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Victor von Scheffel: Ekkehard - Kapitel 41
Quellenangabe
typefiction
booktitleEkkehard
authorJoseph Victor von Scheffel
year1979
publisherFleischhauer & Spohn
addressStuttgart
isbn3-87230-301-5
titleEkkehard
pagesIII-XV, 1-419
created19990430
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1855
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Wie Cappan seinerseits sich auszudrücken vermochte, stellte sich freilich heraus, daß seine Vergangenheit eine sehr schlimme. Er nickte bejahend auf die Frage, ob er Wohlgefallen an der Zerstörung von Kirchen und Klöstern gehabt, und an den ausgereckten Fingern war abzuzählen, daß er mehr denn einmal bei solchem Frevel mitgewirkt.

Unter Zeichen aufrichtiger Reue aber tat er zu wissen, daß er in jüngern Tagen zu Heilung von schlimmem Wundfieber ein Stück vom Herzen eines erschlagenen Klerikers aufgezehrt;.. corda hominum quos capiunt particulatim dividentes veluti pro remedio devorant. Regino Chronicon ad ann. 889 bei Pertz, Mon. I. 600. zur Sühne lernte er jetzt desto emsiger die offene Schuld aussprechen; wenn ein Wort fehlte, half ihm Friderun, und bald konnte Ekkehard erklären, daß er mit ihm zufrieden, wenn auch nicht alles in seinem Gemüt Eingang gefunden, was der Kirchenvater Augustinus in seinem Buch von Unterweisung der im Glauben Rohen verlangt.

Da ordneten sie einen Tag zu gleichzeitigem Vollzug von Taufe und Hochzeit. Nach der Herzogin Geheiß sollten ihm drei Taufpaten gegeben sein, einer vom Kloster Reichenau, einer von Sankt Gallen und einer vom Heerbann, zum Gedächtnis an die Schlacht, drin sie ihn gefangen. Die Reichenauer sandten Rudimann, den Kellermeister; für den Heerbann trat Herr Spazzo ein. Und weil die Paten sich nicht einigen konnten, welch einen neuen Namen der Täufling führen sollte, ob Pirmin, zu Ehren der Reichenau, oder Gallus, brachten sie es vor die Herzogin zum Austrag; die sprach: Heißet ihn Paulus, denn auch er ist schnaubend von Wut und Mord gegen die Jünger des Herrn ins Land gezogen, bis daß ihm die Schuppen von den Augen fielen.

Es war ein Sonnabend, da führten sie den Cappan, der während des ganzen Tages gefastet, zur Kapelle der Burg und verbrachten abwechselnd die Nacht mit ihm im Gebete. Der Hunn' war ergeben und fromm und trug sich mit ernsten Gedanken und vermeinte, der Geist seiner Mutter sei ihm erschienen, in Lämmerfelle gehüllt, und hab' ihm zugerufen: Dein Bogen ist zerbrochen, duck dich, arm Reiterlein, die dich vom Roß gestochen, solln deine Herren sein!

In stiller Sonntagsfrühe aber, als noch perlender Tau die Halme netzte und kaum ein erstes Lerchlein sich zum reinen Morgenhimmel aufschwang, wallte eine kleine Schar mit Kreuz und Fahne den Burgweg hinab – diesmal kein Trauerzug.

Ekkehard voraus im violetten Priestergewand, inmitten seiner Paten der Hunne, so schritten sie durch den üppigen Wieswuchs ans Ufer des Flüßleins Aach. Dort pflanzten sie das Kreuz in weißen Sandboden und traten im Halbkreis um den, der heute zum letztenmal Cappan heißen sollte, hell klang ihre Litanei durch die Morgenstille zu Gott auf, daß er gnädig herabschaue zu dem, der jetzt seinen Nacken vor ihm beuge und sich nach Befreiung sehne vom Joch des Heidentums und der Sünde.

