahlet, damit ich weiters kann. Es ist schlechte Luft hier, schlecht, sehr schlecht...

Erlaubet, sagte der Abt, im Zorn lassen wir keinen Gast von der Insel reiten. Ihr seid scharf, weil Ihr noch nichts gegessen habt. Lasset Euch ein Klostermahl nicht gereuen. Nachher von Geschäften.

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