Dann hießen sie den Täufling sich entkleiden bis auf die Umgürtung der Lenden. Er kniete im Ufersand, Ekkehard sprach die Beschwörung im Namen dessen, den Engel und Erzengel fürchten, vor dem Himmel und Erde erzittern und die Abgründe sich auftun, auf daß der böse Geist die letzte Gewalt über ihn verliere, dann hauchte er ihn dreimal an, reichte geweihtes Salz seinem Munde, als Sinnbild neuer Weisheit und neuen Denkens, und salbte ihm Stirn und Brust mit heiligem Öle. Der Täufling war wie erschüttert und wagte kaum zu atmen, so schlug ihm die Wucht der Feier ins Gemüt. Wie ihm darauf Ekkehard die Formel der Abschwörung vorsprach: Versagst du dem Teufel und allen seinen Werken und allen seinen Gezierden? antwortete er mit heller Stimme: Ich versag' ihm! und sprach, so gut er's vermochte, die Worte des Bekenntnisses nach, drauf tauchte ihn Ekkehard in die kühle Flut des Flüßleins, die Taufe war ausgesprochen, der neue Paulus stieg aus dem Gewässer... einen wehmütigen Blick warf er nach dem frischen Grabhügel, der sich drüben am Waldsaum türmte, dann zogen ihn die Taufpaten herauf und hüllten den Zitternden in ein blendend linnen Gewand. Vergnüglich stand er unter seinen neuen Brüdern. Ekkehard hielt eine Ansprache nach den Worten der Schrift: Der ist selig, welcher sein Gewand treu behütet, damit er nicht nackend gehe.. Der ist sâlic der dri behûttet sîne gewate daz er nihet naccetne gange usw. Predigt, mitgeteilt von I. v. Arz aus einem Pergamentblatt des XI. Jahrhunderts und verbessert herausgegeben bei Hattemer, Denkmale usw. I. 326. und mahnte ihn, daß er von nun an das makellose Linnen trage als Gewand der Wiedergeburt in Rechtschaffenheit und Güte, wie es die Taufe ihm verliehen, – und legte ihm die Hände auf. Mit schallendem Lobsang führten sie den Neubekehrten zur Burg zurück.

In der gewölbten Fensternische eines Gemachs im Erdgeschoß saß indessen Friderun, die Lange. Praxedis huschte auf und ab wie ein unstetes Irrlicht; sie hatte sich's von der Herzogin erbeten, die ungeschlachte Braut zu ihrem Ehrentag zu schmücken. Schon waren die Haare eingeflochten in rote Stränge von Garn, der unendlich faltenreiche Schurz wallte bis zu den hochabsätzigen Schuhen, drüber prangte der dunkle Schappelgürtel mit seiner güldfadenen Einfassung – nur wer die Braut erstreitet, darf ihn lösen – jetzt griff Praxedis die glitzernde glasperlenbesetzte Krone voll farbiger Steine und Flittergold. Heilige Mutter Gottes von Byzanzium! rief sie, muß das auch noch aufgesteckt werden? Wenn du mit dem Kopfschmuck einherschreitest, Friderun, werden sie in der Ferne glauben, es sei ein Festungsturm lebendig geworden und wandle zur Trauung.

Es muß sein! sprach Friderun.

Warum muß es sein? fragte die Griechin. Ich hab' daheim manch schmucke Braut gesehen, die trug den Myrtenkranz oder den silbergrünen Olivenzweig in den Locken, und es war gut so. Freilich in euren harzigen rußigen schwärzlichen Tannenwäldern wächst nicht Myrte und nicht Olive, aber Efeu wär' auch schön, Friderun?

Die drehte sich zürnend im Stuhl. Lieber ledig bleiben, sprach sie, als mit Blatt und Gras im Haar zur Kirche gehn. Das mögt ihr hergelaufenem Volk raten, aber wenn ein Hegauer Kind Hochzeit macht, muß die Schappelkrone sein Haupt schmücken, das gilt von jeher, seit der Rhein durch den Bodensee rinnt und die Berge stehen. Wir Schwaben sind all ein königlich Geschlecht, hat mein Vater immer gesagt.

Euer Wille geschehe, sprach Praxedis und heftete ihr die Flitterkrone auf –

Die große Braut erhob sich, aber Falten lagerten über ihrer Stirn wie ein Schatten eilenden Gewölks, der sein vorübergehend Dunkel auf die sonnbeglänzte Ebene wirft.

Willst du jetzt schon weinen, fragte die Griechin, auf daß dir in der Ehe die Tränen gespart werden?

Friderun machte ein ernst Gesicht und der unholde Mund zog sich betrübt in die Länge, daß Praxedis Müh' hatte, nicht zu lachen.

Mir ist so bang, sprach die Braut des Hunnen.

Was soll dir bang machen, zukünftige Nebenbuhlerin der Tannen am Stofflerberg?

Ich fürcht', die Bursche des Gaus tun mir einen Spuk an, daß ich den Fremden heirate. Wie der Klostermeier vom Schlangenhof die alte Witfrau vom Breganzer Wald heimgeführt hat, sind sie ihm in der Hochzeitsnacht vors Haus gezogen und haben mit Stierhörnern und Kupferkesseln und großen Meermuscheln eine Höllenmusik gemacht, wie wenn ein Hagelwetter weg zu drommeten wär'; und wie der Rielasinger Müller am ersten Tag seines Ehestandes vors Haus trat, stand ein Maienbaum gepflanzt, der war kahl und dürr und statt Blumen hing ein Strohwisch dran und ein zerlumpt grüngelb Schürzlein.

Sei gescheit! tröstete Praxedis.

Aber Friderun jammerte weiter: Und wenn sie mir's machen wie des Bannförsters Witib, da sie den Jägersknaben nahm? Der haben sie nachts das Strohdach entzwei geschnitten oben auf dem Hausfirst, halb zur Rechten, halb zur Linken ist's heruntergerollt, der blaue Himmel hat in ihr Hochzeitsbett geleuchtet, ohne daß sie wußten, warum, und die Krähen sind ihnen zu Häupten geflogen.Siehe Grimm, Rechtsaltertümer p. 723 s. v. Dachabdeckung.

Praxedis lachte. Du wirst doch ein gut Gewissen haben, Friderun? sprach sie bedeutsam.

Aber der stand das Weinen näher.

Und wer weiß, sprach sie ausweichend, was mein Cappan...

Paulus, verbesserte Praxedis.

... in jungen Tagen für Streiche gemacht? Gestern nacht hat mir geträumt, er habe mich fest in seinen Armen gehalten, da sei ein hunnisch Weib gekommen, gelb von Gesicht und schwarz von Haar, und hab' ihn weggerissen. Mein gehört er! drohte sie, und wie ich ihn nicht lassen wollte, ward sie zur Schlange und ringelte sich fest an ihm auf...

Laß die Schlangen und Hunnenweiber, unterbrach sie Praxedis, und mach dich fertig, sie kommen schon den Berg herauf... Vergiß den Rosmarinzweig nicht und das weiße Tuch!

Hell glänzte draußen im Burghof des Cappan weißes Festgewand. Da gab Friderun den trüben Gedanken Valet und schritt hinaus; die Ehrenmägde empfingen sie im Hof, der Neugetaufte lachte ihr fröhlich entgegen, das Glöcklein der Burgkapelle läutete, es ging zur Hochzeit.Ungar baptizatus uxorem duxit, filios genuit. Ekkeh. IV. casus S. Galli c. 3.

Die Trauung war beendet, mit strahlendem Antlitz verließ das neue Ehepaar die Burg. Frideruns ganze Sippschaft war erschienen, stämmige Leute, die an Höhe des Wuchses der Braut nicht nachstanden; sie saßen als Meier und Bauern auf den nachbarlichen Höfen; itzt zogen sie nach dem Gütlein am Fuß des hohen Stoffeln, das erste Feuer zur Einweihung des neuen Herdes anzuzünden und das Hochzeitsfest zu feiern. Voraus im Zug wurde auf bekränztem Wagen der Brautschatz geführt; da fehlte die große Bettstatt von Tannenbrettern nicht, Rosen und Trudenfüße als Abwehr von Alp und Wichtelmännern und anderen nächtlichen Unholden waren darauf gemalt; – an Kisten und Kasten folgte ein mannigfacher Hausrat.

Die Ehrenmägde trugen die Kunkel mit angelegtem Flachs und den schön gezierten Brautbesen von weißen Reisern, einfache Sinnbilder von Fleiß und Ordnung fürs künftige Hauswesen.

An Jauchzen und Jubelruf ließen es die Geleitsmänner nicht fehlen; dem Cappan aber war's zu Sinn, als hätten die Fluten der Taufe in früher Morgenstund alle Erinnerung weggespült, daß er je streifend und schweifend ein Roß getummelt, er schritt ehrsam und bürgerlich mit Schwägern und Schwiegern, als wär' er von Jugend ein Fronvogt oder Schultheiß im Hegau gewesen.

Noch war der Lärm der bergab Ziehenden nicht verklungen, da traten zwei schmucke Bursche vor die Herzogin und ihre klösterlichen Gäste, des Schaffners auf der kaiserlichen Burg Bodmann Söhne und Frideruns Gevattern. Sie kamen als Hochzeitbitter, jeder eine gelbe Schlüsselblume hinters Ohr gesteckt und einen Strauß am zwilchenen Gewand.

Verlegen blieben sie unter des Saales Eingang stehen, die Herzogin winkte, da traten sie etliche Schritte vor, dann noch etliche, und scharrten eine Verbeugung und sprachen den altherkömmlichen Ladspruch zum Ehrentag ihrer Base und baten, ihnen hinüberzufolgen über Weg und Steg, über Gassen und Straßen, Brück und Wasser zum Hochzeitshaus; dort werd' man auftragen ein Kraut und Brot, wie selbes geschaffen der allmächtige Gott, ein Faß werd' rinnen und Geigen drein klingen, ein Tanzen und Springen, Jubilieren und Singen. Wir bitten Euch, laßt zwei schlechte Boten sein für einen guten, gelobt sei Jesus Christ! so schloß ihr Spruch, und ohne den Bescheid zu erwarten, scharrten sie die zweite Verbeugung und enteilten.

Erweisen wir unserem jüngsten christlichen Untertan die Ehre des Besuchs? fragte Frau Hadwig heiter. Die Gäste wußten, daß auf Fragen, die sie so freundlich stellte, keine Verneinung zieme. Da ritten sie des Nachmittags hinüber. Auch Rudimann, der Abgesandte von Pirminius' Kloster, ritt mit, er hielt sich schweigsam und lauernd, seine Rechnung mit Ekkehard war noch nicht abgemacht.

Der Stoffler Berg ragt stolz und lustig mit seinen drei Basaltkuppen, von dunkelm Tannwald umsäumt, ins Land hinaus. Die Burgen, deren Trümmer itzt sein Rücken trägt, waren noch nicht gebaut, nur auf dem höchsten stand ein verlassener Turm. Auf dem zweiten Bergvorsprung aber war ein bescheiden Häuslein im Waldversteck – des neuen Ehepaars Sitz. Als Zins und Zeichen, daß der Einziehende der Herzogin Mann war, war ihm gesetzt, alljährlich fünfzig Maulwurfsfelle einzuliefern und auf Sankt Gallus' Festtag einen lebenden Zaunkönig.

Auf grüner Waldwiese hatte die Hochzeitsippe ihr Lager aufgeschlagen; in großen Kesseln ward gesotten und gebraten, wem keine Platte oder Teller zuteil wurde, der schmauste von tannenem Brett, wo die Gabel fehlte, ward zweizinkige Haselstaude zu deren Rang erhoben.

Cappan war mühsam zu Tisch gesessen und hielt sich aufrecht an seiner Ehefrau Seite; aber in des Gemütes Tiefe bewegte er den Gedanken, ob er nicht nach etlichen Tagen die Gewohnheit des Liegens zur Mahlzeit wieder zum alten Recht erheben wolle.

In den langen Zwischenräumen von einem Gericht zum andern – der Schmaus begann mit der Mittagstunde und sollte zum Sonnenuntergang noch nicht beendet sein – schuf der Hunne seinen vom Sitzen gequälten Gliedmaßen durch Tanzen Luft.

Von bäuerlicher Musika empfangen kam die Herzogin angeritten. Sie schaute vom Roß herab auf die Fröhlichen, da zeigte ihr der neue Paulus seine wilde Kunst. Die Musika genügte ihm nicht, er pfiff und jauchzte sich selber den Takt; sein langes Ehgemahl drehte er in labyrinthischer Verschlingung, ein wandelnder Turm und eine Katze des Waldes, so tanzte die Langsame mit dem Behenden, bald beisammen, bald fliehend, bald Brust gegen Brust, bald Rücken gegen Rücken – dann stieß er seine Tänzerin von sich, die Holzschuhe im Schweben zusammenklirrend, tat er sieben wirbelnde Luftsprünge, einen höher als den andern zum Beschluß ließ er sich vor Frau Hadwig ins Knie fallen und beugte sein Haupt zur Erde, als wollt' er den Staub küssen, den ihres Rosses Huf berührt. Es sollte sein Dank sein.

Die Hegauer Vettern aber schöpften ein Beispiel löblicher Anregung aus dem ungewohnten Tanz. Es mag sein, daß mancher später sich nähere Unterweisung darin erbat, denn aus fernem Mittelalter klingt noch die Sage herüber von den »sieben Sprüng« oder dem »hunnischen Hupfauf«, der als Abwechslung vom einfachen Drehen des Schwäbischen und als Krone der Feste seit jenen Tagen dort landüblich ward.

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